Vor 50 Jahren : JFK for President

Vom Vater wurde er früh auf Erfolg getrimmt, unzählige Krankheiten plagten JFK ein Leben lang: Vor 50 Jahren wurde er zum Präsidenten gewählt.

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Braun gebrannt und mit breitem Lächeln - so präsentierte sich John F. Kennedy gern in der Öffentlichkeit. Im Juli 1960 nominierten ihn die Demokraten , vier Monate später wählten ihn die Amerikaner zu ihrem 35. Präsidenten: am 8. November 1960 - vor 50 Jahren.Weitere Bilder anzeigen
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22.11.2013 13:56Braun gebrannt und mit breitem Lächeln - so präsentierte sich John F. Kennedy gern in der Öffentlichkeit. Im Juli 1960 nominierten...

Das war knapp. „Everyone is voting for Jack/’Cause he’s got what all the rest lack“, hatte Frank Sinatra den Amerikanern swingenderweise eingehämmert – auf dass der Optimismus des Wahlkampfsongs ansteckend wirke. Am Ende hatte John F. (genannt Jack) Kennedy, der Hoffnungsträger für ein neues Jahrzehnt, nur 118 574 Stimmen Vorsprung gegenüber seinem republikanischen Gegner Richard Nixon. Das waren gerade mal 0,1 Prozent. Doch es reichte. Am 8. November 1960 wurde der 43-Jährige zum 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Zum jüngsten der Geschichte.

Wie sang Frankieboy in „High Hopes“: „Oops! There goes the opposition.“

Aber JFK hatte auch gar keine Wahl: Er war zum Siegen erzogen. „Wir wollen keine Verlierer unter uns haben“, hatte Vater Joe seinen neun Kindern erklärt. „In dieser Familie wollen wir nur Gewinner.“ Wer auch nur auf den zweiten Platz kam, galt als Loser. Von klein auf wurden vor allem die vier Söhne zum ständigen Wettkampf angestachelt.

So hatte Jack als Präsidentschaftskandidat die beste Mannschaft, die er sich wünschen konnte: seine Familie. Der ganze Clan stand stramm. Joseph Kennedy, einer der reichsten Männer im Land – ein Reichtum, den der Banker sich nicht nur mit sauberen Mitteln erwirtschaftet hatte –, zog im Hintergrund die Fäden und hielt die Schatulle auf. Mutter und Schwestern luden ihre Geschlechtsgenossinnen zu tea partys ein, auf denen die Frauen dem charmanten Womanizer zu Füßen lagen. „Die Wirkung, die er auf weibliche Wähler hat, ist geradezu unanständig“, meinte die „New York Times“ einmal. „Die Frauen wollen ihn entweder bemuttern oder heiraten.“ Und die tea party als gehobene Form der Grassroots-Strategie hatte sich schon bei Jacks Kandidaturen für Kongress und Senat bewährt. 1952 zum Beispiel, im Kampf gegen Henry Cabot Lodge, mobilisierten die Kennedy-Damen auf diese Weise 75 000 Amerikanerinnen. John F. wurde zum „Mann, der Henry Cabot Lodge in 7 5 000 Tassen Tee ertränkte.“

Das Präsidentschaftswahlkampfteam leitete Bruder Bobby mit straffer Hand (im Kabinett wurde er dann Justizminister). Und an Jacks Seite stand die kluge, gebildete Jackie, die selbst in Jeans eleganter aussah als die meisten Frauen im Abendkleid. 1953 hatten die beiden Traumhochzeit gefeiert – zwei Adelsfamilien vereinten sich. Das Prinzip Hoffnung, das der charismatische Demokrat verkörperte, unterstrich Jacqueline Kennedy Bouvier auf ihre Weise: indem sie zur Nominierung verkündete, dass sie ihr zweites Kind erwarte.

„Let’s get the country moving again“, lautete das Motto des Wahlkampfes. In seiner Dankesrede zur Nominierung im Juli 1960 machte Kennedy klar, dass er den Pioniergeist seiner Landsleute, der in der Eisenhower-Ära eingeschlafen war, wieder entfachen wollte. Die geografische Eroberung Nordamerikas sei zwar abgeschlossen, aber jetzt gehe es um das Überschreiten neuer Grenzen: geistiger wie räumlicher, nämlich im All. Auf zu den New Frontiers! Der Politiker versprach dem Volk keine Geschenke, sondern Herausforderungen.

Die Rede hatte er sich nicht allein ausgedacht. Der belesene Politiker scharte einige kluge Köpfe um sich, allen voran sein Redenschreiber Ted Sorensen. Seit 1953 arbeitete der junge Anwalt aus Nebraska für Kennedy, und Sorensens Loyalität war bis zu seinem eigenen Tod (er starb vor einer Woche) ungebrochen. Bis zum Schluss stritt er auch hartnäckig ab, dass die legendären Worte in Kennedys Rede zur Amtseinführung von ihm stammten: „And so, my fellow Americans, ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country.“

Fest steht, dass Sorensen Kennedys wichtigster Berater war und blieb, zusammen reisten sie durch alle 50 Bundesstaaten. JFK hatte genügend Ja-Sager um sich herum, schreibt Robert Dallek in seiner Biographie – der liberale Jurist war der nötige kritische Geist. Und er galt als genialer Formulierer.

Sorensen war auch maßgeblich an Kennedys Buch „Profiles in Courage“ beteiligt, jenem Portrait mutiger Senatoren, die es wagten, für unpopuläre Überzeugungen ihre Stellung zu riskieren. „Profiles in Corage“, unter diesem Namen wird bis heute in Erinnerung an Kennedy ein Preis für Zivilcourage vergeben.

Die er selbst, nach Ansicht seiner Kritiker, nicht immer hatte. Im Zweiten Weltkrieg war er zum Helden geworden und wurde als solcher auf den Titelseiten der Zeitungen gefeiert. Nachdem das Boot, auf dem er das Kommondo führte, getroffen wurde, rettete er sich mit seinen Leuten in einer abenteuerlichen Aktion. Fünf Stunden schwamm er durchs dunkle Wasser, zog einen schwer verbrannten Kameraden, mit dem Seil im Mund, hinter sich her. Aber in den 50er Jahren drückte er sich vor einer Abstimmung zu den Machenschaften des fanatischen Kommunistenjägers Joseph McCarthy, ein Freund der Familie, indem er sich krank meldete.

Vor allem die überzeugte Demokratin und einstige First Lady Eleanor Roosevelt nahm ihm das übel. Sie war gegen Kennedys Kandidatur, setzte sich erst nach seiner Nominierung in einem Wahlspot für ihn ein. Darin wies sie vor allem auf seine wichtige Rolle für die Bürgerrechtsbewegung hin. In der Tat waren es neben den Frauen vor allem die Schwarzen, die ihm zum Sieg verhalfen: 70 Prozent gaben ihm seine Stimme. Die Abschaffung der Diskriminierung stand ebenso auf seiner Agenda, bereits als Senator, wie sozialer Wohnungsbau und eine fairere Einwanderungspolitik.

Schon Kennedys Großväter waren in der Politik gewesen, der eine saß im Senat von Massachusetts, der andere, John Francis „Honey Fitz“ Fitzgerald, nach dem John F. benannt worden war, regierte als Bürgermeister Boston. Vater Joseph, der Präsident Roosevelt unterstützt hatte, wurde zur Belohnung in den 30er Jahren als Botschafter nach London geschickt. Das war die Krönung: Die Nachfahren armer irisch-katholischer Einwanderer, die im protestantischen Amerika nie ganz dazu gehörten (die Religion war im Wahlkampf JFKs größtes Handicap), waren nun Teil der High Society. JFK trank Tee mit Prinzessin Elisabeth, seine Schwester Kathleen heiratete einen angehenden englischen Herzog.

Allerdings wurde Kennedy senior auch schnell zurückgepfiffen, als er die Appeasement-Politik Großbritanniens unterstützte und Hitler und seine Jagd auf Juden gar nicht so schlimm fand. Wieso Krieg mit Deutschland führen?!

Und doch war die ganz große Politik JFK nicht in die Wiege gelegt. Er war nur der Stellvertreter. Eigentlich war sein großer Bruder Joe von der Familie auserkoren, als erster Katholik ins Weiße Haus zu ziehen. Aber Joe jr., in der Kindheit der ewige und ewig mächtigere, auch brutale Rivale, war im Zweiten Weltkrieg gefallen. Also war der Zweitälteste dran.

Politik hatte Jack schon lange interessiert, in Harvard hatte er Politik studiert. In den 30er Jahren reiste er quer durch Europa, wobei der Vater dem Studenten viele Türe öffnete, nach dem Krieg setzte er die Grand Tour in Asien fort.

Seine Examensarbeit über die Bedeutung der Appeasement-Politik Großbritanniens für die Demokratie brachte der selbstbewusste JFK gleich in überarbeiteter Form als Buch heraus. „Why England Slept“ wurde ein Bestseller, auch da, glauben Skeptiker, half Daddy nach. 1945 schlüpfte John F. kurzfristig in die Rolle des Reporters, berichtete von der Gründungsversammlung der Vereinten Nationen und von der Potsdamer Konferenz, bevor er endgültig die Seiten wechselte. 1946 gewann er die Wahl zum Abgeordneten im Kongress.

Nun also, nur 14 Jahre später, die Wahl zum höchsten Amt im Land. Die Würfel, da sind sich die Historiker ziemlich einig, fielen am 26. September 1960: beim Fernsehduell der beiden Kandidaten, dem ersten in der Geschichte der USA. Der ebenso telegene wie fotogene JFK strahlte vor der Kamera und 70 Millionen Zuschauern, braungebrannt wie ein Skilehrer, so Norman Mailer, vital und eloquent – während Nixon, der gerade eine Knieverletzung hinter sich hatte, alt und krank und noch dazu schlecht geschminkt aussah.

Dabei war der drei Jahre jüngere Sunnyboy das körperliche Wrack. Seit frühester Kindheit lag Jack immer wieder im Krankenbett, verbrachte Wochen, ja, Monate im Krankenhaus, zweimal musste er deswegen sein Studium abbrechen. Scharlach, Asthma, Malaria, Bandscheibenvorfall, Osteoprose, Magen- und Darmgeschwüre, Wirbelknochenriss, und, erst spät diagnostiziert und von ihm selbst und der Familie verleugnet, die Addisonsche Krankheit, einer Nebennierenrinden-Insuffienz, die das Immunsystem stark angreift. Die Torturen der Untersuchungen führten nur selten zu Linderungen, und die Medikamente, mit denen er sich voll pumpte – Kortison, Barbiturate, Amphetamine, Antibiotika, Schmerzmittel jeder Art – zogen oft neue Gebrechen nach sich. Meist trug er ein Korsett, suchte im Schaukelstuhl Linderung für die Pein im Rücken. Ein paar Mal war er dem Tod so nah, dass er die letzte Ölung bekam.

Doch ein Kennedy kennt keinen Schmerz. Obwohl dieser ihn sein Leben lang Tag und Nacht plagte, hat ihn offenbar niemand jammern oder klagen gehört. Bloß nicht unterkriegen lassen, lautete die Devise, mit der er auch als Politiker an seine Landsleute appelierte.

Jetzt erst recht. Der schwerkranke Mann war, gern auch vor der Kamera, ein großer Sportsmann, Schwimmer und Segler, Tennis- und Rugbyspieler. Und nichts und niemand hielt ihn davon ab, seinen Begierden nachzugehen – selbst im Krankenhaus. „Ich kann jetzt meinen Schwanz so oft und so frei hinkriegen, wo und wie ich will“, schrieb er einem Freund einmal in Studententagen, „und das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

In den letzten Jahren sind unzählige Bücher und Artikel erschienen, die am Mythos Kennedy gekratzt, ja, gemeißelt haben. Dabei blieb auch kaum eine der unzähligen Affären unentdeckt, die oft nur Stunden, gar Minuten dauerten. „Slam, bam, thank you, ma’m“ war offenbar sein Lieblingsspruch.

Der Historiker Robert Dallek hält in seiner Biographie verschiedene Erklärungen für das Treiben des Sexmaniacs bereit. Da ist zum einen das „Vorbild“ des Vaters, der seine Frau fortlaufend betrog – seine berühmteste Eroberung war der Stummfilmstar Gloria Swanson. Die Mutter wiederum, Rose, weder zärtlich noch liebevoll, dafür aber streng katholisch, reagierte darauf mit ausgiebigen Reisen, auch als die Kinder klein und im Falle Jacks krank waren. Weibliche Eroberungen, das war zudem ein Gebiet, auf dem der charmante, witzige Jack seinen großen Bruder schlagen konnte.

Dessen Tod, wie der der geliebten Schwester Kathleen, die 1948 bei einem Flugzeugabsturz umkam, gehören zu den frühen Tragödien im Leben des Politikers. Seine behinderte Schwester Rosemary wiederum ließ der Vater ohne Wissen der Mutter einer Lobotomie, einer höchstumstrittenen Hirnoperation, unterziehen, die sie zum völligen Pflegefall machte. Kein Wunder, dass JFK sich, auch angesichts der eigenen Todesnähe, umso heftiger ins Leben stürzte. „Man muss“, so hat er einem Freund erklärt, „jeden Tag leben als wenn es der letzte wäre.“

Die Nacht vom 8. auf den 9. November 1960 verbrachte John F. Kennedy, „the nation’s favourite guy“, wie Sinatra sang, mit seiner Familie an deren Feriensitz in Cape Cod bis alle Stimmen ausgezählt und der Sieg sicher war. Am Ende seiner Dankesrede erklärte er: „Meine Frau und ich bereiten uns auf eine neue Regierung vor. Und auf ein neues Baby.“

Zwei Wochen später wurde John Fitzgerald junior geboren. Drei Jahre später war Kennedy tot.

Am Montag, den 8. 11. um 16 Uhr treffen sich US-Botschafter Philip D. Murphy und Kennedy-Biograph Andreas Etges von der FU im Berliner Museum „The Kennedys“ am Pariser Platz 4a zum Gespräch: „From JFK to Obama“. Anmeldungen bis 12 Uhr unter berlinpa@state.gov

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