Geschichte : Work in progress

Ausbeutung? Wohlstand! Neue Armut? Der moderne Mensch hat gelernt, sich über seine Arbeit zu definieren. Damit ist jetzt Schluss.

Verena Friederike Hasel

Er sieht den Spruch jedes Mal, wenn er seine Wohnung verlässt. „Arbeite entweder gratis oder verrichte eine Arbeit, die du auch gratis tun würdest“, steht auf dem Baucontainer an der Straßenecke, und das könnte so etwas wie ein Leitmotiv sein. „Was ich tue, empfinde ich gar nicht als Arbeit“, sagt Tammi Torpedo, sein Name ist ein Kunstprodukt wie sein Berufsleben. Den herkömmlichen Weg, das Jurastudium wie Vater und Großvater, gab er nach drei Semestern auf. Fünf Jahre lang fuhr er mit dem Lkw durch Europa, holte Bilder bei Malern wie Georg Baselitz ab und transportierte sie zu Ausstellungen, gründete eine eigene Transportfirma, produzierte Platten und arbeitete als Eventmanager.

Seit ein paar Jahren hat Tammi Torpedo den Bassy-Club in Berlin-Mitte, dort gibt es jedes Wochenende die Musik, die er auch privat gern hört: Sixties Surf Musik und Rock ’n’ Roll. Wolfram Frieders war noch nie im Bassy-Club, dabei ist er nur ein Jahr älter als Tammi Torpedo und wohnt ebenfalls in Berlin. Seine Arbeitsbiografie ist ähnlich disparat, aber aus anderen Gründen: Seit 2002 hat Frieders, der seinen richtigen Namen in der Zeitung nicht lesen will, nur noch Beschäftigung über Zeitarbeitsfirmen gefunden. Der gelernte Außenhandelskaufmann arbeitete als Mitarbeiter in einem Callcenter, Facility Manager von Gebäuden und Pflegekraft, mitunter bekam er nur 5,65 Euro brutto in der Stunde.

Lernen sich zwei Menschen kennen, fällt die Frage „Und was machst du beruflich?“ meist innerhalb von fünf Minuten. Tammi Torpedo muss erst überlegen. „Im Grunde genommen finde ich Lücken im System und mache sie zu Geld“, sagt er dann. Wolfram Frieders kennt diese Lücken, nur dass er durch sie hindurchgefallen ist. Die Antwort auf die Frage nach seinem Beruf fällt auch ihm nicht leicht: „Wahrscheinlich bin ich ein Geringqualifizierter.“

Beide Männer – der eine Unternehmer in eigener Sache, der andere zwischen Arbeitslosigkeit und Leiharbeitertum – sind Beispiele dafür, wie ein Berufsleben Anfang des 21. Jahrhunderts aussehen kann. Die Zeiten der geordneten beruflichen Existenz, der Festanstellung bis zur Rente sind vorbei, etliche schustern sich ihren Erwerb aus Versatzstücken zusammen. Prophezeit hatte Hannah Arendt das Ende der Arbeitsgesellschaft schon 1958: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist.“

Dieser Niedergang trifft das Leben des Einzelnen, aber auch das Selbstverständnis der gesamten Gesellschaft. In der Vergangenheit hatte Erwerbsarbeit eine enorme Bindekraft, sie war der Identitätskern des Bürgertums, und der deutsche Sozialstaat baute auf ihr auf. Nun gilt es, diese Lücke zu füllen. „Wir werden bald über so viel Freizeit verfügen, dass daraus entweder ernste Probleme für unsere Lebensgestaltung erwachsen oder aber ungeheure Chancen für die Entfaltung unserer Persönlichkeit und unserer Lebensqualität“, lautete 1983 die Stellungnahme vom Club of Rome. Arbeit werde ihren Charakter als zentrale Lebensäußerung verlieren und gleichberechtigt neben anderen Aktivitäten stehen, die sich erst herausbilden müssten. Oft übersieht man dabei, dass auch das Normalarbeitsverhältnis so normal nicht mehr ist: Das Wesen der Arbeit hat sich im Laufe der Jahrhunderte wiederholt gewandelt, womöglich war die Arbeitsgesellschaft nur eine vorübergehende Erscheinung, auch wenn der bürgerliche Arbeitsbegriff noch vorherrscht.

„Kein Wort ist auf den ersten Blick klarer und keines auf den zweiten Blick unklarer als dieses“, schrieb der Publizist Robert Kurz über die Arbeit, und er hat recht. Nie hätten die alten Griechen und Römer politische Arbeit und Hausarbeit mit demselben Wort bezeichnet, wohingegen die Yir-Yiront, ein Stamm in Australien, für Arbeit und Spiel immer nur einen Begriff hatten. Hierzulande setzt man Arbeit meist mit einer Tätigkeit gleich, die dem Geldverdienen dient. Gleichzeitig streitet man darüber, ob Prostitution auch Arbeit ist, spricht außerdem von Trauerarbeit und davon, dass man sich an etwas abarbeitet. Das legt die Verwandtschaft von Arbeit und Mühsal nahe. Ist ein Musiker, der sein Hobby zum Beruf macht, demnach ein Arbeitender? Und ist Arbeit Last oder Lust? Am einfachsten mag es sein, sich zunächst an die Definition von Karl Marx zu halten. Mit ihren vorzüglichen Wachszellen beschäme die Biene so manchen menschlichen Baumeister, schrieb der Philosoph und Revolutionär. Aber selbst der schlechteste Baumeister zeichne sich dadurch aus, „dass er die Zelle in seinem Kopf schon gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut“. Eine Tätigkeit verdient den Namen Arbeit also erst durch einen Zweck – welcher das ist, darauf geben die Epochen unterschiedliche Antworten.

Den Stellenwert von Arbeit in der Antike zeigt schon die Etymologie: „Otium“ ist das lateinische Wort für Muße, das andere, das Geschäft und Geldverdienen, war „neg-otium“ und somit die Verneinung des Ideals. Die antiken Philosophen gingen davon aus, dass Erwerbsarbeit charakterschädigend sei. „Für schmutzig muss man (…) diejenigen halten, die von den Großhändlern Waren erhandeln, um sie sogleich weiter zu verkaufen. Denn sie dürften nichts voranbringen, ohne gründlich zu lügen“, schrieb Cicero. Wer in der Antike eine Leistung gegen Geld erbrachte, war aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. So durften in Rom Handwerker kein staatliches Amt ausüben. Die Gestaltung der res publica und polis blieb denen vorbehalten, die sich wie Großgrundbesitzer um ihren Lebensunterhalt nicht sorgen mussten. Sie wurden Politiker, Redner oder Rechtsberater – Tätigkeiten, die ausdrücklich nicht als Arbeit, sondern als Muße galten. Für Rechtsbeistand Geld zu verlangen, war in Rom sogar per Gesetz untersagt.

Entstigmatisiert wurde Erwerbsarbeit im Mittelalter durch die Religion. Nach christlicher Deutung war Arbeit die Strafe Gottes für den Sündenfall. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Arbeit hatte also etwas Quälendes, wurde aber immerhin zu einer Leistung, die alle Gläubigen im Auftrag Gottes zu erbringen hatten. Wie der Wirtschaftswissenschaftler Michael Aßländer schreibt, prägen noch zwei andere Vorstellungen die mittelalterliche Arbeit: Zum einen hatte man mit seiner Tätigkeit innerhalb der ständischen Ordnung von Ritter, Klerus und Bauern zu verbleiben. „Wenn auch mancher gerne ein Graf sein möchte, so muss er ein Schuster sein. Du musst so sein, wie Gott es will“, schrieb Berthold von Regensburg, einer der bekanntesten Prediger der damaligen Zeit. Zum anderen galt Geldverdienen als frevelhaft, vor allem Zinsnehmer wurden angeprangert, weil sie mit Gottes Eigentum, der Zeit, handelten. Die Schuld des Wohlstands lastete auch auf Kaufleuten. Mit dem Kauf von Ablassbriefen versuchten sie ihren Aufenthalt im Fegefeuer verkürzen, auf sogenannten Gotteskonten hielten sie ihre Spenden für die Kirche fest.

Vereinbar mit einem gläubigen Leben wurden sozialer Aufstieg und das Streben nach Reichtum erst mit der Reformation. Max Weber zufolge legte Martin Luther den Grundstein für den Geist des Kapitalismus. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen“, übersetzte Luther einen Psalm in seiner Bibel überaus arbeitsfreundlich, aber auch sinnentstellend. Gemeint war, dass sich selbst das Beste im Leben am Ende als Mühsal herausstellen würde. Trotzdem – die protestantische Kirche war auf Arbeitskurs und schuf die Bedingungen, unter denen sich eine neue Gesellschaftsform herausbildete.

Ende des 17. Jahrhunderts löst sich die feudale Ordnung durch Handel und Urbanisierung endgültig auf. Es entsteht eine neue Schicht, das Bürgertum, und seine Angehörigen leben einen frühen Traum: Sie arbeiten sich zum Wohlstand empor. Nun strafen auch die Philosophen die Arbeit nicht länger mit Verachtung: „Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben“, schreibt Immanuel Kant. In der Muße dagegen streiche das Leben vorbei. Damit ist die Umkehr vom Ideal der Antike endgültig vollzogen. Ein Arbeitender ist kein Paria mehr, Arbeit bedeutet nicht mehr Unfreiheit, sie ist nun das Merkmal, mit dem man sich als Vertreter des aufstrebenden Bürgertums ausweist. Und im Gegensatz zum frühen Mittelalter soll sie nicht länger Gott, sondern dem persönlichen Glück dienen.

In der Industrialisierung kommt noch eine Komponente hinzu. Die Vordenker dieser Zeit wie Adam Smith handeln Arbeit zunehmend als ökonomische Größe und entscheidenden Faktor für jedweden Wohlstand. Daraus leiten die Menschen ein allgemeines Recht auf Arbeit ab, und so wird die einst geschmähte Erwerbstätigkeit zum zentralen Freiheitsversprechen des modernen Menschen.

Und das ist sie geblieben: Die heutige Enttäuschung angesichts des Arbeitsmarkts ist die eines Bürgertums, das feststellt, dass Arbeit am Ende doch nicht gehalten hat, was sie versprach. Wie sehr die Gesellschaft trotz veränderter Vorzeichen bürgerlichen Denkmustern verhaftet geblieben ist, verrät sie etwa in der Bewertung von Arbeitslosigkeit. Im Bürgertum war an das Recht auf Arbeit die Erwartung geknüpft, dass sich ein jeder dieses Instruments zum Glücks auch gefälligst bediene. Der Vorwurf der Faulheit schwingt gegenüber Arbeitslosen noch heute mit – obgleich es kaum anständig bezahlte Erwerbsmöglichkeiten für sie gibt, Leistung nur selten gleichbedeutend mit der Verfügung über Kapital ist. Auch die Forderungen der Unternehmen nach Loyalität ihrer Mitarbeiter passte besser zu vergangenen Zeiten, in denen sie selbst Fürsorge boten.

Dem ist heute in Zeiten des Prekariats nicht mehr so – der Soziologe Richard Sennett spricht vom „flexiblen Menschen“, dessen Arbeitsleben keine zusammenhängende Erzählung mehr ergibt. Auffallend ist, dass ins Vakuum der ehemaligen Arbeitsgesellschaft nun Ansätze hineinfließen, die anderen Arbeitsepochen entstammen.

So verschwimmen heute die Grenzen zwischen Beruf und Privatem, Arbeitswissenschaftler sprechen von einer Entgrenzung. Eindrücklich vorgemacht hat das die New Economy. Wie die Soziologin Arlie Hochschild beschreibt, gab es in dieser Sparte Firmen, die einen eigenen Friseur hatten, ihren Angestellten die Wäsche reinigten und Kindergeburtstage organisierten. „Zero Drag“ nannten sie den idealen Arbeitnehmer – einen Menschen, den möglichst nichts woanders hinzieht. Und selbst wenn er doch einmal nach Hause geht: Techniken wie Telearbeit lassen Heim und Büro wieder eins werden, was Erinnerungen an die vorindustrielle Zeit weckt. Damals war Arbeit durch die unregelmäßigen Zyklen der Natur bestimmt, sie fand meist in unmittelbarer Nähe des Zuhauses statt, und so bot sich zwischendurch immer wieder die Gelegenheit zur Abschweifung. Den Arbeitsplatz als separaten Ort erfand erst die Industrie. Über Fabrikarbeiter in den ersten Jahren berichten Zeitzeugen, dass sie während der Arbeit einschliefen, zu raufen begannen oder ein Kartenspiel hervorholten. Das Konzept der Trennung von Arbeit und Freizeit war ihnen fremd, nun wird es wieder aufgeweicht.

Noch eine andere heutige Tendenz hat Parallelen zu früher. In einem Bericht der Enquetekommission des Landtags Nordrhein-Westfalen mit dem Titel „Zukunft der Erwerbsarbeit“ ist der Vorschlag zu lesen, dass Menschen rund ums Haus für andere tätig werden sollten, indem sie Rasen mähen oder Reparaturen vornehmen, außerdem könnten sie Autos zur Werkstatt fahren oder als Einpackhelfer im Supermarkt arbeiten. Diese Beschwörung der Servicegesellschaft kommt einer Rückkehr in den Feudalismus gleich.

Eine weitere Idee zur Rettung der Arbeit weist geradewegs in die Antike zurück: die Trennung zwischen Arbeit und Entlohnung. Der Ökonom Jeremy Rifkin sieht den dritten Sektor, unter dem er vor allem ehrenamtliche Tätigkeiten fasst, als ausbaufähig. Ulrich Beck plädiert für die Einführung eines Bürgergelds, das dem Menschen sein Auskommen sichert, so dass er sich vornehmlich in karitativen Projekten engagieren könne. Dieser Dienst an der Gemeinschaft bei finanzieller Absicherung greift das antike Ideal wieder auf, nach dem der Mensch erst dann frei ist, wenn er nicht mehr arbeiten muss, um zu leben.

Freiheit gegen Abhängigkeit, Last versus Lust – egal, wie sich die Arbeit in Zukunft entwickelt, sie wird immer in einem Spannungsfeld stehen. Seit jeher trug sie das Potenzial zu großen Gegensätzen in sich; in schlechten Zeiten hat sie zu Sklaverei und Leibeigenschaft geführt, in guten Zeiten hat sie gesellschaftliche Umbrüche wie die Emanzipation der Frau bewirkt – auch wenn in Europa Frauen im Schnitt immer noch 15 Prozent weniger verdienen als Männer. Derzeit hält die Arbeit, im Umbruch begriffen, die Gesellschaft vor allem in Atem. Der französische Philosoph André Gorz nennt den typischen Menschen von heute einen „Individual-Unternehmer“, der ständig darum bemüht ist, sein persönliches Arbeitsprojekt in Gang zu halten. Befriedigend abgefedert ist die Unsicherheit bislang nur in Dänemark: Dort wechselt ein Viertel der Beschäftigten jedes Jahr den Job, Kündigungsschutz gibt es kaum, dafür bekommen diejenigen, die gerade ohne Job sind, umgehend hohe Arbeitslosenhilfen. Flexicurity nennen die Dänen das – Flexibilität mit sicherem Unterbau.

In Berlin wurde Tammi Torpedo sein selbst organisiertes Pensum vor einem Jahr dann zu viel. Das Transportunternehmen leiten, Feiern organisieren und den Club managen, „das war dann wohl doch Arbeit“, sagt er, zumindest sei er erschöpft gewesen. Wolfram Frieders ist das auch, und er kann von drei Erwerbsmöglichkeiten gleichzeitig nur träumen. Vor einem Jahr ist seine Tochter geboren worden, ebenso lange liegt seine letzte Anstellung zurück. Seitdem hatte die Zeitarbeitsfirma keine Angebote mehr für ihn. Eigentlich sei er ein konstruktiver Mensch, sagt Frieders. „Doch jetzt weiß ich nicht mehr weiter.“

In Zeiten wie diesen kennt selbst der Arbeitslose keinen Feierabend, die Angst ist zu groß.

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