Kurzgeschichten : In einem Rutsch

Sie verkauft sich nicht, sagen die Verlage. Sie ist besser als das Leben, sagen die Autoren. Eine Liebeserklärung an die Kurzgeschichte.

Andreas Schäfer
Gespenster
Jessica Schwarz und Brigitte Hobmeier (hinten Janek Rieke) in Martin Gypkens Film "Nichts als Gespenster", der sechs...Foto: promo

Was ist eine Kurzgeschichte? Gut, man kann das Phänomen äußerlich eingrenzen: Eine Kurzgeschichte ist kein Roman, weil sie – logisch – wesentlich kürzer ist. Auch von der Novelle unterscheidet sie sich. Die Handlung einer Kurzgeschichte muss sich nicht, wie Goethe es von der Novelle verlangte, um ein „unerhörtes Ereignis“ zentrieren. Es muss darin auch nicht, wie von Paul Heyse in seiner berühmten „Falkentheorie“ gefordert, ein sogenanntes Dingsymbol auftauchen, dessen Magnetkraft so stark ist, dass es einen Eindruck von Dichte und Geschlossenheit vermittelt.

Nein, im Gegensatz zur gefesselten Novelle genießt die Kurzgeschichte eine unerhörte Freiheit. Sie kann erzählen wovon und vor allem wie sie will. Mit oder ohne abschließende Pointe. Mit atemlos kurzer (F.Scott Fitzgerald), raffiniert langer (Alice Munro) oder gar keiner Exposition (Raymond Carver). Die Freiheit der Kurzgeschichte geht so weit, dass eine Kurzgeschichte auch verhältnismäßig lang sein kann – die Grenzen zur Erzählung sind fließend. Nur eines sollte sie unbedingt sein: in einem Rutsch zu lesen. Oder wie Edgar Allen Poe, einer ihrer Erfinder schon 1846 empfohlen hat: „at one sitting“.

Freilich ist damit noch so gut wie nichts über das Allerwichtigste einer guten Kurzgeschichte gesagt: über ihre intensive, ihre ungeheuerliche Wirkung, über das Pulsieren unter jedem Satz und die Abgründe zwischen den Zeilen.

Fangen wir also von vorn an.

Wie arbeitet eine Kurzgeschichte? Dafür schlagen wir den soeben erschienenen Band „Die erste Person“ der 1962 geborenen schottischen Autorin Ali Smith auf. Die müsste es eigentlich wissen, denn Ali Smith hat bisher neben drei Romanen auch vier Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Die erste Geschichte heißt „Wahre Kurzgeschichte“ und beginnt wie ein dreckiger Witz. Die Erzählerin hört in einem Café zufällig das Gespräch zweier Männer mit. „Sie unterhielten sich über Literatur, und das interessiert mich zufällig, obwohl es viele Leute ja nicht interessiert. Der junge Mann sprach über den Unterschied zwischen dem Roman und der Kurzgeschichte. Der Roman, sagte er, sei eine schlappe, alte Hure. Eine schlappe alte Hure!, sagte der Ältere und riss erheitert die Augen auf. Sie stehe zu Diensten, sei gemütlich und warm, man kenne sie, sagte der Jüngere, aber eigentlich sei sie ein bisschen verbraucht, eigentlich ein bisschen zu träge und ausgeleiert. ... Im Vergleich dazu sei die Kurzgeschichte eine gewandte Göttin, eine schlanke Nymphe. Weil so wenige die Kurzgeschichte gemeistert hätten, sei sie immer noch ganz gut in Form.“

Die Erzählerin ruft, noch im Café sitzend, ihre Freundin Kasia an, eine Spezialistin in Sachen Kurzgeschichte, und fragt im gleichen lockeren Ton: „Hör mal. Ist die Kurzgeschichte eine Göttin und eine Nymphe, und ist der Roman eine alte Hure?“ Kasia ist verdutzt. „Eine alte Hure, à la Dickens vielleicht, sagte ich. ... Und ist die Kurzgeschichte eher wie Prinzessin Diana?“ Kasia verspricht, darüber nachzudenken. „Dann habe ich hier wenigstens was zu tun.“ Mit diesem Satz beginnt die virtuose und berührende Geschichte ein zweites Mal, taucht von der etwas manierierten Ebene der Selbstbezüglichkeit ins wirkliche Leben hinab und treibt ein immer böser werdendes Spiel mit dem Ausdruck „gut in Form“.

Denn Kasia selbst ist gerade nicht so gut in Form. Oder vielleicht doch? Sie liegt mit Krebs im Krankenhaus und muss eine Chemotherapie über sich ergehen lassen. Und während Kasia mit der Angstblütenfantasie der Sterbenskranken immer absurdere Antworten zur Nymphenhaftigkeit der Kurzgeschichte aus dem Ärmel zaubert, erzählt Ali von Kasias Krankheitsverlauf und davon, dass sie sich ein bestimmtes überteuertes Medikament nicht leisten kann.

Zwischendurch zitiert sie Kurzgeschichtendefinitionen anderer Schriftsteller: „Franz Kafka sagt, die Kurzgeschichte ist ein Vogel, der einen Käfig sucht. ... Nadine Gordimer sagt, in Kurzgeschichten geht es ganz und gar um den gegenwärtigen Moment, so wie Glühwürmchen da und dort aufleuchten ... William Carlos Williams sagt, die Kurzgeschichte wirkt wie die Flamme eines im Dunkeln entzündeten Streichholzes, sie ist die einzige Form, in der sich die Kürze, die Gebrochenheit und die gleichzeitige Ganzheit des Lebens der Menschen darstellen lassen.“ Und was sagt Walter Benjamin? „Walter Benjamin sagt, Kurzgeschichten sind stärker als der wirkliche gelebte Moment, weil sie den wirklichen gelebten Moment auch noch zum Leben erwecken können, wenn der wirkliche gelebte Moment tot ist.“

Vor dem Hintergrund von Kasias Todeskrankheit bekommen diese Worte natürlich eine zusätzliche, bittere Bedeutung. In einem gleichermaßen furiosen wie lakonischen Ende führt Smith schließlich die beiden Erzählebenen zusammen. Ob Kasia überlebt, bleibt offen, aber ihr nassforscher Mut, ihre Neigung „den Mund aufzumachen“, haben immerhin dazu geführt, dass das Medikament billiger wurde. „Wann also ist die Kurzgeschichte wie eine Nymphe? Wenn ihr Echo widerhallt.“

Eine gute Kurzgeschichte erklärt sich also immer auch selbst, zeigt ihre Mittel vor, ohne etwas von ihrer Wirkung einzubüßen. Der pure Augenblick. Aber man kann das Leben nur aus seinem Kontinuum lösen, in dem man es in einer Fassung bindet, die unsichtbar und sichtbar zugleich ist. Aus einer guten Kurzgeschichte leuchtet einem zwar nicht das reine Leben – dafür aber das Wunder der Literatur rein entgegen. Deshalb wird, wer einmal angefangen hat Kurzgeschichten zu lesen, es immer wieder tun.

Als jemand, der Kurzgeschichten liebt, kann man zum Beispiel großartige Gespräche mit professionellen Buchmenschen führen. Jeder gute Lektor aus einem ernst zu nehmendem deutschsprachigen Verlag liebt gute Kurzgeschichten. Nur wenn es darum geht, welche herauszugeben, verfällt der Lektor in hysterisches Kichern oder entsetztes Schweigen. Er weiß, dass Verlagsvertreter auf Kurzgeschichtenbände eher schlecht gelaunt reagieren, weil sie wiederum wissen, dass den meisten Buchhändlern schon bei Aussprache des Wortes Kurzgeschichte sofort die Augen zufallen. Denn der Durchschnittsleser und -käufer bevorzugt – Nymphe hin oder her – das Kuschelbett der Romans.

Um es vorsichtig zu formulieren: Kurzgeschichten verkaufen sich eher schleppend. Ausnahmen wie die Bände von Judith Hermann oder aktuell Ferdinand von Schirach bestätigen da nur die Regel. Natürlich verlegen die meisten Verlage auch die Kurzgeschichten ihrer langjährigen Autoren. Es gibt aber auch welche, die – wie man hört – ihre Autoren eher vor die Tür setzen als einen Band mit Erzählungen zu publizieren. Andere drucken auf einen Kurzgeschichtenband das Zauberwort Roman unter den Titel und fabulieren im Klappentext etwas vom romanhaften Zusammenhang, nur weil die Nebenfigur einer Geschichte in einer späteren zur Hauptfigur mutiert.

Und was steht auf Judith Hermanns neuem Buch? „Alice“. Keine Gattungsbezeichnung, nirgends. Wenn man selbst bei Bestsellerautoren das K-Wort scheut, muss die Angst wirklich groß sein.

Umso dankbarer (und jedes Mal mit inneren Jubel!) nimmt man zur Kenntnis, dass seit einigen Jahren doch vermehrt Kurzgeschichten und Erzählungen in den Buchhandlungen ausliegen – allerdings stammen die meisten Autoren aus England oder Amerika. Die Hintertür, durch die diese Bücher doch den Weg in die Auslagen finden, trägt die Aufschrift „Klassiker“. Das begann vor zehn Jahren mit der Wiederentdeckung von Raymond Carver durch den Berlin Verlag. Danach hat die Deutsche Verlagsanstalt uns die großartigen Erzählungen und Romane von Richard Yates geschenkt. Und der Göttinger Steidl Verlag bringt die Geschichten von Maeve Brennan heraus, einer psychisch labilen Schriftstellerin und Glamourjournalistin, die ihre Stories einst im „New Yorker“ veröffentlichte, bevor sie ihre letzten Jahre als eine Art Hausgespenst der Zeitschrift in einem Kabuff neben der Toilette verbrachte.

Jeden Herbst, wenn das Geraune um den Literaturnobelpreis anhebt, fällt auch der Name der inzwischen fast 80-jährigen Kanadierin Alice Munro, ohne Zweifel die Königin der gegenwärtigen Kurzgeschichtenkunst, deren Meisterschaft man dank des S.Fischer Verlages auch auf Deutsch bewundern kann. Die letzte Neuentdeckung heißt Martha Gellhorn. Der kleine feine Schweizer Dörlemann Verlag hat sie ausgegraben und schon drei Bände mit makellosen Erzählungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren veröffentlicht. Gellhorn starb 1998 auf eigenen Wunsch. Zeit ihres Lebens war sie weniger als Schriftstellerin denn als Kriegsreporterin bekannt – und als Ehefrau von Ernest Hemingway, dem sie 1937 in den Spanischen Bürgerkrieg folgte.

Warum deutschsprachige Verlage lieber angelsächsische Autoren veröffentlichen, liegt spätestens auf der Hand, sobald der Name des Superklassikers Hemingway fällt. Die Kurzgeschichte als solche ist eben eine angelsächsische Erfindung und als solche gilt die englischsprachige Variante als interessanter und auch besser. Durch ihre Zeilen scheint noch immer ein anderer Wind zu wehen. Ein deutscher Kurzgeschichtenband wird gern als notwendiges Übel zwischen zwei Romanen betrachtet, ein amerikanischer ist viel mehr. Er ist ein Versprechen.

Als der Begriff der Kurzgeschichte gegen 1900 zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auftauchte, hatte man einfach die short story übersetzt, wie man die Schauer- und Gruselgeschichten von Poe oder die kurzen Erzählungen Rudygard Kiplings nannte. Kaum als solche begrifflich existent, geriet die deutsche Kurzgeschichte hierzulande schnell wieder in Verruf, als harmlose Feuilletonanekdote oder der „Unterhaltung dienendes Geschichtchen“, mit denen man die Seiten in Familienblättern füllte.

Erst nach 1945 entwickelte sich die Kurzgeschichte hierzulande zur Kunstform, die diesen Namen auch verdient. Zum einen nahm man jetzt erst die Bücher amerikanischer Autoren wie William Faulkner, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald wahr, atemberaubende Geschichten aus den roaring twenties voller Musik und alkoholberauschter Parties unerhört reicher Menschen. Eine ganze deutschsprachige Jungautorengeneration war nach 1945 wie besoffen von der Sprachkraft und Kunst des Andeutens, vom existentiellen Ernst und jener Aura der Lässigkeit, die selbst das Zugrundegehen noch verströmte (nachzulesen in Anthologien wie „Junges Amerika“ oder der Zeitschrift „Story“). Außerdem passten Lakonie und kurze Form, das Ausschnitthafte und der als Offenbarung empfundene pointenlose Schluss zur Nachkriegszerstörtheit, zur stammelnden Ohnmacht der Heimkehrer, zur Wucht des Kahlschlags. Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Marieluise Fleißer, Luise Rinser schrieben Kurzgeschichten. 1949 erschien, herausgegeben von Wolfgang Weyrauch, die Anthologie „Tausend Gramm“, die allerdings nicht nur Begeisterung auslöste: Elisabeth Langgässer warf den Autoren Epigonentum und eine schon zur Manier gewordene, falsch verstandene Lakonie vor. Sie ließen nicht nur das Überflüssige, sondern auch gleich die Kunst weg, hieß es.

Trotzdem: Die Kurzgeschichte erlebte über zwei Jahrzehnte eine Blüte. Wolfgang Hildesheimer, Arno Schmidt, Siegfried Lenz, Gabriele Wohmann veröffentlichten Sammelbände. Die Kriegserfahrung rückte in den Hintergrund, stattdessen wurde Gesellschaft kritisiert, gern auch mit satirischen Mitteln. Doch Mitte der sechziger Jahre war erneut Schluss. Wolfdietrich Schnurre sprach von einer „Krise der Kurzgeschichte“, Martin Walser warb 1964 in einer „winzigen Theorie der Geschichte“ für den Einsatz der Fantasie beim Erzählen – allerdings zwecklos. Die Tendenz ging hin zum Dokumentarischen und zum Experiment. Und natürlich zur „epischen Geborgenheit des Romans“ (Schnurre). Als die Zeit des Dokumentarischen dann wieder vorbei war, hießen kurze Texte nicht mehr Kurzgeschichten, sondern für lange, lange Zeit nur noch Prosa.

Herbst 2009. Der tapfere Kiepenheuer & Witsch-Verlag bringt gleich zwei deutschsprachige Erzählbände heraus, „Lässliche Todsünden“ von Eva Menasse und „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ von Alois Hotschnig. Bei Suhrkamp erstrahlen monolithisch und im Schimmer düsterer Brillanz die „Zeitwaage“-Erzählungen von Lutz Seiler. Und sonst? Nehmen wir gern mit den Angelsachsen vorlieb und etwa den wunderbaren Band „Benvolio“ von Henry James aus der Manesse Bibliothek zur Hand. Geschichten, die fast so alt sind wie die von Edgar Allen Poe. Hochmoderne Gefühlsdramen, Liebesirrtümer, feinziselierter Emotionsnachvollzug das Leben verpassender Oberschichten-Ostküstler. Etwas blutleer, aber von köstlicher Virtuosität. Oder verschlingen den im Dumont Verlag erschienenen Band „Der Schwimmer“ des Klassikers John Cheever. Echte amerikanische Vorort-Erzählungen aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren mit allem, was dazugehört: Pendlerzuganonymität versus trügerische Bungalowbehaglichkeit mit Panoramafenster. Gläserklirren am Pool. Ehen, die wortlos auseinanderdriften. Nachbarn, die einen nicht mehr wiedererkennen, und der Trost des tosenden Meeres. Satzstafetten von bestechender Schönheit und Figurenzeichnungen, vor deren Ökonomie man nur auf die Knie gehen kann.

Just schleppt der Postbote das Kurzgeschichtenereignis der Saison heran: Eine Kassette mit den gesammelten Erzählungen von F. Scott Fitzgerald. Vier leinengebundene Bände, knapp 3000 Seiten, 93 Geschichten, davon 27 deutsche Erstveröffentlichungen. Schlagen wir den ersten Band dieses Editionswunders aus dem Schweizer Diogenes Verlag einmal auf: Die Geschichte heißt „Die intimen Fremden“ und beginnt so: „War sie glücklich? Ihre Strandschuhe fühlten sich auf den Klavierpedalen eigenartig an; der Wind blies vom Sund herüber durch die offene Verandatür herein, blies ihr eine Locke übers Auge, blies auf die gewagt entblößten Knie über knallblauen Socken. Man schrieb das Jahr 1914.“

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