Italien : Ciao, Bella

Die Liebe war groß. Sie schien unzerstörbar zu sein. Ach, Italien – wo ist dein Zauber?

Wolfgang Prosinger
Muell
Hausgemachtes Problem: Der Müllskandal in Neapel ist nur ein Grund, warum die deutschen Urlauber wegbleiben. -Foto: dpa

Es war ein kleines, grünes Kraut mit wilden Zacken am Rand, als wäre es ein junges Blatt vom Löwenzahn. Es lag auf den Ständen der Marktleute in feinen Bündeln. Und wenn man fragte, wie das unscheinbare Grünzeug heiße, dann wurde geantwortet, und es lag so etwas wie Zärtlichkeit in der Antwort, das Kraut trage den Namen „Rughetta“ und gehöre in den Salat. Das wisse doch jeder.

Es wusste aber niemand. Jedenfalls kein Deutscher.

So war das in Rom, Mitte der 80er Jahre, und wer damals aus Italien das Kraut Rughetta mit nach Deutschland brachte, um es in den Salat zu mischen, konnte sich der höchsten Töne am Tisch sicher sein: Was für ein wunderbarer, leicht bitterer, nussiger Geschmack. Rughetta heißt auf Deutsch Runzelchen. Es war die Zeit, als in Italien noch Entdeckungen zu machen waren.

Es dauerte nicht lange, dann machte sich das grüne Kraut auf zu einer großen Reise nach Norden. Es überwand die Alpen, ließ sich zunächst in den Feinkost läden der Münchner Schickeria nieder, änderte seinen Namen und hieß auf einmal (norditalienisch) Rucola, stieß immer weiter in immer kältere Gefilde vor, lag bald auf jedem Salatteller und auf jeder zweiten Pizza und zog schließlich ein in die Supermärkte, die so uritalienische Namen tragen wie „Bolle“ oder „Tengelmann“.

Und damit ist eigentlich schon der Kern jener großen Veränderung berichtet, die das Verhältnis zwischen den Deutschen und Italien seit einigen Jahren bezeichnet. Es ist die Geschichte einer Entzauberung, es ist die Geschichte vom verlorenen Südweh. Die Geschichte eines historischen Verlusts.

Denn zu allen Zeiten davor war Italien der Wunschort nördlicher Sehnsüchte gewesen, der deutschen zumal. Ziel der papstfrommen Pilger, Ziel der bildungshungrigen Besserverdiener, die sich unter dem ewig blauen Himmel verzückt zwischen antiken Trümmern niederließen und sich eine römisch-klassische Seele fantasierten. Jetzt endlich sei er in der Hauptstadt der Welt angekommen, dem schönsten Platz der Erde, jubilierte der Italienreisende Goethe, als er durch die Porta del Popolo auf römisches Territorium gelangte, wo er sich alsbald „neu geboren“ fühlte. Und kaum einer seiner Dichterkollegen, der auf sich hielt, mochte sich der schwärmerischen Italienverehrung verschließen, von Heinrich Heine bis Peter Schneider. Italien war Ort der schriftstellerischen Vollendung und der künstlerischen Mannbarkeit. Es folgten die Maler, entwarfen romantische Idyllen, Inbilder des einfachen, buko lischen Lebens, schlafende Schöne im Olivenhain.

Rom und Florenz, Sizilien und Neapel – Italien war das gelobte Land der Deutschen. Vielleicht auch weil unter der südlichen Sonne neben allen Kunst- und Landschaftsschönheiten ein Gegenbild zur heimischen Akkuratesse und Ordnungsliebe zu entdecken war. Die Verheißung einer Freiheit und einer Sinnenfreude, von der hölzerne deutsche Herzen nicht allzu viel wussten.

Was zuvor nur wenigen Begüterten vorbehalten war, wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Massenphänomen. Die allgemeine Motorisierung führte zu einem Sturm auf italienische Städte, Strände und Capri-Fischer – bella, bella, bella Marie, vergiss mich nie! Italien war der sommerliche Fluchtpunkt der Wirtschaftswunderdeutschen, die Adriaküste zwischen Jesolo und Rimini ihr Teutonengrill. Und die brachten nicht nur Sonnenbrände mit nach Hause, sondern gerne auch bauchige, bastumwickelte Weinflaschen, die auf Italienisch „Fiasco“ heißen und deren Inhalt entsprechend schmeckte. Die Deutschen lernten, was Spaghetti sind und dass man sie nicht mit dem Messer schneidet. Wenn sie die Chianti-Flasche ausgetrunken hatten, steckten sie eine Tropfkerze in die Öffnung und stellten sie als sommerselige Erinnerung in die Schrankwand.

Es dauerte nicht lange, da brandete eine zweite, ganz andere Touristenwelle gegen italienische Küsten. Ausgerechnet diejenigen begannen Italien ins Herz zu schließen, die zuvor nur mit Verachtung auf die sommerliche Völkerwanderung der Germanen geblickt hatten. Es war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, als eine ganz neue Neugier auf das Land im Süden einsetzte. Intellektuelle entdeckten, dass da eben nicht nur 7051 Küsten kilometer schönster Badestrände zu finden waren, sondern ein einmaliges Reservoir historischer und künstlerischer Zeugnisse.

Aber nicht nur die steinerne Vergangenheit übte ihre Reize aus, mehr war es noch die äußerst lebendige Gegenwart. Vielleicht war das sogar der Hauptanreiz: Der Enttäuschung all jener, die nach den Aufregungen von 1968 in Ratlosigkeit zu versinken drohten, wehte plötzlich aus dem Süden eine neue Hoffnung zu. Eine kommunistische Partei, fast genauso stark wie die seit gefühlten Ewigkeiten regierenden Christdemokraten, war da zu besichtigen. Und was für eine Partei: nicht die der Moskauer und Ost- Berliner Betonköpfe, sondern eine, die dabei war, sich auf den berühmten „Dritten Weg“ zu machen, Enrico Berlinguers Eurokommunisten. Das Land schien wie ein politisches Laboratorium, in dem nichts unmöglich war. Rudi Dutschke verführte diese unverhoffte Hoffnung zu euphorischen Bekenntnissen: „Ja, Italien!“ hieß sein Artikel in der Zeitschrift „konkret“. Nun war Italien nicht nur das Land des faulen Fleisches, das unter der Adria-Sonne brät, es war jetzt ein Kopf-Land geworden, eine Herausforderung an die Intellektuellen. Und ihr Fluchtort alsbald auch. Scharenweise kauften sie alte Bauernhäuser in der Toskana, restaurierten sie mit viel Geld und erkannten mit Wohlgefallen, dass nicht nur die Politik in Italien kreativer war als in Deutschland, sondern der Weinbau auch.

Und der Wagenbach Verlag legte die dazu passenden Bücher auf den Nachttisch. Nachdem man zuvor in Deutschland höchstens die liebenswürdigen, aber erzreaktionären Geschichten von Don Camillo und Peppone gekannt hatte oder allenfalls ein paar Romane von Alberto Moravia (hauptsächlich gewisser „Stellen“ wegen), machten plötzlich neue Namen die Runde: Italo Calvino, Umberto Eco, Giorgio Manganelli, Pier Paolo Pasolini, Primo Levi, Natalia Ginzburg, Gavino Ledda, Luigi Malerba, Antonio Tabucchi und viele, viele andere. Und dazu der schamlos-scharfzüngige Komödiant Dario Fo. Die Frankfurter Buchmesse von 1987 wurde zur großen literarischen Modenschau des Gastlands Italien.

Überall wehte dieser Sturm aus dem Süden. Im Kino war Bekanntschaft zu machen mit Namen wie Visconti, Fellini, Antonioni; Anita Ekberg stolzierte in „La Dolce Vita“ wie eine Göttin durch die Fontana di Trevi, Marcello Mastroianni war der schönste Zigarettenraucher der Welt, und Claudia Cardinale hatte die schwärzeste Augen. In der Malerei triumphierten die Neuen Wilden der „Transavanguardia“, Francesco Clemente, Sandro Chia, Enzo Cucchi; auf den Musikbühnen machten die „Cantautori“ von sich reden, die Musikpoeten von Lucio Dalla bis Fabrizio De André; im Design gelangte die feuerrote Schreibmaschine „Valentine“ von Olivetti zu einem Ehrenplatz im New Yorker MoMA. Wo so viel in Bewegung war, mochte offenbar auch die Wirtschaft nicht stehen bleiben. In den 80er Jahren stieß das Land auf den fünften Platz unter den stärksten Nationen der Welt vor und überholte die Briten. „La locomotiva italiana“ nannte die Presse dieses Wunder. Selbst der Fußball wollte da nicht zurückstehen, plötzlich war – jedenfalls für eine gewisse Zeit – die sture Catenaccio-Mentalität überwunden und die „Serie A“ die stärkste Liga der Welt. AC Milan, Inter, Juve, AS Rom hießen die Traumziele reisewilliger deutscher Fußballstars.

Das größte und schönste und erfolgreichste all dieser Italienwunder ereignete sich allerdings auf einem ganz anderen Gebiet: dem der Genüsse. Mochte man den Amerikanern immer wieder vorwerfen, der US-Imperialismus habe die ganze Welt unterjocht – er ist nichts gegen den kulinarischen Imperialismus der Italiener. Pizza ist zum Haupt- und Grundnahrungsmittel der Generation geworden, die keine Zeit mehr zum Kochen hat; Pasta gehört zum gastronomischen Standardrepertoire zwischen Hammerfest und Kapstadt, Balsamico-Essig steht selbst in niedersächsischen Haushalten, und der Weltbedarf an Parmaschinken ist so unersättlich, dass sogar bayerische Schweine zu Produktionszwecken nach Norditalien gekarrt werden. Ciabatta hat das Baguette abgelöst, Prosecco ist der Seelentrost aller Desperate Housewives dieser Welt, der Grappa kommt von Nonino, der Kaffee von Illy oder allenfalls noch von Lavazza und die dazugehörigen Maschinen von Gaggia oder Pavoni. Kann sich einer noch an die Melitta-Tüte erinnern?

Die ganze Welt ist überrollt von italienischer Lebensart. Der Stiefel ist Italien längst zu eng geworden, es hat seine Grenzen verlassen, ist über die Alpen gekommen, über die Ozeane, hat sich niedergelassen in aller Welt. In den Supermärkten, in den Boutiquen, in den Restaurants, in den Möbelhäusern. Nach Italien braucht niemand mehr zu suchen, auf Italien braucht keiner mehr zu warten, stets ruft es: Ich bin schon da. Die Zuckerdose ist von Alessi, der Anzug von Armani, die Handtasche von Gucci, die Krawatte von Fendi, die Parfümserie von Laura Biagiotti. Und das Olivenöl, erste Pressung, kommt gleich vom Weinhändler um die Ecke. Der kennt da eine ganz besondere Ölmühle, ligurische Küste, Hinterland, eine spezielle Empfehlung.

Italien ist überall. Was einst fremd war, ist heimisch geworden. Was mit Rughetta begann, endet mit Rucola noch lange nicht.

Die Aneignung der Ferne aber hat alle Geheimnisse enträtselt. Hat die Aura des Besonderen zerrissen, hat das Große klein gemacht und das Außergewöhnliche gewöhnlich. Italien hier, Italien da. Allgegenwart statt Fremde. Ausverkauf der Originalität. Nichts mehr zu erwarten. Es ist ja schon alles da.

Das Ergebnis dieser Entzauberung könnte nun sein: Italien dem verklärenden deutschen Romantikblick entzogen, ist auf einmal ein Land wie jedes andere auch. Die Überdosis schafft – paradox – Nüchternheit.

Es kam noch schlimmer. Seit vielen Jahren schon sind Nachrichten aus Italien allzu oft schlechte Nachrichten. Am schlimmsten sind die politischen: Da wählt eine Nation drei Mal den Egomanen Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten, peinlichste Regierungsfigur in ganz Europa, der die Politik umdefinierte zum Selbstbedienungsladen für eigene Inte ressen. In Rom ist der Bürgermeister ein Scharfmacher von der postfaschistischen Partei. Daneben eine politische Linke, die sich in einen verantwortungslosen, infantilen Dauerstreit verheddert hat. Aus dem Parlament sind Szenen zu sehen, in denen Abgeordnete mit Fäusten aufeinander losgehen. So stürzte das Land immer tiefer in Finanz- und Glaubwürdigkeitslücken. Beim Wirtschaftswachstum bleibt es jedes Jahr etwa einen Prozentpunkt hinter dem OECD-Durchschnitt zurück. Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen liegt über 20 Prozent, die Staatsschulden sind immens. Dafür steigen die Kosten, der Lebensstandard sinkt, der Mittelstand wird ärmer. Spanien überholt Italien beim Pro-Kopf-Einkommen. Schlechte Laune macht sich breit, Depression, Müdigkeit. Romano Prodi, der frühere Regierungschef, diagnostizierte bei seinen Lands leuten „ein extremes Gefühl der Angst“.

Wie sollte da der alte Zauber von Süden über die Alpen wehen? Stattdessen kamen Berichte von stinkenden Müllbergen und der Unfähigkeit von Politikern, sie zu beseitigen. Es kamen Berichte von Morden der Mafia, der Camorra, der ’Ndrangheta. Es kamen Berichte von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Von gepanschtem Wein, von Dioxin im Käse. Von Bestechungsaffären auf dem Fußballplatz, von Hooliganschlachten mit Todesopfern, von rechtsradikalen Umtrieben in den Fankurven. Die Zuschauer gehen nicht mehr ins Stadion. Selbst der „calcio“, Italiens Nationalstolz, war auf einmal in der Krise, da konnte auch der unverhoffte Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht darüber hinwegtäuschen. Und deutsche Spieler suchen ihr Glück schon lange nicht mehr zwischen Brenner und Palermo.

Nirgendwo ein Lichtblick? Auch von dort, wo Italiens Kreativität die schönsten Blütenträume wahr werden ließ, ist seit geraumer Zeit nicht mehr allzu viel zu berichten. Kein Giorgio Strehler mehr im Theater, keine neuen Namen von Gewicht in der Literaturszene, kaum ein Film, der Furore machte, sieht man einmal vom ewigen Roberto Benigni und vom gelegentlichen Nanni Moretti ab. Und selbst in den Opernhäusern dieser Welt kommt der angesagteste aller Tenöre inzwischen nicht mehr aus Italien, sondern aus Mexiko.

Eine Krankheit hat das Land ergriffen: Man könnte sie die Lustlosigkeit an sich selbst nennen. Die Musik dazu hat Luciano Ligabue komponiert, der Dichter und Songschreiber. „Buonanotte all’Italia“ heißt ein melancholisches Lied, Gute Nacht, Italien. Ruh dich aus, rät er seinem Land, sammle neue Kraft. Denn jetzt hängt es am Tropf, und sein Herz ist voller Wunden. Die Zukunft, singt er, hält in Italien den Atem an.

Das ist nicht unbemerkt geblieben. War das Land 1970 noch das begehrteste Urlaubsziel der Welt, so ist es heute auf Platz fünf abgerutscht. Eine Katastrophe für die italienische Tourismusbranche, die jährlich mehr als 156 Milliarden Euro umsetzt und jeden neunten Italiener beschäftigt. „Unser Land läuft heute Gefahr, nicht mehr als antik, sondern als alt angesehen zu werden, nicht mehr als Garten Europas, sondern als Müllkippe“, schreibt die römische Tageszeitung „la Repubblica“.

Einzig die deutschen Besucher besagter 7051 Küstenkilometer scheint das nicht sonderlich zu beeindrucken. Ausgerechnet im vergangenen Jahr landete Italien wieder einmal auf Platz eins der beliebtesten Reiseländer der Deutschen. Vielleicht deshalb, weil sie gerne dorthin reisen, wo es ein bisschen ist wie zu Hause. Und in Italien finden sie schließlich all das vor, was auch der deutsche Supermarkt bereithält.

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