Geschichte : Von der Stirne heiß …

Badehöhle oder Wellness-Spa? Die Finnen machen nicht jede Mode mit. Sie saunieren lieber pur. Bis heute

Lennart Laberenz
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1996David Baltzer/Zenit/laif

Ich komme drei Mal die Woche her, manchmal noch häufiger.“ Antti nickt zwischen zwei tiefen Zügen an seiner Zigarette. „Meine sogenannte Freundin ist jetzt in Hamburg.“ Es bleibt unklar, was die Beziehung zwischen Antti und seiner Freundin so prekär hat werden lassen, aber augenscheinlich hatte er eine harte Nacht. Der Ort, mit dem er nun offensichtlich seine Freundin ersetzt, ist dagegen etwas überraschend. Eine Sauna nämlich. Und nicht irgendeine, sondern eine besondere Einrichtung: Eine der ältesten öffentlichen Saunas in Helsinkis früherem Arbeiterviertel Kallio.

Wenige Dinge akzeptieren die Finnen einmütig als typisch. Ein Land mit ungefähr fünf Millionen Einwohnern und einer schwer verständlichen Sprache, am Rande Europas gelegen und mit viel kultureller Distanz zu den unmittelbaren Nachbarn, da könnte man anderes erwarten. Den Gerüchten nach gibt es mehr Seen und Wäldern als Menschen und die sind dann häufig eigenwillig: „Zwei Jahre braucht man um sprechen zu lernen“, heißt es im Norden, „den Rest des Lebens hält man dann besser den Mund.“

Finnland ist trotz seiner überschaubaren Größe ein recht heterogenes Land, eine überraschenden Fähigkeit zu Innovation und Design steht unangebunden neben einer zwiespältigen Beziehung zu Klassik und Avantgarde: Die Finnen waren über Jahrhunderte schwedische und russische Kolonie, gelegentlich auch Abstandshalter und Jagdgebiet zwischen den Reichen. Das Bürgertum entwickelte sich eigentlich erst im letzten Jahrhundert und die Sorge um die Volkskultur bezieht sich auf Mitbringsel aus der landwirtschaftlich-dörflichen Welt: Der Wandel ländlicher Untertanen zum urbanen Bürger ging im letzten Jahrhundert rasch voran, Traditionen verweisen auf ein ins Nationale gerückte Gemeinschaftsgefühl. Heute sitzt man noch immer zusammen in der Sauna, auch wenn inzwischen aus einem Gummistiefelfabrikanten ein Technikgigant geworden ist.

Die Arla Sauna in Kallio ist eine der ältesten noch funktionierenden öffentlichen Saunas. Eher überraschend liegt sie im Seitenflügel eines Wohnhauses. Der Block hat genau einhundert Wohnungen, 1929 wurde der streng moderne Bau eröffnet, gerade Linien, ornamentfreie Decken, kein Firlefanz. In Finnland waren eigene Duschen bis in die 1960er Jahre eher ungewöhnlich, es gab ein Badehaus mit Sauna in jeder Mietskaserne. Vom Hof passiert man einen kleinen Kiosk, rechts neben den Treppenabsatz gedrängt. Darin steht Kimmo Helistö und erzählt, dass er zum Betreiber der Arla Sauna wurde, wie die Maria zum Kinde kam: „Ich war hier Stammgast und ich konnte einfach nicht ertragen, dass die Sauna sterben sollte.“ Helistö ist eine Art Lebenskünstler, Musiker und Produzent, eine Art Sozialarbeiter und Stadtteilaktivist. Er raucht Selbstgedrehte, lebt sogar in einem uralten Saunahaus; mit Fotos im Netz und direkt im Stadtteilparlament macht er gegen Gentrifizierung und einseitige Stadtplanung mobil. Er will verhindern, dass alte Industriegebäude verfallen und statt als Räume für Künstler zu teuren und immergleichen Lofts umgewandelt werden. Auch wenn Vermieter in Helsinki wahnwitzige Preise aufrufen, der soziale Traum vom Besitz und der eigenen Sauna ist tief verwurzelt in Finnland. Und je mehr der steigende Wohlstand der Gesellschaft ihn realisierte, desto mehr öffentlichen Saunas gingen ein. Damit will sich Helistö nicht abfinden. „Kaffee und Tee sind umsonst. Ach und, du kannst natürlich auch dein eigenes Bier trinken“, erklärt er die Regeln.

Bei genauerem Hinschauen ist das moderne Leben in den Städten des Südens überdeutlich, der raue Geist der Vergangenheit dennoch nicht gezähmt: Finnland hat eine legendär hohe Suizidrate, die Straßen der Städte müssen jedes Wochenende von Tonnen an Erbrochenem, Urin und Blut gesäubert werden, und das Heim ist für Frauen der gefährlichste Ort – häusliche Gewalt, ausgehend von einem eifersüchtigen und/oder betrunkenen Mann nimmt den Spitzenplatz in Nordeuropa ein. Vergleichende Studien notieren Finnland auf dem dritten Rang, wenn es um privaten Waffenbesitz geht, hinter den USA und dem Jemen. Einer der Orte, an dem sich ein steinaltes Ritual, die Vereinbarung des Schweigens, die rauen Sitten der Vergangenheit und die praktische Moderne treffen, ist die Sauna.

Die Finnische Saunagesellschaft schätzt, dass im Land etwas weniger als zwei Millionen Saunas existieren, beheizt mit Holz, Strom, oder Gas, betrieben mit Dampf oder Rauch. Dabei ist die durchschnittliche Finnische Sauna meilenweit von jenen aseptischen „Saunalandschaften“ Zentraleuropas entfernt, wenig erinnert an jene hell erleuchteten Spa-Anlagen mit Handtüchern aus Frottee, spießigen „Kein Schweiß aufs Holz“-Schildern und palavernden Menschen in Badeanzügen auf den Bänken.

Finnische Saunas sind einen weiten Weg gegangen: Forscher entdecken Ursprungsformen als eine Art bewohnte Badehöhlen, in Böschungen gegraben, das Feuer heizte einige Steine nahe dem Ausgang an. Aus dem 19. Jahrhundert gibt es auf dem Land noch Konstrukte, die als steinummauerte Schwitzkästen unter Badehütten eingelassen waren, irgendwo zwischen diesen beiden Formen ist auch der etymologisch unklare Begriff der Sauna geboren. Wesentliche Entwicklungsschritte des 20. Jahrhunderts waren Abzüge und Schornsteine, von dort ist es ein kleiner Sprung zu den viereckigen Holzhütten als unverzichtbarer Bestandteil des Sommerhäuschens neben dem allgegenwärtigen See. Wer kann und auf sich hält, heizt hier mit Holz, für den Alltag in der Stadtwohnung tut es Strom. Häufig kehren die Finnen wieder zur archaischen Form zurück, der Trend negiert die Innovation: Die Rauchsauna, schornsteinlose Räume mit offenem Feuer in einem Steinofen und einem Abzugsloch in der Wand ist wieder gefragt.

Der Legende nach haben sich Finnische Soldaten im Zweiten Weltkrieg regelmäßig in die geheizte Höhlen zurückgezogen und die Sauna hat vermutlich jede denkbare soziale Rolle gespielt: Von der Badestelle zum Krankenhaus des armen Mannes, vom Trockenraum für Flachs und Getreide zum Räuchern von Fleisch, vom Winterlager zum Gemeindezentrum, vom Rückzugsort für Geschlechtsverkehr und der späteren Geburtsstelle vieler Kinder zum sozialen Treffpunkt der Nachbarn und Beratungsraum der hohen Politik. Manche der Saunavereinigungen haben den Charakter der britischen Gentlemen’s Clubs – Eintritt ist nur sorgfältig sortierten Mitgliedern oder geladenen Gästen erlaubt. Aber es gibt auch weniger exklusive Vereinigungen, Zusammenschlüsse von Nachbarn und Freunden, die Grundstücke am See erwerben und Gemeinschaftssaunas betreiben. „Aber eigentlich“, sagt der Fotograf und Kulturwissenschaftler Harri Palviranta, „ist das finnische Ideal der eigene Besitz. Natürlich ist das auch ein Klischee, aber wir wollen in Ruhe gelassen werden. Die eigene Sauna ist eine Art Gral des Privaten.“

Im Hof in Kallio klaubt Antti seine Sachen zusammen, er repariere Schornsteine, sagt er. Sein Freund Riku ist Anstreicher. Beide sind ans hintere Ende der 20er gelangt und wollen sich doch von der Jugend noch nicht lossagen: Riku hat schon seinen Kapuzenpullover an, Antti hat sich nur die Trainingsjacke über geworfen. Ein paar Minuten zuvor haben sie nur mit einem Handtuch bekleidet, mit Jussi, einem etwa fünfzehn Jahre älteren Dachdecker mit der Figur eines erfahrenen Kampftrinkers im Hof gesessen. Es ist etwa sechs Grad warm. Die drei haben sich mit Frühstücksbier aus Halbliterdosen zugenickt.

Die Arla Sauna hat eine Reputation, die mittlerweile weit über das Viertel hinausgeht. Die alte Stammkundschaft trifft auf junge Hipster, erlebnishungrige Yuppies und gelangweilte Schluffies. In den Ecken liegen dezent Ausstellungsankündigungen, Konzerthinweise und Filmveröffentlichungen, die Sauna ist ein Kulturknotenpunkt der Stadt. Trotz aller Modernität: Männer müssen in den ersten Stock, Frauen bleiben unten. Die Trennung nach Geschlechtern ist in Finnland obligatorisch. Die Umkleidekabine hat kleine Fenster und graue Spinde, die vermutlich seit jeher hier standen. Auf dem Boden dünn getretene Läufer. Von hier ab umfängt zunehmende Dunkelheit den nackten Gast: Der Waschraum ist komplett gefliest, die Farbe mischt Beige und Urin, soweit die Rußschicht dies beurteilen lässt. Der schummrige Charakter legt sich wie ein vager Schutz um die eigene Nacktheit, der sanfte Verfall harmoniert mit den körperlichen Problemzonen. Alles ist vergänglich, wozu da nach Perfektion streben? Es gibt exakt zwei Duschen.

Im Moment ist die Sauna leer, links neben der Tür eine dünne Funzel und ein gesprungenes kleines Fenster, beides gelblich und eher eine fade Entschuldigung, denn Lichtquellen. Nur die oberste der massiv gemauerten, weitläufigen Bänke trägt eine Krone aus Holzplanken. Drei dunkle Flecken markieren die Sitzplätze von Antti, Riku und Jussi. Es ist nicht klar, ob alles der Maßgabe der Konservierung folgt, oder mit Not vor dem Kollaps bewahrt ist. In jedem Fall hat überstürzte Modernisierung hier noch nichts verwüstet. Diagonal gegenüber dem Amphitheater der Sitzbänke, aus dem Dunkel herausragend, steht ein Monster von einem Ofen, der sich fast bis zur Decke streckt. Dem Neuankömmling ist das hochofenartige Gebilde ein Rätsel: Zwei große Luken blicken verschlossen in den Raum, nichts ist zu sehen von den üblichen Steinen, die sonst zuoberst auf dem Saunaofen sitzen. Wohin nur mit dem Aufgusswasser? Der Versuch aus dem Eimer ein paar Tropfen gegen die Außenwand zu werfen bleibt zum Glück schüchtern: Sofort rennt das Wasser in schwarzen Strömen herab.

„Du musst die Klappe öffnen“, nach ein paar Minuten ist Antti noch einmal zu einem Abschiedsgang zurück. Die Luke ist ziemlich genau in Gesichtshöhe ausgewachsener Männer angebracht. Hier sind die Saunasteine verstaut, in Erwartung der Aufgüsse für den schweißfördernden, beißenden Dampf. Zwei Kellen warten auf jeden, der hereinkommt, eine aus grünem Plastik, bauchig mit kurzem Griff und eine metallene mit langem Stiel. Jeder, der jetzt in rascher Folge den Raum betritt, schöpft zwei Kellen aus dem Eimer, wirft das Wasser durch die Luke, um sich sofort vor dem fauchenden Dampf zu ducken.

Herein kommen zwei blasse Knaben, Webdesigner, wie sie später erzählen, Jussi mit zwei Freunden von ähnlicher Statur, ein steinalter Mann mit einem hohen Filzhut nach alpinem Geschmack und schließlich, zusammen, ein Glatzkopf mit dem Bart der ZZ-Top-Sänger und einer älteren Gestalt im Schlepp, die eine überwältigende Ähnlichkeit mit dem späten Sitting Bull hat. Die Letzteren scheinen sich lange zu kennen: Während der nächsten Stunden, in denen sie stoisch zwischen Sauna und Duschen pendeln, fällt zwischen ihnen nicht ein einziges Wort.

Jetzt brennt der Dampf auf der Haut, wir sitzen stumm auf der obersten Bank. Gelegentliche Unterhaltungen versanden rasch in den UrFinnischen Füllworten aus „jahas“ („ja gut“), „kyllä“ („natürlich“) und dem unübersetzbaren „tuota-tuota“. Stille und Dunkelheit sind essenziell, hier wir in vielen anderen Saunas. Finnen können auch sprechen, uralte Konventionen des Nordens stehen plötzlich klar im Raum. Ein paar Monate zuvor habe ich Kristian Smeds, einen kontrovers diskutierten Theatermacher besucht. Smeds hat den Sommer hart an seiner Sauna in einem Vorort von Helsinki gearbeitet, einem Häuschen im Garten, nur von Kerzen beleuchtet, ohne Strom und fließend Wasser. Nach einer Weile war Smeds in ein gleichmäßiges, schlaf-ähnliches Brüten verfallen, sein Atem ging schwer. Der dritte im Bunde führte das Gespräch, vielleicht von Wiedersehensfreude befeuert. Plötzlich aber platzte Smeds in die Unterhaltung: „Das ist jetzt der Weltrekord an Worten in dieser Sauna.“

Draußen, im Umkleideraum der Arla Sauna läuft die Unterhaltung dagegen flüssig. Karhu-Kalja (Bärenbier) aus schwarzen Dosen, eine obskure Flasche Rotwein mit Plastikverschluss und dem Etikett „Magyar“ machen die Runde, gelegentlich unterbrochen von Finnlands eigenem, längst zur Metapher gewordenen „Koskenkorva“-Schnaps. Zu Zeiten als Finnland noch eine Vermittlerfunktion zwischen Ostblock und dem Westen einnahm und außerdem die Prohibition das Alltagsleben stärker regelte, war die Halbliterflasche Koskenkorva die billigste Variante, den Alltag zu ertränken. Wenn aber noch irgendeine Idee vom Spa begraben werden müsste, ist jetzt die Zeit. Sauna heißt hier in den engen Gängen und ohne Extravaganzen zwischen Möbeln im Busfahrergrau zu sitzen. Der Saunagang ist ein Schlüsselfaktor um den Kater zu vertreiben. Und um mehr trinken zu können.

In der Sauna herrschen an diesem Samstagnachmittag konstant 90 Grad. Vor dem Ofen steht ein jüngerer Gast, der offensichtlich grade erst gekommen ist. Lange Haare, Bauchansatz. Er erklärt seine Aufgusstechnik, mit raschen Bewegungen schöpft er eine Weile kleine Mengen Wasser und verteilt sie in alle Winkel des Ofens. Jussi, Sitting Bull und der Autor bilden das Publikum, der Neuankömmling hält einen kleinen Vortrag über die Bekömmlichkeit seines Verfahrens. Es scheint noch ein wenig dunkler zu werden, meine Fähigkeit des peripheren Sehens nimmt rapide ab. Irgendjemand hat zwei Feuerzeuge unter meinen Ohren gezündet. Es wird eine Weile still in der Sauna, die Steine zischen, der mit dem Bauchansatz klettert auf seinen Platz. Plötzlich erwacht Jussi aus seiner Starre, tief aus seinem Inneren ruft es „gute Idee“ und er schwingt den langstieligen Schöpflöffel als gelte es ein kalifornisches Buschfeuer zu bekämpfen. Über drei Meter wirft er Fuhre um Fuhre in den offenen Rachen des Ofens, nicht ein Tropfen gerät ihm daneben. Es ist Zeit zu gehen. Bauchansatz hat sich unter eine Dusche geflüchtet, vielleicht täuscht es, aber unter der anderen scheint Sitting Bull milde zu lächeln. Eiswasser aus dem Hahn bleibt also übrig und in mir wächst das Gefühl, dass die alten Zeiten längst nicht vorüber sind.

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