Geschichte : Nachrichten

Als der Vorsitzende Richter das Urteil verkündet, bricht im völlig überfüllten Zuhörersaal Jubel aus. Der Richter mahnt energisch zur Ruhe, der Angeklagte quittiert seinen Freispruch – wie die „Vossische Zeitung“ bemerkt – „mit freudigem Augenaufleuchten“. Paul Krantz, der sich wegen gemeinsamen Mordes und der Verabredung zum Mord zu verantworten hatte, wird nach einem halben Jahr Gefängnis entlassen.

Die drei Wochen, die er für unerlaubten Waffenbesitz bekommt, sind mit der Untersuchungshaft verbüßt, in allen übrigen Punkten der Anklage aber, so hat das Schwurgericht nach vierstündiger Beratung befunden, ist er unschuldig.

Krantz ist zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt, ein blasser Oberschüler mit dürrem Körper und hoher Stirn. Hunderte Menschen haben sich vor dem Moabiter Landgericht versammelt, um ihn zu feiern. Doch der Freigesprochene zieht es vor, das Gebäude zusammen mit seinen Eltern unbemerkt durch einen Seitenausgang zu verlassen.

So endet vor 80 Jahren, am 20. Februar 1928, einer der spektakulärsten Prozesse der Weimarer Republik. Der Fall ging als „Steglitzer Schülertragödie“ in die Geschichte ein, bis heute beflügelt er die Fantasie von Autoren und Filmemachern. Schon 1929 kam eine erste Filmversion des Dramas unter dem Titel „Geschminkte Jugend“ in die Kinos, die dritte und vorerst letzte Fassung mit Daniel Brühl, August Diehl und Anna Maria Mühe in den Hauptrollen fragte 2003 poetisch herb: „Was nützt die Liebe in Gedanken?“

Der Fall ereignete sich im Sommer 1927. Am Morgen des 28. Juni war die Polizei in die Wohnung der Familie Scheller in der Albrechtstraße 72 c in Berlin-Steglitz gerufen worden. Im Schlafzimmer fanden die Beamten zwei Leichen: den Oberprimaner Günther Scheller , 19 Jahre, und den Kochlehrling Hans Stephan, 18. Schellers Eltern, gut situierte Kaufleute, waren für ein paar Tage nach Schweden verreist. Außerdem trafen die Polizisten in der Wohnung auf Hilde Scheller, 16, die Schwester des toten Günther, und Paul Krantz. Sie wurden zunächst auf der lokalen Wache verhört und dann in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht. Hilde soll dabei, so sagte es vor Gericht Berlins Vizepolizeipräsident Bernhard Weiß, „eine ganz unverständliche Haltung“ eingenommen haben, sie zeigte sich unerschüttert und trat „liebenswürdig, lächelnd“ auf.

Während die Polizei noch versuchte, die Ereignisse zu rekonstruieren, war in den Zeitungen bereits von einer „Tragödie der 19-Jährigen“ und „krankhaften Motiven“ die Rede. Die beiden Todesfälle waren offenbar das Ergebnis von Eifersucht und eines entgleisten Trinkgelages. Günther Scheller und Paul Krantz hatten sich in der Todesnacht im väterlichen Weinkeller bedient. Und während sich Hilde mit Hans Stephan ins Schlafzimmer zurückzog, beschlossen die beiden Jungs bei Obstwein und Likör einen „Selbstmordpakt“. Paul war unglücklich, weil Hilde ihn für den Kochlehrling verlassen hatte. Günther fühlte sich ursprünglich zu Hans hingezogen, jetzt hasste er ihn. Er sollte ihn töten, Paul anschließend Günther, Hilde und sich selbst umbringen.

Paul besaß einen Revolver, den er von einem Mitschüler bekommen hatte. In der Nacht gab Paul die Waffe Günther. Ein paar Stunden später, gegen sieben Uhr am Morgen, erfüllte der damit seinen Teil der Verabredung, anschließend erschoss er sich selbst. Paul aber ließ sich von Hilde die Pistole abnehmen. Er wartete auf die Polizei und ließ sich widerstandslos verhaften. „So eine Waffe ist was Glänzendes. Ein gesundes Gefühl, sie so herumzutragen. Man kann sie streicheln, wenn die anderen sprechen“, sollte er später schreiben.

Die Schüsse in der Steglitzer Albrechtstraße alarmierten eine ganze Nation. Auf drastische Art signalisierten sie der Erwachsenenwelt, wie wenig sie über ihre eigenen Kinder wussten. Diese Kinder hatten Sex schon vor der Ehe, sie pflegten einen lockeren Umgang mit Drogen, und ihre Weltsicht war dunkel bis nihilistisch. Es waren gewissermaßen No-future- Kids, nur dass sie Pennälermützen und Strickkleider trugen.

Geboren in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, hatten die Jugendlichen den rasanten Sturz von Werten und Ordnungen der alten Art erlebt. Der Krieg ging verloren, der Kaiser verschwand, es folgten bürgerkriegsartige Unruhen und die Inflation. Ihre Erfahrungen machten die Kinder des Ersten Weltkriegs anfällig für Extremismus. In ihrer latenten Gewaltbereitschaft sah der Publizist Sebastian Haffner, selber 1907 geboren, die „Wurzel des Nazismus“.

Die Steglitzer Schülertragödie entfachte 1927/28 eine Debatte über den „sittlichen Verfall der Jugend“, vergleichbar jener nach den Amokläufen jugendlicher Attentäter heute. In seiner Urteilsbegründung befand Landgerichtsdirektor Dust, der Prozess habe gezeigt, „zu welch entsetzlichen Folgen es führen kann, wenn jugendlichen Gemütern bei ihrem äußeren Wirken und bei der Selbstzucht jede Führung fehlt“. „Sowohl im Elternhaus wie in der Schule“ müsse jungen Menschen „Pflichtbewusstsein in Verbindung mit Willensstärke“ beigebracht werden. Markige Forderungen, aus denen vor allem eines spricht: Hilflosigkeit.

Blätter wie die „Berliner Morgenpost“ und die „Vossische Zeitung“ machten jeden Tag mit dem Prozess um die „wirre, triebhafte Bluttat“ auf, brachten Abhandlungen über „die sexuelle Not der Unerwachsenen“ und druckten Zeugenbefragungen im Wortlaut. Mehrere Ministerien, Schulbehörden und Jugendämter hatten Beobachter ins Gericht geschickt, zur Phalanx der aufgebotenen Sachverständigen gehörte auch der Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Das Verfahren stieß auf weltweites Interesse, im Moabiter Zuschauerraum saß sogar eine japanische Studienkommission mit dem Präsidenten des Obergerichts von Tokio an der Spitze.

Die siebentägige Verhandlung vor dem Schöffengericht geriet zum Schauspiel, besonders die Hauptzeugin Hilde Scheller erregte die Fantasie des Publikums. Ihre Liason mit Krantz hatte das Unheil ins Rollen gebracht, sie war es, die unmittelbar nach den Schüssen im elterlichen Schlafzimmer die beiden Jungen fand, einen tot, den anderen sterbend. Paul Krantz hatte Hilde durch ihren Bruder als Zehntklässlerin des Mariendorfer Lyzeums kennen gelernt. Sie wird als „so ungewöhnlich hübsches Mädchen“ beschrieben, „dass es gewiss zahllosen Verführungen ausgesetzt war“ („Berliner Morgenpost“). Fotos zeigen eine attraktive Brünette mit markanten Brauen und Pagenkopf.

Den Tag vor den Schüssen hatten die Jugendlichen ausgelassen in Mahlow verbracht, wo die Schellers wenige Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze ein Sommerhaus besaßen. Dort waren Paul und Hilde einander näher gekommen – wie nahe, die Frage stand im Mittelpunkt des Kreuzverhörs. Hilde Scheller: „Ich kam mit einer Freundin vom Tanz. Zu Haus war ich schon halb eingeschlafen, da fiel mir ein, ich musste noch zu Paul und ihm eine Decke bringen. Die habe ich ihm gebracht und wir haben uns dabei geküsst.“ – Vorsitzender: „War das verabredet?“ – Hilde: „Nein.“ – Vorsitzender: „Haben Sie bei dem Besuch an etwas Besonderes gedacht?“ – Hilde: „Ich habe nur ans Küssen gedacht.“ – Vorsitzender: „Ist es beim Küssen geblieben?“ – Hilde: „Es ist zu keinem Verkehr gekommen, als ich merkte, dass er etwas wollte, habe ich ihn weg gestoßen.“

„Vier Stunden Vorlesung über weibliche Psychologie“, schrieb Paul Schlesinger, unter dem Pseudonym Sling berühmter Gerichtsreporter der Weimarer Republik. Man könnte auch von einem aufgezwungenen Seelen-Striptease sprechen. Darauf reagierte sogar der Reichstag. Die Deutschnationale Volkspartei sprach von einem „Justiz-Skandal“ und beantragte einen neuen Paragraphen für das Pressegesetz: „Prozessberichte, die geeignet sind, das Geschlechtsgefühl der Jugend zu überreizen oder irrezuleiten, sind verboten.“ Der Antrag wurde abgelehnt.

Paul Krantz und Hildes Bruder Günther Scheller waren ein ungleiches Paar. Der aus einfachsten Verhältnissen stammende Krantz wurde von seiner Mutter vor Gericht als „lieber, guter Junge und sehr weich“ geschildert. „Es scheint, dass der junge Scheller der Stärkere und Entschlusskräftigere von den beiden war“, urteilte die Morgenpost. „Hass war das einzige Motiv seiner Tat“. Scheller wuchs in einem Haushalt mit Dienstmädchen auf und ist von den Eltern offenbar schon früh für künftige Führungsaufgaben vorgesehen. Um „Autofahren zu lernen“ erlaubte ihm der Vater, den Unterricht zu schwänzen und nach Paris zu fahren. Stattdessen ging die Reise in Begleitung eines schwulen Verehrers nach Hamburg. In erotischen Dingen ist Günther nicht festgelegt, er interessiert sich für Frauen und Männer, so auch für Hans Stephan, der sich dann aber der Schwester zuwendet. Als Kind, auch das wird vor Gericht enthüllt, tauschte Günther gerne mit seiner Schwester die Kleider, später schminkt und frisiert er sich schon mal und besucht als Frau das Mahlower Damenbad.

Fortschrittsutopien und Wandervogelromantik prägten die 20er Jahre. Weil ihn ein Mädchen verlassen hatte, plante Krantz Jahre vor der Steglitzer Tragödie mit einem Mitschüler die Flucht. Sie wollten mit 100 Mark Reisegeld die Donau entlang nach Konstantinopel fahren und von dort nach Amerika gelangen. Da sie keine Pässe hatten, endete die Reise schon in Passau. Die Freunde liefen zu Fuß nach München und waren sechs Wochen später zurück in der Mariendorfer Schule.

Paul Krantz, 1909 als ältestes von vier Kindern geboren, ist der Sohn eines Kaffeehaus-Musikers, groß wurde er im proletarischen Milieu. Arbeitslosigkeit und Massenelend erreichten in der Weimarer Republik Rekorde, doch es gab durchaus Aufstiegschancen. Seine Lehrer erkannten Krantz’ Begabung, er erhielt ein Stipendium und machte nach dem Prozess sein Abitur. Nach anfänglichen Sympathien für die Völkisch-Nationalen schlug er sich auf die Seite der Linken. Anfang der dreißiger Jahre begann er auf Einladung von Siegfried Kracauer für die „Frankfurter Zeitung“ zu schreiben, seine Promotion musste er 1933 nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten abbrechen. Krantz emigrierte in die USA und avancierte dort zum Literaturprofessor.

Im Roman „Die Mietskaserne“, der 1931 erschien und 1933 von den Nazis verbrannt wurde, hat er unter dem Pseudonym Ernst Erich Noth seine Kindheit und Jugend beschrieben. „Die gemeinsame Not schließt die Familie nicht zusammen“, heißt es im lakonischen Ton der Neuen Sachlichkeit. „In haltlosen Ausbrüchen geht man aufeinander los.“ Der Vater trinkt und verprügelt seine Kinder. Und der Sohn klaut im Gymnasium das Schulbrot eines reichen Mitschülers. „Wie gut das tut, wenn der fette Schinken schmeichelnd durch die Kehle gleitet. So gut, so gut!“

Auch im Buch kulminiert die Pubertät des Helden in einer unglücklichen Affäre mit einem jüngeren Mädchen und im „Selbstmordpakt“ mit einem Freund. Doch hier erschießt sich nur der Freund. Das Mädchen betrügt den Helden, nicht mit einem Koch, sondern mit einem Boxer, am Ende will sie ihn wiedersehen. Der Held, von der Liebe gleichsam geheilt wie von einer Krankheit, zerreißt ihren Brief.

Hilde Scheller hatte sich ursprünglich nichts aus Paul Krantz, dem spröden Freund ihres Bruders, gemacht. Dann aber sagte ihre Freundin Ellinor Ratti, „Paul mache sehr schöne Gedichte und könne sich überhaupt sehr gut mit Mädchen unterhalten“. Der Dichter Klabund war mit seiner reimlosen Lyrik Krantz’ Idol. In der „Mietskaserne“ heißt es wütend: „Unser Gefühl soll den Spießern in die Fresse schlagen.“ Ein Gedicht hat sich erhalten, dass er Hilde gewidmet hatte: „Die wilde Glut in deinen Küssen / Entfachte meine Leidenschaft. / Nun bin ich dein mit aller Kraft / Und werd es bitter büßen müssen.“ Krantz stilisiert seine Angebetete zur Femme fatale.

Liebe und Tod gehören in dieser lyrischen Logik zusammen, aber eigentlich hat der Autor sich den Zusammenhang nur angelesen. Ein anderes Gedicht erscheint in seiner blutigen Drastik prophetisch: „Auf dem Boden liegt die Leiche / Meines Freundes Robert Krause. / Aus der Wunde sickert langsam / Rotes Blut zur grauen Erde. / Neben ihm sitzt stieren Blickes / Er, der ihn gemordet hat. / Es verglimmt die Zigarette / Zitternd in der Mörderhand.“

Zum Täter wurde Paul Krantz nur auf dem Papier. Die „wilde Glut“ seiner Leidenschaft nimmt man dem 19-Jährigen genauso wenig ab wie eine „zitternde Mörderhand“. Aber ein wenig erinnern die Unerbittlichkeit und Lebensverachtung seiner Texte an die Bekennerschreiben, mit denen heute pubertäre Amokläufer ihre Taten im Internet ankündigen. „Krantz war ein gestauter Mensch, der sich befreien musste“, befand der Psychologe Ernst Goldbeck als Sachverständiger im Prozess. Ähnliches ließe sich auch über Günther Scheller sagen. Bloß dass er, anders als Krantz, auch bereit war, zu töten – erst Hans Stephan und dann sich selbst.

„Bitte nehmen Sie mir nicht die Möglichkeit, als Mann wiedergutzumachen, was ich in meiner Jugend moralisch gefehlt habe“, bat Paul Krantz in seinem Schlusswort das Gericht.

20 Jahre später ließ er sich das Schriftstellerpseudonym Ernst Erich Noth in seinen Pass eintragen, als er 1948 die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Auch als er 1971 nach Deutschland zurückkehrte und Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde, nannte Krantz sich weiter Noth. Er starb 1983. Mit der Steglitzer Schülertragödie wollte er als Erwachsener wohl nichts mehr zu tun haben.

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