Seyfried : Der Boxer-Aufstand

Gerhard Seyfried gilt mit seinen Comics als Chronist der linken Szene. Nach „Herero“ schrieb er nun den historischen Roman „Gelber Wind“. Ein Gespräch über Geschichte und sein Faible für deutsche Kolonien.

Interview: Andreas Austilat
Seyfried
Gerhard Seyfried. -Foto: Klaas

Herr Seyfried, waren Sie in der Schule eigentlich gut in Geschichte?

Wir sind da nicht besonders weit gekommen, Griechen, Römer und noch ein bisschen Martin Luther, das war’s. Dass ich mich für Geschichte interessiere, hat andere Gründe: das Aufwachsen in den Ruinen von München oder die Bücher zu Hause, mein Vater hatte unheimlich viel Kolonialliteratur, aus der Nazizeit, natürlich, aber das waren für mich genauso Abenteuergeschichten wie Karl May und die Indianer.

Es hätte also auch passieren können, dass Sie ein richtiges Wildwestbuch schreiben?

Das habe ich auch noch vor. Ich habe jetzt mal zwei Lichtstrahlen in die Kolonialgeschichte geworfen …

… erst Ihr Buch über den Aufstand der Hereros im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und jetzt das Buch über den chinesischen Aufstand gegen die Kolonialmächte …

… jetzt muss ich mir überlegen, ob ich auch die anderen deutschen Kolonien eine nach der anderen durchnehme. Das Schicksal deutscher Auswanderer, die in den amerikanischen Bürgerkrieg oder in die Kämpfe mit den Indianern verstrickt wurden, würde mich auch reizen.

Sie zeichnen seit Jahrzehnten Comics, da sind Sie so etwas wie ein Chronist der alternativen Szene geworden.

Und ich sehe das jetzt im Rückblick durchaus auch als Geschichtsschreibung.

Was werden künftige Historiker über unsere Zeit erfahren, wenn sie sich in 100 Jahren einen Band wie „Freakadellen und Bulletten“ angucken?

Ich hoffe, die werden dann noch andere Quellen zur Verfügung haben, sonst halten sie uns für einen Haufen kiffender Verrückter. Aber es ist natürlich ein ungewöhnlicher Blick auf Geschichte, mit der Berücksichtigung von Details wie der Kleidung oder wie man sich ausdrückte in den Randgruppen der Gesellschaft. So etwas wird von der normalen Geschichtsschreibung vernachlässigt. Vielleicht werden nachfolgende Generationen sehen, dass wir auch unseren Spaß hatten.

Mit knollennasigen Polizisten, die rufen „Pop Stolizei“?

Zum Beispiel.

1999 waren Sie in Namibia und seitdem profilieren Sie sich als Kolonialhistoriker. Über Ihr Herero-Buch schrieb der „Spiegel“ „virtuos komponiert“. Hatten Sie in Afrika ein Erweckungserlebnis?

So ähnlich. In Namibia stößt man schnell auf Spuren deutscher Geschichte, das alte Gefängnis aus der Kaiserzeit, die Häuser. Im Hinterland habe ich so ein kleines Fort entdeckt. Ein unglaublicher Platz mitten in dieser gottverdammten Einsamkeit. Da saßen die früher, allenfalls sechs Mann. Und auf dem Gefallenenfriedhof sah ich die deutschen Namen, junge Kerle, 21, 22.

Sie haben sich an die Abenteuerbücher Ihrer Kindheit erinnert.

Ja, und ich habe mir Gedanken gemacht, wie es einem jungen Menschen gehen mag, der im guten Glauben in die Kolonien kommt. Glauben die, das Land gehört uns, da ist ja niemand außer ein paar gutmütigen Eingeborenen? Und dann drückt man denen ein Gewehr in die Hand und schickt sie gegen dieUreinwohner. Wie werden die mit dieser Situation fertig? In der Regel gar nicht, wie man an meinen Protagonisten in „Herero“ sah.

Ihr neues Buch spielt in China, zur Zeit des Boxeraufstandes um 1900. Warum haben Sie nicht einfach einen schönen Südseeurlaub gemacht und über die Kolonien in Samoa geschrieben?

Ich habe bei meinen Recherchen schnell entdeckt, dass uns der Boxeraufstand auf besondere Weise betrifft. Immerhin haben die Ereignisse damals den Deutschen in der englisch sprechenden Welt den Spottnamen Hunnen eingebracht.

Sie meinen die „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms, als er die deutschen Truppen nach China verabschiedete.

Da ist dem Kaiser der Gaul durchgegangen. Er hat sinngemäß gesagt, es gibt da mehrere Versionen, „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden keine gemacht“ und dann kam noch die Stelle „benehmt euch wie die Hunnen vor 1000 Jahren bei ihrem Sturm auf Europa, auf dass es in Zukunft kein Chinese mehr wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzugucken“. Das war natürlich nicht besonders diplomatisch. Englische Zeitungen schreiben heute noch von den Hunnen, wenn sie die Deutschen karikieren.

Dabei war es ein britischer Admiral, der damals befahl „Germans to the Front“.

Eine Parole, die jetzt im Afghanistankonflikt manchmal wieder rausgekramt wird. Dieser Feldzug in China war eine Gemeinschaftsaktion der Kolonialmächte des Westens einschließlich der USA, Russland und Japan, um dem belagerten Ausländerviertel in Peking zu Hilfe zu kommen. Der Befehl „Germans to the Front“ besagte eigentlich nicht mehr, als dass die Deutschen andere Truppen an der Spitze ablösen sollten. In Deutschland wurde es natürlich so interpretiert, als ob die Deutschen die Kastanien aus dem Feuer holen mussten. Das gab Ärger, weil es so nicht stimmte.

Anders als in Namibia haben Sie diesmal den Schauplatz nicht besucht.

Karl May war auch an keinem seiner Schauplätze. Nein, ich hatte weder die Zeit noch das Geld, also habe ich mich an Wissenschaftler und Asienkenner gewandt. Die haben mir übrigens versichert, außer dem Kaiserpalast ist nichts mehr so, wie es damals war.

Sie beschreiben das alte Peking sehr detailliert. Ist das künstlerische Kreativität?

Ich glaube, ich kenne alle Fotos, die es aus dem alten Peking gibt, erstaunlich viele übrigens, und ich habe bestimmt über 200 Bücher gesichtet. Sehr interessant war das Tagebuch der Elisabeth von Heyking. Ihr Mann war als Gesandter der Vorgänger von Ketteler, dessen Ermordung zum Signal für die Belagerung des Pekinger Fremdenviertels wurde. Die Heyking war sehr unglücklich in diesem Peking, in dem es an allem fehlte, woran sie gewöhnt war: kein Strom, kein Gaslicht, keine Kanalisation, keine Pferdebahn. Die Deutschen haben dann ein kleines E-Werk gebaut, um das Gesandtschaftsviertel mit Strom zu versorgen. Und eine Straßenbahn, die durfte aber nicht fahren.

Warum nicht?

Die Chinesen wurden erpresst, den Bau zu bezahlen, aber sie erlaubten den Betrieb nicht. Mit der Begründung, es handele sich um Teufelswerk.

War es nicht so, dass die Bahn eine Konkurrenz für das einheimische Fuhrgewerbe darstellte? Wie überhaupt die Industrieländer danach drängten, den damals schon riesigen chinesischen Markt notfalls mit Gewalt für ihre Produkte zu öffnen.

Natürlich, darum ging es: billig Rohstoffe rausholen und teuer Waren verkaufen. Die Amis haben da einen tollen Trick angewandt. Die haben ihre billigen Öllampen in China fast verschenkt und dann das nötige Kerosin teuer verkauft. Ich nenne dies das Polaroidprinzip, da war die Kamera auch billig, der Film dagegen enorm teuer.

Der Aufstand, der dann losbrach, war also eine soziale Bewegung?

Auch. Nehmen sie die Eisenbahn von der Küste nach Peking. Vorher gab es entlang der Route Lastträger, Bodyguards, Herbergswirte, Maultiertreiber, deren Existenz war mit einem Streich zunichtegemacht, wenn sie die Strecke in sechs Stunden mit der Bahn schaffen.

Der Konflikt ging als Boxeraufstand in die Geschichte ein. Wer waren diese Boxer?

Der Begriff kommt ursprünglich von einer Bauernselbstschutzbewegung. Es gab damals Räuberbanden, die über die Dörfer hergefallen sind. Die Bauern hatten keine Waffen, also haben sie sich in verschiedenen Faustkampftechniken geübt. Von den Engländern haben sie dann den Spitznamen „Boxer“ bekommen. Und daraus wurde eine Bewegung gegen die Eindringlinge aus dem Westen.

In Ihrem Buch kommen einem die Boxer als eine Art chinesische Taliban vor, die den Ausländern, die 55 Tage lang in ihrem Gesandtschaftsviertel belagert werden, an die Gurgel wollen.

In gewisser Weise waren sie das ja auch. Das chinesische Kaiserhaus hat sich ihrer bedient. Es war selbst zu schwach, den Fremden offen entgegenzutreten, konnte es ihnen aber so ein bisschen ungemütlich machen. Und dann ist die Sache aus dem Ruder gelaufen.

Über Ihr neues Buch würde Marcel Reich-Ranicki sagen, kein gutes Buch, weil mit 640 Seiten viel zu dick.

Stimmt. Und er würde bemängeln, dass wieder kein Sex drin ist.

Diesmal ist doch Sex drin.

Ja, aber nur ganz verhalten. Beim Boxeraufstand war anders als bei „Herero“ von vornherein klar: Ich will mehr Dramatik, und ich will die menschliche Seite mehr in den Vordergrund ziehen, ohne die Historie zu beschädigen.

In Ihrem Buch „Herero“ hatten die Ureinwohner einen eigenen Protagonisten. Beim Boxeraufstand schreiben Sie im Vorwort, den Konflikt aus chinesischer Sicht zu schildern, hätten Sie für Anmaßung gehalten.

Sich in einen Chinesen reinzudenken, das war ein Fass, das wollte ich lieber nicht aufmachen. Das Buch ist aus deutscher Sicht. Das ging auch gar nicht anders. Es gibt darüber so wenig Material, dass sogar chinesische Wissenschaftler nach Berlin kommen, um zu schauen, was man über die Zeit erfahren kann. In Namibia konnte ich mich wenigstens noch mit ein paar Hereros unterhalten und aus diesen Begegnungen eine Figur modellieren.

Sie setzen sich der Gefahr aus, die Taten der Deutschen und ihre Motive damals zu rechtfertigen.

Aber das tue ich nicht. Ich schildere, was damals los war, wie man gedacht hat. Nebenbei bemerkt, bei allem, was ich aus England oder den USA über den Boxeraufstand gelesen habe, geht niemand auf die chinesische Seite ein. Der Einzige, war vielleicht der österreichische Gesandtschaftssekretär Arthur von Rosthorn, der geschrieben hat, wenn ich ein Chinese wäre, wäre ich Boxer.

55 Tage lang verteidigt eine gemischte Truppe aus einem Dutzend Nationen mit 500 Mann das Viertel gegen eine gewaltige Übermacht. Bewundern Sie diese Leistung?

Bewundern ist das falsche Wort. Ich kann mir vorstellen, wie es denen da drinnen ging und dass sie sich als Helden fühlten. Wobei die Chinesen sie überrannt hätten, wenn sie sich denn einig gewesen wären.

Sie lassen zehn Soldaten mit dem Bajonett und Hurra gegen eine hundertfache Übermacht anstürmen, der Offizier vorneweg.

Ich habe mich da an das Kriegstagebuch des Grafen von Soden gehalten, des Befehlshabers des deutschen Detachements. Der erzählt das mit militärischer Knappheit und Genauigkeit relativ kühl.

Sie beschreiben die Attacken sehr detailliert. Sie haben sogar den militärischen Slang von vor 100 Jahren drauf. Da wird avanciert, Kanonen werden abgeprotzt und der Trompeter bläst „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp“.

Tärätätää, Tärätätää, Tärätätää, das ist das Signal zum Angriff. Ich versuch, das alles möglichst genau zu schildern.

Ihr Vater war Berufssoldat im Zweiten Weltkrieg. Haben Sie das von dem?

Das war eine ganz andere Art Krieg. Das war Drill und Führergehorsam, aber kein Hurra. Er hat furchtbare Situationen erlebt, ist mehrfach verwundet worden, sah Kameraden sterben. Mein Vater war zwar rechts und vor dem Krieg in der SA, nach dem Krieg hat er sich konsequent gegen alles Militärische gestellt.

Waren Sie in der Bundeswehr?

Kurzfristig. Die Internationale der Kriegsdienstverweigerer hat mir einen Nervenarzt vermittelt, der mir bescheinigte, dass ich keine Kopfbedeckung tragen darf.

Erstaunlich, dass ein erklärter Pazifist von einem Bajonettangriff derart fasziniert ist.

Ich bin gar nicht in der Lage, mir einen derartigen Angriff vorzustellen, ich kann das nur ganz sachlich wiedergeben. Wahrscheinlich haben die damals auch nichts gefühlt, vielleicht ist das sogar die einzige Chance, in so einer Situation an die eigene Überlegenheit zu glauben und mit Hurra dem anderen einen Schrecken einzujagen.

Und der Leutnant geht voran?

Das muss er, das ist seine Pflicht.

Seit Jahrzehnten zeichnen Sie kiffende Freaks und jetzt schreiben Sie über Pflichterfüllung. Ist das eine Form von Zeitkritik, weil Sie finden, es gebe heute zu wenig Vorgesetzte, die ein gutes Beispiel darstellten?

Naja, das gute Beispiel gerät vielleicht wirklich ins Hintertreffen. Umso mehr muss man es hochhalten. Aber das war nicht meine Intention. Mein Buch ist im Stil der damaligen Zeit geschrieben und bezieht sich auf damalige Denkweisen. Insofern ist es kein modernes Buch.

Der „Rheinische Merkur“ hat Ihr Buch mit Theodor Plieviers „Des Kaisers Kulis“ verglichen. Plievier war Matrose in der kaiserlichen Flotte und schrieb über die unmenschlichen Bedingungen an Bord eines Kriegsschiffes. Die sind bei Ihnen kein Thema.

Es wäre ein ganz anderes Buch geworden, ein Klassenkampfbuch, das wollte ich nicht.

Sie schildern, wie einem Kanonier im Gefecht die Beine abgerissen werden. Weiß man, was aus dem Mann wurde?

Der kam auf dem „herrlichen neuen Lazarettschiff“, wie es damals hieß, erst nach Yokohama und dann zurück nach Deutschland, wo er freudig und mit Jubel empfangen worden ist. Das wird so auch gewesen sein. Was ihm danach blühte, war klar, er dürfte auf einem Rollbrett auf der Straße gesessen haben.

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