Opel : Sind wir noch wer?

Sie hießen Puppchen, Kadett oder Commodore. Sie waren ein Autowunder aus Deutschland. Das ist jetzt entzaubert. Eine Geschichte über den Mythos Opel.

Christine Lemke-Matwey
Opel
Opel zittert vor den Zahlen 2010. -Foto: dpa

Für diese Geschichte bin ich die denkbar schlechteste Autorin. Meinen Führerschein habe ich mit 30 gemacht, und mein bislang einziges Auto war ein Saab 99. Als Kind, zu Zeiten der Opel Rekords, die wir fuhren, wurde ich schon grün im Gesicht, wenn sich nur der Schlag öffnete und mich der Geruch von Kunststoff, Lammfellen (vorne), Langeweile und früheren Übelkeiten daran erinnerte, dass es gleich wieder so weit sein würde. Das einzige Spiel, das unterwegs den Einsatz unseres Kotzeimerchens ein wenig hinauszögerte, hieß „im OP“. Es sah vor, dass meine Schwester und ich allerlei imaginäre Verstümmelungen aneinander vornahmen, auf der Rückbank war ja Platz genug. Oder wir sangen. Toll fanden wir Autofahren jedenfalls nicht.

Als jetzt die Krise kam und Opel dank General Motors mittendrin, hat mich das, ehrlich gesagt, ziemlich kalt gelassen. So kalt einen die Krise eben lässt, wenn man sich nur mittelbar betroffen wähnt und munter weiter Fahrrad fährt. „Der Blitz, der Blitz kommt aus ’ner Welt, wo Freundschaft und Familie zählt. Der Blitz, der Blitz, der gibt euch Kraft. Damit ihr Opels Wunder schafft“, singt der werkseigene Kinderchor für die Kanzlerin im März in Rüsselsheim, während die Belegschaften in Bochum und Eisenach Mahnwachen schieben. Fast täglich fallen neue Horrorszenarien vom Himmel, der internationale Bieterstreit kulminiert in der Frage, ob Fiat-Chef Sergio Marchionne offiziell Pullover tragen darf oder nicht, Norbert Blüm, so etwas wie der Erz- und Ehren- Opelaner der Nation, rutscht mit roten Bäckchen von einem Talkshow-Sessel in den nächsten – und bei alledem geht es nicht bloß um die Rettung Opels, sondern um die Rettung des „Mythos Opel“.

Ehe man sich nun den Kopf darüber zerbricht, was Opel mit anderen deutschen Mythen wie der Nibelungensage oder dem Teutoburger Wald gemein haben könnte, sollte man sich eher fragen, was Opel von Rosenthal, Pfaff, Märklin oder Schiesser unterscheidet (die allesamt nicht von Staats wegen gerettet wurden). Die Deutschen und ihr Auto? Da hätten VW, Mercedes, BMW, Audi oder Porsche mindestens so hohe Ansprüche zu stellen. Tun sie aber nicht, jedenfalls nicht ganz so hohe und nicht ganz so laut. Die richtige Marke für die richtige Weltanschauung? Die Deutschen und die Zuverlässigkeit, ihre Karosserie, Fahrgestell, Motor gewordene Unauffälligkeit, eine Bürgerlichkeit auf Rädern namens Opel? So wird schon eher ein Schuh, äh, ein Reifen daraus.

Ich mache mich auf die Suche – und entdecke, dass kaum jemand nichts zu Opel zu sagen hat. Der eine erzählt seinen Lieblings-Manta-Witz („Es gibt keine Manta- Witze – sie stimmen alle.“), die andere hat vor allem von dem Wohnwagen, den ihr Onkel Gerd wie eine fette Beute hinter seinem niegelnagelneuen Admiral herzog, ein Opel-Trauma fürs Leben. Der Kollege, mit dem ich die Mythos-Frage diskutiere, setzt sich nächtens hin und schreibt seine gesammelten Opeliana nieder (in denen es vorrangig um Sex mit einer gewissen Susanne geht und um leckgeschlagene Kühler), mein Vater schickt mir drei lange E-Mails, und Heidi Hetzer, die erste und älteste Opel-Adresse in Berlin, erzählt vom vergangenen Samstag.

Mittag ist’s, high noon, der Tag der Opel-Entscheidung, das Handy klingelt. Heidi rennt hin, wie sie immer rennt, wie sie ihr ganzes Leben hindurch gerannt ist, leicht vornüber gebeugt, festen kleinen Schritts. „Demant“, sagt es im Hörer. „Wie bitte?“, ruft Heidi, „Demant, unser Demant?“ (womit sie Hans Demant meint, den Vizepräsidenten von GM Europa). „Guten Tag Frau Hetzer, ich sitze gerade beim Notar und wollte Ihnen nur sagen, es geht weiter!“ Noch vier Tage später schlägt Heidi die Hände über dem Kopf zusammen, ihre blauen Augen füllen sich mit Tränen, das habe sie ganz einfach noch nicht verkraftet: „Der erzählt mir, dass Opel gerettet ist, stellen Sie sich vor, für den ist Hetzer in Berlin wichtig!“

Als Heidi Hetzer an diesem Mittwochmittag in ihrem Büro in der Charlottenburger Knobelsdorffstraße das zweite Mal mit den Tränen kämpft, spricht sie von General Motors und von ihrem „Vati“. 1919, vor 90 Jahren, beginnt Siegfried Hetzer mit Motorrädern zu handeln, bald werden Autos daraus, der Zweite Weltkrieg kommt und geht, 1945 fängt „Victoria- Hetzer“ noch einmal von vorn an, bei null. Vertreibt Fahrräder mit Anbaumotoren (Modell „Vicky“, nach Heidis älterer Schwester), wächst, bis die „Quetsche“ in der Bismarckstraße zu klein wird, macht schließlich auf Opel und damit auf GM. Vergiss nie, schärft Siegfried seiner jüngeren Tochter ein, die so gerne mit ihm „schraubt“ und später KFZ-Mechanikerin lernt, du arbeitest für das größte private Unternehmen der Welt, du musst dir keine Sorgen machen. „Und die haben vorgestern Insolvenz angemeldet“, Heidi wischt sich Wasser und zerflossene Wimperntusche aus dem Gesicht, „wie sich doch die Zeiten ändern, ja?“

Wenn Opel nun also gerettet ist, sind es die deutschen Opel-Händler noch lange nicht. Für Auto Hetzer liest sich die Bilanz des drohenden Untergangs so: Zwei Standorte, in Steglitz und in Mitte, sind aufgelöst, von den ehedem 123 Mitarbeitern werden bis Jahresende 99 übrig sein, Abfindungen müssen gezahlt werden, horrende Bankzinsen, die Leasingrückläufe sind ein wahres Damoklesschwert. Von dem „aufgespannten Schirm“ merkt hier keiner etwas. Bevor die Banken neues Geld geben, wollen sie sehen, dass Hetzer wieder Geld verdienen kann: Eine Million Euro Verlust in 2008, das gab es in der gesamten Firmengeschichte nicht – nicht 1969, als der Vater bei seinem Tod vier Millionen Mark Schulden hinterließ, und nicht 1980, als die Geschäfte wegen der Ölkrise auch schlecht liefen, verdammt schlecht sogar.

Damals, mit 43, hat es Heidi Hetzer weniger ausgemacht, Personal abzubauen. Jetzt tut sie sich schwer: „Im Alter wird man ängstlicher, außerdem bin ich sozial. Und vielleicht kommen einem mit fast 72 die Ideen auch nicht mehr soo brillant.“ Früher habe bei ihr der Bleifuß regiert, sagt die passionierte Rallye-Fahrerin und lacht übers ganze liebe Berliner Gesicht, heute würde sie schon einmal „lupfen“, vom Gaspedal runtergehen, um zu gucken, was hinter der Kurve kommt. Zu vorsichtig, zu offensichtlich? „Wir haben Fehler gemacht. Wir haben nicht reagiert.“ Seltsam: Was die schnelle Heidi ihr ganzes Leben lang hätte lernen sollen, geduldiger zu sein, gelassener, nicht alles von jetzt auf gleich und immer allein entscheiden zu wollen, lieber einmal zu lang nachzudenken als zu kurz – das scheint gar nicht mehr gefragt zu sein. Die Krise setzt eigene Prioritäten.

Und plötzlich fragen sich Menschen wie Heidi Hetzer, ob sie es nicht noch einmal versuchen sollen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Mit Mitte 60, gesteht die Unternehmerin, hatte sie die Lust verloren. Eine Nachfolgeregelung gab es nicht, weder die Tochter noch der Sohn wollten die Firma übernehmen, also trat sie das operative Geschäft ab. Holte sich Führungskräfte, die alle nicht so waren wie sie, sah zu spät, was schieflief, stritt, rannte gegen Wände, resignierte fast. Schlechte, mutlose Zeiten mit entsprechenden Zahlen: Ende der sechziger Jahre und bis zur Wende verkauft Opel Hetzer konstant 1600 Autos im Jahr, 1990 sind es sogar fast doppelt so viele (auch die Ossis schätzen das Tugend-Leistungsverhältnis der Marke), 1995 dann rund 1300, 2006 nur noch 1000, heute 700. Die Abwrackprämie ist hoch willkommen, natürlich, aber sie ist nur ein Strohfeuer.

Die Geschichte einer Talfahrt, eines Niedergangs? Raus aus den Federbetten des deutschen Wirtschaftswunders in die harte globalisierte Wirklichkeit und was sich am Wegesrand so bietet, das nimmt man mit? 24 Millionen Euro haben einschlägige Autohaus-Ketten Heidi Hetzer für ihren Betrieb zuletzt geboten. Die Berlinerin fasst sich an den Kopf, ihre Augenbrauen tanzen: „Was soll ich mit 24 Millionen? Ich bin kein Geldmensch, ich will leben. Meine Arbeit, mein Geschäft, meine Leute, das brauche ich.“ Kurz: die Familie. Der Blitz, der Blitz ...

Wahrscheinlich verhält es sich mit der Marke Opel ganz ähnlich. Die Voraussetzungen sind gut, der Wert stimmt, nur hätte man sich nicht beirren lassen dürfen. Weder von den Wichtigtuern aus Detroit, die mit Europa nie etwas zu tun haben wollten, noch von Flopps oder einem hartnäckig verrutschten Image. Überhaupt: Seit wann reimt sich Opel eigentlich auf Popel? Ab wann wollten die Deutschen nicht länger sie selber sein, zuverlässig, bescheiden, unauffällig, ein fahrendes Volk ohne Eigenschaften? Im Keim vielleicht schon mit dem ersten „Wir sind wieder wer“ in den fünfziger Jahren, vielleicht aber auch erst mit 1968.

Vielleicht hatte die kaum weniger spießige Konkurrenz bei Ford, VW oder Audi aber auch nur den Vorteil, schreibt mein Vater, dass sie sich nicht auf Popel reimte. Unser silbernes Rekord Coupé jedenfalls löste in Italien regelmäßig Begeisterungsstürme aus: Bella Machina! Lang ist’s her.

Von den jungen wilden Linken jedenfalls, die bis in die frühen siebziger Jahre in Rüsselsheim an den Fließbändern stehen, um nach Feierabend Marx zu lesen, Streikaufrufe zu verfassen und berühmt zu werden, fährt heute keiner mehr Opel. Joschka Fischer nicht, den es in den Grunewald verschlagen hat, Daniel Cohn-Bendit nicht, der für die Grünen im Europa- Parlament sitzt, und der „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid garantiert auch nicht. „Beim Opel“ malochen war ein politisches Bekenntnis, zur Basis – Opel fahren nicht. Opel fahren, das war die Mitte, das hat sich nie gedeckt mit den Blütenträumen der revoltierenden Studenten. Dafür gab es bessere Autos, die „Ausländer“ vor allem, die kommunistischen Fiats oder den anarchistischen 2CV.

Und so lenkt einzig Norbert Blüm, CDU, bis heute „treu und brav“ seinen Astra und singt das Hohelied vom Mythos. Ein Mythos, den dieses Land hübsch selbst hat vor die Hunde gehen lassen.

Die frühen Opels führen so nette Namen wie „Doktorwagen“ (1911), „Puppchen“ (1914) oder „Laubfrosch“ (1924). Mit der Übernahme durch GM Ende der zwanziger Jahre und dem Aufkommen der Nationalsozialisten in Deutschland wird’s soldatisch: Der „Regent“ hält Einzug und mit ihm der „Kadett“, der „Admiral“, der „Kapitän“. In den Siebzigern liegen Rüsselsheim und Bochum dann plötzlich im Süden: Ein „Ascona“ muss her, ein „Monza“ und der „Manta“, unser Maurerporsche, ja, der auch. Und heute, in Zeiten von „Wir sind Opel!“, ist der „Insignia“ der Renner. Insignien (lat.), steht im Fremdwörter-Duden, sind Zeichen staatlicher oder religiöser Würde und Macht. Wobei man schon scharf hingucken muss, um einen Insignia auf der Straße tatsächlich als Opel zu identifizieren. Aber das liegt daran, dass heutzutage von Hyundai bis Jaguar ohnehin (fast) alle Autos gleich aussehen.

Das Opel-Logo übrigens, der besagte „Blitz“, stammt aus dem Jahr 1930, von dem gleichnamigen LKW, den die Nazis höchst erfolgreich auch im Krieg einsetzen. Gegen den Druck der Rüstungsindustrie ist General Motors machtlos, die Deutschen drohen, die beiden Werke in Rüsselsheim und Brandenburg/Havel als „Feindvermögen“ zu beschlagnahmen. Ein Devisengeschäft, so die Sprachregelung 1945 bei GM, die der Marke Opel (im Gegensatz zu Volkswagen) zumindest eine halbweiße Weste beschert.

Klein-Heidi ist zu diesem Zeitpunkt so alt wie meine Eltern, nämlich sechs. Ihre Märchen- und Bilderbücher sind die Fotografien und Erzählungen, die Siegfried Hetzer von seiner großen Reise 1929 in die Wüste Sinai mitgebracht hat. Lichtbildervorträge hält er darüber in Berlin. Und auch Heidi will weit weg und hoch hinaus. Den Führerschein macht sie mit 17, Rallyes fährt sie, auf der Avus, in Monte Carlo, die „Carrera Panamericana“ für Oldtimer, immer mit Opel, Unfälle hat sie und zu Hause zwei Kinder und einen Mann. Heidi, du setzt auf die falsche Marke, haben die Leute oft zu ihr gesagt, und das fuchst sie: „Eine polierte Alfa oder einen Ferrari in der Garage und einen Opel vor der Tür? Als Arbeitstier, das immer läuft? Unfair! Blöd! Opel war noch nie so gut wie heute!“

Am Image indes, an der für Opel typischen Gesichtslosigkeit hat selbst eine so patente Person wie Heidi Hetzer kaum etwas ändern können. „Mama Opel“ wird sie neuerdings gern genannt und „Matriarchin“. Wie sie nun aber in ihrem Showroom steht, zwischen den bullig glänzenden Insignias und den überschnittigen GTs, wirkt sie fast ein bisschen verloren. Zu schrauben gibt es an diesen Elektronikmonstern nichts mehr, was die Beziehung zum Auto für Heidis Geschmack nicht inniger macht. Der güldene, mit kleinen Brillis besetzte Opel-Anhänger, den sie als Amulett um den Hals trägt (das Geschenk eines Zahnarztes aus Stuttgart), erzittert, ein drittes Mal ringt die Autohändlerin mit der Fassung: „Von Weihnachten bis März, das waren die schlimmsten Monate meines Lebens.“ Als merkte sie deren Tonnenlast erst jetzt.

Oben im Büro sitzt Dylan Mackay, 37, der Sohn, der nicht wollte, und übt den Überblick. Kredite, die Telefonanlage, eine Steuerprüfung. Am 13. März, dem 90-jährigen Firmenjubiläum, hat der Ingenieur für erneuerbare Energien seinen Vertrag unterschrieben. Eine „Familienentscheidung“, wie er sagt: „Die Situation braucht mich, und ich denke, ich kann das auch.“ Zum Dank kriegt er von seiner Mutter an jedem 13. des Monats eine Flasche Champagner geschenkt, bis auf Weiteres. Auf die Werkstatt, auf Service will Opel Hetzer sich spezialisieren, und sobald wieder Land in Sicht ist, möchte man in „Steckdosenautos“ investieren. Saubere Antriebe, kleinere Fahrzeuge und technologisch die Nase vorn, das könnte die Zukunft sein. Die Menschen jedenfalls weiß Heidi Hetzer seit der Krise auf ihrer Seite: „Die Bevölkerung hat mehr Vertrauen in Opel gehabt als Opel selbst oder die Bundesregierung. Das macht mir Mut.“

Ich verabschiede mich und schiebe mein Fahrrad über den Hof, es nieselt. Besonders zuversichtlich oder attraktiv sehen die Autos nicht aus, die hier warten. Aber Opel ist eben wie das Leben, wie dieses Land, ist wie wir. Dafür könnten wir eigentlich mal Danke sagen.

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