Söldner : Mordsgeschäft

Schon in der Bibel war ihr Ruf schlecht. Söldner galten als Mörder, Vergewaltiger, Brandstifter. Und es gibt sie immer noch, denn der Kriegsmarkt boomt.

Ruth Ciesinger
Fremdenlegion Foto: dpa
Die Fremdenlegion gibt es seit 1831. -Foto: dpa

Vor zwei Jahren hörte Davids altes Leben auf. Damals war er 23 und als Funktechniker der US-Armee in den Irak gegangen. Wie selbstverständlich war er Soldat geworden. Schon sein Vater war einer, seine Cousins sind bei Luftwaffe oder Armee. David Mann war stolz auf seinen Job. Die Funkgeräte sind überlebenswichtig im Einsatz. Wenn er sich um sie kümmern würde, würde er auch über das Schicksal seiner Kameraden wachen.

Doch als David auf der Armeebasis Anaconda nördlich von Bagdad ankam, war das schon nicht mehr sein Job. Die Funktechnik sollte künftig die private Firma Kellog, Brown & Root übernehmen. Bevor die KBR-Leute aber loslegen konnten, musste David sie erst mal ausbilden. „Die hatten weder Ahnung noch Werkzeug“, sagt er heute. Nach einem halben Jahr aber waren die Privaten, viele von ihnen selbst ehemalige Soldaten, die neuen Chefs. David fuhr jetzt Laster oder stand oben auf dem Wachturm. „Erst haben ich ihnen meine Arbeit beigebracht“, sagt David, „und dann haben sie mir meinen Job weggenommen.“

Geht es um private Sicherheitsfirmen im Irak, fällt eigentlich sofort das Stichwort Blackwater. Weil deren Angestellte mit schwarzen SUVs und dunklen Sonnenbrillen besonders martialisch auftreten. Und weil die Firma im vergangenen Herbst fast des Landes verwiesen worden wäre, nachdem Mitarbeiter am 16. September in Bagdad 17 Zivilisten erschossen hatten. Doch Blackwater, die Presseanfragen gern ignoriert, ist bei weitem nicht die einzige private Firma, die im Sicherheitsbereich im Irak sehr viel Geld verdient. Mit Abstand größter privater Unternehmer dort ist Kellog, Brown & Root. Die riesige Logistikfirma ist aus dem Halliburton-Konzern hervorgegangen, wo einst Vizepräsident Dick Cheney Vorstandschef war.

Eine neue Entwicklung bahnt sich an

Was da im Irak höchst kritisch beobachtet wird, ist aber nicht neu. Im Gegenteil, Männer einzukaufen und für die eigene Sache kämpfen zu lassen, ist ein Phänomen, so alt wie der Krieg selbst, Schweizer Söldner oder die französische Fremdenlegion sind Beispiele unter vielen. Doch sieht es so aus, als bahne sich seit einigen Jahren eine neue Entwicklung auf dem Markt der Sicherheit an; besonders die Summen, die in dem Geschäft mit der Gewalt heute gemacht werden, sind in ungeahnte Höhen geschnellt.

Allein zwischen 2004 und 2006 schloss KBR Verträge mit der US-Regierung im Umfang von über 16 Milliarden Dollar ab. Sie beschäftigt mehr als 54 000 Menschen im Irak, etwa 20 000 davon sind von KBR angestellte Subunternehmer. Vom Maurer über den Mechaniker bis hin zum Koch bedient KBR fast alle logistischen Bedürfnisse, die früher die Armee selbst erledigte – und verdient satt daran. US-Medien recherchierten, wie KBR dem Pentagon für eine Gallone Benzin 2,27 Dollar berechnete, die an der irakischen Tankstelle einen Dollar gekostet hätte. 45 Dollar für eine Kiste Mineralwasser wurden auch schon abgerechnet. Selbst Handtücher treiben eine absurde Preisspirale weiter nach oben.

Byron Dorgan, Senator für North Dakota, hat das im März bei einer Anhörung zu den Kriegskosten weidlich ausgekostet. Der Senator ist mit seinem zurückgeföhnten Haar und der silbernen Brille dem früheren Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht unähnlich, ansonsten verbindet die beiden wenig. „Eigentlich eine ganz kleine Angelegenheit“, sagte Dorgan und legte vor laufenden Kameras ein Handtuch auf den Tisch. Weiß mit dem schwarz-rot aufgestickten Logo von KBR. Ein Mitarbeiter der Firma sollte Handtücher für die Armee bestellen. Ein Vorgesetzter bestand darauf, sie müssten das Firmenlogo tragen. Das würde den Preis verdrei- oder vierfachen, aber „macht nichts“, so der KBR- Mann, „das Geld kommt vom Steuerzahler“. Eine kleine Angelegenheit, so Dorgan, die für ein großes Problem steht.

Der Irak wird zur Goldgrube für Sicherheitsfirmen

Dass der Irakkrieg eine Goldgrube für private Sicherheitsfirmen geworden ist und diese mit weit mehr als 100 000 Mann im Irak fast genau so stark sind wie die gesamte US-Streitmacht, haben sie besonders Donald Rumsfeld zu verdanken. Der Minister wollte 2003 einen kurzen Kampf mit einer schlanken Streitmacht, die viele ihrer Aufgaben ausgelagert hat. Und gerade das, findet Peter W. Singer, ist generell ein Problem. Singer forscht am Brookings-Institut in Washington, war aber auch Einsatzoffizier der Balkan Task Force des US-Verteidigungsministeriums. Sicherheit für die Bürger bereitzustellen und sie zu verteidigen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Staates, argumentiert Singer in vielen seiner Artikel. Wer sie der freien Wirtschaft überlässt, verliert Kontrolle und Verantwortung. So wurden die am Folterskandal von Abu Ghraib beteiligten US-Soldaten alle verurteilt, die entsprechenden Mitarbeiter einer privaten Firma aber nie verfolgt. Größtes Risiko aber dürfte sein, dass Private, anders als der Staat, für Geld auch mal die Seite wechseln.

Töten, um Geld zu verdienen, egal, für welchen Herrn, das macht das Bild vom Söldner so miserabel. Und es waren oft wüste Abenteurer, manchmal sogar Mörder und Vergewaltiger, die da erst in Hafenkneipen besoffen gemacht wurden und dann als frisch angeheuerte Legionäre auf einem Schiff Richtung Asien oder Afrika wieder aufwachten. Andererseits scharte selbst einer der größten Helden des Alten Testaments Söldner um sich. Nachdem David den Riesen Goliath bezwungen hatte, aber noch nicht König von Israel war, muss er mit seinen Mannen – „die in Not und Schulden und verbitterten Herzens waren“ – eine Landplage gewesen sein. „Und sooft David in das Land einfiel, ließ er weder Mann noch Frau leben und nahm mit Schafe, Rinder, Esel, Kamele und Kleider und kehrte wieder zurück“, heißt es in der Bibel.

Davids alttestamentarischer Truppe verkörperte alle Negativeigenschaften der Söldner, die griechischen Kämpfer der Antike hingegen waren die Prototypen der für Effektivität und Durchschlagskraft geschätzten Soldaten, die man sich am besten einkauft. Sogar Perser und Ägypter zahlten für ihre Griechen, und wer kein Geld hatte, trickste. „Die Hopliten – die griechischen Söldner – waren zum Markenartikel geworden“, schreibt der Autor Rolf Uesseler, so dass einige Herrscher ihre eigenen Soldaten in griechische Uniformen steckten und dem Gegner vorgaukelten, sie würden das Original in die Schlacht schicken“.

Die Männer kennen nur Gewalt

Wie zwei Fäden ziehen sich so positive wie negative Merkmale der käuflichen Streiter durch die Jahrhunderte: die Effektivität der Truppe, die, auf das Kriegshandwerk trainiert, schnell und flexibel einsetzbar ist, und die Effektivität einer Schar von Männern, die, schon aus der Gesellschaft gefallen, nichts anderes kennen als Gewalt. In Europa hat die Entwicklung kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg 1618 ihren Höhepunkt. Das Kriegshandwerk war damals eines der bedeutendsten Gewerbe, der berühmteste Militärunternehmer war Albrecht von Wallenstein, Herzog von Friedland, Obrist von Prag und kaiserlicher Feldherr.

Für den Kaiser und die katholische Liga hatte Wallenstein den Oberbefehl über die kaiserlichen Streitkräfte gegen die Protestanten, er wurde darüber zu einem der wohlhabendsten Männer seiner Zeit. Wallenstein hatte dafür seine böhmischen Ländereien in einen riesigen Komplex aus Arsenalen und Rüstungsmanufakturen verwandelt, seine Armeen waren „das größte und am besten organisierte Privatunternehmen, das es in Europa vor dem 20. Jahrhundert gab“, schreibt der Historiker V. G. Kiernan. Auf einem Kupferstich von 1625 reitet der Feldherr seinen mit Speeren und Fahnen bewehrten Truppen stolz voran. Mit der Linken zügelt er sein steigendes Pferd, in der Rechten hält der Generalissimus locker seinen Stab. Der Mann mit dem neckischen Spitzbärtchen hatte Macht, das wusste nicht nur der unbekannte Künstler.

Doch weder Wallenstein noch Europa bekam das gut. Der Feldherr wurde 1634 ermordet. Die Söldnerheere verwüsteten auf der Suche nach Geld und Proviant ganze Landstriche, brandschatzten Dörfer und Städte. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 neigte sich dann auch das System der kaiserlichen Herrschaft über ein riesiger Reich seinem Ende zu, die Bildung kleinerer Staaten rückte in den Vordergrund. Und im 18. Jahrhundert, sagt Peter Singer, wandelten sich die „Kriege der Könige“ zu den „Kriegen der Nationen“, die Zeit der nationalen Armeen brach an.

Heute wird nur nicht mehr gegen den Kommunismus gekämpft

Was bedeutet das nun, wenn jetzt seit dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder mehr private Sicherheitsfirmen auf die internationale Krisenbühne treten? So wurden Firmen wie Sandline International oder Aegis Defence Services, die beide der hochdekorierte britische Ex-Offizier Tim Spicer gründete, oder US-Firmen wie Blackwater oder Dyncorps in den 90ern besonders in Afrika aktiv. Schlägt heute das Pendel also wieder in die andere Richtung aus? Der Historiker Martin Rink spricht lieber von einem Pendel, bei der die Entwicklung mal mehr in die eine, mal mehr in der andere Richtung geht. Was heute geschieht, hält er deshalb auch für weniger bedrohlich als zum Beispiel Rolf Uesseler, für den private Militärfirmen „Demokratie zerstören“. „Natürlich beobachten wir hier eine Ökonomisierung der Gewalt“, sagt Rink, der auch für das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr schreibt. Und natürlich habe dabei geholfen, dass nach 1990 ganze Waffenlager Osteuropas zum Verkauf standen. Zugleich sei aber „die ideologische Verbrämung“ vieler Konflikte weggefallen. Was in den 90ern „die Oberfläche erreicht“ habe, so Rink, das habe es schon vorher gegeben. Nur wurde jetzt nicht mehr gegen den Kommunismus gekämpft, sondern private Firmen befreiten für viel Geld oder Schürfrechte Regierungen in Afrika von Rebellen oder der eigenen Opposition.

Und Deutsche waren mit dabei. Schon in den 60er Jahren heuerte Kongos Premier Tschombé und sein Armeechef, der spätere Diktator Mobutu, eine weiße Söldnertruppe an, um sich der Anhänger des früheren Präsidenten Lumumba zu entledigen. „Les Affreux“ – die Schrecklichen – waren nicht nur schrecklich schnell und gründlich im Töten. Sie ergötzten sich am Horror, ihre Jeeps ziertenTotenschädel und Knochen, die sie auf die Kühler montierten. Desperados und Hasardeure mit kaum noch zu erkennender Hemmschwelle; einer der Ersten von ihnen war Siegfried Müller, einst Wehrmachtsoldat an der Ostfront.

Heute zieht es offenbar ehemalige deutsche Sicherheitsbeamte schon mal nach Libyen, um Ghaddafis Personal auszubilden – auch eine Form privatisierter Sicherheit. Was es aber nicht geben wird, sind sich Generäle wie Politiker einig, ist eine deutsche Firma wie Blackwater. „Die dürften hier gar nicht das Material kaufen“, sagt ein hochrangiger Ex-Soldat, der bei der Bundeswehr für Logistik zuständig war. Blackwater könne ihre Leute in den USA sogar mit Kampfhubschraubern ausrüsten, in Deutschland aber „bekommen sie einen Panzer höchstens mit abmontierter Kanone“, sagt der General a. D. und grinst.

Lieber die Bundeswehr nach Afghanistan

Vielleicht ist es aber wichtiger, dass in Deutschland das Verständnis vom Staat, der das Machtmonopol hat, sehr ausgeprägt ist, genauso wie der Wunsch, alles militärische Tun genau zu kontrollieren. Deshalb muss auch im Oktober der Bundestag erneut davon überzeugt werden, deutsche Soldaten ein weiteres Jahr nach Afghanistan zu schicken. Trotzdem, glaubt der SPD-Politiker Rainer Arnold, würde die Bundesregierung nie der Einfachheit halber eine Privatfirma mit „staatlichen Hoheitsaufgaben“ beauftragen. „Da gibt es eine klare Kante.“ Zwar warten bei der Bundeswehr auch Zivilisten schweres Gerät oder wickeln Transporte ab, aber „Eingriffe in Grundrechte wie Gesundheit und Leben“ seien tabu, das heißt, im Notfall töten darf nur der Soldat. Doch weil das nicht jeder so sieht, sind Blackwater und Dyncorps auch in Afghanistan vertreten, und auch dort gibt es – wenn auch in kleinerem Rahmen – ähnliche Probleme wie im Irak.

David Mann ist aus dem Irak nach Colorado zurückgekehrt. Wenn die Armee ihn bis Anfang Juli nicht ein weiteres Mal anfordert, muss er nie wieder an die Front. Rufen sie ihn doch, wird er nicht gehen, sagt David. „Was im Irak passiert ist, hat mich kaputt gemacht.“ Eine Armee ist nicht für den Frieden gemacht, klar. Aber dass es beim Krieg vor allem darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen, das ist böse, sagt er.

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