Spanische Grippe : Ein Virus bedroht die Welt

Die Spanische Grippe tötete in einem Jahr so viele Menschen wie die Pest in einem Jahrhundert. Das Virus befiel 1918 die ganze Welt. Sein Rätsel ist bis heute nicht gelöst.

Anna Kemper

Herbst 1918, viertes Kriegsjahr. In Wien hat Egon Schiele, 28 Jahre, Maler, eine kalte Wohnung und eine kranke Frau. „Ich habe noch immer keine Kohlen“, schreibt er seinem Schwager, „und brauche schon heute nachmittags einige“. Am 27. Oktober schickt er seiner Mutter einen Brief: „Liebe Mutter Schiele, – Edith erkrankte gestern vor acht Tagen an spanischer Grippe und bekam Lungenentzündung dazu. Die Krankheit ist äußerst schwer und lebensgefährlich; – ich bereite mich bereits auf das Schlimmste vor, da sie fortwährend Athemnot hat.“ Am selben Tag kritzelt Edith Schiele, im sechsten Monat schwanger, kraftlos auf einen Zettel: „Ich habe ich Dich unendlich liebe und liebe Dich immer mehr grenzenlos und maßlos Deine Edith“. Egon Schiele zeichnet seine Frau, zum letzten Mal. Sie stirbt um acht Uhr morgens.

Egon Schiele bestellt Blumen für die Totenfeier, schöne Blumen, wie seine Frau sie liebte. Am 30. Oktober wird Edith Schiele begraben. Als Schiele vom Friedhof heimkehrt, fröstelt ihn, er muss sich legen. Dann schüttelt ihn das Fieber.

Neun Monate vorher, im Januar 1918, fährt Dr. Loring Miner durch die baumlose Ebene von Haskell County, Kansas, USA. Die Winter hier sind kalt, wenn der Boden friert, sieht Haskell County aus wie die russische Steppe. Das Gebiet, das Landarzt Miner versorgen muss, ist hunderte Quadratmeilen groß. Manchmal nimmt Miner Pferd und Wagen, manchmal den Zug, manchmal das Auto, oft dauert es Stunden, bis er auf den entlegenen Farmen von Sublette, Santa Fe oder Jean ankommt, immer haben seine Patienten die gleichen Symptome: gewaltige Kopf- und Gliederschmerzen, hohes Fieber, Husten. Eine Grippe, weiß Miner, aber was für eine: Viel zu heftig ist sie und viel zu schnell. Und sie lässt Dutzende der starken, jungen Farmer ganz plötzlich sterben.

Loring Miner nimmt Proben: Blut, Urin, Auswurf, er legt sie unters Mikroskop, konsultiert medizinische Handbücher, Zeitschriften, ruft Kollegen an, den US Public Health Service. Er bekommt weder Hilfe noch Rat. Grippe ist keine meldepflichtige Krankheit, und doch entschließt Miner sich, eine Warnung für die öffentliche Gesundheit auszugeben: „Haskell County“, schreibt er im Public Health Report, „ist der einzige Ausbruch 1918, der vermuten lässt, dass ein neues Grippevirus sich dem Menschen in heftiger Weise anpasst.“

Haskell County ist ein einsamer Landstrich, die Grippe könnte hier so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht ist. Aber es ist Krieg: Während Loring Miner von Farm zu Farm eilt, bekommt ein junger Soldat ein paar Tage Urlaub vom Militärcamp in Funston, fährt die 300 Meilen nach Hause, nach Haskell County. Ein anderer Soldat bekommt in Funston Besuch aus Haskell County, von seinem Bruder, dessen Sohn krank ist. Und kurz nachdem der „Santa Fe Monitor“ meldet: „Fast jeder hat die Grippe“, wird ein weiterer junger Soldat nach Funston eingezogen.

Damit hat die Grippe Anfang März 1918 das Militär erreicht. In Funston meldet sich ein Koch krank, drei Wochen später liegen 1100 Soldaten im Krankenhaus, 237 haben Lungenentzündung, 38 sterben. Von Funston aus werden Soldaten in andere Militärcamps geschickt, und nach Europa. „Männer, deren Beruf es war, zu töten“, schreibt John Barry in seinem Buch „The great Influenza“. „Sie würden darin erfolgreicher sein, als sie ahnten.“

Denn diese Grippe sollte tödlich sein und keinen Kontinent verschonen: In den USA sterben 650 000 Menschen, im Rest Amerikas 850 000, in Europa 2,3 Millionen, noch einmal so viele in Afrika; in Asien zwischen 26 und 36 Millionen. Diese Grippe sollte in die entlegensten Gebiete kriechen, in manchen Inuit-Dörfern in Alaska tötet sie die Hälfte der Bevölkerung, in Ozeanien 85 000 Menschen, in Westsamoa ein Fünftel der Bewohner. In zwei Wellen rollt sie 1918 um die Welt: Die erste im Frühjahr ist hoch ansteckend, aber schwach. Die zweite Welle im Herbst fordert innerhalb weniger Monate ähnlich viele Opfer wie die Pest im gesamten 14. Jahrhundert.

Im Frühjahr, als die Grippe Loring Miner in Haskell County keine ruhige Nacht lässt, stirbt Gustav Klimt in Wien an einem Schlaganfall. Egon Schiele ist nun der erste Maler der Stadt. Als im März die Grippe Camp Funston trifft, eröffnet in der Wiener Sezession eine Ausstellung mit 19 Bildern Schieles. Alle werden verkauft, zu hohen Preisen, 5000 Kronen bringt ihm allein ein Ölgemälde. Bis dahin hatten sich Schiele und seine junge Frau nur das Nötigste leisten können.

Die erste Grippewelle zieht bis April durch 30 Städte in den USA. Das Virus ist mutiert und schwächer geworden, seit es Haskell County verlassen hat, es hat zwar enorme Ansteckungskraft, zieht aber nur eine minimal erhöhte Sterblichkeit nach sich. Mit seinen Truppenbewegungen ist der Krieg der ideale Katalysator: Am 10. April erreicht die Grippe Brest, einen französischen Hafen, an dem fast die Hälfte aller US-Truppen anlegt. Und Anfang Mai notiert ein Bericht der britischen Armee: „Ein Drittel einer Artilleriebrigade erkrankte innerhalb von 48 Stunden, beim Nachschubtrupp waren an einem Tag von 145 nur 15 Männer zum Dienst einsatzfähig“.

Wo kommt sie her, diese Grippe, die die Truppen lahmlegt? Eine deutsche Kriegswaffe, munkeln einige, vom Pharmakonzern Bayer in Aspirintabletten injiziert. Nein, sagen andere, auf einem deutschen Schiff, das unbemerkt nachts in Boston angelegt habe, sei sie ins Land gebracht worden. Der Leiter der Hygieneabteilung der US-Werften verkündete auf der Titelseite des „Philadelphia Inquirer“, deutsche Agenten hätten Ampullen mit Keimen in die USA geschmuggelt und diese in der Stadt verteilt: „Jeder, der spuckt, hilft dem Kaiser“.

Dabei leidet die deutsche Armee selbst unter dem Virus. General Ludendorff schreibt in sein Kriegstagebuch: „Unsere Armee hatte gelitten. Die Grippe griff überall um sich. Es war für mich eine ernste Beschäftigung, jeden Morgen von den Chefs die großen Zahlen von Grippeausfällen zu hören.“

Die Soldaten erholen sich schnell, doch vorübergehend schwächt die Grippe die Kampfkraft. Davon soll der Feind nichts wissen, und in Frankreich, Deutschland und England lässt die Zensur offene Berichte über die Zustände an der Front und in den Städten nicht zu. Nur in Spanien, im Krieg neutral, wird ausführlich über die enorme Zahl der Kranken berichtet, zu denen auch König Alfons gehört. So scheint es, als sei Spanien besonders stark betroffen – und die Pandemie bekommt ihren Namen: Spanische Grippe.

Ende Mai erreicht die Grippe Schanghai, sie gelangt, die Bahnstrecke entlang, von Kalkutta über Madras, Rangoon nach Karatschi. Im Juni hat sie ihren Höhepunkt in Portugal und Griechenland, im Juli in Dänemark und Norwegen. Als Egon Schiele mit seiner Frau im August Ferien auf dem Land bei Wien macht, rollt die erste Welle der Grippe nur noch schwach durch Holland und Schweden.

Und dann, Mitte August, schlägt das Virus mit einer zweiten Welle auf drei Kontinenten gleichzeitig zu: in Boston, wo US-Truppen nach Europa eingeschifft werden, wieder in Brest, wo sie ankommen, und in Freetown, Sierra Leone, einem Nachschubhafen für Kohle an der afrikanischen Westküste. Am 15. August legt die britische HMS Mantua dort an, 200 Männer der Crew haben die Grippe. Einheimische Arbeiter beladen das Schiff mit Kohle. Als zwölf Tage später die HMS Africa Nachschub braucht, sind 500 der 600 Hafenarbeiter krank. Also belädt die Crew das Schiff gemeinsam mit den Kollegen der kranken Arbeiter. Auf der weiteren Fahrt der HMS Africa erkranken von den 779 Mann an Bord 600, 51 sterben. Auf zwei weiteren Schiffen, die aus Sierra Leone nach London kommen, sterben Ende August 200 Männer.

In Deutschland füllt der Krieg die Zeitungen, über die Grippe wird kaum geschrieben. Ende August steht in der „Rheinischen Zeitung“ einer der wenigen Artikel, in denen sich die Angst vor der Pandemie zeigt: „Durch Europa wandert eine unheimliche Gestalt. Tausende Menschen sind von der spanischen Grippe angeblasen. Ganze Ortschaften liegen fiebernd im Bett und überall, wo viele Menschen beisammen sind, schleicht das grüne Gespenst umher und pustet Myriaden Bazillen aus. Hätten wir nur kräftiges Essen, wir wollten des Gespenstes schon Herr werden. Aber mit Kriegsbrot läßt sich dieser Teufel nicht bannen.“

Der Grippe ist es gleich, ob sie auf eine geschwächte oder gesunde Bevölkerung trifft, ja, sie verhält sich so ganz anders, als man es von dieser Krankheit gewohnt ist: Sie rafft nicht vor allem Kinder und Alte hinweg, sondern ist besonders tödlich für die 20- bis 40-Jährigen, deren Immunsystem doch eigentlich am stärksten ist. Und das Virus ist erneut mutiert, es ist noch aggressiver als im Februar in Haskell County: Manche Patienten sterben innerhalb von zwölf Stunden. Die Kranken leiden unter heftigen Ohren- und Augenschmerzen, oft ist ihre Sehfähigkeit eingeschränkt. Sie fallen ins Delirium, Gliederschmerzen scheinen sie zu zerreißen, Hustenkrämpfe durchschütteln sie. Blut rinnt ihnen aus der Nase, aus dem Mund, aus den Ohren, aus den Augen, aus der Haut. Bei vielen transportiert das Blut nicht genügend Sauerstoff in die Lungen, eine Zyanose tritt ein, die Haut färbt sich dunkel. Ein US- Armee-Arzt schreibt an einen Kollegen: „Zwei Stunden nach Einlieferung haben sie mahagonifarbene Flecken über den Wangenknochen, ein paar Stunden später breitet sich die Zyanose von den Ohren über das ganze Gesicht aus, so dass es schwierig ist, Schwarze von Weißen zu unterscheiden.“ Und die Menschen sehen die schwarzen Flecken auf der Haut und denken: Die Pest ist zurück.

Viele Ärzte zweifeln: Kann eine Grippe so heftig sein? Sie diagnostizierten Cholera, Typhus, Ruhr. Sie raten zu heißen Bädern und kalten Umschlägen, verschreiben Syphilismedikamente, Aderlässe, Gurgeln mit Wasserstoffperoxid, sie spritzen Ameisensäure, Milch und seltsame Seren, verabreichen Kampferöl und allerlei metallische Lösungen. Man weiß wenig über die Grippe, für ihren Erreger hält man den Pfeifferschen Bazillus, erst 1933 wird das Grippevirus isoliert. Und die Lungenentzündung, eine bakterielle Infektion, die sich in den grippegeschwächten Körper leicht und oft einnistet, zählt bis zur Entdeckung des Penicillins Ende der 20er Jahre zu den häufigsten Todesursachen überhaupt.

Der Krieg geht dem Ende zu, aber noch sterben die Soldaten an der Front, noch brauchen die Kriegsparteien Nachschub. Im September 1918 wird in Wien Egon Schiele erneut auf Kriegstauglichkeit überprüft. In der Millionenstadt Philadelphia ist für den 28. September eine Parade angesetzt, um für Kriegsanleihen zu werben. Im nahe gelegenen Militärcamp wütet die Grippe schon, doch der Bürgermeister sagt die Parade nicht ab. Es ist die größte in der Stadtgeschichte, Hunderttausende jubeln den Soldaten zu. Zwei Tage später verkündet der Bürgermeister: „Die Epidemie ist nun in der Zivilbevölkerung angekommen“. Innerhalb von 72 Stunden sind alle 31 Krankenhäuser der Stadt überfüllt. In der Leichenhalle, die nur Platz für drei Dutzend Tote hat, stapeln sich in jedem Raum und auf den Gängen an die 200 Leichen. Viele Tote liegen tagelang in ihren Wohnungen. Allein in der Woche vom 9. bis 16. Oktober sterben in Philadelphia 4597 Menschen.

In Ottawa, Kanada, schließen Schulen, Kinos, Billardsäle. In Kapstadt sterben innerhalb von vier Wochen vier Prozent der Bevölkerung, es gibt so wenig Särge, dass man die Toten in Tücher wickelt und in Massengräber legt. Halb Buenos Aires ist krank, im mexikanischen Chiapas sterben zehn Prozent der Menschen, auf den Fidschi-Inseln 14 Prozent. In Reading, England, schreibt eine Krankenschwester über ihre Patienten: „Sie litten alle an Lungenentzündung. Wir wussten, dass diejenigen, deren Füße schwarz angelaufen waren, nicht überleben würden.“

Oktober 1918. In Wien hat Egon Schiele Angst vor der Grippe und eine schwangere Frau. „Er, der sich nie gescheut hatte vor dem Besuch eines an ansteckenden Leiden Erkrankten, hielt sich und seine Gattin nunmehr strenge vom Verkehr mit den Menschen fern“, schreibt sein Freund Arthur Rössler später. „Er vermied es nach Tunlichkeit, in der Schlechtwetterzeit in öffentliche Lokale zu gehen, die stets überfüllte Straßenbahn zu benützen, und bekannte unverhohlen, daß er sich vor der ,schwarzen‘ Grippe fürchte, die gerade in Wien heftig wütete und viele Menschen hinwegraffte.“

Man hatte die Grippe unterschätzt: Für die Kriegsparteien war der Krieg wichtiger, die Bevölkerung sollte nicht in Panik versetzt werden, es gab weder einen Plan, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern, noch verlässliche Ratschläge für die Bevölkerung, wie sie sich schützen könnte. Und dann war es zu spät. Der subjektive Eindruck war noch schlimmer als die Realität, „in der Stadt die Grippe in entsetzlichem Masse“, notiert Stefan Zweig in Zürich Mitte Oktober in sein Tagebuch. „Eine Weltseuche, gegen die die Pest in Florenz oder ähnliche Chronikgeschichten ein Kinderspiel sind. Sie frisst täglich 20 000 bis 40 000 Menschen weg.“

Zur gleichen Zeit erreicht die Spanische Grippe die Wattmanngasse 6 in Wien: Egon Schieles Frau ist krank. Arthur Rössler schreibt: „Er verbarg sein Teuerstes und sich vergeblich vor der verderbenschwangeren Seuche.“

Die Zeichnung seiner sterbenden Frau ist Egon Schieles letzte. In einer stillen Herbstnacht ohne Sterne, drei Tage nach dem Tod seiner Frau, am 31. Oktober 1918, sagt Egon Schiele auf seinem Sterbebett: „Der Krieg ist aus – und ich muss geh’n.“ Um ein Uhr morgens ist er tot.

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