Wie uns die Zeiten ändern : Der Ignorant und der Wahnsinnige

Erstbesteigung: Ein Opern-Novize wagt sich an Richard Wagner und den "Ring des Nibelungen". Versuch einer Kultivierung.

Helmut Schümann
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1970Bayreuther Festspiele

Und das ist er. Aus dem Bahnhof raus, nach rechts geschaut: der Hügel, der berühmte, sagenumwobene, mythenumrankte Grüne Hügel von Bayreuth. Hügel? Hügelchen trifft es wohl eher, eine kleine Beule in der Landschaft, das ist der Hügel. Aber wenn oben, vor dem Festspielhaus, die Fahne gehisst ist und darauf das Monogramm RW vom Monolithen kündet, dann wird die Beule zum Achttausender, auf dem die Luft dünn ist und der Atem schwer. Da muss ich rauf!

Muss ich da rauf? Ich will rauf, ich habe zunehmend Gefallen gefunden an der Idee der Kollegin aus der Musikkritik.

„Sag mal, willst du nicht für uns zu den Bayreuther Festspielen?“

„Iiich?“

„Ja, vollkommen unbeleckt, unverbildet, nicht angekränkelt von eines Gedankens Blässe.“

„Shakespeare.“

„Immerhin.“

„Und was soll ich da?“

„Mal schauen, was Wagner mit dir macht, das Festival, die Musik.“

Da stehe ich nun am Fuß des Hügels, im kleinen Park der Auffahrtsallee, links schaut Cosima skeptisch von ihrer Büste herab, rechts Richard Wagner. Und vor mir liegt Rheingold, liegt die Walküre, Siegfried und, oh weh mir, die Götterdämmerung. „Der Ring des Nibelungen“, 16 Stunden Musik, die volle Packung, ein Marathon. Unbeleckt, unverbildet, das ist nur sehr euphemistisch formuliert, was ich eigentlich bin: ein Ignorant, ein Banause.

Nichts davon ist zu leugnen. Zwei Opern habe ich bisher in meinem Leben gesehen. Die erste mit 14, 15 Jahren, ein Schulausflug, „Die Entführung aus dem Serail“. Sie geriet zum Fiasko, weil Krumbiegel, der Klassenclown, oben auf der Empore des Opernhauses seine Faxen machte und wir Pubertisten mehr lachten als lauschten. Die zweite sah ich gut 35 Jahre später, „La Traviata“, in Riga, und das Ticket war ein Geschenk. Dazwischen nahm ich die bekanntesten Arien der Welt wahr, irgendwie, irgendwo, so wie sich halt vieles unbewusst im kollektiven Gedächtnis einnistet. Und Wagner? Von Wagner kenne ich den Walkürenritt – weil Francis Ford Coppola die Musik 1979 zur Untermalung des Hubschrauberangriffs auf ein vietnamesisches Dorf in „Apocalypse Now“ hernahm.

Im Elternhaus spielte Musik keine Rolle. Die Blockflötenkarriere der älteren Schwester endete abrupt: mit einem instrumentalen Schlag auf den Kopf der damals besten Freundin, bei dem die Flöte zerbrach. Sicherheitshalber verzichteten die Eltern auf jede weitere musikalische Erziehung des Jungen. Später, im Musikunterricht, war ich der Mann an der Triangel, ein Pling auf Kommando, das schaffte ich auch ohne Notenschlüssel. Einmal versuchte Hölscher, der wunderbare Lehrer, Freund Jürgen und mich nach dem Stimmbruch zur Teilnahme am Schulchor zu bewegen, was wir im Duett mit „Ol’ man river“ quittierten, Hölscher, der gute, nahm dann Abstand von seinem avantgardistischen Experiment, zwei allenfalls Sprechsänger in den Chor einzubauen.

Und die passive Musikrezeption begann, als die Schwester den ersten Plattenspieler des Hauses bekam, und sie wurde geprägt von der musikalischen Mode der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Da kam guter Rock zum Gehör, Blind Faith, die Doors, Cream, wie ich meine, durchaus Zeugnisse guten Geschmacks. Später kamen solche Sachen wie die Ramones dazu, Clash, La Düsseldorf und dann, vor allen anderen, der musikalische Hausgott: Tom Waits. Sehr viel später, nach einem Konzert im Berliner Admiralspalast an der Friedrichstraße, bin ich zu Fuß heim nach Charlottenburg gegangen, was eine ziemliche Wegstrecke ist, trunken vor Glück sozusagen. Was ich meine: Musik kann mich schon anrühren, berühren, mein Herz bewegen. Aber Wagner? „Geh’ mir weg mit der Nazimusik“, habe ich gesagt, unerträglich, was man so sagt mit ungesundem Vorurteil und ausgeprägtem Halbwissen. Allerdings, Woody Allen weiß mehr. Woody Allen hat mal gesagt: „Jedes Mal, wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, in Polen einzumarschieren.“ Also doch.

Das Nibelungenlied kenne ich, sogar mittelhochdeutsch, „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit / von helden lobebæren, von grôzer arebeit ...“, den „Ring des Nibelungen“ kenne ich nicht, ich habe zur Vorbereitung die vier Reclam-Bändchen gelesen. Das heißt, ich wollte sie lesen, ganz bestimmt. „Das Rheingold“ habe ich geschafft, „traulich und treu / ist’s nur in der Tiefe: / falsch und feig / ist’s was dort oben sich freut!“ „Die Walküre“ habe ich mit Wotan abgebrochen, „Der Fluch, den ich floh, / nicht flieht er nun mich“. Wagners Sprache, so viel steht schon vor dem ersten Ton fest, wird definitiv nicht meine werden. „Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!“ Das mögen Woglinde, Wellgunde und Floßhilde, die Rheintöchter, noch so liebreizend trällern, es wirft, so dünkt mir, die deutsche Sprache weit hinter die Gebrüder Grimm zurück.

Ich war gewarnt worden, von Wohlmeinenden, von Wagnerianern gar. Die Sprache, hatte es geheißen, sei gewöhnungsbedürftig, aber gesungen ohnehin nicht zu verstehen, die Länge der diversen Akte sei grenzwertig, und die Luft im Festsaal würde bei Hitze in Bayreuth die Grenze überschreiten. Die Pausen, hatte es geheißen, seien dringend zur Erholung und Erfrischung auszunutzen. Zum Beispiel durch einen Besuch der Kneippanlage oberhalb des Festspielhauses im Freibad Bürgerreuth. Es ist heiß an diesem Nachmittag vor „Rheingold“, es ist in dieser ersten Oper des „Rings“, einem kleinen Aufgalopp von zweieinhalb Stunden, keine Pause vorgesehen. Ich stakse vorauseilend durch das eiskalte Wasser, und das ist herrlich, und das gleicht schon mal den sprachlichen Minuspunkt der Vorablektüre locker aus, und dort im Kneippbecken wird sich in den nächsten Tagen ein Bild formen, das mein Festivalbild zumindest mitprägen wird. Dann werde ich Menschen sehen, überwiegend ältere Menschen, die sehr feingemacht und sehr edel zu den Wassern schreiten und dort lange Abendkleider und Smokinghosen hochraffen und im Storchengang nach der Erfrischung suchen. Und nichts daran ist lächerlich. Es ist ein Bild voller Würde, eine Verneigung vor der Kunst und vor dem Menschlichen. Oder hat mich das Pathos jetzt schon überwältigt? Aber nein, das Kneippbad gehört mit ins Gesamtkunstwerk, das Wagner hier geschaffen hat.

Der Selbstversuch schreitet voran. Ich fremdle in der Menge vor dem Festspielhaus. Kein Allen da, der mich bitter und böse aufmuntert, kein Bernard Shaw, der mir vorab den Plot den Ringes in seinem lockeren und leichten „Wagner- Brevier“ nahegebracht und mir diese frühgermanischen Götter-, Zwerge- und Heldentotschlaggeschichten ins Jetztzeitige übersetzt hat, keine liebende Kollegin, die meine Ahnungslosigkeit als Bonus interpretiert, nur ich, leicht underdressed im Kreis von Menschen, die aussehen und sich bewegen, als wüssten sie alles über Wagner, seine Musik, seine Opern. Wie sehen solche Menschen aus, wie bewegen sie sich? Auf unbestimmte Weise erhaben. Kann man gleichzeitig entspannt und weihevoll sein? So sind die Menschen hier. Sie haben nichts gemein mit meinem Vorurteil über die Gesellschaft, die ich aus dem Fernsehen kenne von dem roten Teppich, auf denen sich die Beckenbauers und Gottschalks und Blancos in die Kameras drängen. Es gibt ein handfestes Indiz für die Ernsthaftigkeit dieses Publikums nach der Premiere. Das sind die zehn Jahre, die viele auf ein Ticket warten, das macht man nicht aus einer gesellschaftlichen Laune heraus, nicht, weil man gesehen werden möchte, das ist eher eine Reifeprüfung in der Ebene vor dem Aufstieg in den Olymp.

Und ich betrete den Saal. Ich meine, ich habe die Eröffnungs- und Abschlussfeiern im Olympiastadion von Sydney erlebt, ich habe das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Yokohama von der Tribüne aus gesehen, Vollversammlungen der Menschheit waren dies. Und nun stehe ich hier in Reihe 25 vor meinem Platz mit der Nummer 26, um mich herum sind nicht mal 2000 andere Menschen, kein Kamerateam strahlt das Geschehen in die Welt hinaus – doch die Luft bleibt mir ebenso weg wie damals in Australien oder Japan. Der Saal ist eher schlicht als pompös, die hölzernen Klappstühlchen sind Folterinstrumente, und der Zuschauerraum ist eine Tribüne, steil und ausladend wie irgendeine Südkurve. Nur die Aura des Saales, die ist olympisch, gewaltig, überwältigend.

Und sie trägt mich über die Ängste hinweg. Die Angst, die mich überkam und mir den Schweiß auf die Stirn trieb, als ich meinen Platz einnahm. Nummer 26 ist ziemlich genau in der Mitte, die Reihen sind zu eng für einen vorzeitigen Abgang, hier, denke ich, und was ist, wenn ich mal raus muss, kann ja sein in zweieinhalb Stunden, hier kommt man nicht aufrecht raus während der Vorstellung, hier muss man, denke ich, schon kollabieren, wenn man mal pinkeln muss. Oder ist es so, dass der Wagnerianer, wiewohl oft fortgeschrittenen Alters, nicht mehr muss? Dann möchte ich eher kein Wagnerianer werden.

Angst vor der Musik? Nein, Angst ist das nicht, wie kann Musik ängstigen? Es sind Zweifel, ob sie mir gefällt, ob ich mich ihr hingeben kann zweieinhalb Stunden lang ohne Unterbrechung. Oder ob ich mich langweile, genervt bin von der Schwere, dem Schwulst, dem Pathetischen. Und Christian Thielemann, der Dirigent und musikalische Leiter, hebt an unten im „mystischen Abgrund“. So wird in Bayreuth der Orchestergraben genannt, ohne Mythos ist in Bayreuth nicht mal die Bratwurst zur Pause zu haben. Es wird später allenthalben erzählt, dass das Dirigat Thielemanns extraordinär gewesen sei, einmalig, eine Wunderwelt, ein Zauber voll seltener Klangfarben und feinen Prononcierungen. War es bestimmt, ich habe das nicht gehört.

Es ist in diesem meinem ersten Wagner-Akt mit der Musik wie mit einer fremden Sprache, sagen wir Finnisch, das ich schon gehört habe, aber zu dem mir das Vokabular fehlt. Ich bemühe mich zu verstehen, ich erfasse vielleicht den Gesamtzusammenhang, aber die Details verschwinden im Sausen und Brausen der Musik. Vielleicht hätte ich vor dem Marathon des „Rings“ zunächst doch lieber mit der in diesem Jahr erstmals als Kinderversion aufgeführten Fassung des „Fliegenden Holländers“ trainiert.

Oder ist es gar nicht die Musik, die mich nicht fesselt, ist es die mangelhafte Artikulation der Sänger und Sängerinnen, die den Text der schier endlosen Dialoge nicht mal finnisch bei mir ankommen lässt, sondern noch ferner, sagen wir althebräisch? Was mich rettet bei dieser Initiation, ist der Schmerz, der hinten rechts anfängt, sich ausbreitet über den ganzen Rücken, der von den furchtbaren Klappstühlen herrührt und aus dem es kein Entrinnen gibt, weil ich so bewegungslos sitzen muss, wie Wotan auf der Bühne steht. Und es rettet mich die Pracht der Bühne, ihre enorme Größe und ein imposantes Bühnenbild. Aber soll sich Wagner, der Mythos, Bayreuth, dito, die ganzen Festspiele für mich reduzieren auf ein paar Tonnen Pappmaché? Am Ende des Abends tröpfelt es leicht, das ist sehr angenehm nach der Hitze, das ist tröstlich. Neben den Warnungen vor den Gefahren Bayreuths gab es Hinweise, den Verweis, dass ich nur eine Alternative habe, entweder wirst du Wagner hassen oder ihn lieben, wurde prophezeit. Die Liebe auf den ersten Ton habe ich verpasst. Aber Hass? Hass sieht anders aus, genervt bin ich nicht, gelangweilt auch nicht, tue mich nur schwer mit der noch unbekannten Sprache.

Neue Vokabeln kommen am zweiten Tag in der „Walküre“ hinzu. Da sammeln die Walküren Heldenseelen ein, da erkenne ich die Musik wieder aus „Apocalypse Now“, da braust es und rauscht es, es öffnen sich neue Wege, da berührt etwas die Seele, da öffnen sich Horizonte, ich wage den Test: Ich schließe die Augen, will sehen, ob alleine die Musik etwas mit mir macht. Unten auf der Bühne diskutiert Wotan lange mit Tochter Brünnhilde, ob er sie nun väterlich lieben oder sie zur Strafe für ihre Renitenz ins Koma versetzen soll (er entscheidet sich fürs Koma), und oben in der Südkurve fasst mich die Musik an. Ist es möglich, dass diese Musik nach nur sechs Stunden ihre Schwere verliert, sich ihrer Erdklumpen entledigt? Also, es ist ja nicht gerade eine Szene, die vor Lebenslust sprüht. Und dennoch, ich verliere nach und nach die Schwere, die ich Wagner zugeschrieben habe, ich löse die Erdklumpen, vielleicht hatte seine Musik nie welche, sondern ich sie nur in meiner Hörerwartung.

Es folgten „Siegfried“, „Götterdämmerung“, es wurde immer länger, schmerzhafter fürs Kreuz, leichter für die Seele. Es folgten weitere rührende Bilder am Kneippbecken und rührende Szenen auf den Wiesen hinter dem Festspielhaus, auf denen sich betagte Herrschaften im feinsten Tuch niederließen und den Picknickkorb öffneten. Und es folgten geschärfte Sinne und ein sich langsam schulendes Gehör. Plötzlich erkenne ich Sinnzusammenhänge, ärgere mich über die dürftige Inszenierung und über einen Gockel, der mit der Symbolkraft eines Schülertheaters vor der Götterdämmerung durch eine Partygesellschaft stolziert, und ganz plötzlich scheppert auch mir Brünnhilde im Ohr, wenn die Sängerin versucht, die ganz hohen Töne anzusteuern.

Erstaunliches hat sich vollzogen auf dem Grünen Hügel von Bayreuth. Er schreckt mich nicht mehr, er ist nur eine Beule in der Landschaft, auf dessen Höhe sich alljährlich Großartiges abspielt. Wir verstehen uns, was den „Ring“ angeht, ganz gut, Wagner und ich. Was die Alternative angeht, Hass oder Liebe, das ist Quatsch, Klischee, übertriebenes Pathos. Ich werde nicht mit Woody Allen in Polen einmarschieren. Und Waits wird weiter vor Wagner stehen. Aber, Wagner, Chapeau! Tiefe Verbeugung. Und Abgang.

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