Russland : 6771 km hinter Moskau

Wenn die Wahllokale in der Hauptstadt aufmachen, schließen sie in Petropawlowsk: Neun Zeitzonen liegen zwischen der Stadt am Beringmeer und dem Kreml. Eine Reise ans Ende der Welt

Jens Mühling

Wie das Leben ist, hier, am Ende der Welt? Kirill schließt die Augen, er denkt nach. Lange. Als er die Augen öffnet, spuckt er mit aller Kraft aus, ein Speichelfaden schießt durch die Luft, geht zu Boden, kugelt durch den Neuschnee, den Hang hinunter, den Schiffen entgegen, die träge im glitzernden Hafenwasser schaukeln, umspült von funkelnden Eisschollen, über denen unendlich langsam die Morgensonne aufgeht, der Anblick ist atemberaubend. „Langweilig“, sagt Kirill. „Es ist langweilig. Man kann Ski fahren. Man kann trinken. Das ist alles.“

Als er den Zündschlüssel eingesteckt hat, dreht sich Kirill noch einmal abrupt auf dem Fahrersitz um. „Ich sag’s dir, wie es ist: Ich hänge an diesem Ort. Ich kann dir 50 Freunde nennen, die in den letzten Jahren weggezogen sind, nach Moskau, nach Indien, nach Gott weiß wo. Aber ich bleibe hier.“ Dann lässt er den Motor an. Und erzählt, während er den Jeep langsam den Hang hinabmanövriert, von seinem Leben in dieser Stadt, die zum Leben nie konzipiert war.

Petropawlowsk, Hauptstadt der Halbinsel Kamtschatka, war immer nur eine Durchgangsstation, für Militärangehörige der Pazifikflotte, für Arbeiter der Fischindustrie, die wegen der hohen Löhne kamen und nach ein paar Jahren wieder gingen. Kirill, 31, gehört zur ersten Generation, die in Petropawlowsk geboren wurde. Und die möglicherweise ihr ganzes Leben hier verbringen wird.

Er lebt nicht schlecht. Die wenigsten in Petropawlowsk könnten sich seinen schicken Jeep leisten, den Flachbildfernseher in der Vierzimmerwohnung, seine Reisen nach Indien. Das Geld dafür verdient Kirill als freier Programmierer. Für lokale Firmen arbeitet er nicht, die zahlen zu schlecht, seine Auftraggeber sitzen in Moskau und Sankt Petersburg. Gerade programmiert Kirill eine Online-Ausgabe der Gelben Seiten für Moskau, damit die Hauptstädter schneller finden, was in Petropawlowsk niemand suchen würde: D wie Designermode, E wie Eiscafés, F wie Feng-Shui, G wie Gartenteiche.

Manchmal fliegt Kirill nach Moskau, um neue Aufträge an Land zu ziehen. Dann läuft er tagelang mit rotgeäderten Jetlag-Augen durch die Hauptstadt und füllt Koffer um Koffer mit Dingen, die es in Kamtschatka nicht gibt: Bücher, Filme, CDs, für die in seiner Wohnung in Petropawlowsk die Regale kaum noch reichen. Einmal war Kirill in einer Moskauer Buchhandlung, in der es Reiseführer für fast jeden Flecken der Erde gab, Südfrankreich, die Seychellen, Goa, Baden-Baden, alles da. Kirill fragte nach Petropawlowsk-Kamtschatski. Nur so zum Spaß. Das Gelächter der Verkäuferinnen war bis in die Lyrikabteilung zu hören.

Moskau ist nicht Russland, sagen die Menschen in der Provinz gerne. Und die Moskauer fragen kokett zurück: Gibt es eigentlich Leben hinterm Autobahnring?

Ein paar Fakten.

Entfernung zwischen Petropawlowsk und Moskau: 6771 Kilometer, achteinhalb Flugstunden, neun Zeitzonen.

Städte, die Petropawlowsk näher sind als Moskau: Tokio (2426 Kilometer), Peking (3482), Hongkong (5065), Vancouver (5193), Hanoi (5692), San Francisco (6056), Los Angeles (6614).

Städte, die von Berlin so weit entfernt sind wie Petropawlowsk von Moskau: Washington (USA), Mombasa (Kenia), Kalkutta (Indien), Ulan-Bator (Mongolei).

Städte, die in der gleichen Zeitzone liegen wie Petropawlowsk: Tokio (Japan), Suva (Fidschi-Inseln), Auckland (Neuseeland).

Städte außerhalb Kamtschatkas, die von Petropawlowsk aus mit dem Auto zu erreichen sind: keine.

Eine Straßenverbindung zum Festland existiert nicht. Wer die Halbinsel verlassen will, muss fliegen. Oder ein Schiff nehmen. Selbst das geht nur, wenn gerade kein Schneesturm über die Küste fegt. Heute Morgen im Radio haben sie wieder einen angekündigt, bis zum Abend soll ein halber Meter Neuschnee fallen. Der Flug aus Moskau kreist über dem Festland, der aus Wladiwostok ist gar nicht erst gestartet. Es führt kein Weg nach Petropawlowsk an solchen Tagen. Und keiner heraus. Wenn die Welt ein Ende hat, dann ist es hier.

Exotisch sieht es nicht aus, dieses Weltenende. Hinter dem Hafen beginnt die langgezogene Hauptstraße, die der Stadt ihre Struktur gibt, die Stadtviertel sind allein nach ihrer Distanz zum Meer benannt: Ich wohne am siebzehnten Kilometer, und du? Flankiert wird die Trasse von den gleichen fünfstöckigen Plattenbauten, die in jeder russischen Stadt das Bild prägen, auch wenn sie in Petropawlowsk noch ein bisschen heruntergekommener sind. Auch die schrappligen Märkte sind die gleichen, die Kioske mit ihren winzigen Fenstern, das riesige Lenin-Denkmal vor dem bröckelnden Stadttheater. Die Menschen kleiden sich nicht anders als ihre Landsleute in Jekaterinburg oder Omsk, ihr Russisch hat keinerlei regionale Färbung, weil sie den Zungenschlag ihrer Heimat – Wolgograd, Tartarstan, Litauen, die Ukraine – gegen den Standardakzent sowjetischer Arbeitsmigranten eingetauscht haben. Überhaupt verrät kaum etwas, dass Petropawlowsk mit seinen 200 000 Einwohnern keine durchschnittliche Stadt ist, wie es sie auch westlich des Urals geben könnte. Die Unterschiede sind gut versteckt. Die Herkunft der importierten Linienbusse etwa errät man erst, wenn man an den Wänden halb abgerissene Fahrpläne mit koreanischen Schriftzeichen bemerkt oder Fensterborten mit asiatischen Vogelmotiven. Man muss dicht ans Stadtbild herantreten, um die exotischen Details zu bemerken. Wahlweise kann man ein paar Schritte zurücktreten. Dann sieht man hinter den Plattenbauten die schneebedeckten Vulkane Kamtschatkas in den Winterhimmel ragen. Über einem, dem Awatschinski, treibt eine Rauchfahne träge Richtung Festland.

An den letzten Ausbruch des Awatschinski erinnern sich die Menschen in Petropawlowsk ungerne. Damals, 1991, kam sein Donnern wie der Auftakt einer neuen Ära, der die Zeit brutal in zwei Teile zerriss. Die Stadt, die bis in die 30er Jahre aus ein paar Fischerhütten bestanden hatte, war erst wirklich zur Stadt geworden, als unter Stalin die Erschließung Sibiriens begann. Während auf dem Festland Industriestädte aus dem Permafrostboden gestampft wurden und Ölfelder zu Siedlungsgebieten mutierten, wurde Petropawlowsk zum Zentrum der Fischindustrie, ein vulkanologisches Forschungsinstitut entstand, die Pazifikflotte wurde verstärkt. Pioniere strömten nach Kamtschatka, angelockt von günstigen Arbeitsbedingungen, mit denen die rauen Klimaverhältnisse kompensiert wurden. Wer sich in Kamtschatka den Buckel krumm gearbeitet hatte, konnte früh in Rente gehen und sich mit Ersparnissen, die für sowjetische Verhältnisse beachtlich waren, in wärmeren Gefilden zur Ruhe setzen. Auf 270 000 Menschen wuchs die Bevölkerung bis Ende der 80er Jahre an, eine irrsinnige Zahl für ein derart abgelegenes Gebiet.

Dann kam die Perestroika. Und während die neuen Freiheiten nur langsam in Kamtschatka ankamen, schmolzen die alten Privilegien umso schneller dahin. Die Planwirtschaft kollabierte, die Preise der vom Festland importierten Lebensmittel explodierten, zwei Inflationen fraßen die mühsam erarbeiteten Ersparnisse auf. Der Lebensentwurf Kamtschatka – hart arbeiten, mit 50 ans Schwarze Meer ziehen – war dahin, die Träume der Menschen so wertlos wie die Rubelscheine unter ihren Matratzen. Knapp 70 000 Einwohner verlor die Stadt in den 90er Jahren. Zurückblieben bröckelnde Plattenbauten, aufgelassene Lagerhallen, Fischerboote, die im Hafen still vor sich hin rosten. Viele weitere Menschen wären gegangen, wenn sie gekonnt hätten. Sie waren gestrandet. Am Ende der Welt.

Der Schatten einer großen Enttäuschung, eines einseitig aufgekündigten Gesellschaftsvertrags, liegt bis heute über Petropawlowsk. Erst seit ein paar Jahren erholt sich die Stadt, langsamer zwar als der Rest des Landes, aber es geht bergauf. Die meisten hier schreiben das Wladimir Putin zu, dem Präsidenten, der heute seinen Nachfolger Dmitri Medwedjew zur Wahl stellt und selbst als Premierminister weiterregieren will. Man findet in Petropawlowsk nur wenige, die nicht dafür sind.

Wer nach ihnen sucht, stößt zum Beispiel auf einen Taxifahrer, der mal Geologe war. „Es ist schön in Kamtschatka“, sagt er. „Das ganze Land ist schön. Bloß das Regime ist verkehrt. Dieser Putin, der ist nicht gut für Russland. Wir brauchten einen anderen.“ Er starrt durch die gesprungene Windschutzscheibe, auf den schlaglochzerfurchten Asphalt, auf die rissigen Fassaden der Plattenbauten. „Wir brauchten einen, der das Land in Ordnung bringt“, sagt er. „Einen wie Stalin.“

Wer weitersucht, findet Alexej Petrow, den selbsterklärten Stadtrebellen, der in Petropawlowsk eine Umweltorganisation betreibt und sich bitter über die korrupte Verwaltung beklagt, über Vetternwirtschaft und Gängelung, über die Machthaber in Moskau. „Ich schäme mich, Russe zu sein“, sagt Petrow. Er zieht an seiner Zigarette, der Rauch schlängelt sich durch einen winzigen Schneespalt über dem Kellerfenster, Petrows einzige Verbindung zur Außenwelt. „Wir zählen auf den Westen“, sagt er. Er sagt es laut. Vielleicht, damit der Westen es besser hört. Die nächste EU-Grenze ist 7500 Kilometer entfernt. Näher ist Amerika, aber das liegt im Osten. Man würde Petrow gerne sagen, dass er besser nicht zu fest auf den Westen zählen soll.

Dann ist da noch Eduard Ustinowitsch, ein resigniert wirkender Mittfünfziger, der lange für die Oppositionspartei Jabloko im Stadtparlament saß, bis Jabloko bei den Parlamentswahlen im vergangenen Dezember nur noch anderthalb Prozent erzielte und Ustinowitsch seinen Sitz verlor. „Die Leute interessieren sich einfach nicht für Demokratie“, seufzt er. „Sie wollen keine Mitbestimmung. Sie wollen einen guten Onkel, der alles in Ordnung bringt. Je weiter er weg ist und je irrealer, desto besser.“

Der gute Onkel aus Moskau war genau dreimal in Kamtschatka. Einmal kam Putin, um eine U-Boot-Parade der Pazifikflotte abzunehmen, einmal kam er zum Skifahren. Und dann war da noch der Besuch vor den Parlamentswahlen. Putin eröffnete feierlich ein neues Schwimmbad, von dem manche munkeln, es sei allein zu diesem Zweck gebaut worden. Dann wandte er sich mit einer besonderen Botschaft an die Kamtschadalen: Ihr Stromtarif, der wegen der hohen Importkosten weit über dem russischen Durchschnitt lag, werde mit sofortiger Wirkung halbiert, die Differenz zahle der Staatshaushalt. Es war ein Freudentag für die Kamtschadalen. Sie waren Putin dankbar. Und da er nicht nur als Präsident nach Kamtschatka gekommen war, sondern auch als Spitzenkandidat der Kreml-Partei Einiges Russland, wussten sie, wie sie ihm danken konnten. Bei den Parlamentswahlen fuhr die Putin-Partei in Kamtschatka 64 Prozent der Stimmen ein.

Man kann den Vizebürgermeister von Petropawlowsk besuchen, um sich wortreich erklären zu lassen, warum die Senkung der Stromtarife just zu diesem Zeitpunkt notwendig war. Man kann aber auch einfach mit seiner Pförtnerin sprechen, in deren Loge zwei Bilder hängen: eins von Putin, eins vom Kreml. „Putin wollte uns ein Geschenk machen“, sagt die Pförtnerin. „Ist doch nett von ihm. Wir haben’s schwer genug hier.“

Wonach man sich sehnt in einer Stadt wie Petropawlowsk, ist Typsache. Man kann sich nach Designerboutiquen sehnen, nach Eiscafés, Feng-Shui und Gartenteichen. Man kann sich nach Demokratie sehnen, nach Ehrlichkeit, Freiheit und Gerechtigkeit. Vielleicht besteht zwischen beidem auch ein Zusammenhang. Vielleicht müssen die Gelben Seiten einer Stadt erst einen gewissen Umfang erreichen, bevor Menschen Dinge einfordern, die kein Branchenbuch verzeichnet.

Wenn das Wetter gut ist, will Kirill an diesem Sonntag sein Snowboard in den Jeep packen und in die Berge fahren. An klaren Tagen, sagt er, könne man von dort oben die ganze Stadt sehen. Wählen sollen sie ohne ihn.

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