Kittelschürze : Der Hausfrauenreport

Züchtig, praktisch, gut: Die Kittelschürze ist wieder da – und tauscht die Küchen und Kuhställe unserer Großmütter gegen den Laufsteg

Andrea Dernbach

Mutter trug immer Uniform. Wenn sie nicht Einkäufe, Besuche, Chorproben aus dem Haus holten, selten ein Restaurantbesuch, mal ein Familienfest, dann sahen wir Teenies der Sechziger und Siebziger unsere Mütter nicht anders: Knopfleiste vorn, Arme frei, Baumwolle, möglichst bügelfrei, kleingeblümt oder uni weiß: die Kittelschürze. Für uns war sie Symbol eines Frauenlebens, das um Himmels willen nicht unseres sein würde. Für Mutter war sie einfach nur praktisch. Und damals fiel sie damit nicht auf.

Das scheint lange vorbei. Die Kittelschürze ist aus den Küchen – und aus den Kuhställen, zuletzt war sie nur noch als Landpomeranze verschrien – fast verschwunden. Die es wissen müssen, die Großen der Versandbranche, Quelle oder der Hamburger Otto-Versand, haben das Marktsegment so gut wie aufgegeben. In ihren gedruckten Katalogen findet die Kundin jedenfalls nichts mehr. Das ist ein sicheres Zeichen, heißt es in einer PR-Abteilung, wenn man sich von einem Teil des Sortiments keinen Umsatz mehr verspricht.

Aus Marktstudien, sagt Verena Schulz von Quelle, wisse man, dass sich der Markt für die Kittelschürze und ihre Verwandten Kasack, Kittelett, Vorbindschürze oder Hauskleid allein in den letzten fünf Jahren halbiert hat. Drei von vier Käuferinnen sind älter als fünfzig. Das Fürther Versandhaus, das sich stolz Europas größtes Homeshopping-Unternehmen nennt, präsentierte die Kittel 1993 noch auf zwei Doppelseiten. Aus dem aktuellen Hauptkatalog sind sie getilgt. „Ganz wollen wir auf dieses klassische Angebot aber nicht verzichten“, sagt Schulz. Die Nachfrage sei schließlich unverändert. Nur muss sich die Kittelkundschaft jetzt aus dem Spezialkatalog „Classics“ oder auf Quelle.de im Internet versorgen (was ein bisschen ein Widerspruch ist). Wo sie sitzt, weiß man bei Quelle auch: Es sei eindeutig, sagt Schulz, dass „die Kittelschürze in den westlichen Bundesländern deutlich öfter getragen wird als in den östlichen“.

Die Kittelschürze war jahrzehntelang ein Stück atlantische Wertegemeinschaft. Amerikanerinnen trugen sie ebenso wie Deutsche, Spanierinnen, Italienerinnen und Engländerinnen. Und wie vieles grenzüberschreitend Westliche ist auch sie eine amerikanische Erfindung – und eine Kriegsfolge. Als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, übernahm die neu gegründete Food Administration unter ihrem ersten Chef Herbert Hoover, dem späteren US-Präsidenten, die Aufsicht über die Lebensmittelvorräte des Landes und deren Import und Export. Da mussten Amerikas Hausfrauen zwangsläufig ins Blickfeld von Hoovers Beamten geraten. Man forderte sie auf, ihren Familien mehr kalorienarmes Gemüse und frischen Fisch vorzusetzen und dafür an Zucker und Mehl zu sparen, um die kämpfende Truppe in Europa zu unterstützen. Und man band sie symbolisch in den Krieg mit ein. Die Food Administration propagierte von Anfang an eine Art Küchenuniform, die die Hausfrau „wie ein Hemd überstreifen“ könne, aus einem Stück, vorn durchgehend geknöpft, so dass man sie nach der Wäsche so leicht bügeln konnte wie ein Leintuch: Hoovers Schürze, die „Hoover Apron“.

Richtig populär wurden die „Hooverettes“ aber erst nach dem Krieg. Die Welt lag in Trümmern, und die Haute Couture und die Massenkonfektion zogen nicht zufällig ganz ähnliche Schlüsse daraus. In Paris steckte Coco Chanel die Frauen der Gesellschaft, die ein gutes Jahrzehnt zuvor ihre Korsetts losgeworden waren, in Kittelkleider, längere Männerhemden aus bequemem Jersey. In den USA produzierten bald Textilfirmen in Buffalo und Philadelphia Millionen von „Hoover- Schürzen“. Der Erste Weltkrieg ließ insgesamt „die Alltagskleidung der Frau einfacher, strenger und zweckmäßiger werden“, schreibt die Modehistorikerin Ingrid Loschek in ihrer Kulturgeschichte der Mode im 20. Jahrhundert. Auch etliche Damen aus gutem Hause hatten in den Kriegsjahren ihre Modellkleider gegen Arbeitskluft getauscht. Nun erreichte die industrielle Revolution den Haushalt, es wurde eine Art Fabrikmanagement in den eigenen vier Wänden propagiert, „Household Engineering“, wie ein populärer US-Titel hieß, der nach dem Krieg in Übersetzungen auch nach Europa kam. Die Kittelschürze war die Berufskleidung dieser neuen Ära und sogar ihre Zugeständnisse an den Schönheitssinn unterlagen der Produktionslogik – die kleinen Karos und Blümchenmuster halfen schlicht Stoff sparen.

Schnittmusterbögen und Modemagazine erreichten immer leichter auch entlegene Winkel und trugen die Kittelschürze zusammen mit dem letzten Schrei aus Paris während der Zwischenkriegszeit bis auf den fernsten Hof. Dabei ist der Kittel für die Frauen den traditionellen Arbeitskleidern der Männer abgeschaut und gibt dem neuen Outfit etwas Professionelles. Er verspricht Hygiene, Modernität – ein Image, das die Hausherrinnen gewiss auch mit der neuen Rolle in der Küche versöhnen soll, die Dienstbotenmangel und knappes Geld vielen aufzwangen. „Nein, die verführerischen Spitzenhauben und Morgenröcke sind nichts für sie“, schrieb 1923 die Mailänder „La Moda Illustrata“, ein Magazin für modeinteressierte Mittelschichtsfrauen, in einem Artikel über Hausbekleidung. Sobald Mann und Kinder aus dem Haus seien, werfe sich die moderne Frau in eine „bequeme, einhüllende Schürze, eine Art Krankenschwesternkittel“, die ihr auch erlaube, das Haus rasch einmal auf einen Einkauf zu verlassen. Schließlich sei die Schürze „immer sauber, weil waschbar“.

Das hat ihr, auf dem Land zumal, ein langes Überleben gesichert. Doch auch dort sieht man sie inzwischen seltener. Martha Kraus, 73-jährige Milchbäuerin aus dem badischen Kehl, hat sie früher gern rasch übergestreift, wenn sie vom Vieh kam und in die Molkerei musste. Zum Umziehen war selten Zeit, und der Kittel verbarg einigermaßen die Spuren von Mist und Heu. Doch auch auf dem Land, sagt Kraus, sieht man das Ding inzwischen seltener. Sie selbst hatte nie ein Faible für die Baumwolluniform, die ihre Schwägerin bis heute trägt. Schließlich habe sie schon ihre Mutter darin sehen müssen. Auch wenn bei der Feldarbeit oder beim Schlachten der Rundumschutz unverzichtbar war – „da haben wir immer Arbeitskittel getragen“ –, die Kittelschürze hat Martha Kraus vor dreißig Jahren an den Nagel gehängt: „Die war mir schon damals zu altbacken.“

Die Kittelschürze scheint endgültig aus der Mode gekommen zu sein. Schon Jahre vor der Frauenbewegung büßt die Hausfrau als Rollenmodell drastisch an Ansehen ein. Die Straßenfeger unter den Familienserien der ersten Fernsehjahre veralberten sie mehr oder weniger freundlich: die Frankfurter „Familie Hesselbach“ Anfang der Sechziger, wo Mamma den Gatten nur „Babba“ nannte, Inge Meysels mild bespöttelter Einsatz als Mutter der Nation in den „Unverbesserlichen“ bis hin zu Else Tetzlaff, die der tyrannische Spießer an ihrer Seite, das Ekel Alfred, als „dusselige Kuh“ beschimpfen durfte. Sie alle trugen Schürzen. Und wie sie sie trugen. Als gälte auch ein halbes Jahrhundert später noch, was im Ersten Weltkrieg die Zeitschrift „Neue Frauenkleidung und Frauenkultur“ verordnet hatte: „Die Kleidung der arbeitenden Frau hat niemals die Aufgabe, die Schönheit der Frau in dem Sinne zu heben, daß sie als weibliches Geschlechtswesen reizvoller und anziehender wird.“ Und gerade da, wo die Frauen mit fremden Männern in Kontakt kämen, solle sie „nicht allein Schutz gegen gesundheitsschädigende Einwirkungen der Arbeit und Schutz gegen Gefahr durch Maschinengetriebe bieten, sondern sie muß auch gewissermaßen einen sittlichen Schutz gewähren.“

Weiter südlich sah man das anders. Die Filmgeschichte Italiens ist voll von den erotischsten Kittelschürzen. Gina Lollobrigida trug sie, Sophia Loren und Anna Magnani trugen sie, und Silvana Mangano erschien 1949 in „Bitterer Reis“ zur Feldarbeit nicht nur in Shorts, sondern war auch immer wieder in der vestaglietta zu sehen. Es sind die Göttinnen des Neorealismo von Kriegsende bis Mitte der fünfziger Jahre, die außerhalb Italiens das – möglicherweise bis heute gültige – Bild der schönen Italienerin überhaupt erst geschaffen haben, meinen die Modehistorikerinnen Antonella Giannone und Patrizia Calefato. Und diese Göttinnen trugen Kittel. „Der häufige, Einsatz der Kittelschürze im italienischen Kino der Nachkriegszeit“, schreibt Elda Danese, Autorin der detailreichen und weltweit wohl einzigen Monografie über die Kittelschürze (La vestaglietta. Una storia tra erotismo e moda), „stand in starkem Gegensatz zu jenem Bild von Keimfreiheit und Effizienz, das die Medien der USA mit den schlichten Hauskleidern der vierziger und fünfziger Jahre verbanden.“

Eigentlich kein Wunder: Wie viel Sexappeal verströmt „Hoover“, und wer dächte bei Kittelschürze an anderes als Kohlgeruch und Kellerregale? Ganz anders die vestaglietta, wörtlich der „kleine Morgenmantel“, die schon dem Buchstaben nach Küche und Bett verknotet. Und der Neorealismo, der den Alltag der einfachen Leute vor die Kamera bringen wollte und dabei zwangsläufig auf den Kittel traf (Luchino Viscontis Kostümbildner konnte sich für „Bellissima“ mit Anna Magnani 1951 seine beschürzten Komparsinnen direkt von der Straße holen), profitierte von dessen Volkstümlichkeit ebenso wie von seinen erotischen Möglichkeiten. Leichter Stoff, nur ein paar Knöpfe und mühelos von vorn zu öffnen – wer weiß, warum die Italiener daraus großes Kino machten und es im deutschen Film nur zum Hausfrauenreport reichte?

Die Kittelschürze, anderswo zu sittlichem Schutz und entsprechender Keuschheit bestimmt, wurde im italienischen Film für etwa zwei Nachkriegsjahrzehnte das beliebteste erotische Requisit. Genützt hat es ihr nichts. Auch in Italien ist die Vestaglietta so gut wie verschwunden. Selbst auf dem Land, in der Ciociaria zwischen Rom und Neapel, wo Vittorio de Sica 1960 Moravias Kriegsroman „Und dennoch leben sie“ mit Sophia Loren im Schürzenkleid verfilmte, wird man der Vestaglietta nur noch mit Mühe begegnen. Wer sie trägt, ist reichlich über sechzig, Jüngere tragen zur Hausarbeit Sweatshirt und -hose, auch die jungen Frauen, die in den letzten Jahren aus Bulgarien oder Rumänien in die Bergdörfer zugezogen sind.

Nur im Film lebt die Kittelschürze weiter, sogar bis in die jüngste Zeit: In Almodóvars „Volver“ von 2006 sieht man Penelope Cruz’ Filmmutter Carmen Maura ausnahmslos darin; sie besitzt eine ahnsehnliche Kollektion Kittelschürzen – und offenbar kein anderes Kleidungsstück. Auch in „Irina Palm“ bekam der Kittel ein Jahr später eine tragende Rolle. Marianne Faithfull spielt eine Großmutter, die in einem Sexclub anheuert, damit sie ihrem Enkel eine lebenswichtige Operation finanzieren kann. Mit Kleenex und Kittel wappnet sie sich gegen die Zumutungen des neuen Jobs.

Alles retro: Die Hommages im Film helfen einem Stück Stoff nicht mehr, das nicht besser in die Jetztzeit zu passen scheint als Krinoline und Strumpfband. „Waschmaschinen und Fleece-Anzüge – von Fastfood und Mikrowellenherden gar nicht zu reden – haben eine 100 Jahre alte Schutzkleidung überflüssig gemacht“, schreibt Suzy Menkes, legendäre Modekritikerin der „Herald Tribune“. Demnach könnte der gute alte Kittel durchaus noch zu einem Revival jenseits des Kinos kommen – in der Mode beispielsweise. Die hat sich noch nie um Zweckdienlichkeiten und Notwendiges gekümmert. Als „Tigersprung in die Vergangenheit“, so Elda Danese, bedient sie sich aus dem Kleidersack früherer Generationen umso lieber, je weniger die abgelegten Teile noch praktisch verwertbar sind.

Für die Kittelschürze wäre das nicht das erste Comeback. Schon in den Siebziger Jahren, als sich ihre Krise gerade erst andeutete, schickte Diane von Fürstenberg ihre wrap dresses, Wickelkleider aus Jersey, auf den Laufsteg, die elegant den Hauskittel parodierten. Und seit der Jahrtausendwende kommen sie wieder – in den Kollektionen von Gucci, Prada, Missoni oder erneut von Diane von Fürstenberg. Wie überhaupt das Kleid zurück ist, Jahrtausendelang das weibliche Kleidungsstück schlechthin, bis es im 20. Jahrhundert seinen Platz für die Hose räumen musste. Ein paar Jahrzehnte emanzipierter Guerillakrieg, der mit Marlene Dietrich begann und mit dem skandalösen Auftritt des ersten Hosenanzugs 1970 im Bundestag (die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer trotzte damals einem Verbot des Parlamentsvizepräsidenten Richard Jäger) noch nicht zu Ende war.

Nun also die Kittelschürze. Seit kurzem sieht man sie wieder, auf Partys und gelegentlich auf der Straße, also zu Zeiten und an Orten, die Herbert Hoover sich nicht im Traum vorgestellt hätte. Die Mütter jener jungen Nachtschwärmerinnen haben den Kittel so konsequent verweigert, dass diese nicht einmal mehr ihren Namen, geschweige denn ihren schlechten Ruf kennen. Und so kann, wie so oft in der Mode, dem gründlichen Vergessen eine unbeschwerte Renaissance folgen.

Christoph Bauditz zum Beispiel, Buchhalter beim Ostprodukte-Versand im sachsen-anhaltinischen Tangermünde, ist sich sicher, dass unter den Kittelschürzen, die er Monat für Monat verkauft, auch „der ein oder andere Partyknaller“ ist. Schließlich sind sie zwar nur in einer Farbe, in dunklem Pink, zu bekommen, dafür aber in allen Größen. Und die verkauften sich auch alle, sagt Bauditz, vom Modelmaß 36 bis zur Matronengröße 60, „etwa zehn Stück pro Größe und Monat“. Der Kittel, ein echtes Ostalgieprodukt aus Dederon, der DDR-Kunstfaser, die einst der VEB „Chemiefaserkombinat Wilhelm Pieck“ produzierte, kostet in Tangermünde – wo auch Spreewälder Letscho zu haben ist oder Dosenöffner, wie die NVA sie schätzte – 19,50 Euro, verträgt Maschinenwäsche bei 40 Grad und sogar ein Bügeleisen. Anders als die großen Versandhäuser ist man in Tangermünde mit dem kleinen Boom zufrieden, den eine Allianz aus Metropolenmädchen und Landfrauen in Ost und West garantiert. Die Nachfrage jedenfalls, sagt Bauditz, „ist ungebrochen“.

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