Gesellschaft : Arme Arme

Bedeckt oder nackt – ist das nur eine Frage der Etikette? Nein, damit drückt sich auch ein Machtanspruch aus

Elisabeth Wagner
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2009dpa

Das letzte Wort haben immer die Hände. Der Arm hat sich damit abzufinden. Er ist da zum Gebrauch. Für die Pflicht. Die Hand bestimmt, wo es langgeht. Außer vielleicht in der Kunst, im Tanz, dort, wo erst der Ellenbogen absinkt und die Hand es ist, die folgen muss, wo der Arm sich biegsam, anmutig aus seiner eigenen Mitte heraus bewegen, wo er fliegen kann. Gewöhnliche Arme tun so etwas nicht. Gewöhnliche Menschenarme machen Politik.

Auf einem der aktuellen SPD-Wahlplakate kann man ein Beispiel sehen, eine Szene mit Händen und Armen, eine Berührung. Frank-Walter Steinmeiers Hand greift nach dem Arm eines Arbeiters. Wir sehen den Rücken des Arbeiters, das besorgte Gesicht des Kanzlerkandidaten im glühenden Licht eines Schmelzofens. An den grauen Haaren, die im Nacken unter dem Rand des Schutzhelms hervorschauen, lässt sich erkennen, dass der Arbeiter älter ist, jemand, der Schutz beim Abbau von Arbeitsplätzen nötig hat. Der rechte Arm hält die Schweißerzange, der linke Arm hängt gerade herab. Es ist der Arm, den Frank Walter Steinmeier vorsichtig, fast behutsam greift, mit Mittel- und Zeigefinger, weit oben in der Höhe des Herzens. Es ist eine Reminiszenz. „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!“, dichtete Georg Herwegh 1863 im „Bundeslied“ auf die Macht des Proletariats. Dagegen ist dieser Arbeiterarm ein Witz. Das Gesetz der Hebelwirkung verrät es. Je hilfloser jemand ist, desto höher am Arm muss man ihn stützen. Die CDU hält sich diesbezüglich vornehm zurück.

Die Bewegung der Arme spielt in ihrem Wahlkampf keine Rolle. „Wir haben die Kraft.“ „Wir wählen die Kanzlerin.“ Das genügt, man nennt es wohl Amtsbonus. Man betont Köpfe, die Hände der Kanzlerin, die in einer für sie typischen Geste auftauchen. Fingerspitze an Fingerspitze, die Hände bilden ein biegsames Dreieck. Es ist die Geste der Redner und Denker, und sie soll angeblich bei der Suche nach Worten, beim Lösen von schwierigen Problemen helfen. Die Botschaft ist also klar: Die Kanzlerin denkt, sie wird uns wissen lassen, wenn sie mit der Lösung unserer Probleme so weit ist. Die Geste selbst sagt nichts. Sie ist leer. Was man ihr ironischerweise schwer vorwerfen kann. Das, was gesagt werden muss, soll ja erst noch gefunden werden. Außerdem ist die Kanzlerin eine Frau.

Starke Gesten verbieten sich. Erst recht solche mit Arm. Auf dem liegt ohnehin bleischwer die Stola der Konventionen. Eine Frau bleibt bescheiden, hütet sich. Denn verglichen mit einer simplen Sache wie der eines Männerarms, dem es getrost, hemdsärmelig oder eher sensibel, um das eigene Revier gehen darf, ist ihr Arm ein schwer kalkulierbares Risiko. Vor allem für sie selbst. Der Arm ist nämlich nicht nur ein Diener, er ist zudem ein Agent im Krieg der Geschlechter. Eindeutiger als die Hand, die in einer patriarchal geprägten Welt zuletzt immer die Hand Gottes repräsentiert, den geistigen, „begabten“ Teil des Menschen, sein „Schöpferwerkzeug“, gehört der Arm ins „blinde“ Reich der Natur. Er ist sinnlich, umschlingend, berückend, oder baumstark und mächtig. Für den Mann reserviert das die Kraft. Für die Frau den Anteil der Sünde. Oder anders ausgedrückt: Ein Frauenarm kann nackt sein, ein Männerarm kann es nicht.

Er hat angezogen zu sein, hat sich unter Stoffschichten vornehm zu verbergen. Dahinter steckt ein Prinzip, und Nandine Meyden, Ethnologin, Kommunikationscoach und eine international angefragte Trainerin für Etikette und Stil, ist bereit, darin „vielleicht sogar eine mögliche anthropologische Konstante“ zu erkennen. „Je bedeckter eine Person ist, desto wichtiger ist sie“, sagt die Trainerin und präzisiert: „Eine wirkliche Führungskraft werden Sie nie im kurzen Arm sehen. Niemals.“ Man solle sich klar darüber sein. Und erst recht eine Frau sollte das wissen. „Dass sie nämlich in ärmelloser Kleidung unter Männern, die Hemd und Jacke tragen, ihren eigenen Status automatisch mindert.“ Der Effekt sei unvermeidlich. Und die Frage stelle sich: Ist es ein Akt der Selbstherabsetzung, der Selbstsabotage, wenn Frauen in einer Art vorauseilendem Gehorsam in jeder Besprechung die Jacken zuerst ablegen? Wenn sie in Bluse oder mit bloßem Arm in einer Geschäftbesprechungen sitzen, weil es bequemer ist oder sie glauben, damit attraktiver zu sein? Für die Hilfskraft des Chefs wird man sie halten, für eine nachgeordnete Kraft, für eine Begleiterscheinung.

Die nackten Arme waren also schuld, Schuld daran, dass sich Michelle Obama die ersten Wochen im Amt so erschwerte. Sie waren aufgetaucht, unübersehbar. Bereits im Wahlkampf ihres Mannes um das Amt des Präsidenten hatte sich Michelle Obama allerlei Rügen wegen ihre Vorliebe für ärmellose Kleider eingehandelt. Endgültig zu weit ging die First Lady vielen dann am 25. Februar dieses Jahres, als sie zur ersten Rede ihres Mannes vor dem US-Kongress, unter der heiligen Kuppel der Demokratie, in einem Kleid erschien, dass ihre schönen, starken Arme unbedeckt ließ. Mangelnden Respekt vor der Würde des Amtes, Selbstbezogenheit und unstatthaften Geltungsdrang warf man ihr vor. In einer Kirche stehe man auch nicht mit nackten Armen herum. „Schluss mit ärmellos!“, forderte etwa die US-Journalistin und Bestsellerautorin Cokie Roberts, während die Fürsprecher Michelle Obamas und Michelle Obama selbst sportlich dagegenhielten: Ein Vogue-Titel wurde produziert, ein offizielles Amtsfoto im ärmellosen Kleid mit Perlenkette und viele neue Auftritte in vielen neuen schönen ärmellosen Kleidern folgten. Dazu rief man „Kult!“ und „Sexy Stilikone!“, und auf deutschen Lifestyle-Seiten lobte man „das Ende der Spießigkeit“. Als ginge es bloß um ein irgendwie avantgardemäßiges Modebewusstsein, um US-amerikanische Prüderie, und nicht um die viel interessanter Frage weiblicher Macht- und Selbstdarstellung, oder ganz exakt, um die, wie manche weiße texanische Hausfrau sich gruseln möchte, Frage der Macht- und Selbstdarstellung einer Schwarzen.

Im Rahmen der symbolischen Ordnung ist dieser Vorgang nicht vorgesehen. Weiblichkeit plus Nacktheit plus Stärke. Als wäre das nicht schlimm genug. „Keulenarme“ nannte Harald Schmidt die Arme der Präsidentengattin und bekannte sich zur klassischen, will sagen „natürlichen“ Verteilung der Kräfte im Verhältnis der Geschlechter. Die Frauen im Fitnessstudio kennen das. Das mittlere Maß ist geboten bei der Entwicklung des eigenen Bizeps. „Zu viel“ soll es nicht werden, „mein Freund mag das nicht.“ Ein Fitnesstrainer gibt Entwarnung: „Frauen können im Grunde gar keine richtigen Muskeln aufbauen“, sagt er, „denen fehlt ausreichend Testosteron.“

Und dennoch ist der weibliche Arm jetzt einfach mal dran. Könnte man meinen, und die aktuelle Diskussion um Frauenarme als strategische Erweiterung eines Schlachtplans begreifen, der Körperteil um Körperteil mit Arbeitsaufträgen und Erwartungen überzieht. „Arms are the new face“, titelte dazu jüngst das renommierten Fashion-Magazin „Harper’s Bazaar“ über das neue vermeintlich identitätsstiftende Potenzial weiblicher Oberarme. Zu sehen waren die „Top-25 Celebrity Arms“, darunter die Victoria Beckhams, Sharon Stones, die Arme Gwyneth Paltrows und selbstverständlich Madonnas ausgehärteter Oberarm, der bereits Guy Ritchie in die Flucht geschlagen haben soll. Sie alle ragten aus durchweg sehr eng geschnittenen, hochgeschlossenen, seidenglänzenden Abendkleidern, in denen ihre Definiertheit, der mäandernde Verlauf der Heber- und Streckermuskulatur sowie eine ehrfurchtgebietende Deltamuskulatur der Schulter nur umso dramatischer wirkten. Eingeschlossen wie in Rüstungen wirkten diese Arme, wie Accessoires, die ihrer Trägerin Jugend und zugleich schneidige Strenge verliehen. Dazu gab es Rezepte.

Wir erfahren: Es sind die Hanteln. Es ist Disziplin. Es ist gute Ernährung. Und Kosmetik. Und wenn alles nichts mehr hilft, ist es die Chirurgie. Die Beauty-Redakteurin Lauren Cohen macht gleich drei Kampfansagen gegen die Erschlaffung. Erstens: Liposuction (Fettabsaugen). Zweitens: Zerona (Laserbehandlung). Drittens: Brachioplasty (Arm-Lifting). Auf dem deutschen Markt verhält man sich derweil noch fadenscheinig brav. Die „Freundin“ etwa, orientiert an einem ängstlich eventuellen Schwiegermütterwünschen angepassten Frauenbild, bewegt sich in ihrer aktuellen Ausgabe strikt im Rahmen konservativer Hilfsmittel. „Formvollendete Oberarme“ mit „sanften Muskeln“, die „Sportlichkeit und Tatkraft signalisieren“, erreicht man „fast nebenbei“ mit Liegestützen und einer Creme für 72 Euro. Dazu soll man viel trinken.

Der eigene Arm aber ist nie perfekt. Und nach Idealen kann man lange suchen. Bilder sind es, nichts weiter. Man kann nur eines damit tun. Vor sie hintreten, sie anschauen als das, was sie sind. Stephan Kemperdick, Kunsthistoriker und ausgewiesener Experte für altniederländische und altdeutsche Malerei, ist behilflich. Er führt kreuz und quer durch die Berliner Gemäldegalerie auf der Suche nach dem idealen Frauenarm. Bei Cranach dem Älteren kann man ihn in äußerster Eleganz und Verschlankung an Venusdarstellungen studieren, an einem ziemlich anzüglichen Bild von Correggio verfolgen. Zuletzt führt Kemperdick vor ein Bild des schottischen Porträtmalers Sir Henry Raeburn. Man wäre am Ziel. „Das ist er also.“ – „Ja“, erwidert der Kunsthistoriker, „das ist er.“ – „Der klassisch schöne Frauenarm. An der klassisch schönen Frau.“ Miss Anne Hart ist zu bewundern. In weiter Pelerine und im für die napoleonische Zeit typischen Empire-Kleid, einem Kleid antikischer Anmutung, mit hoher Brustlinie und kurzem Ärmel, steht die Lady in einer, wie der Kunsthistoriker es nennt, „Haltung lässiger Eleganz“. Den rechten Arm hat Miss Hart weit auf einer Mauer ausgestreckt, ihr linker Arm schmiegt sich entspannt an die Körperinnenseite. Es sieht aus, als erwarte die Dame jemanden, der ihr nachfolgt in den Garten. Oder als wisse sie einfach, wie es ist, sehr zu gefallen. Eine goldene Kette teilt sich über der rechten Brust, betont deren Üppigkeit. Die vollschlanken, glatten und in der eurozentristisch-ständisch organisierten Welt von 1810 selbstverständlich schneeweißen Arme müssen nichts halten, nichts tragen, nicht die leiseste Spur von Arbeit oder Anstrengung ist ihnen eigen. Selbstbewusst sind sie, auch in erotischer Hinsicht. Dieser Zug wird sich im Laufe der Zeit verstärken.

So sehr, dass man den Frauenarm in Gewahrsam nimmt. Wenig später, in der Mode des Biedermeier, wird man ihn unter langen Handschuhen verstecken, was allerdings wenig nützen wird. Zur Jahrhundertwende findet man ihn auf der Couch der Psychoanalyse wieder, gelähmt vor verdrängter Lust, und die Kunst ist geradezu besessen von ihm. Wie er da, scheinbar leidenschaftslos, auf der Brüstung des Theaters ruht. „Der kleine Herr Friedemann“ in der 1898 erschienenen Erzählung Thomas Manns hätte sich besser vor ihm hüten sollen.

Anscheinend aber war es nicht zu vermeiden. Eine komplette Wagner-Aufführung hindurch prangte der Arm der schönen Gerda von Rinnlingen ausgestreckt auf der Balustrade der Loge 13. Ein schmucklos nackter Arm. Wie schweres Gift lag er da und zerstörte das Glück des kleinen Herrn Friedemann. Weder anspruchsvolle Lektüren noch ausgedehnte Frühlingsspaziergänge würden ihm ab sofort etwas bedeuten. Der Arm, der Duft, den Herr Friedemann kurz hatte atmen müssen – es war zu viel. Heute würde man diesen Arm dicklich nennen.

Vorausgesetzt, er tauchte nicht, verwandelt, an anderer Stelle auf. An einer Präsidentengattin, einer schwarzen Anwältin mit Harvard-Diplom zum Beispiel. Dort scheint er wieder einmal bedrohlich genug, um sich lange, sehr lange aufzuhalten mit Fragen der Etikette, bedrohlich genug, um „das Geheimnis“ jener nackten Arme, wie vergangene Woche geschehen, enthüllen zu lassen – die schwarze Frau kocht also auch nur mit Wasser – und bei dieser Gelegenheit auf den Ehrgeiz zu verweisen, den es braucht, solche Arme zu bekommen. Arme wie Michelle Obama. Gelegentlich träumen Frauen von neuen Möglichkeiten. „Frauen“, sagt der Trainer, „erzählen mir manchmal davon, sich einmal selbst an den eigenen Armen hochziehen zu wollen. Ehrlich, ich werde wirklich oft nach Klimmzügen gefragt“, sagt er und lacht, als könne er sich diesen Wunsch nicht erklären.

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