Sprache : Um kein Wort verlegen

Der Soldat zog mit dem Lexikon an die Front, der Tourist braucht keines mehr: Wie die Deutschen fremde Sprachen lernen.

Deike Diening

Man würde es ihnen zutrauen, den Langenscheidts, es würde zu ihnen passen, dass sie die Bäume nach deren Färbung im Herbst aussuchen. Denn die Verleger sind dafür bekannt, im Hinblick auf ihre Marke nichts unversucht zu lassen. Vor der Unternehmenszentrale in München leuchten die Bäume in Langenscheidt-Gelb, als wären auch sie vorbildliche Angestellte des Familienunternehmens, das Gustav Langenscheidt sich 1856 zu gründen gezwungen sah, nachdem er mit 17 Jahren ein Jahr lang Europa bereist hatte.

Genauer: Nachdem er in London auf der Suche nach einer Unterkunft versehentlich in einem Bordell gelandet war und erkannt hatte, dass die Beherrschung der Sprache eine Sache der Menschenwürde darstellt: „Es ist ein wahrhaft peinliches Gefühl unter Menschen nicht Mensch sein und seine Gedanken austauschen zu können.“ Er dachte sich die erste praktikable Lautschrift aus und verlegte, da war er 24 Jahre alt, die ersten „Selbstlernbriefe“ selbst.

Als Gustav Langenscheidts 175. Geburtstag in der vergangenen Woche gefeiert wurde, da schmückten sie die Langenscheidt-Brücke in Schöneberg vor dem ehemaligen Hauptgebäude mit Kränzen, und auf Verlangen kurbeln sie hier in München ein Grammophon an und spielen den ersten Schellack-Sprachkurs von 1905 im militaristischen Tonfall der Zeit, aber auf dem Gebiet des Sprachelernens ist nichts mehr wie zuvor.

1870 wurde in einer Auflage von 100 000 das „Deutsch-Französische Tornister-Wörterbuch für Deutschlands Krieger“ gedruckt. Es entstand die paradoxe Situation, dass die Soldaten auszogen, sich gegenseitig zu erschießen, sich aber bei Misserfolg ihres blauen Sprachführers zur Völkerverständigung bedienen konnten. Unter „Krankheiten“ ließ sich im Notfall in dieser Reihenfolge nachschlagen: „Schüttelfrost, Schwindel, Schwindsucht, Seitenstechen, Sodbrennen.“ Auf eine makabre Art wurde Langenscheidt über die Grenzen hinaus bekannt. In der Chronik zum 150-jährigen Bestehen schreibt die Firma: „Nach heutigen Marketingregeln ist der schmale Band eine PR-Idee erster Güte.“

Im ersten Weltkrieg brauchten sie schon mehr Sprachen, diesmal Englisch, Französisch, Russisch und Polnisch.

Und nach dem zweiten Weltkrieg tauchte ein Soldat auf, der nur wieder laufen lernte, weil ein Universalwörterbuch Spanisch-Deutsch in der rechten Brusttasche seiner Uniform am 11. Juli 1941 die Wucht einer russischen MG-Salve gebremst und vom Oberkörper abgelenkt hatte, bevor sie durch die rechte Hüfte ging.

1942 lief „30 Stunden Deutsch für Russen“ besonders gut, 1944 zerstörten Phosphorbomben das Berliner Verlagsgebäude in Schöneberg. Nach dem Mauerbau zog der Verlag nach München.

Das Sprachenlernen ist seitdem friedlicher geworden. Das Ruder ging von einem Herrn Langenscheidt auf den nächsten über, und alle haben sie diese hohen Stirnen, und jeder einzelne hat auch eine Nase dafür, was der veränderte Sprachenmarkt gerade verlangt.

Das charakteristische, seitenfüllende „L“ auf dem Einband, das 1956 eingeführt ist, und das eine Neuerung im Buchdesign darstellt, hat sich in einen Greifreflex der Lernenden im Buchhandel verwandelt. Seit 1954 gibt es den abwaschbaren Plastikeinband. Das Größensystem der Wörterbücher koppelt optisch Größe und Inhalt. Es rollen die Auswandererwellen und die Gastarbeiterwelle, die dafür sorgt, dass der Verlag auch Deutsch für Ausländer in sein Programm aufnimmt. Und als die Deutschen ihrerseits in Schwärmen nach Italien aufbrechen wie Zugvögel, als der Bayerische Rundfunk 1964 mit “Benvenuti in Italia“ eine erste Reihe mit Fernsehlektionen auflegt, produziert Langenscheidt das schriftliche Lernmaterial dazu.

Draußen in der Welt schlägt das Reisen jetzt zu Buche. Die Lernmethoden werden vielfältiger. 1978 kommt der Konkurrent „Pons“ aus Stuttgart auf den Markt. In den Universitäten werden die Sprachlabore eingeführt, in denen Studenten Tonbänder vor und zurück spulen und die Aussprache üben, beim Tandem-Modell lernt der eine Muttersprachler vom anderen. Einige Unternehmen bewerben in Zeitschriften „Superlearning“, das unbewusste Lernen, „Lernen Sie im Schlaf“ – von dem sich allerdings später herausstellt, dass es genau so wenig funktionierte wie „Schlank im Schlaf“. Seit den 70er Jahren gibt es im Land Berlin gesetzlich verankerten Bildungsurlaub. Die Leute entdecken den Sprachurlaub im Ursprungsland.

Die Figur des Touristen hat da längst die des Flaneurs abgelöst. Der Tourist hat Bedürfnisse, die überall gleich beantwortet werden. Die Touristen werden so zahlreich, dass nicht mehr sie sich auf ein unbekanntes Land vorbereiten mussten, sondern das Land sich auf sie. Eine dösende Masse zieht hinter einem Reiseführer her und macht halt, wo das Schild „Man spricht Deutsch“ ausgehängt ist. Touristen gibt es bald nur noch in der Mehrzahl. Der Tourist, der mit seinem Reiseführer vor der Nase nichts mehr vom Land wahrnahm, wird zu seiner eigenen Karikatur. Der englische Fotograf Martin Parr entlarvt, wie hier eine ganz eigene Karawane von Kamelen zu besichtigen ist.

Braucht diese Figur überhaupt noch eine Sprache? Leistet der Tourist etwas zur Völkerverständigung? Wann braucht er schon mal ein Wörterbuch?

Längst ist der Tourismus nicht mehr die treibende Kraft zum Sprachenlernen, sagt Silke Exius, Redaktionsleitung Multimediales Lernen bei Langenscheidt. Viele Leute führen im Urlaub in Resorts, in denen sie keine Fremdsprache mehr brauchen, und die massenhaften Exkursionen per Billigflieger in exotische Städte seien zu kurz, als dass sich da einer mit einer Sprache wappnen würde. Nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen sind im Verlagsprogramm gespiegelt. Aber sie merken hier deutlich, dass die Leute zur Zeit mehr nach Spanisch verlangen, das liege an der spanischen Musik, an der Begeisterung für Salsa und Tango, und der Öffnung der lateinamerikanischen Länder. Sie bemerken auch, dass die Leute zum Arbeiten in die skandinavischen Länder wollen, wenn sie sich für die Sprachen die Selbstlernkurse kaufen. Arabisch und Chinesisch werden auch immer mehr verlangt.

Die Wissenschaft entdeckte das kindliche Zeitfenster, das „window of opportunity“, in dem es dem menschlichen Gehirn möglich ist, Sprachen einfach zu lernen. Wenn man in diesem Zeitfenster die Synapsenbildung nicht anregt, also im Gehirn nicht die notwendigen Verknüpfungen schafft, ließe sich das nie mehr aufholen, heißt es. Seit einigen Jahren gibt es in der dritten Klasse in Grundschulen die erste Fremdsprache. Langenscheidt entwickelte die „Hexe Huckla“.

Seitens eines Verlags gebe es ja die „early birds“ und die „adapters“, sagt Silke Exius. Hier wären sie lieber die frühen Vögel, die sich das Neue zuerst einfallen lassen. Die Produkte müssen attraktiv aussehen. Die Reize müssen nicht unbedingt mit der Qualität des Inhalts gekoppelt sein. Nur so lässt sich erklären, dass 1983 der „alpha 8“, das erste elektronische Wörterbuch, das aussah wie ein Taschenrechner und nur 4 000 Vokabeln englische Vokabeln konnte, 125 000 Mal verkauft wurde.

Der Gründer Gustav Langenscheidt hatte zum Sprachenlernen zusätzlich zum „gesunden Menschenverstand“ Zähigkeit und Ausdauer verlangt. Er hatte ja Selbstlernbriefe für den disziplinierten Individualisten entwickelt. Es war ihm persönlich peinlich, wenn die Kunden mit seiner Methode versagten. Inzwischen verlangen die Anwender die Anpassungsfähigkeit vom Buch. Im letzten Jahr erschien speziell für Schüler das „Explorer-Wörterbuch“, das heißt und aussieht wie eine Windows-Anwendung. „Bis zu 40% schneller nachschlagen“, steht auf einem Aufkleber. „Das sind die Sehgewohnheiten“, sagt Silke Exius etwas entschuldigend, die haben sich nämlich durch die Benutzung des Computers verändert: Lange hatten die Software-Anbieter versucht, die Bücher zu imitieren, nun imitiert das Analoge das Digitale. Geöffnete Windows-Ordner sind abgedruckt, Abhängigkeiten sind durch Unterordner deutlich gemacht. „Wir sollen ja nicht bewerten, das ist nicht unserer Aufgabe. Wir müssen auf Entwicklungen reagieren.“

Auch darauf, dass die Sprache im touristischen Zeitalter mobiler geworden ist, haben sie reagiert. „Die Orte, an denen Sprachen gelernt werden, sind vielfältiger geworden. Die Leute lernen mit Kopfhörern in der S-Bahn, beim Joggen, oder per Autoradio“, sie lernen insgesamt häufiger, aber die Lerngeschwindigkeit sei trotz allem gesunken. Als der „Focus“ 2004 mit einem Artikel „Die Ära der Simultanten“ verkündete, in der die Leute alles gleichzeitig zu tun versuchen, hat Silke Exius das schon längst gewusst. Und als in diesem Jahr Studien erwiesen, dass die bislang bewunderten, simultan Arbeitenden alles in allem auch nicht schneller sind, ganz im Gegenteil, da hat das für sie auch nichts mehr geändert.

Silke Exius hatte, als sie vor sieben Jahren beim Verlag anfing, die Aufgabe, alle Inhalte in eine Datenbank einzuspeisen. Bei der Herstellung der Lerninhalte denken sie hier nicht mehr an ein bestimmtes Medium, sie nennen das „medienneutral“. Es ist so möglich, für verschiedene Anwendungen aus dem Datenpool Höraufgaben, Grammatikaufgaben oder Vokabeln entweder in eine Lektion für den Mp3-Player zu verwandeln, ein klassisches Lehrbuch zu drucken oder eine Lern-CD zu bespielen.

Die Lexikografen von heute fragen sich dann, wie lange ein Wort lebt in dieser Zeit, ob die Jüngeren das Wort „Mauerspecht“ noch kennen, oder wie lange Harald Schmidts „Unterschichtenfernsehen“ noch als Wort gilt. Was bleibt eigentlich und was geht? Aber ob die Deutschen sich also dem Schönen (in Italien) zuwandten, dem Nützlichen (in Skandinavien und China) oder auch nur dem Unvermeidlichen (im Krieg), sie alle brauchten ein Wörterbuch. Oder?

Dieter Graf war in den 70er Jahren weiter gereist, als die meisten Wörterbücher reichten. Es kam ihm manchmal vor, als hätte es Wörterbücher nie gegeben. Die Reisetätigkeit der 70er hatte die Kapazität für das Sprachenlernen längst überstiegen. Der unbekannte Weltreisende aus München war wieder dort angelangt, wo Gustav Langenscheidt gestrandet war – und fing noch einmal ganz von vorne an: Die Idee kam ihm in Indien, als er die vielen Piktogramme sah, auf die selbst die Inder angewiesen sind, so viele Sprachen gibt es im Land: Es müsste, dachte er, ein Bildwörterbuch geben! Das würde in allen Sprachen funktionieren. 17 Jahre hat er die Idee mit sich herumgetragen, auf jeder weiteren Reise skizziert, aufgeschrieben und fotografiert. Was er tat, war mit der Arbeit von Gustav Langenscheidt nicht zu vergleichen. Graf fotografierte sein Bilderwörterbuch selbst, unterwegs und im Freien auf seinem Münchner Balkon. „Die Rühreier gingen ja noch, aber die Spiegeleier!“ Erst hatte er noch vor, sie nach dem Fotografieren zu essen, aber es waren zu viele Versuche nötig, bis zwei mit unzerstörtem Eigelb in der Pfanne lagen. Als er den Schinken fotografieren wollte, stürzten sich die Wespen darauf. In den meisten Betten, die abgebildet sind, hat er selbst gelegen, und seine exorbitante Sammlung verschiedener Hocktoiletten hatte im Buch gar keinen Platz. Dieter Graf war 49 Jahre alt, als 1992 sein Leichtgewicht erschien.

Seitdem hat er 1 800 000 Exemplare verkauft, in die neueren Auflagen hat er Internetcafés und iPods aufgenommen. Sein „point it“ von der Größe eines Reisepasses wird im MoMA in New York und in der Tate Gallery in London vertrieben, Graf ist der Langenscheidt des Bilder-Zeitalters. Schließlich, sagt er, funktioniert seine Idee ja auch anders herum: Dinge, die man viel braucht, lerne man auch als Wort. Man zeigt auf das Bild, die Adressaten sprechen es aus, dann lerne man die Worte wie ein Kind. Wenn man so will, ist es ein Wörterbuch für jede Sprache. Das Erste, was Dieter Graf auf diese Art lernte, war das indonesische Wort für Erdnüsse.

Im Keller des Altbaus, der an den schnittigen Neubau des Münchner Langenscheidt-Sitzes grenzt, lagert hinter einer blauen Stahltür das Archiv. Da stehen in Büroschränken die ersten, nackten Wörterbücher, die ohne Einband geliefert wurden, damit die neuen Besitzer ihnen den Einband der eigenen Hausbibliothek verpassen konnten.

Und wer geglaubt hatte, dass die aktuelle Ausfächerung nach Zielgruppen etwas Neues sei, lernt hier, dass die Zielgruppen früher einfach andere waren: Kolonisten. Einwanderer. Auswanderer. Da ist der Sprachführer „Ewe“ inklusive Kartenmaterial, Erscheinungsjahr 1913, brauchbar im südlichen Togo bis 7 Grad, im Osten bis 8 Grad nördlicher Breite, bei Erscheinen sollte es noch fünf Jahre deutsche Kolonie sein. Die Themen sind Abschiednehmen, Ackerbau, Arztbesuch: „Du musst ein Bruchband tragen“, „Du darfst keinen Palmwein trinken“ und „Sie haben einen Mann in der Hängematte gebracht.“ Auch: „Es wird nicht wehtun“ und „Dein Bruder ist aussätzig“.

Und dann entdeckt man in den „Parisismen“, einem Wörterbuch für die Pariser Umgangssprache „Argot“, einen Verleger, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Drang zur Aufklärung, seiner Pflicht, vor dem Verfall der Sitten zu warnen und seiner Aussicht, Geld zu verdienen. Er schreibt im Vorwort: „Die eigentliche Gaunersprache, die Sprache der Diebe und Mörder, ist eine gemeine, zynische, viehische und unbarmherzige, ja eine gottesleugnerische und blutdürstige Sprache.“ Sie sei voller Wörter, die „aus einem unsauberen, neuerungssüchtigen Munde ausgespien und von gimpelhaften Ohren aufgelesen zu sein scheinen“. Deshalb schreibt er: „Dieses Buch ist durchaus nicht für die Französisch lernende Jugend geschrieben, sondern nur für Erwachsene bestimmt.“ Und damit keine Missverständnisse aufkommen: „Wir möchten dies Wörterbuch also aufgefaßt wissen als ein Verzeichnis der Wörter, die der Deutsche in Paris nicht brauchen soll.“

Man kann also nicht sagen, der Verleger hätte einen nicht gewarnt. Aber aufgeschrieben, gedruckt und verkauft hat er es doch.

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