Nazivergleich : Jeder ein Hitler

Der Nazivergleich: Mal banalisiert er das Original, mal dämonisiert er die Vergleichsperson. Selten ist er treffend. Aber immer hat er Konsequenzen.

Zusammengestellt von T. Friederich,H. Schümann
hitler
Die Hitler-Figur im Berliner Wachsfigurenkabinett -Foto: dpa

Vor ein paar Tagen nannte Altbundeskanzler Helmut Schmidt Oskar Lafontaine in einem Atemzug mit Adolf Hitler. Und löste damit die schon fast reflexartige Empörung aus: ein unerträglicher Vergleich. Streng genommen hatte Schmidt niemanden verglichen, er hatte nur über charismatische Redner gesprochen: Lafontaine eben, Hitler – dass er selbst auch einst einer war, nun, das hatte Schmidt wohl vergessen. Es hätte der verbalen Keule auch die Kraft genommen. Das ist der Nazivergleich, eine verbale Keule, die weltweit gerne und gewiss bewusst ausgepackt wird. Eine lückenlose Dokumentation der publizierten Nazivergleiche würde mehrere Bücher von Telefonbuchstärke füllen. Hier eine willkürliche Auswahl.

BILLARD

Ajatollah Khamenei, Irans oberster geistlicher Führer, sagt, Georg W. Bush ist Hitler (2007), gleichzeitig sagt er, Saddam Hussein ist Hitler. Damit geht er konform mit George Bush senior, der bereits am 8.11.1990 sagte, Saddam ist Hitler. Der Junior sagt das auch, sagt aber auch, dass Osama bin Laden Hitler ist (2006). Hugo Chavez, Venezuelas Präsident, sagte im Mai dieses Jahres, Merkel ist Hitler. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aber hatte schon 2006 festgestellt, dass Chavez selber Hitler ist.

KLASSIKER

Helmut Schmidts Attacke auf Lafontaine hat einen historischen Hintergrund. 1982 spricht Lafontaine, der saarländische Landesvorsitzende der SPD, im Zusammenhang mit Schmidt von dessen Hang zu Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Und fügt an: „Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Klassisch auch die Attacken auf Saddam Hussein. Mit seiner Rede vom November 1990 verschaffte Präsident Bush dem Saddam-Hitler-Vergleich eine weltweite Resonanz. Wie ein Forschungsinstitut ermittelt hat, wurde Saddam Hussein in den US-amerikanischen Printmedien in der Zeit bis zum Kriegsbeginn 1170 mal mit Hitler verglichen.

Von dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger stammt die Formulierung, man müsse in Saddam Hussein einen „Wiedergänger“ Hitlers sehen, also einen Diktator des Orients, der im Grunde genommen genauso schlimm sei wie der deutsche (2001).

Auch ein Klassiker: „Gorbatschow ist ein moderner Kommunistenführer. Er versteht etwas von Public Relations. Goebbels verstand auch etwas von Public Relations. Man muss die Dinge doch auf den Punkt bringen.“ Sagte Bundeskanzler Helmut Kohl während einer USA-Reise im Oktober 1986. Der Forderung der Grünen nach sofortigem Rücktritt kam der Kanzler aber dann doch nicht nach.

Die Justizministerin Herta Däubler- Gmelin bringt im September 2002 die harte Haltung von Bush gegen Saddam Hussein mit Adolf Hitler in Verbindung. Mit dem Irakkrieg wolle Bush von innenpolitischen Problemen ablenken. Solche Ablenkungsmanöver seien eine „beliebte Methode seit Adolf Hitler“, so die Ministerin. Die Empörungswelle trieb Däubler-Gmelin zum Verzicht auf ein Ministeramt.

HIN- UND RÜCKSPIELE

Mitunter wird der Nazivergleich wie ein Pingpongball hin- und hergespielt. Am 5. Februar 2006 machte Kanzlerin Angela Merkel auf der Sicherheitstagung in München den Aufschlag: Mit Blick auf die iranische Atompolitik erinnerte sie an die Unterschätzung des nationalsozialistischen Zerstörungswillens durch die westlichen Demokratien (Appeasement). Damit, so Beobachter, rückte sie den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet, in die Nähe Hitlers. Drei Tage später schmetterte der Iran zurück: „In ihren kindlichen Träumen sieht Merkel sich als Hitler und glaubt, dass sie jetzt, da sie im Kanzleramt sitzt, der Welt und den freien Ländern ihre Befehle erteilen kann“, sagte Sejjed Massud Dschasajeri, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Revolutionsgarden.

KIRCHE

Welch offener Geist der Kölner Kardinal Joachim Meisner ist, hat er erst kürzlich unter Beweis gestellt, als er mit der etwas freidenkerischen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis durch die Talkshows tingelte. So einer vergleicht auch gerne. Und zwar die Abtreibungspille RU 486 mit Zyklon B. „Es wäre eine unsägliche Tragödie, wenn sich am Ende dieses Jahrhunderts die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte, gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung zu stellen.“ Das Thema ist ein wenig das Steckenpferd des Kardinals. Sechs Jahre später, im Januar 2005, sagte er: „Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“

Die Kirche selbst indes ist auch nicht nazifrei, nicht einmal der Papst. Benedikt nämlich hielt im November 2006 eine Rede, in der er einen byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitierte, der dem Propheten Mohammed vorwarf, nur Übles produziert zu haben, vor allen Dingen die Maxime, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten. Die Reaktion des stellvertretenden Vorsitzenden der türkischen Regierungspartei AKP, Salih Kapusuz, ließ nicht lange auf sich warten: Der Papst sei mit seinen Worten „in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen.“

Umgekehrt war allerdings auch Kardinal Karl Lehmann einst nicht zimperlich, und zwar im November 2001. Man stehe bei Osama bin Laden „vor einem abgründigen, nicht aufklärbaren Rätsel, wozu der Mensch fähig ist. Bei Hitler war das auch so.“

EIN KESSEL BRAUNES

Nicht nur die Politik bemüht den Nazivergleich. Im Grunde genommen taugt er, beziehungsweise taugt nicht, in allen Lebensbereichen. Der Liedermacher Reinhard Mey ist eigentlich doch ein bedächtiger, umgänglicher und kluger Kopf. Aber er hat ein Haus auf Sylt und ein enormes Ruhebedürfnis. Das wurde im August 2002 empfindlich gestört: vom Lärm der Rasenmäher. Also beklagte sich der Sänger in einem offenen Brief an die Gemeindeverwaltung bitter über den von „Gartennazis“ erzeugten „Höllenlärm“. Von Kampen verlangt Mey nun, den „Lärmterror“ zu stoppen und den „Rasenmäherkrieg“ durch ein kommunales Mähverbot während der Urlaubszeit zu beenden; es gebe „ästhetisch und biologisch keine zwingende Notwendigkeit, das Gras im Sommer am Wachsen zu hindern“. Da mag er recht haben. Wahrscheinlich ist über den Wolken die Freiheit derart grenzenlos, dass man pingelige und pedantische Rasenmäher mit Nazis vergleichen darf, auch wenn, wer Rasen schneidet, nicht zwingend auch Köpfe abschneidet. Die Empörung übrigens schaffte es seinerzeit auf die Titelseite der „Bild“. Die ihrerseits natürlich schon oft mit dem „Stürmer“ verglichen wurde.

Auch Fereshta Ludin, deutsche Muslimin aus Baden-Württemberg, war heftig empört. Ludin trägt, wie sie sagt, aus religiösen Gründen ein Kopftuch, was sie auch in ihrem angestrebten Beruf als Lehrerin nicht abnehmen wollte. Deswegen wurde sie im November 2003 nicht in den Schuldienst übernommen. Ihr Kommentar: „Ich fühle mich wie kurz vor dem Holocaust.“

Die Tierschutzorganisation „People for the ethical Treatment of Animals“, kurz: PETA ist im Grunde eine ehrenhafte Gesellschaft. Aber ihre Kampagnen? Eine, 2003 in den USA erdacht, setzt den Mord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden mit dem Töten von Schlachttieren gleich. Gegen die Kampagne „The holocaust on your plate“ (Der Holocaust auf deinem Teller) gab es Proteste auf breiter Front, in den USA und in Deutschland. US-Fernsehsender weigerten sich, die dazugehörigen Spots auszustrahlen. Die im Internet abrufbare Kampagne stellt ausgemergelte Menschen in Konzentrationslagern in Text und Bild auf eine Stufe mit Hühnern oder Rindern im Schlachthof.

NAZIS: WIR SIND DIE JUDEN

Der Nazivergleich kennt kein Pardon. Besser gesagt: Er ist wehrlos und muss auch herhalten, wenn die Nazis selber neben ihren anderen Keulen auch zu dieser greifen. Im sächsischen Landtag war es, im Mai 2005, als der NPD-Fraktionschef Holger Apfel während einer aktuellen Debatte sagte, gegen seine Partei werde eine „gesellschaftliche Pogromstimmung“ erzeugt. Dass er im selben Atemzug den sächsischen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) als „Arschloch“ bezeichnete, war dagegen schon eine fast lässliche Entgleisung. Anlass war, dass die NPD irgendein Pamphlet verbreiten wollte, das in Polen gedruckt worden war, weil, so Apfel, man in Deutschland wegen der „Pogromstimmung“ keine Druckerei gefunden habe. Das erinnere an die Zeit, als es geheißen habe: „Kauft nicht bei Juden.“

Gleicher Landtag, gleiche NPD, ein anderer Geschichtsklitterer: Der Abgeordnete Jürgen Gansel gebrauchte ein paar Wochen vorher in seiner Rede den Begriff „Bomben-Holocaust“ für die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945. „Der Bomben-Holocaust von Dresden steht ursächlich weder im Zusammenhang mit dem 1. September 1939 noch mit dem 30. Januar 1933“, sagte er auch noch.

Ein anderer rechtsextremer Wirrkopf war schon 1998 verwirrt. Der Stuttgarter Anwalt Rolf Schlierer, Bundesvorsitzender der „Republikaner“, sah Parallelen zur Judenverfolgung, nachdem sich in Pankow Proteste gegen die Anmietung der Villa Garbaty erhoben hatten.

AUS ALLER WELT

„FAZ“, 26.11.1993: „Nasarbajew vergleicht Kosyrew mit Hitler“ – Nasarbajew war und ist kasachischer Präsident, Kosyrew war russischer Außenminister.

„Hamburger Abendblatt“, 1.9.2005: „Shizuka Kamei vergleicht Junichiro Koizumi mit Hitler“ – Kamei war ein abtrünniger Abgeordneter der Liberaldemokratischen Partei (LDP) Japans, Koizumi war Ministerpräsident des Landes.

„FAZ“, 18.10.2005, „Mugabe vergleicht Bush mit Hitler“ – Wer Bush ist, ist klar, gemeint ist der Junior, Mugabe war und ist, zumindest teilweise, Präsident von Simbabwe.

„SZ“, 8.9.1994, Paisley vergleicht Major mit Hitler. – Paisley war der radikale nordirische Protestantenführer, Major der britische Premierminister.

„FAZ“, 11.12.06, „Sarkozy: Hizbullah wie Hitler“ – Sarkozy fällte dieses Urteil über die Palästinenserorganisation im Libanon noch als französischer Innenminister.

„taz“, 13.7.2007, „John Howard mit Hitler verglichen“ – Schau an, der australische Ministerpräsident John Howard also auch.

„Rheinische Post“, 1.5.2006, „Ernesto Cardenal vergleicht Bush mit Hitler“ – Damit steht der nicaraguanische Dichter und suspendierte Priester nicht allein.

„Spiegel online“, 23.8.2004, „Nordkorea vergleicht Bush mit Hitler“ – Die Machthaber in Pjöngjang und Kim Jong Il zum Beispiel sind mit einer Menge anderer an seiner Seite.

RECHTSGRUNDLAGE

Vergleicht ein Arbeitnehmer die Vorgehensweise des Arbeitgebers mit dem nationalsozialistischen Terrorsystem oder gar mit den in Konzentrationslagern begangenen Verbrechen, kann er fristlos entlassen werden. (Bundesarbeitsgericht Az.: 2 AZR 584/04).

POLEN

Dem nachbarschaftlichen Nazivergleich muss ein eigener Abschnitt gewidmet sein. Warum? Der Grund dürfte eine Gemengelage sein, in der sich der deutsche Überfall tummelt, eine lange Zeit nationalistische Regierung in Polen, die Vertriebenenfrage und, nicht zu vergessen, ein in Polen kaum noch latent zu nennenden Antisemitismus, dem man im Zweifelsfall auch den Deutschen zuschieben kann.

Ende April, Anfang Mai 2006: Der polnische Verteidigungsminister Radek Sikorski zu „Spiegel online“ über die Ostseepipeline: „Wir sind besonders sensibel, wenn es um Korridore geht und darum, den Osten Europas anders zu behandeln als den Westen. Das erinnert an Locarno und an den Molotow-Ribbentrop-Pakt. Das ist 20. Jahrhundert.“

Dass Angela Merkel wie Hitler ist, wurde an anderer Stelle schon angemerkt. Unterstützt wurde diese steile These vom polnischen Europaabgeordneten Maciej Giertych im Juli 2007. Der Diktator habe in Europa eine Supermacht errichten wollen, erklärt er, „Merkel handelt ähnlich, aber sie ist viel gewitzter.“ Man kann mit gleicher Logik sagen, dass Frau Merkel wie Hitler ist, schließlich hatte Hitler eine Nase und Frau Merkel empörenderweise auch.

Polens Außenministerin Anna Fotyga verglich im Juli 2006 die „taz“ mit dem Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“.

Polens größtes Nachrichtenmagazin „Wprost“ zeigt ein Jahr später in einer Fotomontage die Vertriebenen-Vorsitzende Erika Steinbach in schwarzer Naziuniform – auf Gerhard Schröder reitend.

SPORT

Dass es im Pferderennsport, mitunter nicht immer regulär zugeht, liegt in der Natur des Wettgeschäftes. Im Mai 1997 muss es auf der Rennbahn in Frankfurt am Main jedoch schon sehr arg zugegangen sein. Der Jockey Gerhard Huber, ansässig in Iffezheim, war doch sehr verärgert über ein Rennleitungsmitglied, das sich mit einem Jockeykollegen Hubers herumstritt. Um was es ging, ist nicht kolportiert, es tut auch nichts zur Sache. Huber, so wurde von Zeugen zweifelsfrei bestätigt, verglich die Rennleitung mit Adolf Hitler und behauptete, das Gremium praktiziere „Nazimethoden“. In der Folge wurde der Jockey für ein Jahr gesperrt.

Wenn schon Reiter den Nazivergleich anstrengen, dürfen Fußballspieler nicht fehlen. Im Jahr1999 ergab es sich bei Bundesligist Eintracht Frankfurt, ohnehin ein notorischer Skandalproduzent, dass ein neuer Trainer engagiert wurde. Der Stürmer Jan Aage Fjörtoft wurde gefragt, wie der neue Trainer und was anders sei im Vergleich zum vorherigen. Woraufhin der Mann meinte: „Vorher war es Hitlerjugend, und jetzt ist es korrekt“. Der alte Trainer, Horst Ehrmanntraut, war nicht amüsiert.

VERSÖHNLICH

„Strauß ist kein Hitler.“

Rudolf Augstein, Herausgeber des „Spiegels“, 1980 über den Kanzlerkandidaten und langjährigen Intimfeind Franz Josef Strauß.

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