Schriftsteller : Mark Twains Berliner Winter

Er dinierte mit dem Kaiser und hatte Ärger mit dem Finanzamt: 1891 zog der Schriftsteller für fünf Monate nach Berlin. Eine Episode aus dem Leben Mark Twains, der vor 100 Jahren starb.

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Unter den Linden, um 1890.
Unter den Linden, um 1890.Fotos: akg-images

Es soll Leute gegeben haben, die hielten ihn für einen Provinzler. Weil er ab und an mal fluchte, rauchte wie ein Schlot, die Werke Tintorettos für überschätzt hielt („ganz ansehnlich“) und den Arno in Florenz auch („wäre ein überzeugender Fluss, wenn man etwas Wasser hineinpumpen würde“). Überhaupt, war dieser immer ein wenig ungehobelte Kerl nicht in einer Bretterbude in Missouri zur Welt gekommen und in einem Holzhaus am Mississippi aufgewachsen?

Tatsächlich hatte Mark Twain bereits mit 18 sein ärmliches Zuhause verlassen, dem er viel später mit „Tom Sawyer“ ein unvergängliches literarisches Denkmal setzen sollte – und für das er vor allem in Deutschland für einen Jugendautor gehalten wird. Er lernte St. Louis, New York und Philadelphia kennen. Und er brauchte nur 14 Tage in der Armee der Konföderierten, um gleich zu Beginn des Bürgerkrieges zu erkennen, dass dieser Kampf gegen die Nordstaaten nichts werden konnte.

Er wurde lieber Goldgräber im Wilden Westen, war Drucker, Redakteur, Verleger. Ärgerlich genug: Der Krieg hatte ihn seinen Lieblingsjob gekostet, Lotse auf dem Mississippi, ein Beruf, der nach seiner Auffassung besser war als der eines Königs. Aber wäre er Lotse geblieben, hätte Mark Twain im Laufe seines Lebens wohl nicht Dutzende Länder gesehen, und noch bevor „Tom Sawyer“ erschien, machten ihn seine Reiseberichte zu einem der bestverdienenden Autoren seiner Zeit.

Mit anderen Worten: Er war ein Globetrotter, der sogar Deutsch sprach und schrieb. In dieser Sprache beantragte er ein Visum für Deutschland: „Geborn 1835; 5 Fuss 8 ½ inches hoch; weight doch eher about 145 pfund, sometimes ein wenig unter, sometimes ein wenig oben; dunkel braun Haar und rhotes Moustache, full Gesicht, mit sehr hohe Oren und leicht grau, practvolles strahlenden Augen und ein Verdammtes gut moral character. Handlungkeit: Author von Bücher.“

Doch wie konnte dieser polyglotte Mann im Oktober 1891 nur auf die eigenartige Idee kommen, ausgerechnet den Winter in Berlin verbringen zu wollen? Jeder, der schon mal im November dort war, weiß doch was ihn da erwartet, zumal 1891 noch hunderttausende Kohlenheizungen den Himmel verdunkelten.

Seine Meinung von der Stadt war eine exzellente, wie ein Essay beweist, den er für die „Chicago Daily Tribune“ unter dem Titel „The Chicago of Europe“ verfasste. „Berlin scheint die bestverwaltete Stadt der Welt zu sein,“ heißt es darin. Oder war das typisch Twainscher Sarkasmus? „Reisende haben sich binnen sechs Tagen bei der Polizei anzumelden“, schreibt der Baedeker „Berlin und Umgebung“ in der Ausgabe von 1891.

Mark Twain musste in Berlin vier Wochen krank im Bett bleiben.
Mark Twain musste in Berlin vier Wochen krank im Bett bleiben.Foto: akg

Auch Mark Twain entgeht den preußischen Behörden nicht und natürlich führen sie ihn nicht unter dem Pseudonym, das auf seine Lotsenzeit zurückgeht, sondern unter seinem richtigen Namen. „Clemens, S. L. (das Kürzel steht für den Vornamen Samuel Langhorne), „Privatier, W, Körnerstraße 7, I“, so kann man es heute sogar online nachlesen, im inzwischen digitalisierten Berliner Adressbuch von 1892. „W“ steht für West, heute Tiergarten, „I“ für erste Etage, Familie Clemens wohnt über dem Eigentümer, einem Herrn Killisch, Rittmeister a. D.

Nimmt man die Reisezeit als den ersten Fehler, dann ist die Wahl der Wohnung der zweite. Doch den hat nicht Mark Twain zu verantworten, sondern seine Olivia, genannt „Livy“, die von ihm zeitlebens angebetete Ehefrau, wie viele Briefe dokumentieren („Liebe Livy, wenn ich keine Sehnsucht habe, Dich zu sehen, dann hat sich kein Liebender je nach seiner Liebsten gesehnt“). Olivia war vorausgefahren und hatte die Wohnung angemietet, wahrscheinlich, um Geld zu sparen.

Seine bereits dritte Europareise, die ihn im Oktober 1891 nach Berlin geführt hat, ist beinahe so etwas wie ein Flucht. Mark Twain fürchtet, sich den teuren Haushalt im heimischen Hartford, Connecticut mit sieben Hausangestellten nicht mehr leisten zu können. Er hat all sein Geld in eine obskure Maschine investiert, die die Drucktechnik revolutionieren und ihn zum Millionär machen soll. Doch ihr Erfinder kriegt sie einfach nicht zum Laufen. Europa würde ihn günstiger kommen, so die Überlegung.

Literarisch will ihm hier erst einmal nichts gelingen. Immerhin, er übersetzt den Struwwelpeter ins Englische. Dem „Slovenly Peter“ fühlt er sich seelenverwandt, denn seine Suppe mag auch er hier nicht essen.

Die Körnerstraße, eine knapp 300 Meter kurze Verbindung zwischen Lützow- und Pohlstraße, entpuppt sich als „Paradies der Lumpensammler“, wie er sie nennt. Offenbar hat der Makler eine gute Adresse versprochen. „Ein Ort, angemessen für Götter“, lässt Twain ihn in einer Glosse sagen, die er über die Körnerstraße verfasst. „Aber sehen die Häuser nicht ziemlich gewöhnlich aus?“, fragt er darauf. „Oh“, antwortet der Makler, das sei bloß eine Marotte des ansässigen Adels, berühmt für sein understatement. Twains Familie sieht nur krakeelende Kinder, die im Dreck spielen und Frauen im Morgenmantel, die sich den ganzen Tag über aus dem Fenster lehnen, die Ellbogen bequem auf ein Kissen gestützt.

Richtig billig ist es eigentlich auch nicht. Und dann bekommt Mark Twain am 1. Dezember auch noch einen preußischen Steuerbescheid, und als er darauf nicht reagiert, vier Wochen später die Mahnung: 48 Mark 40 sind fällig. Dafür kann man 1891 eine Woche in einem Hotel der gehobenen Klasse wohnen. „Wie lange werden Sie denn bleiben“, fragt ihn der Reporter für die Sonntagsbeilage der „Berliner National Zeitung“. „Bis Eure Steuern mich wieder hinaustreiben“, antwortet Twain. Und beklagt sich, als auch noch 12 Mark Kirchensteuer fällig werden. Wie das denn sein könne? Nur einmal sei er hier in der Kirche gewesen. Einen zweiten Besuch werde er sich wohl nicht leisten können.

Familie Clemens hat genug. Aber Berlin bekommt eine zweite Chance. Mark Twain vergisst seine Vorsätze, mietet eine Suite mit acht Räumen im Hotel Royal, Unter den Linden Nummer drei, Ecke Wilhelmstraße. Gegenüber wird ein paar Jahre später das Hotel Adlon entstehen. „Vornehm“, heißt es über das Hotel Royal im Baedeker von 1891 knapp.

Im Hotel Royal findet Familie Clemens die Stadt großartig. Zumal Mark Twain auch in Berlin als Schriftsteller gefeiert wird, sechs seiner Bücher liegen bereits auf Deutsch vor. „Susy und ich waren sehr stolz, seine Töchter zu sein. Wir genossen es, wie alle uns anguckten, wenn wir ein Restaurant betraten“, erinnert sich die damals 17-jährige Tochter Clara in ihren Memoiren. Und ein amerikanischer Deutschlandreisender schreibt: „Ich glaube kaum, dass es irgendeinen anderen englischsprachigen Autor gibt, der hier ähnlich oft gelesen wird.“ Twain wird sogar auf der Straße angesprochen, manchmal aber offenbar verwechselt. „Wurde zweimal für Mommsen gehalten“, schreibt er in sein Notizbuch und meint Theodor Mommsen, den großen Historiker: „Wir haben dieselbe Frisur, aber bei näherer Betrachtung wurde festgestellt, dass unsere Gehirne sich unterscheiden.“

Berlin hat den Gründerzeitkrach von 1873 und die anschließende Depression inzwischen verdaut, wächst in imponierendem Tempo. Binnen 25 Jahren verdoppelt sich die Einwohnerzahl, wie mit dem Lineal gezogen entstehen immer neue Straßenzüge. „Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als sei sie erst vorige Woche erbaut worden, der Rest sieht aus, als wäre er sechs, vielleicht sogar acht Monate alt,“ schreibt Twain. Chicago wirke daneben geradezu ehrwürdig. Beeindruckt ist er von den Bürgersteigen, „die breiter sind als anderswo die Hauptstraßen.“ Nur das System mit den Hausnummern findet er ziemlich undurchsichtig.

Der Amerikaner ist gern gesehener Gast bei vielen Anlässen. So sitzt er neben Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz beim Festakt zu deren 70. Geburtstag. Erleichtert wird ihm der Zugang zur Berliner Gesellschaft durch eine Kusine, Alice Clemens aus St. Louis, die einen preußischen Offizier geheiratet hat. General Maximilian von Versen gehört zum Bekanntenkreis des Kaisers.

Twain tritt öffentlich auf, doziert etwa über die deutsche Sprache, über die er 13 Jahre vorher einen Essay verfasst hat („Die schreckliche deutsche Sprache“): Ist es nicht absonderlich, dass „das“ Mädchen im Deutschen Neutrum sei, mithin kein Geschlecht habe, „der“ Kürbis dagegen schon? Englisch, so sein Urteil, lerne man in 30 Tagen, Französisch in 30 Wochen, für Deutsch brauche es 30 Jahre – nur sollte man dazu nicht nach Berlin kommen. Offenbar hat er Probleme mit dem Dialekt. „Berlin ist ganz sicher ein leuchtendes Zentrum der Intelligenz“, schreibt er in sein Notizbuch. Und es könne wahrscheinlich keinen besseren Platz geben, wenn man einen guten Arzt brauche. „Ich glaube sogar, dass es nichts auf der Welt gibt, das man hier nicht lernen könne. Außer der deutschen Sprache.“

Das mit dem Arzt war wohl ernster gemeint. Mark Twains finanzielle Lage ist der eine Grund, der ihn nach Europa führte, der schlechte Gesundheitszustand seiner Frau, die unter einer Herzschwäche leidet, ein anderer. Die Familie hat bereits mehrere Kurorte besucht, ist direkt aus Marienbad nach Berlin gekommen. Auch Twain , inzwischen 56 Jahre alt, geht es nicht besonders, er leidet unter rheumatischen Beschwerden im Arm, ist beim Schreiben behindert.

Doch Berlin im Winter ist kein Platz, an dem man genesen kann. Im Gegenteil, Mark Twain holt sich hier eine Erkältung, die sich zur Lungenentzündung auswächst und ihn beinahe umbringt. Fast vier Wochen muss er das Bett hüten. Und so verpasst er eine Einladung: Kaiser Wilhelm II. will ihn sehen. Doch Majestät lässt nicht locker, sobald wie möglich wolle man das Treffen nachholen. Mark Twain ist diese Aussicht eher unangenehm, vor allem wegen der Hofetikette: „Ich mag es nicht, wenn mir jemand sagt, wie ich mich anzuziehen habe.“

Im Februar treffen die beiden dann doch bei einem Dinner zusammen, Mark Twain sitzt rechts neben dem Kaiser, der nicht nur fließend Englisch spricht, immerhin ist er mit Queen Victoria verwandt, sondern sich auch als großer Fan erweist. Vor allem Mark Twains Heidelberg-Episode aus „Bummel durch Europa“ und das Buch „Leben auf dem Mississippi“ haben es Wilhelm II. angetan. Doch als der Kaiser das großzügige amerikanische Rentensystem für Militär-Veteranen lobt, da widerspricht ihm Twain. Bekanntermaßen hat er für das Militär nicht viel übrig, die Renten hält er für eine Quelle der Korruption, die vor allem dem Stimmenkauf dient.

Majestät soll danach recht einsilbig gewesen sein. Jedenfalls hat Twain es so empfunden. Kaiser Wilhelm soll umgekehrt mal geäußert haben, Mark Twain wäre ein Beispiel dafür, dass Humoristen im wahren Leben oft ziemlich unlustig seien.

Wenn er es denn so gesagt hat, dann war das wohl ein Missverständnis. Mark Twain war eigentlich kein Humorist. Er war pointiert, mochte die komische Übertreibung. Doch hinter seinem Witz lauerte oft genug die Attacke gegen korrupte Politiker und maßlose Wirtschaftsbosse, gegen Rassenwahn und koloniale Gräuel.

Im März verlassen Twain und seine Frau Olivia auf Anraten ihrer Ärzte die immer noch kalte Stadt. Die beiden fahren nach Menton in Südfrankreich. Tochter Clara bleibt noch, um Musik zu studieren. Erstaunlich, dass Twain das erlaubt, er hat sich hier mit der 17-Jährigen, die in Berlin ihre Vorliebe für junge Offiziere in schneidigen Uniformen entdeckt, mehr als einmal gestritten. Ein harscher Brief ist überliefert, („eine Europäerin würde sich nie so benehmen“). Clara weiß sich zu behaupten. Und als ihr Musiklehrer zudringlich wird, weist sie auch den in die Schranken. Später wird sie Opernsängerin, heiratet keinen Offizier, sondern den russischen Pianisten Ossip Gabrilowitsch, mit dem sie zeitweise auch in Berlin lebt.

Mark Twain kann seine Pleite in Europa nicht abwenden. 1894 muss er Konkurs anmelden, hat mit 60 Jahren alles verloren. Große Romane wird er keine mehr schreiben, „Querkopf Wilson“, eine Abrechnung mit dem Rassismus, ist 1894 der letzte. Aber Twain unternimmt eine vierte große Reise, die ihn um die Welt führt und Stoff für eine Vortragsreihe und ein Buch liefert. Beides bringt ihm noch einmal so viel ein, dass er seine gesamten Schulden, immerhin 200 000 Dollar, bis 1898 tilgen kann. Der Preis allerdings ist hoch: Er ist nicht da, als seine geliebte Tochter Susy an Hirnhautentzündung stirbt.

Diesen Schlag wird er nie wirklich verwinden. Doch es sollte noch schlimmer kommen – mit dem Tod seiner geliebten Frau im Jahr 1904. „Warum darf ich nicht mit ihr gehen?“, schreibt er einem Freund. Sein Wunsch wird erst sechs Jahre später erhört. Mark Twain stirbt am 21. April 1910 mit knapp 75 Jahren in Redding, Connecticut.

Das verhasste Haus in der Körnerstraße gab es da übrigens schon nicht mehr. Es wurde 1902 abgerissen. An seiner Stelle entstand ein Postamt, das sich noch heute dort befindet.

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