Holocaust : Ein Besuch bei Schindlers unbekannter Schwester

Die Robert-Jungk-Europaschule ehrte Irena Sendler, die 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto schmuggelte.

Katrin Schaar

Die Nachricht, dass Irena Sendler gestern in Warschau an einer Lungenentzündung gestorben ist, wird die Zehntklässlerinnen der deutsch-polnischen Robert-Jungk-Europaschule in Wilmersdorf besonders schmerzen. Durch die Biographie „Die Mutter der Holocaust-Kinder“ hatten sie im Unterricht etwas über das Leben der mutigen Krankenschwester erfahren, die 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto in die Freiheit schmuggelte. Da beschlossen die Schülerinnen, dass die für den Friedensnobelpreis vorgeschlagene Irena Sendler zum Thema ihrer Präsentationsprüfung im Mittleren Schulabschluss werden sollte. Was als Prüfungsthema begann, führte die Zehntklässlerinnen Natalia, Karolina und Angelika auch in das Warschauer Altersheim, in dem die 98-Jährige lebte. Dort konnten sie mit der alten Dame, die 1965 von der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden war, sprechen und einen kleinen Film drehen. Sie erfuhren, dass die katholische Krankenschwester für ihr Engagement fast mit dem Leben bezahlt hätte, denn sie wurde verraten und geriet in deutsche Gefangenschaft, wo man ihr die Beine und Füße brach und sie zum Tode verurteilte. Sie verdankte es einer jüdischen Untergrundorganisation, dass sie durch einen bestochenen Gestapo-Mann kurz vor ihrer Erschießung freigelassen wurde. Die Listen der geretteten Kinder fanden die Nazis nicht.

Während der kommunistischen Herrschaft in Polen wurde Sendler von antisemitischen Ressentiments begleitet. Erst später erhielt sie den höchsten Orden Polens. Nur langsam nimmt man auch in Deutschland von ihr Notiz, die – anders als Oskar Schindler – eben nicht durch einen großen Film berühmt wurde.

Sicher nicht in Vergessenheit gerät „Schindlers unbekannte Schwester“, wie sie der Spiegel einmal nannte, aber in der Wilmersdorfer Jungk-Schule. Anlässlich des Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai und der Europawoche konnten die Zehntklässlerinnen ihren Film vorstellen und über Sendler sprechen. Zu ihren Zuhörern gehörten sogar Vertreter der polnischen Botschaft und der Senatskanzlei. Und die Mädchen erinnerten auch daran, wie alles begann – mit einer Buchvorstellung in ihrer Schule.

Anna Mieszkowska: Die Mutter der Holocaust-Kinder, DVA 2007.

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