Juli 1998 : Die Wunden von Lassing

Und plötzlich reißt die Erde überm Bergwerk auf: Häuser versinken, ein Mann wird verschüttet. Im Juli 1998 überlebt Georg Hainzl neun Tage in 60 Meter Tiefe. Die zehn, die ihn retten sollen, lassen ihr Leben.

Anna Kemper

Am Sonntag, den 26. Juli 1998, stirbt die Hoffnung am Nachmittag. Nichts als Schlamm zeigt die Kamera, die in einen Hohlraum hinabgelassen wird. Rettungsmannschaften packen ihre Sachen, Journalisten reisen ab. Nur eine Bohrmannschaft bleibt.

Es wird dunkel über dem Krater von Lassing. Ein gewaltiges Loch, 180 Meter Durchmesser, 50 Meter tief, gefräßig, neun Tage zuvor hatte es zwei Wohnhäuser, einige Schuppen, einen Strommast, einen Bagger, eine Hochleistungspumpe und die linke Fahrspur der Landstraße in sich hineingeschlürft. 70 000 Kubikmeter Schlamm, eingebrochen in ein Talkbergwerk. Erst schlossen die Erdmassen den Bergmann Georg Hainzl ein, dann, Stunden später, zehn Bergmänner, die ihn bergen sollten. Seit neun Tagen gibt es keine Lebenszeichen.

Plötzlich, um 21 Uhr, schießt eine Fontäne aus Wasser und Schlamm aus dem Bohrloch: Der Bohrer ist auf einen Raum gestoßen. „Is wer da?“ ruft der Einsatzleiter. „Ich bin’s, der Georg Hainzl.“ – „Geht’s da guat?“ – „Ja“. Eine Kamera mit Lampe wird heruntergelassen. „Wo bist denn?“ – „Im andern Eck“, die Kamera dreht. Da sitzt Georg Hainzl und winkt. Seine Freundin Susi, schwanger im zweiten Monat, ruft hinunter: „Schurli, ich liebe dich!“ – „Na klar“.

Wenn Fritz Stangl, Bürgermeister, ein kräftiger rustikaler Mann, an diesen Moment vor zehn Jahren zurückdenkt, erinnert er sich „an einen Schüttelfrost am ganzen Körper, wie ich ihn mein Lebtag noch nicht gehabt habe“. Und Paul Scheichenberger, Pfarrer, eigentlich eher der intellektuelle Typ, sagt: „ja Wahnsinn“.

Neun Tage ohne Nahrung, ohne Licht, ohne Wasser. Die Ärzte erklären: Die Luftfeuchtigkeit im Schacht war so hoch, dass Hainzls Körper kaum Flüssigkeit verlor. Erklärungen hin oder her: Für die meisten ist Hainzls Rettung einfach ein Wunder.

Diese unglaubliche Rettung, sie ist zugleich der glücklichste und der traurigste Moment im Drama von Lassing: Denn das Wunder wiederholt sich nicht. Die zehn Bergleute, die Hainzl und das Bergwerk retten sollten, kommen nicht wieder hoch. „Alle sind für einen runter“, sagt Pfarrer Paul Scheichenberger. „Und nur einer ist für alle wieder rauf.“

Lassing, Steiermark: 1852 Einwohner, verteilt auf 18 Weiler am Rand der Landstraße 740. Ein Lebensmittelgeschäft, eine Kirche mit gotischen Fenstern, zwei Gaststätten, eine Bücherei, ein Badesee, ein Kaugummiautomat. Weiße Bauernhäuser, überall Blumen. Ringsherum Berge: Rheinischkogel, Blosen, Stribing, Hohe Trett. „Schön ist es hier“, sagt ein Lassinger, „nicht mal mit Ausländern haben wir Probleme.“ Es gäbe ja auch keine. Bis auf die, die im Nachtlokal arbeiteten. Österreichische Idylle.

Vor zehn Jahren hatte Lassing auch noch ein Bergwerk, Talk wurde dort abgebaut, weiches Mineral, das für Zahncreme, Puder, Lacke und Kunststoff verwendet wird. Das Werk versorgte rund 30 Familien, die Bezahlung war besser als in der Landwirtschaft.

Freitag, 17. Juli 1998, die Schicht von Georg Hainzl beginnt um sechs Uhr früh. Hainzl soll die Sohle 1a in 60 Meter Tiefe mit Beton ausspritzen und mit Bruchmaterial verfüllen. Gegen zehn meldet er, dass Wasser und Schlamm von der Decke tropfen. Um 11 Uhr 15 hört er ein Krachen, schmeißt die Lampe weg und rennt, hinter ihm rollt eine schlammige Mure, 70 Meter, dann wirft er sich rechts in den Jausenraum. Die Mure schießt vorbei, der Raum füllt sich in Sekunden eineinhalb Meter hoch mit Schlamm. Georg Hainzl baut sich aus Sauerstoffflaschen und einem Rost eine Art Tisch. Das Telefon funktioniert, Hainzl spricht mit seinen Kollegen, mit seinem Vater, „Papa, jetzt, wo ich Vater werde, muss ich sterben.“ Dann zerreißt das Kabel. Ein paar Stunden später geht das Licht aus. Georg Hainzl, 24, Lehrhauer, beginnt zu warten. Auf die Rettung. Oder auf den Tod.

Fritz Stangl sitzt in einer Lassinger Gaststätte, vor ihm ein Weißer Gespritzter. Der Bürgermeister mit dem wildledernen Janker und dem welligen blonden Haar war 1998 Vizebürgermeister. Als Georg Hainzl verschüttet wird, hört er die Feuerwehrsirene, dann sagt ihm jemand, dass sich ein Krater gebildet habe in der Nähe des Bergwerks. Fritz Stangl kennt den Aufbau eines Bergwerks. Ein Einbruch an der Oberfläche, weiß er, „das ist a ganz a starke Sache“.

Der Krater hat da erst 15 Meter Durchmesser, ein Haus ist eingebrochen. Ein Bach fließt in das Loch, das Wasser steigt. Fritz Stangl organisiert Rohre, um den Bach umzuleiten. Im Bergwerk fahren derweil ständig Bergleute runter, installieren Pumpen und Wehre, um ihren verschütteten Kumpel und das Bergwerk zu retten. Am Nachmittag trifft Fritz Stangl einen Bergmann in der Schlosserei des Werks. „Wirst sehen, das ganze Bergwerk stürzt ein“, sagt er Stangl. Eine „irrsinnige Angst“ habe der in den Augen gehabt, sagt der Bürgermeister. Reingefahren sei der Bergmann dann trotzdem. Und nicht mehr rausgekommen.

Um kurz nach neun Uhr abends beginnt der Förderkorb hochzufahren. Ein paar Sekunden, dann sieht der Maschinist, der oben steht, wie das Seil stoppt, immer dünner und dünner wird es, springt aus dem Rad und reißt. Eine Druckwelle stößt aus dem Schacht. Fritz Stangl hört jemanden schreien: „Alles weg! Alles weg! Es geht ein Orkan durch das Bergwerk, alles stürzt ein!“ Geröll und Schlamm waren nachgestürzt, hatten den Krater gewaltig verbreitert. Und zehn weitere Bergleute verschüttet. Fritz Stangl ist entgeistert: Es war doch schon klar, dass Georg Hainzl nur durch eine Bohrung von außen gerettet werden könnte. Der Verdacht keimt auf, dass der Berghauptmannschaft die Rettung der Grube mindestens genauso wichtig war wie die Rettung Hainzls.

Draußen stehen die Familien am Krater, und Fritz Stangl beginnt, die Katastrophe zu begreifen. Der Strom fällt aus, Handys funktionieren nicht mehr, es ist dunkel, still, unheimlich. Wie weit wird der Krater noch einbrechen? Stangl lässt alle Häuser in der Nähe evakuieren. Zu seinem Auto geht er nicht mehr: „Ich habe mich so gefürchtet.“

Samstag. Aus der Luft sieht es aus, als habe ein Meteorit eingeschlagen, am Boden verfangen sich Behörden in Kompetenzstreitigkeiten: Bergbaubehörde und Berghauptmannschaft vertändeln wichtige Zeit mit Selbstorganisation. Hilfe aus dem Ausland wird abgelehnt, ein Bohrtrupp aus Kassel soll auf halbem Weg wieder zurückkehren. Erst nach Protesten dürfen die Hessen kommen, sie sind es, die später Georg Hainzl freibohren.

Hilfe kommt von überallher: deutsche Bohrexperten, italienische Marinetaucher, ungarische Hundestaffeln. Doch die Bergungsarbeiten gehen schleppend voran, aktualisierte Pläne der Stollen sind nicht auffindbar – skandalös, finden die Medien, der Bürgermeister beklagt „den Wirrwarr von Technokraten und Professoren“. Ein Bohrgerät wird aus einem 150 Kilometer entfernten Ort geholt, obwohl in Lassing ein Brunnenbauer dasselbe Modell hat. Zwei Tage nach dem Unglück werden elf Särge bestellt. Behörden und Betriebsleitung haben die Verschütteten längst aufgegeben.

Einer der Aufgegebenen ist Hermann Pölzl, 46, Vater von fünf Kindern. Er fährt im Bergwerk Radlader, in seiner Freizeit geht er Eisstockschießen. Sein jüngerer Bruder Peter ist heute fast so alt wie Hermann damals, 1998. Peter Pölzl, sportlich, gebräunt, mit schmaler Halskette, trägt einen Verband an der linken Hand, unter dem eine Tätowierung hervorlugt. Er hat sich die Hand geklemmt, arbeiten kann er nicht, also sitzt er an einem der drei Kaffeetische vor dem kleinen Supermarkt in Lassing. Sein Bruder, sagt er, habe schon Jahre vorher gesagt: „In der Grube ersaufen wir.“ Gewundert hat es ihn trotzdem nicht, dass der Hermann noch runtergefahren ist, als der Krater sich aufgetan hatte. Schon ihr Vater sei Bergmann gewesen, und Bergleute, sagt Peter Pölzl, „die sind ein eigenes Volk“.

Als die Einsatzleitung am zweiten Tag verkündet, die Verschütteten seien sicher tot, sind sie wütend in Lassing. In Lengede, denkt Fritz Stangl, gab es noch nach 14 Tagen Überlebende! Die Lassinger demonstrieren, die Medien übertragen, und die Rettungsarbeiten gehen weiter. So stehen sie alle tagelang am Krater, Rettungskräfte, Dörfler, Journalisten, Fritz Stangl, Peter Pölzl. Ein „Horror in Zeitlupe“ sei das gewesen, sagt Fritz Stangl. Peter Pölzl sagt: „G’schaut ham wir. G’hofft ham wir.“

Hunderte Journalisten berichten, gegenüber vom Krater bietet der offene Tanzboden der Gaststätte Rohrleitner beste Sicht und kühle Getränke. Hier gibt es Pressekonferenzen und Interviews mit aller Art von Experten, Wahrsagern und Politikern. Man plaudert, zum Beispiel über das Hotel, das nur Etagenklo habe, fast wie in Sarajevo, so eine Reporterin, nur das Frühstück sei hier besser. Alle warten, dass etwas geschieht, aber es gibt nichts zu sehen als das große schlammgefüllte Loch.

Also muss das Unsichtbare sichtbar gemacht werden: Die Trauer, die Wut, die Hoffnung. „Die Lassinger“, sagt Paul Scheichenberger, damals Pfarrer im Dorf, „waren ungeschützt.“ Sie hätten nicht verstanden, dass die Reporter da seien, um Geschichten zu suchen, nicht, um Anteilnahme zu spenden. Scheichenberger arbeitet mittlerweile in Graz, im kleinen Park hinter seiner neuen Kirche erzählt er, wie er damals bei Sabine Christiansen eingeladen war, „solche Ausmaße hat das angenommen.“ Da saß er dann im Studio, „zusammen mit einem Bergmann aus Lengede, der Krankenschwester aus Mogadischu und Niki Lauda“. Und Frau Christiansen habe ihn nie ausreden lassen.

Das Schlimmste war für ihn, dass das endlose Warten auf ein zweites Wunder keine Trauer zuließ, keine befreienden Tränen, „die Lassinger durften nicht helfen, nicht trauern – nur fernsehen“.

Das zweite Wunder bleibt aus. Mitte August stellt man die Bohrungen nach Überlebenden ein. Peter Pölzl geht zur Kapelle der Heiligen Barbara neben dem Krater und weint um seinen Bruder, zum ersten Mal, „da ist alles rausgekommen, der Hass auf die, die ihn reingelassen haben, statt die Grube zuzusperren“.

Die Körper der Bergleute wurden nie gefunden. Dort, wo der Krater war, ist heute eine runde Wiese mit Löwenzahn und Klee und zehn marmornen Platten, die die Namen der Toten tragen.

Nach dem Unglück kam heraus, dass in Lassing in ungenehmigten Stollen abgebaut wurde, wahrscheinlich zu nah an der Oberfläche. Ob das der Grund für den Einbruch war, konnte nicht geklärt werden. Der Werksleiter und ein Berghauptmann wurden wegen fahrlässiger Gemeingefährdung zu Geldstrafen und Haft auf Bewährung verurteilt.

Die Naintscher Mineralwerke zahlten hohe Entschädigungssummen für Angehörige, Geschädigte und die Gemeinde. Wenn Geld verteilt wird, gibt es Neid: Im Ort, schrieb ein österreichisches Magazin ein Jahr später, werde über die „Millionärinnen“, die Witwen, gelästert. Selbst Georg Hainzl traf der Neid: Er hatte mit seinem Hausbau begonnen, noch bevor die Baugenehmigung da war – irgendjemand erstattete anonym Anzeige. Bürgermeister Stangl trug das eine Geldstrafe ein wegen Amtsanmaßung, er hätte den ungenehmigten Bau nämlich abreißen lassen müssen – „was da los gewesen wäre!“

Zehn Jahre sind vergangen. Manchmal, wenn Peter Pölzl gegen Mittag bei seiner Mutter in den Töpfen nachschaut, was sie gekocht hat und sich eine Gurkenscheibe aus dem Salat stibitzt, dann sagt seine Mutter: „Ganz wie der Hermann“. Alle paar Monate kommt Frau Schöggl zu Besuch, die auch ihren Sohn in der Grube verloren hat. „Dann reden's halt“, sagt Peter Pölzl, „dann lass’ ich sie allein“.

Georg Hainzl arbeitet heute im Straßenbau, zurückgezogen lebt er mit Familie in seinem Haus, nur wenige hundert Meter von der Unglücksstelle. In dem einzigen Interview, das er gab, sagte er, dass er oft nicht schlafen könne, dann sitze er am Fenster und schaue hinaus, bis die Nacht vorbei sei. „So wie es war,wird es nie wieder sein. Weil die zehn Leute, gute Freunde, nimmer da sind, einfach weg.“

Im Krankenhaus, nach seiner Rettung, hatte der Arzt gesagt, Georg Hainzl liege im Bett „wie ein Neugeborenes“.

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