Trinkgeld : Stimmt so!

Wie viel? Wann? Und warum überhaupt? Mal geht es um das blanke Überleben, dann ist es eine Frage von Stil und Laune. Eine Kulturgeschichte des Trinkgeldes.

Winfried Speitkamp

Seit dem späteren 18. Jahrhundert wurde das Reisen, die Vertiefung in Landschaft und Kultur und das reflektierende Berichten über die eigenen Reiseerfahrungen, zur bürgerlichen Mode. Die Herausforderungen unterwegs wurden in den Reiseberichten oft unfreiwillig angedeutet, und Trinkgelder in diesem Kontext häufig, aber eher beiläufig als kleine Honorierung alltäglicher Dienste erwähnt.

In Goethes Märchen „Die neue Melusine“ aus dem Jahr 1816 heißt es über die Reise im Kutschwagen lapidar: „Postgeld und Trinkgeld wurden aus den Täschchen rechts und links bequem und reichlich bezahlt.“ Die Großzügigkeit, die hier angedeutet wird, erleichterte das Reisen nicht nur, vielmehr war sie Teil der informellen Verhandlung zwischen den Reisenden und den verschiedenen Bediensteten und Gehilfen am Weg, auf die die Reisenden, weit mehr noch als heute, angewiesen waren, wenn sie überhaupt ihren Weg fortführen wollten.

Ob ihnen Pferd und Kutsche zur Verfügung gestellt wurden, wann der Kutscher zum Aufbruch bereit war, welche Wegstrecke gewählt und wie viel Rücksicht auf den Komfort der Reisenden genommen wurde – all das musste unter den Bedingungen der Postkutschen-Reise beständig neu ausgehandelt werden. Die Reisenden wussten, dass sie gar keine Alternative hatten, als sich durch großzügige Trinkgelder den Weg zu bahnen. Denn der Reisende, der sich normalerweise im Milieu seines Amts und seines Standes bewegte, war ein Fremder und Gefährdeter fast schon in dem Moment, in dem er sein Haus verließ.

Er musste nicht nur Gefahren, Unwetter, unfreiwillige Verzögerungen durch Achsenbruch oder Überfälle von Räuberbanden fürchten, sondern auch immer wieder in ein ihm fernes Milieu der Gasthäuser und Dienstboten eintauchen, sich dort zurechtfinden und auf Verständnis und Hilfe hoffen. Das Wissen darum, wann welche Trinkgelder – oder auch Bestechungsgelder – geleistet werden mussten, war überlebensnotwendig.

Nur wenige Jahrzehnte später schien alles anders. Die Straßen waren ausgebaut und die Räuberbanden aus den Wäldern gejagt worden. Das Reisen war nun bequemer und sicherer. Und aus der Selbsterfahrungsreise der Jahre um 1800 wurde die touristische Romantik. An besonders attraktiven Zielen wie dem Rhein mit seinen Burgruinen entwickelte sich früher Fremdenverkehr. 1827 wurde die Kölner, 1838 die Düsseldorfer Dampfschifffahrtsgesellschaft gegründet. 1840 sollen beide Gesellschaften zusammen schon über 600 000 Fahrgäste befördert haben, 1856 bereits über eine Million. 1834 öffnete auf dem Drachenfels bei Königswinter eine Gaststätte, und am Fuße des Berges entstanden zahlreiche Hotels.

Bald nahmen die deutschen bürgerlichen Reisenden überhand. Vielfach handelte es sich um Kaufleute aus dem aufstrebenden rheinisch-westfälischen Raum. Nach wie vor kamen aber auch Gäste aus dem Ausland, von Russland bis Italien. Von den zahlungskräftigen Kunden wollten viele profitieren, nicht nur Gastwirte. Allerlei Dienstleistungen wurden angeboten, die Grenze zwischen Bettelei, Entlohnung und Trinkgeld konnte dabei nicht scharf gezogen werden.

Was die Reisenden erleben konnten, beschrieb keiner so griffig wie der französische Schriftsteller Victor Hugo, der Ende der 1830er Jahre das Rheinland bereiste und dabei Köln besuchte. Die Kölner Kirchen, mit dem unvollendeten Dom an der Spitze, übten eine unvergleichliche Faszination auf die Reisenden aus.

In diesem Zusammenhang wirkte Hugos Bericht umso ernüchternder, kontrastierte er doch die Erhabenheit einer historischen Kirche mit den profanen Bedürfnissen der durch den vorindustriellen Niedergang verarmten Kölner Unterschichten, die nur mühsam durch Tagelohn und Bettelei für ihren täglichen Unterhalt sorgten. Hugos Bericht verdient deshalb eine ausführliche Wiedergabe:

„Sie sehen eine Kirche, eine schöne Kirche. Man muß hineingehen. Sie gehen rings herum, betrachten, suchen. Die Thüren sind verschlossen. Indeß hat ein altes Weib Ihre Verlegenheit gesehen und zeigt Ihnen eine kleine Klingel neben einem Pförtchen. Sie verstehen und schellen, die Thüre öffnet sich und der Küster erscheint. Sie sagen, Sie wollen die Kirche sehen. Der Küster nimmt einen Bund Schlüssel und geht auf die Kirche zu. Als Sie in die Kirche treten wollen, fühlen Sie sich am Ärmel gezupft; es ist die gefällige Alte, die Sie Undankbarer vergessen haben und die Ihnen gefolgt ist. Trinkgeld.

Sie sind in der Kirche; Sie bewundern, rufen vor Freude. Warum ist der grüne Vorhang vor dem Gemälde? Weil es das schönste in der Kirche ist, sagt der Küster. Von wem ist das Gemälde? Von Rubens. Ich möchte es sehen. Der Küster geht fort und kommt nach einigen Augenblicken mit einem sehr ernsten und traurigen Wesen wieder zurück. Es ist der Kustos. Der gute Mann drückt an eine Feder, der Vorhang teilt sich, und Sie sehen das Gemälde. Haben Sie es gesehen, so schließt sich der Vorhang, und der Kustos macht Ihnen ein bezeichnendes Compliment. Trinkgeld.

Während Sie Ihren Gang durch die Kirche, immer von dem Küster gefolgt, fortsetzen, kommen Sie an das Gitter des Chors, das völlig verrostet ist und vor dem eine prächtig kostümirte Person steht, der Schweizer, der von Ihrer Anwesenheit benachrichtigt ist und Sie erwartet. Der Chor gehört dem Schweizer. Sie gehen darin herum. Als Sie ihn verlassen wollen, grüßt Sie Ihr gallonirter Cicerone majestätisch. Trinkgeld.

Der Schweizer übergibt Sie dem Küster. Sie gehen vor der Sakristei vorbei. O Wunder! sie ist offen. Sie treten hinein. Ein Sakristan ist darin. Der Küster entfernt sich würdevoll, denn er muß dem Sakristan seinen Raub lassen. Der Sakristan bemächtigt sich Ihrer, zeigt Ihnen die Ciborien, Meßgewänder, Fenster, die Sie ohne ihn sehr gut sehen würden, die Mitra des Erzbischofs und unter Glas in einem mit weißem Atlas geschmückten Kasten irgend ein Skelett eines Heiligen, als Troubadour angekleidet. Die Sakristei ist gesehen, der Sakristan bleibt zurück. Trinkgeld.

Der Küster nimmt Sie wieder in Empfang. Da ist die Treppe im Thurm. Die Aussicht von oben muß schön sein. Sie steigen ungefähr 30 Stufen hinauf. Plötzlich ist die Passage gesperrt. Eine verschlossene Tür ist da. Sie wenden sich um, Sie sind allein, der Küster ist nicht mehr da. Sie klopfen an. Ein Gesicht erscheint an einer Luke. Es ist der Glöckner. Er öffnet und sagt Ihnen: Steigen Sie hinauf mein Herr. Trinkgeld.

Sie steigen hinauf, der Glöckner folgt Ihnen nicht; desto besser, denken Sie; Sie schöpfen frische Luft, Sie freuen sich, allein zu sein, Sie kommen so lustig auf die höchste Plattform des Thurms. Da betrachten Sie, gehen auf und ab; der Himmel ist blau, die Landschaft prächtig, der Horizont unermeßlich. Plötzlich bemerken Sie, daß seit einiger Zeit ein widriges Wesen Ihnen folgt, Sie antritt und Ihnen unverständliche Dinge ins Ohr murmelt. Das ist der geschworene und privilegirte Erklärer, damit beauftragt, den Fremden die Herrlichkeiten des Thurms, der Kirche und der Landschaft auseinanderzusetzen. Dieser Mensch stottert gewöhnlich, bisweilen ist er auch taub. Wenn Sie genug gesehen haben, denken Sie ans Hinuntersteigen, Sie gehen nach der Treppe. Der Mensch stellt sich vor Sie hin. Trinkgeld. Sehr gut, mein Herr, sagt er, indem er es einsteckt, wollen Sie mir nicht auch etwas für mich geben? – Wie? und was ich Ihnen eben gab? – Ist für die Kirche, der ich für die Person zwei Franken geben muß. Trinkgeld.

Sie steigen hinab. Plötzlich öffnet sich neben Ihnen eine Thüre. Es ist der Glockenstuhl. Man muß die Glocken in diesem schönen Thurm wohl auch sehen. Ein junger Bursche zeigt sie Ihnen und nennt sie mit Namen. Trinkgeld.

Unten am Thurm finden Sie den Küster wieder, der geduldig auf Sie gewartet hat und Sie ehrfurchtsvoll bis an die Kirchenschwelle begleitet. Trinkgeld.“

Tatsächlich konnten die Bürger gerade angesichts der Massenarmut, des Pauperismus, den allgegenwärtigen Forderungen nach Trinkgeld immer schwerer ausweichen. Immer bedrohlicher nahmen sie die Macht der Unterschichten wahr. Die Ausweitung der Trinkgelder war ein Indikator der Beziehungen zwischen den sozialen Klassen, zwischen denen, die irgendwie ihr Überleben sichern mussten und dabei allerlei Dienstleistungen anboten, und denen, die statusbewusst immer rigider die Absonderung von anderen Schichten suchten.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte das Reisen dann noch einmal seinen Charakter. Die touristische Romantik wurde nun von Erholungsfahrten, Vergnügungsreisen und Tagesausflügen abgelöst. Mit der Durchsetzung bürgerlicher Werte, einem gewissen Wohlstand und dem Entstehen einer bewusst erlebten und gestalteten Freizeit kam auch ein moderner Fremdenverkehr auf. Immer mehr Bürger konnten sich nun zumindest Ausflüge leisten und taten das auch, um ihren Lebensstil vorzuführen. Besonders die neuen Verkehrsmittel Eisenbahn und Dampfschiff erlaubten es, große Menschenmassen in immer neue oder fernere Räume zu transportieren.

Kaum eine Region konnte sich dem Reisedrang der Touristen entziehen. Der Fremdenverkehr durchbrach alle Grenzen. Ein schleichender innerer Kulturimperialismus ebnete Traditionen ein. Der Berliner Publizist und Reiseautor Ernst Kossak beschrieb es in zivilisationskritischer Ironie schon 1858: „Die Eroberung Thüringens durch die Berliner Sommertouristen datiert kaum ein Jahrzehnt rückwärts. Die Schöpfung der Eisenbahn sollte das unglückliche Land aus seiner stillen Verborgenheit reißen und über seine Einwohner alle Laster eines durch die Auswüchse der Zivilisation verdorbenen Volksstammes bringen. Einige durch habituelle Saumseligkeit auf intimen Stationen zurückgebliebene Waggonauswürflinge entdeckten, während sie auf den nächsten Zug warteten, Thüringen. Sie fanden ein anmutig bewaldetes, von malerischen Höhen und lieblichen Tälern durchzogenes Land, billige Fleischpreise und Quartiere, Eingeborene, die noch nicht durch Trinkgelder entmenscht waren, große Semmeln und nahmen unter der Flagge Berlins Besitz von dem neuen Erdstriche. Sehr richtig erkannten sie die Bedeutung Thüringens für die künftige Sommerkolonisation.“

Das Trinkgeld erschien hier nicht nur als Konsequenz einer neuen Fremdenverkehrskultur, sondern auch als Symbol der Entfremdung des Menschen schlechthin. Tatsächlich entstanden mit dem Massentourismus ganz neue Erwerbsmöglichkeiten und ganz neue Berufsfelder im Bereich von Gastwirtschaften, Hotels und Bahnhöfen, für die das Trinkgeld eine zentrale Rolle spielte.

Gerade an touristischen Ausflugszielen wie dem Drachenfels versuchten die kommunalen Obrigkeiten zwar, dem Wildwuchs an Dienstleistungen und Trinkgeldbetteleien Grenzen zu setzen, indem sie rigide klingende Vorschriften erließen, so etwa 1881 eine Polizeiverordnung über „das öffentliche Bereithalten von Pferden und Eseln“ oder 1908 ein „Lohnkutscher-Reglement“ für die Stadt Königswinter. Vor allem das aktive Einfordern von Trinkgeldern wurde dabei untersagt. Sehr wirkungsvoll war das offenbar nicht.

Nicht nur das Reisen verlangte neue Dienstleistungen, vielmehr brachten Verstädterung, Mobilität und wachsender Wohlstand generell immer weitere Dienstleistungsberufe hervor – und die zogen das Trinkgeld nach sich. Trinkgeld erhielten nun Droschkenfahrer, (Pferde-)Omnibus-, Pferdebahn- und Straßenbahnschaffner, Friseure, Logen- und Saaldiener beim Theater- oder Konzertbesuch und fast alle Bediensteten im Gastwirtschafts- und Hotelgewerbe. Hinzu kamen Gratifikationen zum Jahreswechsel für Schaffner, Boten, Träger, Schornsteinfeger und andere Dienstkräfte, mit denen man regelmäßig zu tun hatte. Das Ganze wurde immer unübersichtlicher.

Und die Trinkgelder schienen ständig zu steigen. In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, so jedenfalls der Eindruck der zeitgenössischen Fachliteratur, seien die üblichen Sätze um das Doppelte gewachsen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für die modernen Gesellschaften Europas schlechthin.

Besonders im Hotel- und Gastwirtschaftsgewerbe war eine Fülle unterschiedlicher Trinkgelder zu leisten, formal auch nach dem Verständnis der Zeitgenossen ohne rechtliche Verpflichtung, de facto aber unausweichlich und für den nicht ganz Eingeweihten kaum durchschaubar. In einem großen Hotel der besten Kategorie waren um 1900 bei der Abreise Trinkgelder für zehn verschiedene Bedienstete fällig: für Oberkellner, Zimmerkellner, Saalkellner, Abteilungschef, Zimmermädchen, Hausbursche, Portier, Wagenbegleiter (Gepäckexpeditor), Läufer und Liftjunge.

Das war internationaler Standard. So berichtete ein australischer Reisender von seinem Aufenthalt in einem Moskauer Hotel noch vor der Revolution: Vor der Abreise gab er zwei Zimmermädchen und einem Kellner ein großzügiges Trinkgeld. Als nun sein Gepäck in die Hotelhalle gebracht wurde, schlug der Hotelbesitzer, übrigens ein Schweizer, eine Klingel. Darauf nahmen rund 20 Bedienstete in der Halle Aufstellung, um ihr Trinkgeld in Empfang zu nehmen; die meisten hatte der Gast noch nie gesehen.

Einem Freund passierte bei einem Jagdausflug in Schottland ebenfalls Bemerkenswertes. Nach dem ersten Tag wollte er dem Jagdaufseher eine Münze als Trinkgeld geben. Der reagierte kühl: „You will excuse me, sir, but I never take less than paper.“ („Sie werden entschuldigen mein Herr, aber ich nehme nie weniger als Scheine“) Der Gast weigerte sich. Für den Rest seines Jagdurlaubes sah er praktisch kein Tier mehr.

Mit dem entstehenden Massentourismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts griffen die neuen Reiseführer das Thema des Trinkgeldes auf. Der „Baedeker“ über die Rheinreise von Basel bis Düsseldorf enthielt schon 1849 Hinweise zum aus seiner Sicht ärgerlichen, aber unumgänglichen Trinkgeld:

„Es ist eine schlechte Sitte, daß in Gasthöfen, nachdem alles gehörig berechnet worden ist, auch noch die Bedienung, die doch vom Hausherrn besoldet wird, sich zu einem sogenannten Trinkgeld meldet, oder dasselbe doch erwartet. Da aber der Gebrauch einmal besteht, so wird der Reisende sich demselben nicht entziehen können.“ Daran schloss sich eine knappe Information über angemessene Trinkgelder für einzelne Berufsgruppen, vom Oberkellner über den Küster bis zum Gepäckträger.

In Frankreich informierten die „Guides Joanne“, benannt nach dem Urheber und Organisator Adolphe Joanne und Synonym für den populären Reiseführer schlechthin, ebenfalls schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über regionale und nationale Trinkgeldgepflogenheiten.

So bildeten sich gewisse Standards heraus. War der Reisende oder Gast durch Ratgeber in die Sitten des Trinkgeldgebens eingeweiht, brauchte er sich nicht mehr als Opfer einer Erpressung zu fühlen, sondern konnte sich als ebenso generöser wie stilsicherer und gesellschaftlich gewandter Repräsentant einer Kultur und einer sozialen Schicht präsentieren. Die Zwänge, denen er unterworfen war, gingen nicht von geldgierigen Unterschichten aus, sondern von den Regeln der bürgerlichen Gesellschaft.

In Umfang und Form des Trinkgeldgebens eingeweiht, konnte nun auch der Kleinbürger öffentlich repräsentieren, dass er sich von der Schicht der Trinkgeldempfänger abhob.

Auszug aus dem jetzt erscheinenden Buch von Winfried Speitkamp: „Der Rest ist für Sie! Kleine Geschichte des Trinkgeldes“, RT 20170, © 2008 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.

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