Geschichte : Opium fürs Volk

Porzellan, Tee – die Briten kaufen China alles ab. Doch was hat England zu bieten? Opium. Die Droge beschleunigt den Untergang: 1911 bricht das alte Kaiserreich zusammen.

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Das zeitgenössische Bild zeigt den Verkauf englischer Waren in China.
Das zeitgenössische Bild zeigt den Verkauf englischer Waren in China.Foto: IAM / akg-images

George Fleming hatte eigentlich nur Verachtung für China übrig. Zurückgekehrt von einer mehrmonatigen Reise durch den Norden des Kaiserreichs, berichtet der britische Militärarzt 1863 in seinem Buch „Travels on a Horseback in Mantchu Tartary“ von den „grotesken“ chinesischen Schriftzeichen, dem „ekelhaften“ Geruch der Menschen und von Musikinstrumenten, die er „Folterwaffen“ nennt. Über eines von vielen angeblich unerhört dreckigen, ja „erbärmlichen“ Städtchen heißt es: „Ich bin sicher, dass nichts Lebendiges länger als ein paar Stunden in seiner Nähe existieren könnte, mit Ausnahme von Chinesen und Sumpfratten.“

Im Vergleich dazu klingt es fast schwärmerisch, wie Fleming das damals in China allgegenwärtige Opium-Rauchen beschreibt, diese „sehr stille und unaufdringliche Art, sturzbetrunken zu werden“. Die Läden, in denen man Opium konsumiere, seien viel angenehmer als Pubs oder Tavernen.

Vielleicht fand der Brite in diesem Fall so freundliche Worte, weil es seine Landsleute waren, die den Chinesen das Opium verkauften und damit sagenhafte Geschäfte machten. Für China war die Droge – getrockneter Saft aus dem Samen des Schlafmohns, voller schmerzstillender und berauschender Substanzen, allen voran Morphium – dagegen ein Fluch. Zwischen der mongolischen Steppe und dem südchinesischen Meer grassierte die Sucht im 19. Jahrhundert wie eine Epidemie: Auf dem Höhepunkt der Entwicklung war mindestens jeder zehnte Chinese regelmäßiger Raucher, jeder zwanzigste abhängig.

Bis heute ist Opium in China ein mächtiges Symbol: für die Demütigung, die das Land damals durch den Westen erfuhr. Und für den damit verbundenen dramatischen Absturz, der sich unaufhörlich fortsetzte, bis das Kaiserreich 1911 schließlich ganz zusammenbrach, um (nach 2133 Jahren!) einer Republik Platz zu machen.

George Flemings Reiseaufzeichnungen zeigen – abgesehen von der grenzenlosen europäischen Arroganz des Kolonialzeitalters –, wie China in der Hoch-Zeit der Opiumsucht wahrgenommen wurde: als „kranker Mann Asiens“. In Tianjin, einer Hafenstadt südlich von Peking, beobachtet der Engländer 1862 das erste Mal, wie sich „ein junger, genusssüchtig wirkender Mann“ auf typische Art dem Opium hingibt. Fleming ist in einem Gasthaus abgestiegen, übernachtet in einem Raum mit Chinesen, die im schwachen Licht der Deckenleuchten Karten spielen. Der Opiumraucher neben der Tür blickt in seine Richtung: Er liegt auf dem Rücken, den Kopf auf einem Kissen, und hält eine Pfeife in der Hand. Mit einer Nadel spießt er etwas von der dunklen Opiumpaste aus einer Schale neben sich auf und klebt sie auf den Kopf der Pfeife. Dann hält er diesen über eine kleine Öllampe, nimmt das offene Ende der Pfeife zwischen die Zähne und saugt daran. Als das Opium zu wirken beginnt, murmelt der Mann etwas mit gesenkter Stimme. Schließlich legt er die Pfeife nieder: „Die einsame Zecherei ist vorüber ... das Ziel ist erreicht“, notiert Fleming, „er liegt so still da, dass schwer zu glauben wäre, er befände sich in einem anderen Zustand als in tiefer Trance oder tiefem Schlaf.“

Ausgehend von Südostasien, war die Sitte des Opiumrauchens im 17. und 18. Jahrhundert mit chinesischen Seeleuten und Händlern in die südlichen Küstenprovinzen gelangt – und hatte sich von dort im Reich ausgebreitet. Zunächst blieb sie jedoch vor allem einer Elite vorbehalten, die den Genuss der Droge zelebrierte und verfeinerte, wie die Historikerin Zheng Yangwen in ihrem Buch „The Social Life of Opium in China“ schreibt. Die Eunuchen am Kaiserhof in Peking rauchten es gegen die Langeweile, Literaten oder Musiker genossen das sexuell anregende Opium mit der Konkubine oder beim Bordellbesuch und verfassten später Hymnen darauf.

Aus dem 18. Jahrhundert ist der Bericht eines jungen Mannes erhalten, der den angenehmen Duft und den reinen, süßen Geschmack des Opiums preist. Er würde immer dann zu der Droge greifen, wenn „die Depression herabnieselt und Melancholie einzieht“: „Zu Beginn ist dein Geist erfrischt, bald wird dein Kopf klarer und deine Augen werden schärfer. Brust und Zwerchfell öffnen sich plötzlich, deine Stimmung hellt auf. Binnen kurzem werden die Muskeln weicher und deine Augenlider schließen sich. In diesem Moment nickst du auf deinem Kissen ein, losgelöst von allen Gedanken, als wärst du in einer Traumwelt. Geist und Seele sind beruhigt. Das ist wirklich das Paradies.“

Der hedonistische Drogenkonsum passte gut in die Regentschaft des Kaisers Qianlong (1735–1796), die rückblickend als „goldenes Zeitalter“ gilt. Das Qing-Kaiserreich, so groß wie nie zuvor und umgeben einzig von Vasallenstaaten wie Korea oder Nepal, war damals das reichste Land der Erde. China befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, war zugleich aber erstarrt, abgeschottet und hochmütig. Die Zeiten, in denen es große Erfindungen wie den Buchdruck oder den Magnetkompass hervorgebracht hatte, waren vorbei. Doch die Chinesen begriffen ihr Reich noch immer als Mittelpunkt der Welt, als die Zivilisation.

Im Jahr 1793 wird Lord Macartney, Außerordentlicher Botschafter des britischen Königs, bei Qianlong vorstellig. Mitgebracht hat er 600 Kisten mit Geschenken, die die Modernität seines Landes beweisen sollen, darunter ein Planetarium, eine Luftpumpe, ein Fernrohr. Das Ziel: die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit China und der Abschluss eines Handelsabkommens. Doch den Barbaren aus dem fernen Westen auf Augenhöhe zu begegnen ist für die Chinesen undenkbar. Der greise Qianlong bietet den Briten bloß den Vasallenstatus an. Dass in Europa eine Zeit gewaltiger technischer Fortschritte begonnen hat, die die westlichen Staaten bald unschlagbar überlegen machen wird, kann oder will man am Kaiserhof nicht wahrnehmen.

Die Briten selbst haben zu dieser Zeit ein großes Problem: Sie importieren massenweise chinesische Waren (Seide, Porzellan, aber vor allem Tee) und müssen dafür mit Silber bezahlen. Umgekehrt aber wollen ihnen die Chinesen kaum etwas abkaufen. Die Lösung heißt: Opium.

Dessen Einfuhr nach China ist, außer für medizinische Zwecke, zwar schon lange verboten und das Rauchen kann mit Stockschlägen oder dem Abschneiden der Oberlippe bestraft werden. Doch der Opiumkonsum nimmt trotzdem zu, weil die Strafen nicht rigide durchgesetzt werden. Und die Briten finden einen mehr oder weniger unauffälligen Weg, die Droge nach China zu schaffen.

Der US-Schriftsteller Hunt Janin zeichnet in seinem Buch „The India-China Opium Trade in the Nineteenth Century“ die Reise des Opiums nach: Sie beginnt in Indien, wo Schlafmohn damals großflächig angebaut wird. Dort verkauft die „East India Company“ – eine Vereinigung reicher britischer Kaufleute, die de facto über den Subkontinent herrscht – die Droge an private Händler, die sie bis vor die chinesische Küste transportieren. Sie verschiffen Holzkisten, in denen sich je 40 schwarze, etwa 1,5 Kilo schwere Opiumkugeln befinden. Bei gutem Wetter schaffen es schnelle Schiffe in 25 Tagen von Kalkutta nach Kanton im Südosten Chinas. Dort treffen die westlichen Händler auf ihre einheimischen Partner, die das Opium mit kleineren, ein- oder dreimastigen Booten an Land und weiter ins Innere des Reichs schmuggeln.

Natürlich gibt es Beamte, die das verhindern sollen. Aber sie sind leicht zu bestechen. Schleichend hat in China der Niedergang eingesetzt. Die Korruption grassiert, jeder nimmt sich, was er bekommen kann – gerne auch Opium, dem die Beamtenschaft zunehmend verfällt. Auch als Folge der guten Jahre unter Qianlong ist die Bevölkerung stark gewachsen: Gab es um 1700 rund 100 Millionen Chinesen, so sind es ein Jahrhundert später schon über 300 Millionen. Da fehlt es an Land für die Bauern, die verarmen, zu Banditen oder Tagelöhnern werden.

Opium entwickelt sich nun langsam von etwas Extravagantem zu einer Droge für das breite Volk. Es wird nicht mehr nur intim mit der Geliebten genossen oder gegen den Weltschmerz geraucht, sondern in zunächst illegalen Salons konsumiert. Kulis, zum Beispiel Rikscha-Fahrer, entspannen hier oder suchen Kraft für einen weiteren harten Arbeitstag.

Ein westlicher Besucher beschreibt damals den Besuch in so einer „Opiumhöhle“. Obwohl es erst zehn Uhr morgens ist, sind schon 50 Besucher dort: „Wir traten in einen halbdunklen, stallähnlichen, mit rohen Steinfliesen belegten Raum, in welchem der Länge nach, durch einen schmalen Gang getrennt, niedrige Holzgestelle angebracht sind, auf welchen auf Matten die Raucher der Länge nach hingestreckt liegen. ... Einige waren in tiefen Schlaf versunken und erwachten, als wir an ihre Ruhestätten traten. Mit stieren, verglasten Augen blickten sie uns an. Andere Raucher lagen mit nacktem Oberkörper auf der Pritsche und waren zum Teil stark abgemagert. ... Der Herbergsvater erzählte uns, dass die meisten seiner Kunden etwa eine Stunde lang sich in seinem Salon aufhalten, dann ihn verlassen, um zu arbeiten oder im Freien sich nichtstuend aufzuhalten.“

Die Einfuhren ausländischen Opiums nach China steigen von nur 200 Kisten im Jahr 1762 auf bald 40 000 (1839) und schließlich sogar auf 81 000 Kisten (1884). Hauptprofiteure sind britische, amerikanische, teils auch deutsche Handelshäuser – insbesondere die Firma „Jardine, Matheson and Co.“, die bis heute besteht und der unter anderem die Mandarin Oriental Hotels gehören.

Am Kaiserhof wächst ab den 1830er Jahren die Nervosität. Denn durch den Opiumhandel fließt immer mehr Silber aus China ab, gleichzeitig verbreitet sich die Sucht auch unter Soldaten; Teile der Armee sind schon kampfunfähig. Die Regierungsbeamten streiten jetzt heftig darüber, was zu tun ist. Am Ende siegt die Fraktion, die sich für ein hartes Vorgehen gegen Händler und Konsumenten ausspricht. Der damalige Kaiser ernennt 1838 den Spitzenbeamten Lin Zexu zu seinem Sonderbevollmächtigten: In den folgenden Monaten lässt der 53-jährige Lin tausende chinesische Händler verhaften und zehntausende Opiumpfeifen konfiszieren. Im März 1839 verlangt er dann auch von den ausländischen Händlern in Kanton, dass sie ihr Opium aushändigen und sich offiziell vom Drogenhandel zurückziehen sollen. Als sie die Forderungen nur halbherzig erfüllen, stellt er Hunderte von ihnen unter Arrest – nach 47 Tagen Blockade geben sie ihre Bestände heraus. Lin lässt die 20 000 Kisten im Wert von neun Millionen Pfund in einer spektakulären Aktion zerstören: Männer schütten die schwarzen Opiumballen in ein Wasserloch, streuen Salz und Kalk darüber und schwemmen den stinkenden Brei ins Meer hinaus.

Doch es ist ein Pyrrhussieg. Als die Briten bald darauf mit Kanonen antworten, zeigt sich, dass China hoffnungslos unterlegen ist. Der Erste Opiumkrieg endet 1842 mit einer schmachvollen Niederlage für Peking: Im Vertrag von Nanjing verpflichtet sich das Kaiserreich nicht nur, 21 Millionen Silberdollar als Entschädigung zu zahlen und seine Märkte zu öffnen, es muss auch Hongkong abtreten. Die künftige britische Kronkolonie ist damals zwar kaum mehr als ein Provinznest, eignet sich wegen ihrer Lage aber gut als Umschlagplatz – nicht zuletzt für den Opiumhandel, der weiter floriert.

Lin Zexu, der tapfer, aber unbedacht gegen die „fremden Teufel“ vorgegangen war, wird zum alleinigen Sündenbock gemacht und entlassen. Heute genießt er in der chinesischen Welt Heldenstatus: So feiert der 1997 gedrehte chinesische Film „Der Opiumkrieg“ seine Rolle als Kämpfer gegen die ausländischen Invasoren, und in New Yorks Chinatown steht eine Statue von Lin.

Denn mit Lin Zexu tritt China für lange Zeit das letzte Mal als souveräne Macht in Erscheinung. Danach wird das Kaiserreich zur „Halb-“, ja zur „Rauschgiftkolonie“, wie es der Historiker Dirk Vetter in seinem Buch über Chinas AntiOpium-Kampagnen (erschienen im kleinen Ostasien-Verlag) formuliert.

Mit der Niederlage im Zweiten Opiumkrieg muss China 1860 auch die formale Legalisierung des Opiumhandels hinnehmen. Der Kaiserhof gibt seinen Widerstand gegen die Droge nun auf. Mehr noch: Die Steuern, die aufs Opium erhoben werden, sollen die Modernisierung des Militärs ebenso wie den Eisenbahnbau finanzieren. Gleichzeitig unterstützt Peking Bauern, die selbst Schlafmohn anbauen: 1875 rauchen deshalb (vor allem ärmere) Chinesen schon mehr einheimisches als importiertes Opium.

Anders als erhofft, wird das fremde Opium dadurch aber nicht verdrängt, und die Zahl der Süchtigen steigt weiter.

Erst eine breite Anti-Opium-Bewegung im Westen bringt die Wende. So sprechen sich mehr und mehr christliche Missionare gegen die Droge aus. Und 1906 verabschiedet die neue liberale Regierung in London eine Resolution, die den Opiumhandel als „moralisch unhaltbar“ verurteilt. Bis dahin hatte es immer geheißen, Opiumsucht sei ein innerchinesisches Problem.

Peking startet jetzt eine neue, durchschlagende Kampagne und unterzeichnet ein Anti-Opium-Abkommen mit Großbritannien. Es ist der letzte Erfolg des morschen Kaiserreichs – wenig später bricht die Revolution aus, der Kindkaiser Puyi muss abdanken, und am 1. Januar 1912 wird die Republik ausgerufen.

In den wirren Jahren danach kehrt das Opium zwar zurück, aber nicht auf dem Niveau der 1880er oder 90er Jahre. Maos unerbittliche Anti-Opium-Politik lässt die Droge fast völlig verschwinden – nicht aber die Erinnerung an sie und an das Unglück, das sie über China brachte.

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