Politik : Geschichten aus dem Wyhler Wald

Vor 25 Jahren unterstützte das Freiburger Öko-Institut Winzer im Kampf gegen ein Atomkraftwerk. Heute berät es die Regierung

Dagmar Dehmer

Michael Sailer sticht aus der Menge heraus. Zwar trägt er einen Anzug, wenn es sein muss sogar eine Krawatte. Doch wie seine Auftraggeber aus der Industrie sieht er mit seinen langen glatten schwarzen Haaren bis heute nicht aus. Wenn Sailer in einer Gruppe von Atomphysikern steht, ist er immer noch ein Fremder – auch wenn er seit April dieses Jahres Chef der Reaktorsicherheitskommission der Bundesregierung ist. Im Hauptberuf ist Sailer Leiter der Abteilung „Kernenergie“ des Öko-Instituts. Sein Büro ist in Darmstadt, der ersten Außenstelle des Freiburger Umweltforschungsinstituts. Eine weitere Niederlassung gibt es in Berlin.

Die Abteilung „Kernenergie“ ist das Zentrum des Öko-Instituts. Denn entstanden ist es im Wyhler Wald. Der damalige Stuttgarter CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger wollte mitten im Weinanbaugebiet den Bau eines der ersten kommerziellen Akws in Deutschland zulassen. „Wenn Wyhl nicht gebaut wird, gehen die Lichter aus“, behauptete er. Das hat die Winzer nicht geschreckt. Doch sie stellten fest, dass sie ohne wissenschaftlichen Beistand Mühe hatten, Argumente gegen das Projekt vorzubringen. Das war 1977 die Geburtsstunde des Instituts.

Die wissenschaftliche Beratung von Bürgerinitiativen in Anhörungsverfahren – von der Müllverbrennungsanlage bis zur Umgehungsstraße – ist noch heute einer der Schwerpunkte. Am Anfang tat das Institut sich schwer, ernst genommen zu werden, machte sich aber unverdrossen daran, Alternativen zu entwickeln. In den frühen 80er Jahren legte es seine „Energiewende-Studie“ vor, die 1983 in den Abschlussbericht der Kernenergie-Enquetekommission des Bundestages einging. Darin zeigten die Wissenschaftler des Öko-Instituts, dass es auch ohne ging – ohne Atomstrom. Doch erst mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gelang der Durchbruch. Heute sind seine Experten nicht mehr nur bei den Bürgerinitiativen gefragte Ratgeber. Heute beraten sie die Regierung. Lothar Hahn, Sailers Vorgänger beim Öko-Institut, ist inzwischen der Chef der Gesellschaft für Reaktorsicherheit.

Das Öko-Institut ist angekommen – ganz oben. Das ging nicht ohne Konflikte. Denn ein wissenschaftliches Institut, das Teil des Widerstands gegen die Atomkraft war, kann doch nicht Atomkonzerne beim Sicherheitsmanagement beraten, finden viele aus der Gründerzeit. Der „Sündenfall“ in den Augen vieler war der Auftrag von Hoechst (heute Aventis). Der von einer beispiellosen Pannenserie angeschlagene Chemiekonzern ließ sich vom Öko-Institut beraten. Von der Szene misstrauisch beäugt, nutzte die Partnerschaft beiden.

Heute arbeitet das Öko-Institut mit der Industrie an der Entwicklung umweltfreundlicher Produkte mit. Es beschäftigt 100 Mitarbeiter, davon 66 Wissenschaftler. Der Jahresumsatz liegt bei sechs Millionen Euro. Dennoch ist das Institut kein Unternehmen, sondern als Verein organisiert – mit mehr als 4000 Mitgliedern, darunter 100 Kommunen.

Geführt wird das Institut von einem elfköpfigen, ehrenamtlichen Vorstand, dessen Vorsitzende die frühere grüne Bundestagsabgeordnete Hannegret Hönes ist. Und damit die Arbeit läuft, hat die Mitgliederversammlung, die noch heute so verlaufen kann wie frühe grüne Parteitage, einen Geschäftsführer bestellt. Seit sechs Jahren ist dies Uwe Ilgemann – Rekordhalter, wie es im Faktenblatt zum 25-jährigen Jubiläum heißt. Und beim Festakt am heutigen Freitag in Berlin, so viel ist sicher, wird wieder viel die Rede sein vom Widerstand im Wyhler Wald.

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