Pennergame : Auf der Straße ist kein Zimmer frei

Im Onlinespiel „Pennergame“ wird die Obdachlosigkeit verharmlost. Verklärt wurde sie immer schon. Was für eine Fälschung.

Maxi Leinkauf

Es war eine gute Nacht für Greta. Sie hat in drei Stunden 80 Flaschen gesammelt. Anschließend tauschte sie sie ein. Der Kurs steht günstig, für jede Flasche bekommt sie 10 Cent. Sie kauft sich einen Schwamm und ein Bier. Wenn ihr Alkoholpegel niedrig ist, ist sie leicht aggressiv. Jetzt hockt Greta mit einer Kakerlake auf dem Bürgersteig und schnorrt. Sie will weg vom Trottoir. Sie kann das schaffen.

Aber wir sind hier nicht am Bahnhof Zoo. Wir sind in der virtuellen Welt. Im „Pennergame“. Drei Millionen Deutsche spielen das Onlinespiel, das 2008 von zwei jungen Hamburgern der Firma Farbflut gegründet wurde. Auf der Startseite sieht man das Klischee eines Obdachlosen, unrasiert, mit Kippe im Mund, ein bisschen versoffen, aber froh. In der französischen Version, „Clodogame“, amüsieren sich zwei Rotwein trinkende Clochards vor dem Moulin-Rouge-Theater in Pigalle.

Das Spiel ist umstritten, alle reagieren darauf. Denn die romantisierende Verklärung des Clochards mischt sich mit realem Elend. „Auf zynische und herabwürdigende Weise werden die Vorurteile über Obdachlose bestätigt“, schimpfen etwa französische Politiker und Obdachlosenverbände. Auch in Deutschland mehren sich die Proteste. Die Spielszenen seien gewaltsam, unmoralisch und diskriminierend. Unlängst hat das Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunzt mit einem eigenen Online-Spiel geantwortet. In „Ego-Seller“ nimmt der Spieler die Rolle eines Straßenzeitungsverkäufers ein. Das soll besser über Obdachlosigkeit aufklären.

In der realen Welt sieht man Obdachlose immer seltener, die Penner, die hinter Mützen oder Pappschildern vor Hauseingängen, Supermärkten oder auf dem Trottoir sitzen. Das hat weniger mit gewachsenem Wohlstand zu tun als mit Vertreibung und Platzverweisen. Und zwar weltweit. Vor den gerade zu Ende gegangenen Olympischen Spielen in Vancouver empörten sich Obdachlosen-Verbände, dass die Homeless für ein sauberes Stadtbild eingesammelt und vor die Tore der Stadt transportiert wurden.

Eine bekannte Praxis. Bis in die Neunzigerjahre wurden in Paris, sozusagen der Heimstatt der Clochards, Menschen ohne festen Wohnsitz aufgegriffen und vor die Tore der Stadt, auf das Gelände eines ehemaligen Vagabundendepots in Nanterre, gekarrt. Im Sommer 2007 kam der Bürgermeister des Pariser Vorortes Argenteuil auf die Idee, ein übel riechendes, giftiges Produkt an Orten zu verteilen, an denen sich Clochards aufhalten. „Wir jagen Ratten, aber keine Obdachlosen“, wehrte sich ein Mitarbeiter gegen das makabere Unterfangen.

Während der Olympischen Spiele in Barcelona 1992 wurden Roma-Gemeinschaften des Platzes verwiesen, die Straßen wurden von Bettlern gesäubert, Obdachlose wurden überwacht. 1995, ein Jahr vor den Spielen in Atlanta, verhaftete man 9000 Obdachlose und brachte sie in Lastwagen an den Stadtrand. Während der Spiele verteilte man dann vorgedruckte Arrestformulare, auf denen stand: „Afroamerikaner, männlich, obdachlos“. Die Polizei musste nur noch den Namen, die Tat und das Datum eintragen. Olympische Spiele haben heiter zu sein, stark und gesund. Da stören die Gestrauchelten der Gesellschaft. Aber auch in der Berliner City, am Potsdamer Platz zum Beispiel, sieht man Elend nicht gern. Dort liegt das Hausrecht auch für die Straße bei den privaten Betreibern der Geschäfte, sie machen reichlich Gebrauch davon.

In der Fiktion, im Spiel wie im Film, nimmt der Clochard sein hartes Los gelassen. Jean Gabin verkörpert so einen freigeistigen Lebemann. In dem Streifen „Im Kittchen ist kein Zimmer frei“ schlürft Archimède billigen Bordeaux, er tänzelt lustvoll zum Akkordeon und singt von der Liebe, so laut, bis er den Bourgeois aus dem Bistro vertrieben hat. Den kalten Winter verbringt er im Süden. 1959 erhielt Gabin für die Rolle den Silbernen Bären. Der Clochard, ein Mann der Freiheit, ohne Zwänge, ohne Normen, eins mit sich und dem Draußen, dem an der Luft und dem aus der Gesellschaft.

Seinen Namen hat er von der Glocke („la cloche“), die früher in französischen Restaurants geläutet wurde, um zu signalisieren, dass in der Seitengasse die Essensreste bereitstehen. Und wenn auch randständig, so doch auch recht harmlos definiert das französische Wörterbuch den Begriff „Clochard, arde: sozial unangepasste Person, die in den großen Städten ohne Arbeit und Unterkunft lebt“. Leben?

In den Zeiten der Völkerwanderung, zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert, trieb allerlei Bettelvolk durch Europa. Damals wurden im Frankenland die ersten Verordnungen gegen rechtlose fahrende Leute getroffen. 806 wurde mittels einer Kapitulare verboten, Almosen an vermeintliche Arbeitsscheue zu geben. Immerhin waren gleichzeitig Bischöfe angewiesen, Hospize für Kranke und Leidende zu gründen.

Im Mittelalter zog das heimatlose fahrende Volk durch die Lande, verarmtes Landproletariat, Zigeuner, Arbeitsunfähige, Kranke, Landstreicher, Hausierer, Vagabunden, Gauner. Wer keiner Arbeit nachging und keinem Lehnsherren verschrieben war, galt als freiwilliger Müßiggänger. Der Berufsstand des Bettlers war geächtet, sie wurden verspottet, verachtet und vertrieben. Städtern war es im 14. und 15. Jahrhundert verboten, sie zu beherbergen. Immerhin fing man an, zwischen unfreiwilligen, unverschuldet in Not geratenen Armen und faulen Arbeitsscheuen zu unterscheiden. Die Ausgrenzung wurde weniger willkürlich.

Doch mit Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wuchs die wirtschaftliche Not und immer mehr verarmte Bauern trieben in die Metropolen. Dort wurden sie in Arbeitshäuser gesteckt und in sogenannte „Korrektionsanstalten“, in denen sie durch Arbeit und Strenge „korrigiert“ werden sollten.

Aber das misslang. Auch weil die Zahl der Obdachlosen immer größer wurde. Weil im Winter 1902 die Pariser Nachtasyle überfüllt waren, mussten zusätzliche Schlafstätten in den beheizten nationalen Museen eingerichtet werden, im Louvre, in Cluny, Carnavalet oder im Schloss Versailles. „Ein sanfter Sonnenstrahl wärmt die verfrorenen Menschen und trocknet ihre Lumpen“, stand in der Zeitung „Le petit journal“. Maxim Gorki hat zu der Zeit „Nachtasyl“ verfasst, in diesem Stück, das gerade im Berliner Ensemble läuft, treffen sich Gestrandete, ob Baron, Dieb oder Schuster, in einem Kellerloch. Ihr Schicksal wurde also wahrgenommen.

Und es wurde nach Ursachen gesucht. Mit recht oberflächlichen Ergebnissen. Psychische statt soziale Missbildungen wurden das Markenzeichen der Minderbemittelten, die nun eine gesundheitliche Gefahr darstellten. Man evakuierte sie, um sich nicht zu infizieren. Ab 1933 wurden „arbeitsscheue Nichtsesshafte“ als asozial und unhygienisch eingestuft. Obdachlose wurden zwangssterilisiert, in Arbeitshäuser und ins KZ gesteckt. Und nach dem Krieg hatten sie kaum Aussicht auf Wiedergutmachung, sie waren weder aus rassistischen, politischen noch religiösen Motiven verfolgt worden.

In der DDR durfte es keine Obdachlosen geben. Wer herumstreunte und keiner Arbeit nachging, machte sich strafbar. Aber es gab Lieder. „Hast du noch Platz in Deiner Stadt, sag’s oder jage mich hinaus. Ich hab die große Freiheit satt, und suche ein Zuhaus“, so heißt es im Song „Clochard“ des Duos Pension Volkmann. „Clochard, allein der Klang dieses Wortes hat mich inspiriert“, erzählt Werner Karma, der das Lied Mitte der Achtzigerjahre für die Gruppe schrieb. Sein Clochard ist ein Bohemien, er sucht ein warmes Bett und eine Frau, für eine Nacht. „Ein Penner aus Passion, nicht aus Not“, sagt Karma. Keine Verantwortungen, keine Verpflichtungen, bloß nicht sesshaft werden. Er träumte den Traum ein bisschen selber. „Frag mich nur nie, frag mich nie. Was sein wird, was war. Frag mich nur nie, frag mich nie. Ich bleib ein Clochard.“

Ein übles Klischee. Auch im Westen sah die Realität anders aus. Da hatten die Kriegsheimkehrer wenig vom Wirtschaftswunderland BRD. Flüchtlinge, Vertriebene und ausgebombte Obdachlose mussten sich aus dem Nichts eine neue Existenz schaffen. Vor allem Alte hatten es schwer, eine menschenwürdige Unterkunft zu finden, vor allem in Westberlin herrschte akuter Wohnungsmangel. Aber auch hier gab es die selbst gewählte Ausgrenzung. Gammler provozierten Mitte der Sechzigerjahre durch demonstratives Nichtstun die Konsumgesellschaft. „Gammler in Deutschland“ hieß 1966 eine Story im Spiegel, über jene, die mit Zottelkleidung bedeckt in den Tag hinein lebten. Nachfolger des Tramps à la Charlie Chaplin, des prekären Ungebundenen, der keine feste Stelle sucht und sein Leben improvisiert. Gleichzeitig wuchs die Verklärung des Clochards. 1970 nimmt Kirsti Sparboe mit ihrem Lied „Pierre, der Clochard“ an der deutschen Vorentscheidung für den Grand Prix teil. „Pierre der Clochard wird zufrieden sein, ihm gehören ja alle Brücken der Seine. Pierre, Pierre der Clochard, ich fand ihn wunderbar.“ Was für ein Unsinn.

Ein Montagabend in diesem herzlosen Winter, der Tag der Kältehilfe in der Herz-Jesu-Kirche in der Schönhauser Allee, einer von 29 Einrichtungen in Berlin. Die lange Tafel im Gemeindesaal ist gedeckt. Es gibt Gemüsesuppe und Hähnchen mit Kartoffelbrei. „Sehe ich etwa aus wie ein Obdachloser?“, fragt ein jugendlich wirkender Mann in Jeans und Kapuzenjacke mit sächsischem Akzent. „Ich bin kein Alkoholiker“, erklärt er sich ungefragt. „Wenn ich tagsüber mit meinem Schlafsack durch die Straßen streife, denken die Leute sofort: Penner.“ Jan, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, erzählt, er sei psychisch krank und vor zwei Jahren aus dem betreuten Wohnen abgehauen. Dort sei ihm seine Invalidenrente zugeteilt worden, sagt er, aber er würde lieber selber bestimmen, was er mit seinem Geld mache. Nun ist er auf der Straße.

Als er zu Weihnachten in Berlin ankam, ging er zuerst in die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg und bekam den „Wegweiser Kältehilfe“ in die Hand gedrückt. Seitdem zieht er durch die Quartiere und weiß genau, in welcher Tagesstätte der Kaffee 30 Cent kostet, wann es im Wedding ein Wohnungslosenfrühstück gibt, Suppe oder Brunch. Mit dem Bahnticket kommt er ein halbes Jahr aus und bis nach Leipzig. Ab und zu schläft er dort in der Kneipe eines Bekannten, oder hinter den Bäumen. Im Sommer hockt er vor dem Flughafen Schönefeld, im Winter drin.

Hermann Pfahler sitzt in seinem Büro in einer ruhigen Wohngegend in Berlin-Steglitz. Der beleibte Mann mit Rauschebart wirkt ein bisschen wie ein Zausel. Seit mehr als dreißig Jahren hat er mit Obdachlosen zu tun und meist beobachtet er das gleiche Abstiegsszenario: Jobverlust, Schulden, manchmal gekoppelt an psychische Krankheiten, die Straße. Die meisten der etwa 10 000 Wohnungslosen in Berlin beziehen Hartz IV und seien eigentlich arbeitsfähig, sagt der 62-jährige ehemalige Sozialarbeiter in Schöneberg und nun Referent im Diakonischen Werk. „Ich kenne nur wenige, die dieses Zigeunerleben lustig finden“, fast alle wollten weg von der Straße. Manche schaffen es. Etwa 3000 Menschen sind derzeit in Integrationsmaßnahmen, in denen sie lernen, wie man Räumungsklagen vermeidet, Schulden abbaut, die Zähne richtet, mit Strafverfahren umgeht, Miete und U-Bahn-Tickets zahlt und wie man auf dem Amt den Sachbearbeiter begrüßt. Es ist der Weg in ein normales Leben, am Rande des Existenzminimums. Das Projekt ist ziemlich erfolgreich, erklärt Pfahler. Aber obdachlose alkohol- und drogenabhängige Menschen, darunter zunehmend, häufig schwer traumatisierte Frauen, dauerhaft zurück in bürgerliche Strukturen zu bringen ist schwierig. Nur wenige begeben sich freiwillig in psychologische Behandlung. Die psychiatrischen Einrichtungen und Dienste aber seien stark mittelschichtorientiert. „Obdachlose gelten dort als schlechte Ware“, sagt Pfahler.

Das Bild, das im „Pennergame“ vermittelt wird, hat wenig mit der realen Situation der Obdachlosen zu tun, sagt Pfahler. Dass die Betreiberfirma Farbflut 2009 eine fünfstellige Summe an wohltätige Vereine gespendet hat, sieht er als einen guten Anfang. Eines seiner Projekte hat davon profitiert.

Der Clochard von Paris im Jahr 2010 heißt Denis. Er sitzt meist auf einer Parkbank im feinen 16. Arrondissement. Ab und zu schaut Carla Bruni vorbei, sie plaudert dann mit ihrem Freund über Literatur und das Leben. So hat die Première Dame es zumindest zu Weihnachten erzählt. Sie hätte ihm sogar angeboten, ein Zimmer zu bezahlen, er hätte abgelehnt. Solche Geschichten lieben die Zeitungen, sie verharmlosen weiter.

Patrick Declercks bricht radikal mit diesem Bild. In seinem Erfahrungsbericht „Die Gestrandeten“ berichtet er von Pariser Clochards, die an schweren psychosozialen Störungen leiden. Sie stehen nie mehr auf. Es gibt solche, die ganz unten sind. Und es gibt Frauen wie Julie Lacoste. Die Anfang 30-Jährige, alleinerziehende Mutter, berichtet in ihrem Blog von dem Dasein in den Straßen von Paris, davon, wie es ist, wenn man trotz Job die Miete nicht mehr zahlen kann.

In Moskau fand vor kurzem ein Bettlerwettbewerb statt. Kunstwissenschaftler wollten herausfinden, wie zynisch oder romantisch die Moskauer sind, wem sie am meisten spenden. Jeder konnte sich als Bettler verkleiden. „Am Ende gewann der Mutigste, der bei minus fünf Grad halbnackt vor einer Kirche saß und sagte, er sei ein Exkiller und suche ein neues Leben.“

Greta, meine digitale Clocharde, hat es nach zwei Monaten auf 9000 Punkte, ein Pferd, große Spenden und ein eigenes Zelt gebracht. Sie bekommt eine Nachricht: „Du hast es geschafft: Vom Unterschichten- zum Mittelschichtspenner“. Ach, wie lustig ist das Flaschensammeln. Alkohol? Nicht so dramatisch. Mit Fleiß und guter Laune kann man es schaffen. Es sind die alten Klischees. Oder Träume.

Aber es gibt keine Mittelschichtenpenner. Es gibt auch nicht die Frau, die durch das Flaschensammeln irgendwann ins Schloss aufsteigt. Sie hat, mit ein bisschen Glück, eine gute Nacht.

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