Kuba : Entscheidung in der Schweinebucht

Geheimnisvolle Signale aus dem Äther: Damit beginnt 1961 der Versuch, Fidel Castros Regime auf Kuba zu stürzen. Doch die von den USA unterstützte Invasion gerät zum Fiasko.

Toni Keppeler
Fidel Castro, hier mit Brille in einem Panzer, auf dem Weg in die Schweinebucht.
Fidel Castro, hier mit Brille in einem Panzer, auf dem Weg in die Schweinebucht.Foto: ullstein bild - AP

Rosas Stimme war unwiderstehlich. Ihr rauhes und doch sanftes Timbre war ein einziges Versprechen, das lockend und irgendwie unerreichbar im Äther hing und lange nachhallte. Rosa war die Stimme von Radio Swan, einem von den USA finanzierten Propaganda-Sender, der Anfang der 60er Jahre von den Swan Inseln westlich der honduranischen Karibikküste aus Kuba erreichte; mit Musik, Nachrichten und hin und wieder auch kryptischen Durchsagen für die militante Opposition gegen die noch junge Regierung des Fidel Castro. Rosa war der Künstlername der Sprecherin. Bürgerlich hieß sie Clara Bilbao und war eher unpolitisch. Meist wusste sie nicht, was die seltsamen Nachrichten zu bedeuten hatten, die sie zu verlesen hatte.

Die wichtigste verschlüsselte Nachricht wurde am 15. April 1961 von Rosas Stimme nach Kuba getragen: „Achtung! Achtung! Achtung! Beobachtet genau den Regenbogen. Der erste wird sich bald zeigen. Der Junge ist zu Hause. Besucht ihn! Der Himmel ist blau. Hängt die Ankündigung an den Baum. Der Baum ist grün und voller Kamelien. Die Briefe sind gut angekommen. Die Briefe sind weiß. Der Fisch wird bald auftauchen. Der Fisch ist rot.“

Der rote Fisch kündigte der Opposition auf der Insel an, dass eine Invasionstruppe von Exilkubanern am frühen Morgen des 17. April 1961 angreifen werde. Gut 1500 schwerbewaffnete Kämpfer sollten in der Schweinebucht im Süden Kubas mit Booten auf die Strände von Playa Girón und Playa Larga laufen. Sie hatten fünf Panzer dabei und elf Lastwagen. Dazu Kanonen, Raketenwerfer, 9000 Gewehre und reichlich Munition. Fast gleichzeitig setzten Flugzeuge im Hinterland der Schweinebucht Fallschirmspringer ab.

Die Gegend war vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA als idealer Landungsplatz identifiziert worden. Ein Mangrovensumpf schneidet die Strände vom Hinterland ab. Damals lebten nur ein paar Fischer an der Küste, dahinter bevölkerten Millionen Krebse und tausende Krokodile den Sumpf. Nur eine Straße führt über einen Damm hindurch. Sie ist von einer glitschigen, nach altem Fisch stinkenden Schicht überzogen: verendete Krebse, die beim Überqueren der Fahrbahn zermalmt wurden.

Nach dem Plan der CIA sollte die in Kuba und im Exil rekrutierte Truppe vom nicaraguanischen Karibik-Hafen Puerto Cabezas kommend in die Schweinebucht einlaufen und den Zapata-Sumpf im Handstreich nehmen. Gleichzeitig sollte die durch die Nachricht vom roten Fisch informierte militante Opposition in den großen Städten der Insel mit Attentaten und Rebellionen für Unruhe sorgen und damit die Milizionäre von Castros Revolutionsregierung ablenken. Der Sumpf sei leicht zu verteidigen, dachten sich die Militärstrategen in Washington. Nach ein paar Tagen könne man eine von der CIA bereits zusammengestellte „Exil-Regierung“ in die Schweinebucht fliegen. Mehrere lateinamerikanische Staaten waren dazu überredet worden, diese Regierung sofort anzuerkennen. Sie sollte dann die Organisation Amerikanischer Staaten um Hilfe rufen. Eine internationale Interventionsmacht unter der Führung der USA hätte schließlich Schluss gemacht mit Fidel Castros Revolution.

Nach drei Tagen war die Attacke gescheitert, hier gefangene Exil-Kubaner.
Nach drei Tagen war die Attacke gescheitert, hier gefangene Exil-Kubaner.Foto: picture alliance / dpa

In der Theorie klang der Plan perfekt. In der Praxis aber wurde er – so sagt es der US-amerikanische Historiker Peter Kornbluh, Leiter des Archivs für Nationale Sicherheit an der Goerge Washington Universität – „der perfekte Reinfall und ein persönliches Desaster für Präsident John F. Kennedy.“

Es gab damals keine Aufstandsversuche in den Städten von Kuba. Dafür sorgte Rafael Francis Mestre, ein kleiner verschmitzt guckender Mann, der später Kubas erster schwarzer Minister wurde und gemeinsam mit Fidel Castro in einer Landreform die Großgrundbesitzer enteignete. Im April 1961 war er dafür zuständig, den zur Schweinebucht eilenden Milizionären den Rücken frei zu halten. Darauf ist er noch heute stolz: „Wir haben mit einem Angriff gerechnet und in sieben oder acht Stunden 20 000 Verdächtige verhaftet und in Stadien gebracht.“ Aber das sei nicht gewesen wie während der Militärdiktaturen in Chile oder Argentinien, als tausende Regimegegner in den Stadien gefoltert wurden. „Wir haben die Leute ordentlich behandelt und mit Lebensmitteln und Wasser versorgt“, sagt er fast entschuldigend. „Die meisten wurden nach ein paar Tagen wieder frei gelassen.“ Selbst Robert Reynolds, der damalige CIA-Chef in Miami, lobte Jahre später seine kubanischen Kollegen: „Das war eine beachtliche Leistung. Mein voller Respekt.“ Nach ein paar Tagen war alles vorbei.

Der Demokrat John F. Kennedy war nie begeistert gewesen von der Idee, Castro und sein revolutionäres Projekt mit einer Invasion aus der Welt zu schaffen. Er hatte den Plan von seinem republikanischen Vorgänger Dwight D. Eisenhower geerbt. Und weil Kennedy im Wahlkampf mit antikubanischen Sprüchen um sich geworfen hatte, glaubte er nun, nichts mehr aufhalten zu können. Als er ins Amt kam, hatte die CIA längst eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die fieberhaft an der Vorbereitung der Invasion werkelte. Der Präsident steckte in einem Dilemma. Die in die Schweinebucht geschickten Männer der Brigade mit der Decknummer 2506 mussten die Folgen tragen.

Luis Posada Carriles, der gefährlichste aller Castro-Gegner, erlebte die schnelle Niederlage frustriert aus der Ferne. Im Manuskript seiner Autobiografie erinnert er sich: „Man brachte uns in einer C-41-Maschine vom Militärflugplatz Opa Locka bei Miami ins Ausbildungslager nach Guatemala.“ Als er dort ankam, war die Brigade schon weg. Posada Carriles sollte zur Nachhut gehören. „Schnell übergab man uns die Waffen und zeigte uns, wie sie funktionieren. Aber als wir fertig zur Abfahrt waren, erreichten uns furchtbare Nachrichten.“

Posada Carriles schob die schnelle Niederlage auf die fehlende Unterstützung durch die US-Luftwaffe. Doch es war nicht nur die Lufthoheit, die Castros Truppen einen schnellen Sieg bescherte. Es waren vor allem tausende von freiwilligen Milizionären. Männer und Frauen wie die damals 17-jährige Norma Ferrer. „Als ich von der Invasion erfuhr, habe ich meine Miliz-Uniform aus dem Schrank geholt und bin gegangen“, erzählt sie. Es war für sie eine bare Selbstverständlichkeit. Angst hatte sie nicht. „Niemand ist darüber erschrocken, dass die Gringos kommen. Wir waren hundertprozentig sicher, dass wir gewinnen würden. Schließlich hat uns Fidel geführt.“

Norma Ferrer ist heute eine ältere Dame, bei einem starken Kaffee erzählt sie in ihrer kleinen Wohnung in Havanna ihre Geschichte. Wie sie mit acht Jahren begonnen hat, in einer Schuhfabrik zu arbeiten, weil es zu Hause „kein Essen mehr gab, wenn die letzte Mango vom Baum gefallen war.“ Mit 13 ging sie in die Sierra Maestra, wo Fidel Castro und seine damals noch kleine Guerilla den Kampf gegen die Diktatur von Fulgencio Batista aufgenommen hatten. Sie sagt, das sei ihr erster Entschluss als erwachsene Frau gewesen. „So, wie ich aufgewachsen bin, wird man schnell erwachsen.“

Auf Kuba demonstriert Fidel Castro, dass er Herr der Lage ist.
Auf Kuba demonstriert Fidel Castro, dass er Herr der Lage ist.Foto: Keystone / Keystone Pressedienst

Sie war Wächterin im Lager der Kommandantur und kannte all die großen Revolutionäre: Camilo Cienfuegos, Raúl Castro und natürlich Ernesto Ché Guevara. „Der Ché war der erste Arzt, der mich angefasst hat“, erinnert sie sich. „Er hat mir das Leben gerettet, damals, als ich Malaria hatte.“ Aber mehr noch als Guevara verehrt sie Fidel. „Ich habe über seinen Schlaf gewacht.“

Sie sagt das so sanft wie eine Mutter und wenn man ihr auf ihrem abgewetzten Sofa gegenüber sitzt, stellt man sich unwillkürlich vor, wie sie am Feldlager des noch jungen bärtigen Revolutionärs sitzt: Mit ihren großen rehbraunen Augen, die rötlich gefärbten Haare leicht derangiert und die üppig aufgetragene Schminke ein bisschen verschmiert. Aber so war das nicht. Norma Ferrer hatte damals keine Synthetik-Bluse mit großblumigem Muster an, sondern eine olivgrüne Uniform. Sie war keine Mutter, sondern fast noch ein Kind und Fidel 17 Jahre älter als sie.

In der Schweinebucht war für Guerilla-Romantik kein Platz. Zum ersten Mal sah Norma Ferrer dort Kanonen. Sie waren erst ein paar Monate vorher von der Tschechoslowakei geliefert worden. „Die Milizionäre hatten keine Kampferfahrung damit. Das waren Kinder,“ sagt sie selbst, „keiner älter als 17 Jahre“. Genau so alt, wie sie damals war. Aber die meisten waren Jungs, und auch im revolutionären Kuba galt die alte Rollenverteilung: „Ich sollte Holz sammeln und kochen für die Truppe.“ Sie wehrte sich und setzte durch, dass sie in San Blas Jagd auf Fallschirmspringer machen durfte.

Am frühen Morgen des 19. April besetzte sie zusammen mit anderen Milizionären San Blas. Sie bekam den Befehl, nach Playa Girón vorzurücken. Von der anderen Seite kamen Kolonnen, die bereits am Vortag die Invasoren in Playa Larga aufgerieben hatten. Die Reste der Brigade 2506 wurden in die Zange genommen. Norma Ferrer kam gerade noch rechtzeitig zur Kapitulation. Sie sah, wie lange Reihen von Männern mit erhobenen Händen abgeführt wurden. „Alle behaupteten, sie seien bloß Köche in der Truppe gewesen. Was sollten wir nur mit so vielen Köchen anfangen?“ Es war ihr 18. Geburtstag.

Natürlich kann sie auch Helden-Geschichten erzählen. Als wäre sie selbst dabei gewesen, schildert sie, wie Fidel von Playa Larga aus nach Girón zog. Wie seine Leibwächter ihn daran hindern wollten, sich in die Schlacht zu stürzen. Wie er sich einen Teufel darum scherte und auf den ersten Panzer stieg. Und wie er dann höchst persönlich mit einem einzigen satten Schuss das Trägerschiff „Houston“ versenkte, das draußen in der Schweinbucht lag.

Das ist Legende. Die „Houston“ wurde von einem Flugzeug versenkt. Aber Fidel Castro war dort. Es gibt Fotos, die zeigen, wie er auf einen Panzer steigt. Wie er über den Strand stapft. Wie er zu den siegreichen Milizionären spricht.

Wahr ist auch, dass nicht nur Castros Leibwächter, sondern der gesamte Führungszirkel der Revolutionäre verhindern wollte, dass der „Máximo Lider“ selbst in den Kampf eingreift. „Wir konnten uns damals alles leisten, nur keinen toten Fidel“, erinnert sich Rafael Francis Mestre.

Nach drei Tagen war die Invasionstruppe geschlagen. Auf der Seite der Verteidiger waren 152 Milizionäre gefallen. Auf der Seite der Invasoren gab es rund 200 Tote. 1197 kamen in Gefangenschaft und wurden später gegen Lebensmittel und Medikamente ausgetauscht. Elf Flugzeuge wurden abgeschossen, zwei Trägerschiffe und sieben Landungsboote versenkt. Kennedy schickte keine Hilfe. Als in der Schweinebucht schon geschossen wurde, stritt er immer noch öffentlich ab, damit auch nur irgend etwas zu tun zu haben. Die US-Armee beobachtete Kampf und Niederlage aus der Ferne.

Für Posada Carriles war die Niederlage der Beginn seiner Laufbahn als Terrorist. „Wir waren frustriert, mit einem tief sitzenden Schmerz im Herzen“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Aber wir waren an Waffen ausgebildet worden und im Umgang mit Sprengstoff. Wir hatten Feindaufklärung gelernt, Infiltration und verdeckte Aktionen. Die Niederlage in der Schweinebucht war uns Ansporn, den Kampf fortzusetzen.“ Der Exilkubaner war 1976 in Venezuela in ein Attentat auf ein Verkehrsflugzeug der staatlichen kubanischen Luftfahrtgesellschaft verwickelt, bei dem 73 Menschen getötet wurden. Ende der neunziger Jahre organisierte er eine Serie von Bombenattentaten auf Hotels und Tourismuseinrichtungen in Havanna. Drei Mal versuchte er, Castro zu ermorden. Er scheiterte jedes Mal. In den vergangenen Wochen stand er in El Paso in Texas vor Gericht. Nicht etwa wegen Terrorismus, sondern weil er bei seiner Einreise in die USA die Einwanderungsbehörde belogen haben soll. Es sah schon so aus, als solle der inzwischen 83-Jährige den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Doch vor zehn Tagen haben ihn die Geschworenen freigesprochen. Seine Reaktion darauf: „Der Kampf geht weiter.“

Rafael Francis Mestre wurde für ein paar Jahre Agrarminister und hat dann bis über sein 80. Lebensjahr hinaus einen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb geleitet. Er lebt in einem bescheidenen Haus im Westen von Havanna, wo er gerne und lebhaft bei einer Flasche Rum über die Zukunft des Sozialismus diskutiert. Er war lange vor Fidel Castro überzeugter Kommunist und wird es wohl bleiben.

Norma Ferrer hat nach der Schlacht in der Schweinebucht Bauern das Lesen und Schreiben beigebracht und wurde dann Lehrerin in Havanna. Heute ist sie pensioniert. Bisweilen aber geht sie noch immer in die Schule und erzählt den Kindern im Unterricht ihre Geschichte von der Armut in ihrer Kindheit und der Guerilla in den Bergen, vom Kampf um Playa Girón und natürlich von ihrem Fidel, den sie bis heute tief verehrt.

Fidel Castro hat als Staatschef acht US-Präsidenten überlebt und dieses Amt erst 2006 nach einer schweren Darmkrankheit an seinen Bruder Raúl weitergereicht. Vorsitzender der Kommunistischen Partei Kubas – und das ist die eigentliche Machtzentrale auf der Insel – ist er bis heute. Derzeit aber tagt der mehrfach und um Jahre verschobene Parteikongress, und man geht davon aus, dass Fidel Castro 50 Jahre nach seinem Sieg in der Schweinebucht nun auch sein letztes politisches Amt abgeben wird. Aber er redet noch immer.

Rosas Stimme dagegen ist schon lange verstummt. Radio Swan wurde später in Radio Americas umbenannt und stellte im Mai 1968 den Betrieb ein. Die Spur der Sprecherin Clara Bilbao hat sich verloren.

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