Sizilien : Das tägliche Beben

Festland ist hier ein sehr relativer Begriff: Sizilien und Kalabrien driften auseinander. Vor 100 Jahren ereignete sich bei Messina die größte Naturkatastrophe in Europas Geschichte. Experten warnen: Sie könnte sich wiederholen.

   Von Paul Kreiner[Reggio Calabria   ]
Messina
Mit bloßen Händen: Marinesoldaten graben in Messina nach Verschütteten. -Foto: Tsp/Zeitschriftenillustration 1909

Giovanni lacht. „Hast du jemals so ein Blau gesehen? Und das mitten im Dezember?“ Der 23-jährige Architekturstudent – „vergiss den Nachnamen, hier duzen sich sowieso alle!“ – steht am Strand, genauer gesagt auf Reggio Calabrias Flaniermeile, die von Dichtern als der „schönste Kilometer Italiens“ besungen worden ist. Leise plätschern glitzernde Wellen durch die Meerenge, ein Fischkutter tuckert übers tiefblaue Wasser, draußen zieht ein Riesenschiff mit unzähligen roten, gelben, grünen Containern vorbei. Gegenüber sind die Berge der sizilianische Küste zum Greifen nah. Links raucht gemütlich der Ätna vor sich hin, rechts am Horizont flimmern die weißen Gebäude von Messina in der Sonne. „Aber noch besser wird’s“, verspricht Giovanni, „wenn du im Sommer wiederkommst. Dann siehst du Messina manchmal als Fata Morgana, dann tänzeln die Häuser ganz locker übers Wasser.“

Was hier vor 100 Jahren passiert ist, genau am 28. Dezember 1908, das war keine Fata Morgana. Das war eine Katastrophe von apokalyptischen Dimensionen. Die Bewohner von Messina und Reggio – so beschreiben es Überlebende tatsächlich – fühlten sich in einen riesigen Strudel gerissen, abwärts, nur abwärts. Dann der Aufprall. Dann diese seltsame Stille.

Dabei sind sie fröhlich ins Bett gegangen am Abend zuvor. Zum Ausklang der Weihnachtsfeiertage hat Messinas Opernhaus die „Aida“ aufgeführt; in Reggio haben sie die Installation der ersten elektrischen Straßenlaternen bejubelt, dieses „neue Licht“, diesen Schritt in die Zukunft.

Doch um 5 Uhr 21 am Montagmorgen bleiben die Uhren stehen. Die Erde bebt, wie sie noch niemals gebebt hat in der Geschichte Italiens. In nur 30 Sekunden werden zwei Städte ausgelöscht, Reggio und Messina, dazu 602 Dörfer an der Küste und im Bergland Kalabriens. Und was die Erdstöße nicht zertrümmern, das erledigt zehn Sekunden später ein Tsunami. Bis zu 13 Meter hoch ist die Flutwelle, die an der kalabrischen Küste alles hinwegspült, was ihr im Weg steht: Straßen, Häfen, Brücken, Eisenbahnen, Industrie gebäude.

Hundert Jahre später ist Zeit für die wissenschaftliche Aufarbeitung. Im klassizistischen Stadttheater von Reggio – keiner sieht, dass es aus Stahlbeton ist, wie die ganze Stadt neu aufgebaut nach der Katastrophe von 1908 – versammeln sich Geologen, Geophysiker, Katastrophenschützer und Historiker. Mit 7,1 oder 7,2 auf der Richterskala taxieren sie das Erdbeben heute; damit wäre es nur wenig schwächer als das Beben in China vom Mai 2008 und wohl stärker als die zivilisatorische „Urkatastrophe“ der europäischen Neuzeit: die Vernichtung Lissabons 1755. Seismologen rechnen die an der Meerenge von Messina freigesetzte Energie in menschliche Zerstörungseinheiten um: Sie kommen auf 43 Atombomben vom Hiroshima-Typ.

Digital wiederbelebt werden aus Anlass des Gedenktages die Augenzeugenberichte, die Zeitungsfotos und die ruckeligen Filme von einst. „Es war um mich herum wie ein unaufhörlicher Regen“, erzählt einer, „Steine, Trümmer, Balken, Staub, alles kam herunter, und den ganzen Tag bebte der Boden weiter.“ – „Ich wollte schreien“, berichtet ein anderer, der in den Trümmern seines Hauses lag, „aber ich hatte die Kehle und die Lungen voll Staub. Dauernd hatte ich Angst zu ersticken.“ – „Mein eingeklemmter Körper fühlte sich an wie mit den Trümmern verschmolzen; ob ich dem Tod oder dem Leben näher war, wusste ich zwei Wochen lang nicht.“ – „Auf einmal habe ich mich mitsamt meinem Bett drei Stockwerke tiefer befunden, neben den Betten der Verwandten. ,Wie seid ihr zu mir heraufgekommen?’, fragte ich sie, weil ich im Schlaf und meiner Verwirrung gar nicht bemerkt hatte, dass ich gefallen war.“

Wie viele Menschen sind gestorben? Bis heute weiß das niemand. 60 000 waren es mindestens in Messina, 12 000 mindestens in Reggio, aber die in der Provinz hat niemand gezählt, und die Angaben für die Städte gelten als unsicher, weil sämtliche Melderegister vernichtet sind. 100 000 Opfer, das gilt den Experten heute als plausible Schätzung – manche sprechen von bis zu 200 000.

Das Chaos danach setzt sich bis heute fort. Selbst der neueste Forschungsbericht zur Katastrophe, 1280 Seiten stark, widerspricht sich mehrfach: Wann sind die ersten Helfer angekommen? Noch am Morgen des Erdbebentages? Oder – viel wahrscheinlicher – erst lange 24 oder 27 Stunden später? Fest steht jedenfalls, und die Umstände nennt der Katastrophenexperte Franco Barberi im Theater von Reggio einen „skandalösen Wahnsinn“: Die Italiener waren die letzten.

Russische und englische Kriegsschiffe hatten im Mittelmeer ein Manöver abgehalten, sie eilten mit einigen tausend Marinesoldaten sofort nach Messina; offensichtlich befand sich dort bereits ein deutscher Kreuzer. Das ärmliche, schon immer unattraktivere Reggio musste einen weiteren Tag ohne Hilfe ausharren. Fast genauso lange dauerte es, bis Rom wahrnahm, was passiert war. Um ein Nottelegramm abschicken zu können, musste ein italienisches Kriegsschiff am Erdbebentag erst 50 Kilometer die kalabrische Küste hinauffahren; davor waren alle Leitungen zerrissen. „Dabei lag mitten im Hafen von Messina ein Kriegsschiff mit Funktelegraf“, sagt Barberi, „aber an diese neue Technik hat kein Mensch gedacht.“

So erfuhr die Regierung erst nach mehr als zwölf Stunden von der Ka tastrophe, und obwohl der Schrei aus Messina unüberhörbar war – „Brauchen sofort alles! Stadt in Trümmern! Sämt liche Hilfe wird zu wenig sein!“ –, reagierte Ministerpräsident Giovanni Giolitti, als handele es sich um eine „typisch süditalienische“ Übertreibung: „Da hat wohl jemand die Zerstörung einiger Häuser mit dem Weltuntergang verwechselt.“

Giovanni, der Student, führt durch Reggio. „Nach 100 Jahren“, sagt er, „darf man das Zentrum wohl schon wieder Altstadt nennen, oder?“ Flache, höchstens zweistöckige Häuser in allen Stilen, die das damals neue 20. Jahrhundert zu bieten hatte: Neobarock, Fantasiegotik, Jugendstil, spanische Kolonialmode, die Kathedrale mit einer Fassade in Zuckerbäckerart. „Nur der schachbrettartige Grundriss von Reggio, der ist schon älter. Den haben sie nach dem großen Beben von 1783 eingeführt, als sie die Stadt schon einmal ganz neu aufbauen mussten.“

Die Geologen im Stadttheater diskutieren über das große Welttheater, das sich exakt unter ihren Füßen, in 13, 15, 20 Kilometern Tiefe abspielt. Dass dort die afrikanische Kontinentalplatte mit der europäischen zusammenstößt und teilweise unter ihr abtaucht, das wissen sie. „Aber wie das genau vor sich geht, das haben wir noch lange nicht verstanden“, geben einige zu.

Dann werfen sie Bilder an die Leinwand, bunte Röntgenaufnahmen und Computertomografien vom Bauch der Erde, so scharf und detailreich, als wären sie dort drinnen gewesen; mit dem Laserpointer ziehen sie Gesteinsverwerfungen nach, die im Boden der Meerenge von Messina so zahlreich und so wirr übereinander liegen wie Mikado-Stäbchen. Mit computerbewegten, farbigen Pfeildiagrammen zeigen sie, wie Kalabrien und Sizilien auseinanderdriften, jedes Jahr – per Satellit gemessen – um fünf Millimeter, und wie sie sich dabei gegeneinander drehen, an einander reiben, wie sie zittern, wie es knirscht. „Festland“ – das ist in Kala brien ein sehr relativer Begriff.

„Trotzdem: Die entscheidende Bruchzone zum Beben 1908 haben wir nicht gefunden. Warum es also so stark ausgefallen ist, dazu gibt’s noch viele Unsicherheiten“, räumt Gianluca Valensise ein, der sich beim Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der heißen kala brisch-sizilianischen Zone beschäftigt. „Mit der Auswertung jedes Erdbebens“, fügt sein Chef Enzo Boschi hinzu, „kommen wir einen Schritt weiter.“ An Forschungsgelegenheiten mangelt es nicht. Ob an der Meerenge von Messina, in der zum selben geologischen Komplex gehörenden Vulkanzone der Liparischen Inseln, um Ätna und Stromboli, ob in den Bergen über der kalabrischen Abtauchzone – überall schlagen die Seismografen jeden Monat mehrmals an. Dazu gibt’s historisches Studienmaterial in Mengen.

Schon vor der Katastrophe von 1908 gab es in Kalabrien einzelne Beben – 1894, 1905 und 1907. Für die Historikerin Emanuela Guidoboni stellen diese „14 Jahre Zerstörung“ auch eine Erklärung dafür dar, warum das Beben von 1908 so verheerend ausfiel: Die Bausubstanz war zerrüttet, und die Kalabrier hatten – genauso wie das alte Pompeji zwischen einem Megabeben und der Zerstörung von 79 nach Christus – nicht genügend Zeit, die Schäden solide auszubessern. „Sie haben sich gefühlt wie nach einem verlorenen Krieg“, sagt Guidoboni.

„Im neuen Staat Italien haben sich unsere Leute nicht mehr um die weisen Baudekrete der alten Bourbonenkönige gekümmert“, resümierte 1908 ein Wissenschaftler. „Es fehlte an Grundfesten, in den Dörfern waren allein die Dächer so schwer, dass die Wände sie kaum tragen konnten, elementare Bauregeln wurden nicht befolgt“, sekundierte der Priester und Vater einer Erdbebenskala, Giuseppe Mercalli. Das beschämendste Urteil aber kam seinerzeit aus Fernost. Der zu Studienzwecken herbeigeeilte Tokioter Professor Fusakichi Omori verglich die italienischen Baustandards mit den japanischen und befand, „998 von 1000 Opfern“ könnten noch leben, hätte man die nötige Vorsicht walten lassen.

Und was hat Italien daraus gelernt? „Wenig bis nichts“, befinden Wissenschaftler in Reggio. Die Mehrzahl der öffentlichen Gebäude des Landes sei immer noch nicht erdbebensicher, allein bei den Schulen, mahnt der oberste Katastrophenschützer Guido Bertolaso, seien 40 Prozent gefährdet.

Auch Giovanni schüttelt den Kopf. Mittlerweile ist er oben angekommen über der Stadt, auf der Aussichtsplattform „La Rotonda“. Ganze Schulklassen springen in dem kleinen Vergnügungspark herum; in diesen Tagen ist dort „Babbo Natale“ zu Gast, der Weihnachtsmann; jeder darf ihn mal sehen.

„Schau mal“, sagt Giovanni, „mit dem Lungomare, der Flaniermeile am Meer entlang, hat sich Reggio eine Pufferzone gegen Tsunamis geschaffen. Aber gleich südlich vom Zentrum, genau dort, wo die Welle am höchsten war, da breitet sich ein wilder Bauverhau wieder zum Meer hin aus.“

Dann dreht Giovanni sich um, weist mit seinem Arm weit über die zerklüfteten Hügel. Überall stehen Wohnblocks, „die meisten schwarz gebaut, ohne jede Kontrolle und wahrscheinlich ohne jede Erdbebensicherheit“. Dabei, sagt Giovanni wie die Fachleute im Theater von Reggio, „sind die Hügel genauso gefährdet wie die Ebene. Die Bruchlinien im Fels, die könnte jeder sehen, wenn er nur wollte.“

Haben Giovannis Landsleute keine Angst, dass alles wieder passieren könnte? Dass die Schäden noch größer sein könnten, weil in Messina heute 90 000, in Reggio 140 000 mehr Menschen wohnen als 1908? Weil die Fischerdörfer an der Küste längst verwachsen sind zu einem einzigen Wohn-, Gewerbe- und Verkehrsgebiet?

Ein paar Angler am Lungomare haben zuvor auf diese Frage nur geantwortet: „Wie willst du leben, wenn du jeden Tag Angst hast?“ oder: „Die Fische haben noch jeden Tsunami überlebt.“ Und Giovanni schüttelt wieder den Kopf: „Sie sind so. Der Fatalismus bei uns ist nicht auszurotten. Dabei stammt diese Haltung aus einer lange vergangenen Zeit, in der man nicht viel machen konnte gegen die Schäden von Erdbeben, außer Altäre zu bauen und Prozessionen abzuhalten. Heute hättest du Erfahrung, du hättest Bautechniken, du hättest ein genauestens vermessenes und durchleuchtetes Gelände.“

„Aber“, schließt Giovanni, „es wird wohl damit enden, dass wir beim nächsten Beben wieder nur die Toten zählen.“ Dass das Beben kommt, das können die Wissenschaftler voraussagen; sie wissen nur nicht, wann. Sie hoffen nur, es möge lange ausbleiben.

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