Theologie : Lob der Vorhölle

Moses, Platon und Sultan Saladin haben den Limbus bewohnt. Jetzt will der Papst den freundlichsten Ort der Unterwelt schließen.

Reinhard Dinkelmeyer

Im Jenseits scheint es drunter und drüber zu gehen. Als erste Sofortmaßnahme hat Papst Benedikt XVI. unlängst erst die von einer Internationalen Theologischen Kommission empfohlene Abschaffung des Limbus angeordnet. Dass diese Entscheidung in der Öffentlichkeit bisher kaum Beachtung gefunden hat, beruht wohl in erster Linie darauf, dass man über das Jenseits im Allgemeinen und über den Limbus im Besonderen herzlich wenig weiß.

Vor tausend Jahren hatte man sich im christlichen Abendland zu diesem Thema noch mehr Gedanken gemacht. Nach dem Tod von Kaiser Karl dem Großen ging es in der alten Welt ziemlich chaotisch zu, und weil man daran zunächst nicht viel ändern konnte, versuchte man wenigstens, die jenseitige Welt in Ordnung zu bringen. Auch dort waren in den ersten tausend Jahren seit Christi Geburt einige Fragen offengeblieben.

Die Grobeinteilung in Himmel und Hölle hatte inzwischen jedermann begriffen, man wusste, wohin man selber wollte oder wohin man seine Mitmenschen wünschte. Aber gewissenhafte Theologen fanden das nicht ausreichend, und eine der ersten Jahrtausendfragen war: Wohin mit den Seelen unschuldiger, indes ungetaufter Kinder? In die Hölle mit ihnen, das schien selbst hartgesottenen Kirchenleuten zu krass, aber in den Himmel, ungetauft, so einfach ging das auch wieder nicht, da könnte ja jeder kommen.

Angesichts der damals sehr hohen Kindersterblichkeit bestand offensichtlich erheblicher Handlungsdruck. Da die Medizin mit schnellen Ergebnissen nicht aufwarten konnte, machten sich kreative Theologen an die Arbeit und erfanden etwas ganz Neues: den Limbus.

Limbus bezeichnet im Lateinischen etwas am Rande, weder draußen noch drinnen, einen neutralen Zwischenort, den man im Deutschen etwas grobschlächtig mit „Vorhölle“ übersetzt hat. Ursprünglich dachte man wohl eher an eine Art Schwebezustand zwischen Himmel und Hölle. Manche meinen deshalb, dass die Bezeichnung Limbus zurückzuführen sei auf den heiligen Limbo von Antiochia, der sich im 3. Jahrhundert nach langem Fasten und Beten von der Erde erhob und die staunende Menge in einer feurigen Bußpredigt auf Himmel und Hölle vorbereitete. Er galt lange als Leitfigur vieler Kleriker, geriet aber dann in Vergessenheit.

Jedenfalls schuf man so erst einmal eine Unterbringungsmöglichkeit für die ungetauften Kinderseelen, die in der ursprünglichen Schöpfungsgeschichte offenbar übersehen worden war. Und weil man schon einmal dabei war, die Schöpfung zu vervollkommnen, nutzte man diese neu gegründete Auffangstelle für schwierige Fälle auch gleich zur Lösung eines weiteren brennenden Problems: Wohin nämlich mit den Propheten und ehrwürdigen Vätern des Alten Testaments? Moses in die Hölle? Um Gottes willen!

Frohgemut siedelte man also Abraham und Isaak, Noah und Jeremia, Jesaja und Habakuk, David und Goliath – hoppla, den Letzteren natürlich nicht! – Hiob und Hesekiel im Limbus an. Und während draußen in der realen Welt die Judenpogrome als christliches Umschuldungsmodell in Mode kamen, wollte man im Limbus eher für eine angenehme Atmosphäre sorgen, und deshalb gewährten die zumeist zölibatären theologischen Vordenker auch gleich den ordentlich angetrauten Gattinnen der Propheten den Aufenthalt im Limbus. Womöglich auch in der Hoffnung, dass die Damen sich in ihrer freien Zeit ein bisschen um die Seelenkinderchen kümmern würden.

Italiens größter Dichter Dante Alighieri, (1265–1321) hat sich dann als einer der Ersten für die damals noch so neue Jahrtausenderfindung des Limbus interessiert. In seiner „Göttlichen Komödie“ schildert er im 4. Gesang des Teils über das „Inferno“ seinen fiktiven Besuch in diesem Limbus, dem äußersten Rand der konzentrisch zum innersten Erdenschlund gedachten Unterwelt. Dante erzählt uns auch, dass der Kollege Vergil ihn durch den Limbus geleitet habe. „So führt er mich zum ersten Kreise, / Zu dem die Wand des Abgrunds niederbricht. / Da tönt nicht Weinen, Seufzer nur, die leise / Die ewige Luft durchzittern …“

Vergil, der wohl eher in den olympischen Götterhimmel oder in den Hades gehörte, erweist sich bei Dante selber als Bewohner dieser zunächst etwas melancholisch wirkenden Gegend. Bald zeigt Vergil dem Dante freilich auch ein stolzes Schloss und klare Bäche, den Limbus durchziehen frisch ergrünte Auen, und wo die größten Geister ewig leben, da gibt’s selbst in der Unterwelt auch eine „Höhe, hell und frei“, da fühlt sich der andachtsvoll beklommene Dichter auf einmal „selbst erhoben“. Vergil nämlich stellt ihm hier gleichsam die Elite der Antike vor: Homer, Diogenes und Sokrates, Sophokles und Platon, Orpheus und Eurydike, Ovid und Cicero, selbst Cäsar und sein Mörder Brutus, der ehrenwerte Mann, oder auch „Lukretia mit viel edlen Römerfrauen“ vertreiben sich im Limbus die ewige Zeit. Alle ungetauft, doch durch vorchristliche Verdienste nicht für die Hölle qualifiziert.

Die Amtskirche hat Dantes Beschreibung des Limbus durch die Jahrhunderte nie widersprochen, die „Göttliche Komödie“ mit der Schilderung seiner Wanderung durch Hölle, Limbus, Fegefeuer und Paradies war nie auf dem Index, sondern gilt als Höhepunkt der europäischen Literatur des ausgehenden Mittelalters.

Es hatte offenbar auch niemand etwas dagegen, dass sich ein fast noch Zeitgenosse und ausgewiesener Muslim, nämlich Sultan Saladin (um 1137 in Tikrit, später der Heimatort Saddam Husseins, geboren), als Eroberer Jerusalems und edelmütiger Sieger über die christlichen Kreuzritter laut Dante unbehelligt und ungetauft in dieser illustren Zwischenwelt aufhalten konnte.

Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, wie Sokrates mit Saladin über die sinnvolle Verwendung von Giftpflanzen plaudert, während den beiden mit einem Heidenspaß die ungetauften und unbeaufsichtigten Kinderseelen um die Beine herumwuseln. Und Platon versucht vielleicht gerade zum wiederholten Male, Abraham und Esther davon zu überzeugen, dass er mit seinem Höhlengleichnis eigentlich zugleich auch als Erfinder der Fotografie, des Cyberspace und des Second Life zu gelten habe. Ob auch Xanthippe, des Sokrates zänkische Gattin, Eingang in den Limbus gefunden hat, wissen wir nicht. Doch haben wir Anlass zu glauben, dass unter den jenseitigen Verweilangeboten der katholischen Kirche der Limbus mit seiner vorhöllisch bunten Mischung der Bewohner einen auch ökumenisch attraktiven Eindruck macht.

Mit brennender Sorge und ungläubigem Staunen vernehmen wir nun, dass die Abschaffung des Limbus beschlossene Sache sei. Warum? Warum gerade jetzt? Waren die Unterhaltskosten zu hoch?

Das vom Papst unterschriebene und damit abgesegnete Dokument ist noch nicht veröffentlicht. Dem Vernehmen nach ist darin nur die Rede von den ungetauften Kindern, deren Seelen jetzt holterdipolter ins Paradies transloziert werden sollen. Die Amtskirche hat aber bekanntlich den Begriff „menschliches Leben“ bis weit in den Mutterleib hineinverlegt. Wie gedenkt man künftig mit Embryonen und Stammzellen umzugehen, die doch unter dem besonderen Schutz der Kirche stehen?

Auch über das künftige Schicksal der ehrwürdigen Väter des Alten Testaments und der antiken Geistesgrößen erfahren wir nichts, obwohl gerade bei diesen Gruppen besondere diplomatische Sorgfalt angebracht wäre. Bei ersterer, weil hier immer schnell antisemitische Tendenzen vermutet werden können, bei letzterer, weil wir uns ja in der Präambel zur europäischen Verfassung nicht nur auf die christlichen Wurzeln, sondern auch auf die breitere Basis der antiken Geisteswelt stützen wollen.

Im Allgemeinen haben sich päpstliche Kommissionen mehr Zeit gelassen mit ihren Überlegungen. Man denke nur an die vor kurzem erst erfolgte Erklärung der Amtskirche zum Prozess gegen Galileo Galilei vor 350 Jahren. Es wäre wünschenswert gewesen, dass man sich auch bei der Entscheidung über die Zukunft des Limbus mehr Zeit genommen hätte. Es gibt schließlich noch viele Argumente zu bedenken und Fragen zu beantworten. Ist es denn vorstellbar, dass der Heilige Vater mit einem erbarmungslosen Federstrich ungetaufte Stammzellen, alttestamentarische Propheten und antike Geistesgrößen obdachlos macht?

Zum Glück erinnern wir uns in diesem Zusammenhang eines Berichts der italienischen Tageszeitung „La repubblica“ vom 10. März 2004. Nachdem das italienische Parlament ein Gesetz zum Verbot des Experimentierens mit menschlichen Stammzellen beschlossen hatte, kündigte der damalige Gesundheitsminister Girolami Sirchia an, dass sein Ministerium die Gründung einer „casa degli embrioni orfani“ plane, in der das noch vorhandene menschliche Stammzellmaterial italienischer Forschungslaboratorien sicher und theologisch korrekt verwahrt werden könnte. Die Tatsache, dass man diese Stammzellen etwas voreilig schon als verwaiste Embryonen bezeichnete, mag als klassisches Beispiel eines vorauseilenden Gehorsams des Ministers gegenüber dem benachbarten Vatikan gelten. Trotzdem könnten in diesem Stammzellheim notfalls auch die Bewohner des Limbus Aufnahme finden. Allerdings hat man seit der Ankündigung vor mehr als drei Jahren von dem Projekt nichts mehr gehört.

Während wir also tief besorgt über Hilfsaktionen für die metaphysisch obdachlosen Limbusbewohner nachdenken, stoßen wir auf ein höchst erstaunliches Detail der katholisch-theologischen Jenseitslehre: Demnach wäre der Limbus längst leer! Jedenfalls der Bereich, in dem die antiken Geistesgrößen, die Propheten und Väter des Alten Testaments untergebracht waren. Wie das?

Die Theologen verweisen auf die Höllenfahrt Christi nach seinem Kreuzestod. Dieser Vorgang ist zwar in keinem Evangelium konkret beschrieben, aber man glaubt, zu wissen, dass er bei dieser Gelegenheit auch einen Abstecher in den Limbus gemacht und sämtliche Insassen – außer den ungetauften Kindern – ins Paradies mitgenommen habe.

Dante wäre von dieser Nachricht ebenso überrascht gewesen wie wir. Offenbar sind die widersprüchlichen Informationen über die Zustände im Jenseits bisher niemandem aufgefallen. Wem sollen wir da Glauben schenken?

Spätestens hier aber kommen wir zu dem Kernproblem: zu dem Paradies als solchem. Man wundert sich ja, dass es dort bis heute überhaupt gut gegangen ist. Denn in allen großen Weltreligionen ist nach der frommen Durchquerung des irdischen Jammertals eine Belohnung im Jenseits, im Paradies vorgesehen. Allerdings ist die Zugangsberechtigung und gemeinsame Nutzung des Paradieses noch in vielem ungeklärt. Man sollte also nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun und vor der Abschaffung des Limbus zunächst die Grundfragen des Paradiesaufenthalts klären. Dem kann sich im Rahmen des oft beschworenen interreligiösen Dialogs auch die katholische Kirche schwerlich entziehen. Sie behauptet nach einer jüngsten Erklärung des Papstes zwar zum wiederholten Mal ihr kirchliches Alleinvertretungsrecht, hat aber im Hinblick auf die anderen Weltreligionen das Jenseits nicht etwa in Parallelparadiese oder himmlische Sonderzonen aufgeteilt. Daraus aber könnten sich nun erhebliche Auslastungsprobleme ergeben. Nach der ersten Welle frühchristlicher Märtyrer dürfte inzwischen die wachsende Zahl der selbst ernannten muslimischen Märtyrer, alle in Begleitung von 70 Huris, die paradiesischen Zustände drastisch verändern. Ein überfülltes Paradies ist per definitionem kein Paradies mehr.

Angesichts der auch im Jenseits angestrebten sozialen Symmetrie wäre längst auch ein neuer, also nach-Dante’scher Blick in die Hölle angeraten, wo vermutlich auch keine geordneten Verhältnisse mehr herrschen. Gerade hier, am Zielpunkt jeglicher Achse des Bösen, ist bisher von allen Weltreligionen versäumt worden, verbindliche Richtlinien für den Aufenthalt festzulegen. Vom Fegefeuer, dem Purgatorium, wollen wir da gar nicht erst reden, wahrscheinlich wird es als kulturelle Überforderung einer allseits beschleunigten Gesellschaft demnächst auch abgeschafft. Gerade für die weniger frommen oder, nach Habermas, „religiös unmusikalischen“ Menschen wäre das jenseitige Verweilangebot dann dramatisch eingeschränkt. Solange Himmel und Hölle noch existieren, ist die Institution des Limbus unverzichtbar.

Im Englischen ist der „limbo“ nicht nur ein Tanz, „in limbo“ bedeutet als Redewendung auch, etwas „in der Schwebe“ zu halten. Für Dante und die mittelalterliche Theologie war das Schwebe- und Zwischenreich des Limbus noch ein Ort der Sehnsucht ohne Erfüllung, darin eigentlich eher Vorhimmel als Vorhölle. Ein Endspiel als ewiges Vorspiel, dieser Beckett-Gedanke (und Samuel Beckett war ein Dante-Fan) ist also denkbar modern – und erhaltenswert.

Zu Letzterem zeichnet sich immerhin ein Hoffnungsschimmer ab, an einem ganz anderen Horizont. Dem Vernehmen nach hat der äußerst publikumsscheue, zurückgezogen lebende amerikanische Kunstsammler, Mäzen, Philanthrop und Museumsgründer Paul Pozozza zunächst noch sehr diskret sein Interesse angemeldet, den Limbus – falls er von der Kirche endgültig aufgegeben würde – als purgatorisches Zentrum für zeitgenössische Künstler sowie als jenseitige Koordinationszentrale für seine zahlreichen Museumsgründungen in aller Welt zu übernehmen. Während die zuständige Unesco- Kommission die Möglichkeit, den Limbus zum Weltkulturerbe zu erklären, noch nicht einmal angedacht hat, scheint Paul Pozozza bereits entschlossen zu handeln. Er hat jetzt mit führenden Dante-Forschern Kontakt aufgenommen und konzeptionelle Vorüberlegungen für ein mögliches Limbus-Museum anstellen lassen. Ob parallel dazu noch geheime Übernahmeverhandlungen mit dem Heiligen Stuhl laufen, ist leider noch nicht bekannt.

Der Verfasser leitete zuletzt die Goethe-Institute in Los Angeles, Kyoto/Osaka und Neapel. Er lebt jetzt in Rom und Berlin.

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