Poker : Das (Un)glücksspiel

Poker, das war Wilder Westen, großes Kino, clevere Jungs und fiese Gauner. Heute sitzen die Zocker am Computer

Katharina Becker

Professionelle Pokerrunden kann man sich auch anders vorstellen. Verwegener irgendwie, halbseidener. Nicht ganz so verboten wie die Gambler im Werbespot von BB, unserem Ex-Tenniskünstler. Aber doch deutlich weniger harmlos. Mehr Hinterzimmer-Flair statt Vorstadtbistro-Atmosphäre.

Allein die Pokerrunde, die hier angetreten ist, Sachpreise im Wert von 800 Euro, gesponsert von einer großen deutschen Elektronikhandelskette, abzuräumen, ist so brav wie die Location des Turniers: ein Stadtteilcafé „in the“, um es mal im coolen Pokerslang auszudrücken, „in the middle of fucking nowhere“ vor den Toren Münchens, mit Theke, Barhockern, vier Spieltischen und angrenzender Terrasse. Familien sitzen draußen, bei Schnitzel und Pommes, und feiern Ferienanfang.

Die Spieler drinnen: junge Männer zwischen 20 und 30. Unauffällig, bieder, hoher Ausländeranteil. Man kennt sich. Begrüßt einander. Bestellt Pizza, Spareribs, Cola, Wasser. Kein Bier, soviel Konzentration muss sein. 15 Euro beträgt das Buy-In, das Startgeld an diesem Abend. Die Sieger der Vorrunden nehmen am Finale teil, so gegen ein Uhr nachts, wenn die Sponsorware verteilt wird. „Aber wir zahlen auch bar aus“, räumt der Dealer auf Nachfrage ein. Nuschelnd tut er das. Denn legal ist das nicht.

Rund 1,6 Millionen „Echtgeldpokerspieler“ gibt es in Deutschland laut Auskunft der Poker Players Research. Damit liegen die deutschen Pokerfaces knapp vor den Skandinaviern (1,4 Millionen) und Franzosen (1,3 Millionen) und bilden die größte Pokergemeinde Europas. Nach Angaben von casinoportalen.de waren Anfang 2007 darüber hinaus eine Viertelmillion Deutsche regelmäßig im Netz unterwegs, um ihr Pokerglück zu versuchen.

Rein rechtlich gesehen bewegen sie sich dabei in einer Grauzone. Denn Glücksspiel – und als solches wird Poker nach wie vor eingestuft – ist in Deutschland nur innerhalb eines staatlich lizenzierten Casinos erlaubt. Eigentlich. Uneigentlich ist es wie bei den Sachpreisen, die auf besonderen Wunsch auch cash ausgezahlt werden: Ein Mouseclick genügt, um sich bei einem der ausländischen Onlineanbieter, die von Gibraltar, England, Kanada oder den USA aus operieren, einzuloggen. So einfach, so lukrativ – zumindest für die virtuellen Casinobetreiber. „Partypoker“ zum Beispiel, einer der weltweit größten Anbieter fürs Onlinezocken, kassiert pro Tag eine Summe von etwa 640 000 Dollar. Weltweit lagen die Onlinepokerumsätze nach Angaben der „Global Betting and Gaming Consultants“ bereits 2006 bei über drei Milliarden US-Dollar.

So weit die offiziellen Zahlen. Im wirklichen Leben dürfte die Fangemeinde um ein Vielfaches größer sein. Michael Körner, Moderator für Pokerturniere im DSF und Autor des Buches „Die 10 goldenen Pokerregeln“, schätzt, dass vier bis fünf Millionen Onlineplayer einen Pokeraccount haben – oder zumindest mal hatten.

Poker boomt. Studenten spielen es, Schüler sowieso. Arbeitnehmer, um den Bürostress abzureagieren. Banker und Manager, weil Geld (ver)zocken ihre Leidenschaft ist. Profispieler, die damit – angeblich – ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und natürlich die Superstars der Pokerszene. Verehrt, vergöttert, glorifiziert. Global Player im wahrsten Sinn des Wortes: heute in Rio, morgen auf Jamaica. Millionäre, die bei den großen Turnieren wie der WSOP (World Series of Poker) in Las Vegas und der EPT (European Poker Tour) sechsstellige Summen einsacken.

So wie Sandra Naujoks: jung (27), cool, attraktiv, Spitzname „schwarze Mamba“. Nicknames sind Kult in der Pokerszene. Die Großen heißen Chris „Jesus“ Ferguson oder Howard „Professor“ Lederer. Die Kleinen „Deadman“, „dr. Prolo“ oder „Schrotti“. Sandra „Black Mamba“ Naujoks trat im März 2009 bei der ETP Dortmund gegen 670 Gegner an und ging mit 917 000 Euro nach Hause. Obwohl sie eine Frau ist. Denn frau ist nach Naujoks eigener Aussage „vom Naturell“ nicht prädestiniert für dieses Spiel. Im Gegensatz zum männlichen Spieler, der „auf Konkurrenz gebürstet ist. Ein All-in bedeutet doch tief drinnen auch: Lass uns vor die Tür gehen. Frau hat das nicht, sie denkt um die Ecke.“

Da hatte es Chris Moneymaker – der heißt wirklich so – schon leichter. Ein Amateurspieler zwar, der sich online für das Main-Event in Las Vegas qualifizierte. Aber mit den richtigen, sprich männlichen Genen ausgestattet. Sein Einsatz: 39 US-Dollar. Sein Gewinn: 2,5 Millionen Dollar. 2003 war das.

Moneymaker und sein Scoop in der Sin City markieren einen Meilenstein in der Geschichte des Pokerbooms. Seitdem ist alles anders. Aus dem mythenumwobenen, glamourös-verruchten Glücksspiel, bei dem sich wahlweise Gentlemen-Ganoven mit den besten Manieren oder Cool Guys wie Steve McQueen und Paul Newman mit bösen Buben der allerfinstersten Sorte erbitterte Kartenduelle lieferten, ist ein knallhartes, nach allen Regeln der Marketingkunst austariertes Business geworden.

Aber auch das Szenario von Poker als harmlosem Gesellschaftsspiel im bürgerlichen Ambiente hat sich gewandelt. Poker früher, vor dem großen Boom, das war ein Kartenspiel, das man nicht gerade als Neun- oder Zehnjährige, aber in glücksspielaffinen Familien – also solche, die als Erweiterung des sonntäglichen Mittagessens auch mal die Pferderennbahn oder das Casino ansteuerten – mit 14, 15 lernte, wie Canasta, Skat oder Schach. „Machen wir ein Spielchen“, hieß es an Ostern oder Weihnachten, wenn sich die Sippe im großen Kreis versammelte. Mütter und Tanten nahmen nicht teil an diesen harmlosen Vergnügungen, bei denen Pfennigbeträge den Besitzer wechselten. Die hatten genug damit zu tun, die reibungslose Verköstigung der Großfamilie zu gewährleisten. Das Spiel gehörte den Vätern, den älteren Brüdern, Schwestern, Cousins und Cousinen.

Die Regeln waren überschaubar: die Pokerblätter und ihr Ranking, wer bietet, wer hält mit, wer passt. An einem Nachmittag hatte man das intus. Nicht so die hohe Kunst, ein Pokerface aufzusetzen, aus dem der Gegner unmöglich lesen konnte, ob man ein erstklassiges Blatt oder nichts auf der Hand hatte. Und darum ging es letztlich. Um das Bluffen. Das war der Kitzel, der Kick, der Reiz, den das Spiel ausmachte. Und diebisch die Freude, wenn man durch tollkühnes Erhöhen des Einsatzes alle anderen zum Passen verleitete und mit einem laschen Zwilling den gesamten Pot kassierte.

Bluffen und Setzen: Das waren auch die Grundelemente bei „Poque“, einem Kartenspiel, das französische Siedler um 1840 in New Orleans einführten. Für viele Historiker war dies die Geburtsstunde des heutigen Pokerspiels. Andere Quellen verweisen auf das deutsche „Poch“ als Vorläufer. Aber auch China und Persien gelten als mögliche Einflussgeber. Vielleicht stimmt aber auch die These, dass der Wortursprung im Milieu amerikanischer Taschendiebe anzusiedeln ist, wo man ein 20-Blatt-Kartenspiel spielte und „Poker“ rief, wenn es an der Zeit war, dem Gegner das Geld abzuknöpfen.

Poker heute, dazu gehört ein Glossar von gut achtzig Begriffen. Und wer von Blinds und Bets, Odds und Outs, Overcard und Overpair noch nie was gehört hat, wer nicht weiß, wann er callen, raisen, folden, checken und crashen muss, Turn, River und Under the Gun für Rockalben hält, sollte von Texas Hold’Em, der mittlerweile gängigsten Spielvariante mit zwei verdeckten und bis zu fünf offenen Karten, die Finger lassen.

Lasse König, Spiegel-Autor der Onlinekolumne Flush Hour und Poker-Greenhorn, hat über ein Jahr lang die einschlägige Fachlektüre studiert, bevor er Mitte des Jahres die Pokerbühne betrat, um vollmundig zu verkünden: „Ich werde Weltmeister“. Ob er tatsächlich das Bracelet, die Top-Trophäe im Poker-Business, verliehen bei der World Series of Poker in Las Vegas, ergattert, bleibt mehr als fraglich. Aber dass es auch eine Nummer kleiner geht, „dass ein wenig Talent in Verbindung mit einem gewissen Trainingsaufwand ausreicht, um in schneller und einfacher Weise Geld verdienen zu können“, ist, so der Bremer Diplom-Psychologe Tobias Hayer, die Kernbotschaft „massenmedialer Marketingstrategien“, mit der die Pokerindustrie ihre potentielle Klientel ins Netz und an die Spieltische lockt.

Pokern als Job. Statt von nine to five im Büro zu ackern ein paar Stündchen online zocken. Klingt ziemlich cool. Tatsächlich ist Poker „kein reines Glücksspiel wie Lotto oder Roulette“, so Hayer. Seit Jahren forscht er im Team unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Meyer über Glücksspiele und Glücksspielsucht. „Beim Poker spielen durchaus auch strategische Überlegungen, mathematische Kenntnisse oder die Psychologie eine Rolle“. Hayer nennt sie „Kompetenzfaktoren“. Doch er warnt, „dass die einseitige Betonung dieser Kompetenzanteile und die Vermarktung des Pokerspiels als hippen Lifestyle oder sogar Sport die Zufallseinflüsse verkennt, die den Spielausgang maßgeblich bedingen“. Für Pokerafficionados ist das kein Argument. Glück, Zufall, Kismet sind Ausreden für Amateure und blutige Anfänger. „Jeder Mensch bekommt auf lange Sicht gesehen die gleichen Karten“, so Michael Körner. Ergo liegt es an einem selbst, was man daraus macht. Regel Nummer eins: Lesen. Und zwar Poker-Bücher. Regel Nummer zwei: spielen, spielen, spielen. Learning by doing also. Wer sich blauäugig und unerfahren an den Pokertable setzt, muss sich nicht wundern, wenn seine Chips schneller weg sind, als er „Check“ sagen kann.

Den Profis kann das nicht passieren. Im Gegenteil: „Ich kenne Dutzende, die vom Spiel leben“, so der Pokerkommentator. Sie alle sind im Netz unterwegs. Der Zugang ist ein Kinderspiel. Die Bezahlung, per Kreditkarte, auch. „Die hohe Verfügbarkeit, der bequeme und bargeldlose Zahlungsverkehr, variable Einsatz- und Gewinnmöglichkeiten“ - für Tobias Hayer sind das Modalitäten, die „ein vergleichsweise hohes Gefährdungspotential“ darstellen. Dass der virtuelle Raum außerdem die Möglichkeit schafft, „jederzeit anonym und ohne soziale Kontrolle zocken zu können“ potenziere die Suchtgefahr.

In „Pokerfieber“, Harald Woetzels Dokumentarfilm über den „Traum vom schnellen Geld“, wird das bestätigt. „Das ist wie eine Droge“ bekennt Fabrizio, Nickname „Mafiosi“. „Wie Fieber“, ergänzt Freund Dirk „Käpple“. 16 oder 18 Stunden ununterbrochen online – für ihn und seine Kumpels von der Schwäbischen Alb keine Seltenheit. „Es ist die totale Freiheit“, sagt Roland Specht. Im Gegensatz zu den Schwaben, die im „richtigen Leben“ Autoverkäufer, Betonmischmeister oder Metaller sind, ist der Frankfurter Pokerprofi. Geschätzte 3000 Mal war er in den letzten 10 Jahren im Casino. Es ist sein Job. Ein gut bezahlter, wie sein Lebensstil vermuten lässt. Wiesbaden, Budapest, Macao. Specht kommt „viel rum“, ein weiterer Vorteil seines Jobs, neben der nicht unerheblichen Kleinigkeit, dass man „mit relativ wenig Aufwand viel Geld verdienen kann“. Außerdem liebt Specht, früher Mitglied der Tischtennis-Bundesliga, „den Wettkampf“.

Aber Leidenschaft, Fieber, Droge? Fehlanzeige. Wer wie er vom Zocken leben will, braucht „Fleiß und Disziplin“. Was bedeutet, auch dann zu spielen, wenn man mal keine Lust dazu hat. Mindestens genauso wichtig: die richtige „Table selection“. Im Klartext: nicht der Tisch ist richtig, „wo die besten Spieler“ sitzen, „sondern wo man das meiste Geld machen“ kann. Nicht schlecht, Herr Specht. Poker als Business. Emotionslos, abgebrüht, nur die Euros vor Augen: Wer so am Pokertable Platz nimmt hat auch mit einem miesen Blatt gute Karten. Und Chancen, den Pot zu kassieren.

Sich mit den wahren Könnern messen, mal einen Klassespieler, einen „Shark“, vom Tisch fegen, am Final Table sitzen: ob online oder Casino, für Otto Normal-Pokerer zählen diese Dinge mindestens so viel wie die Kohle, die dabei abfällt. Specht, der smarte, kühl kalkulierende Profi – eloquent, weltgewandt, gut gekleidet – ist davon weit entfernt. Ungefähr so weit entfernt wie der Champagnertrinker vom Jägermeister-Schluckspecht.

Doch die Schluckspechte nehmen zu. Bis jetzt gibt es zwar, zumindest in Deutschland, noch keine forschungsrelevanten Ergebnisse über therapiebedürftige Pokerzocker. „Bekannt ist“ aber, so Tobias Hayer, „dass (Online-)Pokerspieler seit einigen Jahren vermehrt Kontakt zum Suchthilfesystem aufnehmen und Hilfeangebote wahrnehmen“. Sie haben erkannt, dass „sie ihr Spielverhalten nicht mehr unter Kontrolle haben.“ Angst vor dem finanziellen Ruin steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund, „sondern auch der Zeitverlust oder die zunehmende soziale Isolation.“

Der Mix aus Internet plus Glücksspiel: ein marktwirtschaftlicher Geniestreich. Ein Businesscoup der Extraklasse. Besser kann man zwei Fliegen – den Internetjunkie und den Spielsüchtigen – nicht mit einer Klappe schlagen und ans Netz fesseln. „Die immensen finanziellen Aufwendungen der Pokerindustrie verdeutlichen die Lukrativität, die hinter diesem Geschäftszweig steckt“, sagt Tobias Hayer. Gleichzeitig haben „die Einführungen von immer neuen Spielanreizen in Verbindung mit geschickt inszenierten Vermarktungsstrategien“ noch einen anderen Effekt: Sie verschleiern „gezielt den Glücksspielcharakter des Pokerspiels“ und machen „suchtpräventive Aktivitäten entsprechend schwierig“.

In Norman Jewisons Pokerfilm Cincinnati Kid macht Steve McQueen im alles entscheidenden Duell mit Edward G. Robinson zwischendurch ein Schläfchen. Ausgeruht und voll konzentriert will er sein. Nur so hat er die Chance, Altmeister Lancey Howard, den ungekrönten König der Pokerszene, vom Thron zu stoßen. Denkt er. Der Onlinepokerer heute zockt 8, 10, 12 Stunden. Ohne Unterbrechung. Das Internet schläft nicht. Irgendwo im World Wide Web wird immer gespielt. Fraglich, ob Lancey Howard dabei immer noch gewinnen würde.

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