Nikolaus : Der Lutscher hat Geburtstag

Zum 50. Jubiläum die Geschichte einer ziemlich zuckrigen, heiß umkämpften, garantiert sauberen Süßware.

Karin Ceballos-Betancur
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Happy Birthday Lolli. Der Lutscher feiert Jubiläum.Foto: laif

Es gibt vieles, was Gabriel García Márquez und Fidel Castro mit einander verbindet, unter anderem eine langjährige Freundschaft, über die häufig berichtet worden ist. Wir wissen nicht, was Gegenstand ihrer langen, innigen Gespräche war oder ist, nur dass sie regelmäßig stattfanden, ist überliefert. Was aber haben der kolumbianische Literaturnobelpreisträger, der frühere kubanische Staatschef und der gemeine Lutscher gemeinsam – jene auf gerollten, wachsbeschichteten Papierstielen thronende Schleckware, die von Nordpol zu Südpol und einmal um den dicken Bauch der Welt herum zum Globalsten gehört, was die Süßwarenindustrie jemals hervorgebracht hat?

Die Auflösung ist – zugegeben – ein wenig profan: Weder von Gabo oder Fidel noch vom Lollipop ist das genaue Geburtsdatum bekannt. Mit einem gewissen Maß an postmoderner Unerschütterlichkeit ließe sich ein Nachmittag im Jahr 1958 zumindest als Zeugungstermin des Lutschers herausdeuten, an dem in Barcelona nämlich das Folgende geschah: Irgendwo in den Straßen der katalanischen Hauptstadt beobachtete Enric Bernat, wie eine Mutter mit einem Kind schimpfte. Dieses lutschte sich die Finger klebrig, indem es die Hände wieder und immer wieder an den Mund führte, in dem ein Bonbon zwischen Zunge und Gaumen wogte. Unbekannt bleibt, ob Bernat mehr mit der Mutter oder mehr mit dem Kind Mitleid empfand.

Jedenfalls kam er zu der Schlussfolgerung, dass das herkömmliche Bonbon ganz klar an den Bedürfnissen seiner Zielgruppe, auch Kindern nämlich, vorbei entwickelt worden war. Bernat arbeitete damals in einer Fabrik, die sich vorzugsweise der Herstellung von Apfelmus widmete. Als er eine Handvoll potenter Investoren mit seiner innovativen Idee, der Herstellung von absolut hygienisch zu konsumierenden Bonbons auf kleinen Holzstielen, überraschte, wünschten diese Señor Bernat einen schönen Tag, ach was: gleich ein schönes restliches Leben und wurden nie wieder in seinem Unternehmen gesehen. Andere hätten an diesem Punkt wohl aufgegeben und den Rest ihres Lebens damit zugebracht, aus den Holzstielen die sieben Weltwunder im Maßstab 1:2 nachzubauen oder mit den Füßen in Siruptöpfen zu planschen.

Dalí entwirft das Logo

Enric Bernat aber übernahm die Firma mit eigenen Mitteln und gab ihr den Namen „Chupa Chups“, was übersetzt etwa so viel wie „Lutsche Lutschs“ bedeutet. Er baute Maschinen zur Herstellung von Bonbons auf Stielchen und verkaufte seine ersten Produkte für eine Pesete pro Stück – eine Summe, die sich als Eurocentbetrag kaum mehr abbilden lässt. Bereits fünf Jahre später belieferte Bernat um die 300 000 Verkaufsstellen. Der surrealistische Künstler Salvador Dalí, wie Bernat Katalane, entwarf das Logo für die Chupa Chups, ein Blumenemblem mit geschwungenem Namensschriftzug.

Als Spanien wenig später von einer Holzkrise heimgesucht wird, ersetzt man den anfangs aus Holz hergestellten Stiel durch einen Plastikstiel. Und dabei ist es bis heute geblieben, aus praktischen wie aus hygienischen Gründen, selbst als der spanische Holzmarkt sich wieder erholt hatte. Seit den siebziger Jahren werden die Dauerlutscher nach Südostasien exportiert, in den Achtzigern expandierte das Unternehmen in den Rest Europas, nach Nordamerika und ist seit den neunziger Jahren auch am ganzen asiatischen und am australischen Markt präsent.

Allein im Jahr 2003 werden vier Milliarden Lutscher in 150 Ländern verkauft. Man darf davon ausgehen, dass die Erben der Investoren, die Enric Bernat 1958 eine Absage erteilten, Voodoopuppen ihrer Ahnen bis heute mit extraklebrigen Bonbons und abgelutschten Plastik stielen traktieren. So weit also die Historie, wie sie das Unternehmen „Chupa Chups“ in diesen Tagen verbreitet, in denen der spanische Lutscher seinen 50. Geburtstag feiert. Seit zwei Jahren gehört die Firma zur italienisch-niederländischen Gruppe Perfetti Van Melle.

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Wie gesagt, ist bereits die Geburtsstunde des Lutschers alles andere als klar. Aber auch die Urheberfrage ist durchaus umstritten. Wer hat’s denn nun wirklich erfunden? Mit Sicherheit lässt sich wohl nur sagen, dass es ausnahmsweise einmal nicht die Schweizer waren, auf deren alpenkräutergestärkten, neuerdings gerne zuckerfreien Bonbons wir heute gern stiellos herumbeißen.

Die US-amerikanische National Confectionery Association, der nationale Süßwarenherstellerverband, vergibt den Punkt hier recht diplomatisch an den guten alten Höhlenmenschen, der – aus schmerzhaftem Schaden klug geworden – irgendwann dazu überging, den Honig mit kleinen Stöckchen aus den Bienen waben herauszukratzen. Um nichts von dem mühsam gewonnenen Gut zu verlieren, lutschten sie den süßen Sirup direkt vom Stock – der erste Lutscher also, wenn man so will.

Zucker zu lutschen ist ein Privileg des Adels

In der Antike konservierten sowohl die Araber als auch Chinesen und Ägypter Obst und Nüsse, indem sie sie mit einer Honigschicht glasierten. Mutmaßlich kam der eine oder andere dabei auf die Idee, dass das Verspeisen der solcher maßen haltbar gemachten Lebensmittel eine geringere Sauerei wäre, würde man das Obst aufspießen, um es sauberen Fingers länger halten zu können. Und so geschah es denn auch – eine Erkenntis, von der wiederum bis heute alle Karies verachtenden Liebesäpfelliebhaber auf Weihnachtsmärkten profitieren. Im Mittelalter war der Spaß, glasierten Zucker zu lutschen, ein Privileg des Adels, weil der Grundstoff nur schwer zu beschaffen war. Im 17. Jahrhundert allerdings nahm der Import rasant zu. Besonders in England waren Süßigkeiten aus geschmolzenem und in Form gegossenem Zucker ausgesprochen begehrt.

Angeblich finden sich schon bei Charles Dickens Hinweise auf Kinder, die Lutscher lutschen. Beat it, Señor Bernat! Die industrielle Revolution schließlich machte die Herstellung von Süßigkeiten zum Massenphänomen – und der endgültige Durchbruch zur seriellen Herstellung erfolgte kurz darauf, im 20. Jahrhundert. Der Begriff „Lollipop“ geht etymologisch vermutlich auf das Englische zurück, eine Zusammensetzung aus „Lolly“ (Zunge) und „Pop“ (Schlag), vielleicht aber auch auf den Romani-Ausdruck „loli phaba“, der kandierte rote Äpfel auf Stielen bezeichnet, die traditionell von den Roma verkauft wurden. Im Deutschen sind als Bezeichnungen „Dauerlutscher, „Lutscher“ und „Lol li“ verbreitet, Schwaben sagen „Schlonzer“, und Wikipedia verbreitet, die „Lutschfläche“ des gemeinen Lutschers belaufe sich auf circa 35 Quadrat zentimeter. Es wurden allerdings auch schon erheblich größere Exemplare in Kindermündern gesichtet.

In den Vereinigten Staaten streiten sich unterdessen gleich mehrere Hersteller darum, als Erste die Idee gehabt zu haben, Bonbons auf Spießen zu produ zieren. Schon 1905 will die heute nicht mehr existierende McAviney Candy Company durch einen Zufall eher privater Natur auf die Idee verfallen sein. Der Inhaber stellte Süßigkeiten aus einer flüssigen Zuckermasse her, die regel mäßig mit einem Stock umgerührt werden musste. Um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, soll er nach Feierabend die zuckerverschmierten Stöcke mit nach Hause genommen haben. 1908 ging diese kostenlose Testphase zu Ende. Die gebrauchten Zuckerstöcke wurden als Lutscher kommerziell vermarktet.

Im selben Jahr will in Racine, Wisconsin, die Racine Confectionary Machine Company die erste automatisierte Lollipop-Produktion gestartet haben. Eine Maschine produzierte damals 2400 Lutscher pro Stunde. Das Unternehmen ging davon aus, auf diese Weise genügend Dauerlutscher herstellen zu können, um den nationalen Bedarf flächendeckend zu befriedigen. Die Amerikanischer aber lutschten lustvoller und ausdauernder als gedacht.

Drei Millionen Lollis pro Tag

Moderne Fabriken produzieren heute drei Millionen Lollis pro Tag und lassen damit noch immer genügend Raum für Konkurrenten. 1912 trat der russische Immigrant Samuel Born auf den Plan, der eine Maschine entwickelt hatte, die einzig dazu taugte, vollautomatisch Stiele in Bonbons zu pflanzen, wofür ihm die Stadt San Francisco später den Goldenen Schlüssel überreichte. Auch ein Amerikaner namens George Smith aber soll dem Stielstecken verfallen sein und den Begriff „Lollypop“ nach seinem Lieblingsrennpferd „Lolly Pop“ ersonnen haben.

Lutscher haben immer Saison, im Sommer wie im Winter. Der Lutschermarkt ist daher heiß umkämpft. Meist als Quängelware in Supermarktkassennähe platziert, finden sie reißenden Absatz, nicht nur bei Kindern. Frühere Raucher wollen bei der Entwöhnung hervorragende Erfahrungen mit den zigarettenähnlichen Lutschstengeln gemacht haben, die ihnen das Gefühl geben, wenigstens noch irgendeinen zylinderförmigen Gegenstand zwischen den Lippen zu spüren. Dass der New Yorker Polizist Theodore Kojak aus der gleichnamigen US-Fernsehserie derart ausgiebig lutschte, war üb rigens die Konsequenz aus einer Anti raucherkampagne: In den ersten Folgen rauchte der Glatzkopf noch Zigarillos.

Lutscher gibt es längst in allen möglichen Varianten, mit Kaugummi- oder Brausekern, mit eingegossenen Insekten, Lutscher, die beim Lutschen ein elektrisches Gerät, Radios zum Beispiel, in Gang setzen oder mit solchen verbunden sind, die den Lutscher von selbst im Mund drehen – schreckliche Vorstellung. Und Nikoläuse und Weihnachtsmänner und Heuschrecken gibt es natürlich auch längst zum Lutschen.

Es hat Versuche gegeben, Kinder medizin in Lutscherform herzustellen, um das Verabreichen von Arzneien zu erleichtern. Der Lutscher mit Salmiak geschmack harrt allerdings noch seines internationalen Siegeszugs und erfreut sich bislang nur in den eingeschworenen Lakritznationen Deutschland und den Niederlanden einer gewissen Beliebtheit.

Die ganze Aufregung um ein Bonbon auf Stelze überrascht insofern, als der Herstellungsprozess vergleichsweise einfach ist und theoretisch von jedermann in Heimarbeit raubkopiert werden könnte. Meist bestehen Dauer lutscher aus Zucker, Wasser, Maissirup und Geschmacksstoffen. Im industriellen Verfahren wird trockener Zucker zunächst in 82 Grad heißem Wasser auf gelöst. Das Schmelzen einer Waggon ladung, etwa 82 Kilo, dauert etwa neun Stunden. Anschließend wird die Zuckerlösung mit Maissirup gemischt und auf 109 Grad erhitzt. Diese Lösung wiederum wird dann im Vakuum für vier Minuten auf eine Temperatur von 143 Grad erwärmt, ehe die Flüssigkeit mit Farb- und Geschmacksstoffen, oft auch mit Zitronensäure versetzt wird, wobei man versucht, die Temperatur zu reduzieren und Luftblasen aus der Masse zu entfernen. Eine Maschine bringt die gekühlte Masse in Lutscherform, eine weitere steckt die Stiele ein. Vier Minuten später haben die Lutscher Raumtemperatur und werden verpackt.

Eis am Stiel

Weit über die Süßwarenwelt hinaus hat der Lutscher einen Siegeszug angetreten, jedenfalls als Begriff, was damit zu tun haben mag, dass er ein weites Betätigungsfeld beschreibt. Im Radsport werden Fahrer, die im Windschatten anderer radeln, ohne selbst Leistung zu bringen, als Lutscher bezeichnet. Als allgemeines Schimpfwort bezieht sich der Ausdruck Lutscher wohl vor allem auf die orale Bearbeitung primärer Geschlechtsorgane und gehört damit in den Bereich der Obszönitäten. Gleichwohl bestehen zwischen beidem enge Verbindungen, weil auch das Lutschen harmloser Lutscher den einen oder anderen an eben jenen Vorgang erinnern mag. Nicht umsonst zeigt das Filmplakat von Stanley Kubricks Lolita-Verfilmung von 1962 das gleichnamige Nymphchen beim Verzehr einer herzförmigen Süßigkeit am Stiel. Und mit Boaz Davidsons Film „Eis am Stiel“ (Originaltitel: „Eskimo Limon“) zog 1977 das Genre der Teenager klamotte ins Kino ein.

Der berühmteste Lutschersong aller Zeiten stammt von der jamaikanischen Sängerin Millie Small, die mit ihrem Lied „My Boy Lollipop“ 1964 in den britischen und amerikanischen Charts auf Platz zwei landete, in Deutschland immerhin auf Platz fünf. Zehn Jahre später legte die Deutsche Schlagersängerin Maggie Mae den Hit neu auf und kam damit im Oktober auf Platz eins der ZDF-Hit parade. Dass sie fortan unter dem Bei namen „Das verrückte Huhn“ geführt wurde, zeigt, dass man gut überlegen sollte, welchen Song man wann covert.

Ähnliche Vorsicht ist beim Übersetzen von Liedtexten geboten, wie der Song „Lollipop“ des britischen Interpreten Mika eindringlich zeigt: „Mama sagte mir, was ich wissen sollte: Zu viele Süßigkeiten verfaulen deine Seele. Falls sie dich liebt, lass sie gehen, weil Liebe dich nur runterzieht. Schau dir den Jungen an, der genauso ist wie ich. Ich stand nie auf meinen eigenen zwei Füßen, jetzt bin ich blau, so blau, wie ich nur sein kann. Oh, Liebe kann mich nicht runterziehen. Zu doll am Lutscher saugen, oh, Liebe zieht dich runter. Zu doll am Lutscher saugen, oh, Liebe zieht dich runter. Sag Liebe, sag Liebe, oh, Liebe, zieht dich runter.“

Viel Lärm um einen schlichten Stängel, gewiss. Bleibt die ultimative Frage: lutschen oder zerbeißen? Aber die, liebe Leser, muss nun wirklich jeder für sich selbst beantworten.

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