''Rote Zora'' : Klassenkampf im Kinderzimmer

Kurt Kläber war Revolutionsdichter, bis er vor den Nazis floh. Im Exil schrieb er weiter über Gerechtigkeit. Sein berühmtestes Buch ist von 1941 - jetzt wurde es zum Kinofilm: „Die rote Zora“.

Davon war er überzeugt: dass allein der Arme für den Armen eintritt und vom Reichen nicht viel zu erwarten ist. Und davon wich er auch nur einmal ab. 1939 in „Die schwarzen Brüder“. Darin wird dem armen Kaminfegerjungen Giorgio und seinen Freunden von einem reichen Arzt geholfen.

Es war das Buch, das den Übergang markierte: sein erstes Kinderbuch. Kurt Kläber, deutscher Revolutionsschriftsteller und linker Kulturfunktionär, schrieb es im Schweizer Exil, obwohl er keine Arbeitserlaubnis hatte. Es war ein Versuch. Würde ihm ein Jugendbuch gefallen? Gelingen? In den Büchern davor und danach waren die Armen unter sich.

Davor, 1928, ließ er einen Buckligen auf der Schiffsfahrt von New York nach Rotterdam sagen: „Wir Proleten sind Kühe, und wir werden in jedem Land gemolken.“ Ein Belgier schreit: „Sie behandeln uns schlechter als Vieh!“ Und ein Däne erwidert: „Sie behandeln uns wie Arbeiter.“ Da geht es um faulig-stinkenden Fisch, den sie serviert bekommen, und die Kälte in den Kajüten. Es ist der Roman „Passagiere III. Klasse“.

Danach, 1941, schickte er dem alten Fischer Gorian, der sich gegen die großen Gesellschaften behaupten muss, eine zerlumpte Kinderbande zu Hilfe.

– „Die Fangplätze gehören aber doch euch?“, fragt ein Junge den Alten.

– „Das schon. Aber nur, solange wir frei sind und uns nicht an die Gesellschaften verkauft haben. Wenn wir bei ihnen arbeiten, müssen wir ihnen auch unsere Fangplätze geben, und dann haben wir nicht nur uns selber, sondern auch unsere Fische an sie verkauft.“

Diese Geschichte schrieb er unter Pseudonym. Er nannte sich: Kurt Held. Das Buch hieß „Die rote Zora und ihre Bande“ – es wurde ein Welterfolg: Millionen Kinder ließen sich mitreißen von der unerschrockenen Bandenchefin und ihren frechen, tapferen, treuen Freunden, die in einer verfallenen Burg hausen, aus Not stehlen. Die von den reichen Dorfbewohnern und ihren feigen Gymnasiastensöhnen durch die Gärten gejagt, in Kittchen gesteckt und doch wieder befreit werden. Es ist ein Buch, das den Wunsch nach Abenteuer und Freundschaft weckt. In 18 Sprachen ist es übersetzt, bis heute wird es nachgedruckt, in Deutschland inzwischen in der 37. Auflage. Dazu kam jetzt gerade noch eine Sonderausgabe – wegen des Kinofilms mit Starbesetzung (Mario Adorf, Ben Becker, Dominique Horwitz), der diesen Donnerstag anläuft.

Es kann also ein Glück aus dem werden, was zunächst wie ein Unglück aussieht. Die „rote Zora“ und der „schwarze Giorgio“ finden in der Not wahre Freundschaft. Und der oft zweifelnde Revolutionsschriftsteller Kläber wurde im Exil ein überzeugter Kinderbuchautor.

Kurt Kläber sagte über sich einmal, er sei im Allgemeinen ein sehr schweigsamer Mensch. Aber das hat wohl nicht gestimmt. Fabulierlust, Temperament, eine kräftige Stimme, die Fragen, Anekdoten, Witze quer durch alle Räume brüllte, sagt man ihm nach. Dazu passten ein ungeheurer Tatendrang und große Begeisterungsfähigkeit. Beides sprudelt auch aus seinen Büchern.

Kläbers Geschichten haben alle einen wahren Kern, manche spielen wörtlich selbst Erlebtes nach: In den „Schwarzen Brüdern“ lernt Giorgio, der von seinen armen Tessiner Eltern nach Mailand verkauft wird, andere Kaminfegerbuben kennen, die spotten, als er eine Pfeife ablehnt. „Ein richtiger Kaminfeger muss rauchen und trinken können“, sagen sie. Genau dasselbe hatte Kurt Kläber gehört, als er 1921 im Bergbau arbeitete. „Ein richtiger Hauer muss priemen und jeden Tag seine Puddel Schnaps trinken“, hat ein Kumpel ihm gesagt, „das lernst du nie.“ Der Zusatz betrübte ihn. Er hätte gerne dazu gehört. Die Kaminfeger sagen denn auch zu Giorgio: „Warte nur, wenn du erst eine Weile bei uns bist, wirst du es schon lernen.“

Diese Kaminfegerbuben gab es wirklich, Kläber traf sie im Tessin, die rote Zora lernte er auf einer Reise nach Kroatien kennen, und auch der Roman „Giuseppe und Maria“ (1955) , über zwei Waisenkinder, die ihren Weg durch das zerstörte Nachkriegs-Italien suchen, geht auf eine wahre Begegnung zurück. „Es ist kein Mensch über den anderen gesetzt“, sagt darin ein alter Stallbursche. „Wir sind alle gleich arm und kommen nackt zur Welt.“ Nur Ausgedachtes wollte Kläber nicht aufschreiben. Wie hätte er damit auch das Kapital kritisieren sollen?

Kläber – geboren 1897 in Jena, Vater: Werkmeister bei der Firma Zeiss, Mutter: Hausfrau – hat in seinem Leben eine Menge gesehen und erlebt. Die höhere Schule hat er verweigert, als Schlosserlehrling versagt, er war bei den Wandervögeln und Guttemplern, im Ersten Weltkrieg gewesen und krank heimgekehrt, er hat sich mehreren Jugendbewegungen angeschlossen, Gedichte geschrieben, Amerika bereist, sich als Bergarbeiter versucht, für die KPD Veranstaltungen organisiert, den „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ mitgegründet und die dazugehörige Zeitschrift „Die Linkskurve“ geleitet. Dann neigten sich die Goldenen Zwanziger dem Ende zu, mancher weinte weiter dem Kaiser nach, manch anderer Karl Liebknecht, in Moskau steigt Stalin auf, und in Kläber erlischt die klassenkämpferische Begeisterung.

Sein Däne in der III. Klasse sagt: „Es ist sonderbar mit dem Sozialismus, je näher er seiner Verwirklichung kommt, umso stärker verliert er an Farbe.“

Nur eins scheint über die Jahre gar nichts an Farbe verloren zu haben: die Liebe zwischen Kurt Kläber und Lisa Tetzner, die sich 1919 kennenlernten, da waren sie beide Mitte 20. Sie zog als Märchenerzählerin durch Thüringen, er als fahrender Buchhändler. Sie verliebten sich schnell, heirateten aber erst 1924, weil eine verschleppte Knochentuberkulose die kränkliche Arzttochter aus Sachsen immer wieder ins Bett zwang und ihr eine steife Hüfte bescherte.

Die Kläber-Biografin Susanne Koppe sieht in der körperlichen Versehrtheit Tetzners einen möglichen Grund für die Kinderlosigkeit der Eheleute. In Lisa Tetzners Nachruf auf ihren Mann wird das Thema nur gestreift. Als ihr Vater Kläbers Heiratsabsicht kommentiert mit den Worten: „Aber meine Tochter sollte keine Kinder haben, und man heiratet doch, um sich fortzupflanzen“, entgegnet der bloß: „Ja, ihr Bürger vielleicht.“

1933, nach dem Reichstagsbrand, gehört Kläber dann mit zu den Verhafteten. Seine Frau nutzt erfolgreich alle Kontakte, die sie als Kinderbuchautorin und Rundfunkmoderatorin hat, um ihn frei zu bekommen. Danach ist klar: Sie können nicht in Deutschland bleiben. So gehen sie in die Schweiz, nach Carona im Tessin, wo sie schon Urlaube verbrachten. Sie kaufen Häuschen mit Garten, empfangen Freunde, andere Flüchtlinge, darunter Bert Brecht, bleiben dort auch, werden 1948 Staatsbürger. Haben bis dahin allein mit der Eidgenössischen Fremdenpolizei Probleme, die sie überzieht mit Anträgen und Aufforderungen und Kläber keine Arbeitserlaubnis gibt. Sein erster Versuch als Kinderbuchautor erscheint deshalb unter dem Namen Lisa Tetzner.

Das Paar reiste, so oft es ging. Einmal auch nach Jugoslawien, wo sie Honorare für Lizenzausgaben von Lisa Tetzners Kinderbüchern einsammelten. Mehr aus Zufall, Kurt Kläber fühlte sich nicht wohl, unterbrachen sie ihre Fahrt in dem kroatischen Küstenstädtchen Senj.

Es ist ein schwüler Tag. Sie bringen ihr Gepäck ins Hotel am Marktplatz und gehen durch den Ort. Da entdeckt Kurt Kläber einen mageren Burschen und sagt unvermittelt: „Der Junge da, der ist es.“

Er ruft ihn heran, lädt ihn zum Essen ein. Die Freunde des Jungen kommen herbei. Darunter auch ein Mädchen mit brandrotem flammendem Haar. „Zora La Rouquine“, erklärt der Kellner. Immer sei die Polizei hinter ihr her, aber nie weise man ihr etwas nach. Am Nachmittag klettert Kläber mit den Kindern zu ihrem Versteck in einer verlassenen Burg über der Stadt – und wenige Monate später ist das Buch fertig.

Es geht um Gerechtigkeit und Solidarität, die Guten sind stets wackere Gestalten, die Bösen fledermausohrig, bucklig, glatzköpfig, fettschwitzig. Das Kapital ist hässlich, das hatte sich nicht geändert. Lisa Tetzner kündigte das Buch ihrem Verleger Sauerländer an: Die Kinder, schrieb sie, würden im Verlauf der Handlung und durch das Eingreifen verständiger Erwachsener die Begriffe von Gut und Böse, Diebstahl, Besitz und Eigentum kennenlernen, unmerklich in einen Arbeitsprozess eingegliedert werden und sich darin beglückt fühlen. Im Außenseitersein sieht Kläber keine Lösung. Das hatte er selbst als zu schmerzlich erlebt. „Ich stand wohl immer an der Grenze“, schreibt er über sich: rauchte nicht, trank nicht, saß nicht in Kneipen, spielte nicht Karten.

Die Sozialkritik in Kläbers Kinderbüchern war nicht jedem lieb, die Verlegerfamilie Sauerländer wurde angefeindet, dass sie Kommunisten veröffentlichte. Kläber reagierte auf solche Vorhaltungen verärgert. Den Armen helfen, mache einen doch nicht zum Kommunisten, das mache einen zum Menschen. „Da lobe ich mir meine Dorfnachbarn und die einfachen Menschen hier, die trotz aller gehässigen Flüstereien mich einstimmig zu ihrem Bürger gewählt haben, und auch heute noch zu dieser Wahl stehen und über alle anderen Stimmen und Flüsterer nur lachen“, schrieb er an Sauerländer. Er sei hinter dem Eisernen Vorhang einer der gehasstesten Menschen, aber: „Ich trage diesen Hass mit Stolz.“

Kläber starb 1959. Lisa Tetzner vier Jahre später.

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