Geschichte : Überfall auf Gleiwitz (1939)

Alfred Naujocks war Hitlers Mann für spezielle Aufgaben. Protegiert von Reinhard Heydrich, dem Chef des SS-Sicherheitsdienstes, stieg er vom Nazischläger zum Topagenten auf. Wahrscheinlich auf Naujocks ging die Idee zurück, mit gefälschten Pfundnoten dem devisenschwachen Nazireich zu konvertierbaren Scheinen zu verhelfen, eine Episode, die unter dem Titel „Die Fälscher“ verfilmt wurde. Doch Naujocks war auch beteiligt an einer noch größeren Fälschung: Er gilt als der Mann, der den Zweiten Weltkrieg auslöste.

„Wenn der kleinste Zwischenfall sich ereignet, werde ich Polen ohne Warnung zerschmettern“, drohte Hitler am 11. August 1939 dem Ausland. Was allerdings kaum einer wusste, an eben diesem Zwischenfall wurde in Berlin bereits intensiv gearbeitet.

Reinhard Heydrich, Chef des Sicherheitsdienstes der SS, tauchte persönlich am 8. August in der schlesischen Kreisstadt Oppeln auf, um den örtlichen Leiter der Gestapo zu instruieren. „Der Führer braucht einen Kriegsgrund“, soll er nach dessen Aussage gesagt haben. „Sie haben damit nichts zu tun, das machen wir.“ Die Gestapo habe lediglich dafür zu sorgen, dass örtliche Polizei zurückgezogen werde.

Geplant waren drei Zwischenfälle: In Gleiwitz sollten als polnische Freischärler getarnte SS-Leute den Radiosender überfallen, ein zweiter Überfall sollte am Grenzfluss Prosna inszeniert werden, und in Hohenlinden gedachte man ein ganzes Gefecht zu simulieren, wenn möglich, echte polnische Soldaten über die Grenze zu locken.

Tatsächlich wären die „Grenzzwischenfälle“ am 31. August in der Einsamkeit der schlesischen Wälder fast unbemerkt geblieben – zu dilettantisch waren die Aktionen. Nur der fingierte Angriff auf Gleiwitz geriet einigermaßen spektakulär. Alfred Naujocks drang mit fünf SS-Männern in Zivil in das Gebäude des Senders ein. Die anwesenden Techniker wurden in den Keller gesperrt, dann sendete die Gruppe in deutscher und polnischer Sprache vier Minuten lang einen angeblichen Aufruf polnischer Freischärler zum Aufstand in Schlesien. Zurück ließ die Gruppe die Leiche eines mitgebrachten Häftlings, den man später zum Opfer des Überfalls deklarierte.

Das sollte Hitler reichen. Er begründete den Angriff auf Polen am 1. September 1939 mit polnischen Grenzverletzungen, auf die nun reagiert werde („Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“), und hoffte, England und Frankreich würden sich täuschen lassen, von ihren Beistandsverpflichtungen für den angeblichen Aggressor Polen abrücken. Er sollte sich irren. Am 3. September erklärten beide Länder Deutschland den Krieg.

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