Geschichtsbewältigung : „Tief in die Nazi-Verbrechen verstrickt“

Das Auswärtige Amt war tiefer in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt als bisher bekannt. Zu diesem vorläufigen Ergebnis kommt eine Historikerkommission unter Leitung des Marburger Geschichtsprofessors Eckart Conze. Der Abschlussbericht soll Ende des Jahres vorliegen und wird mit Spannung erwartet.

Moritz Gathmann

Berlin -  Die aus fünf Historikern bestehende Kommission hatte der damalige Außenminister Joschka Fischer im Sommer 2005 berufen, nachdem es zu einer öffentlichen Diskussion über die Rolle des Auswärtigen Amtes vor 1945 gekommen war. Anlass war der Nachruf auf einen in der NS-Zeit schwer belasteten Diplomaten in der Mitarbeiterzeitschrift des Auswärtigen Amtes gewesen.

Ihre endgültigen Ergebnisse will die Kommission Ende des Jahres vorstellen. Jedoch, sagte Conze dem Tagesspiegel, zeichne sich anhand der umfassenden Dokumentensammlung, die man zusammengetragen habe, ein deutliches Bild ab: „Das Auswärtige Amt war als Institution sowie in Gestalt vieler einzelner Diplomaten war nicht nur Teil, sondern eine zentrale Behörde des Regimes – und damit tief in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt.“ Sicherlich hätten einzelne Diplomaten Widerstand geleistet, aber die vom Auswärtigen Amt lange kolportierte Legende, die Behörde in der Wilhelmstraße sei ein „Hort des Widerstandes“ gewesen, sei unhaltbar.

Die zweite wichtige Frage, mit der sich die Kommission befassen sollte: Wie stark war die Kontinuität im Amt nach Gründung der Bundesrepublik? Evident sei, so Conze, dass „nach der Wiedergründung des Amtes 1951 eine ganze Reihe von belasteten Diplomaten in den Höheren Dienst gelangt sind.“ Von diesen „alten Wilhelmstraßen-Leuten“ seien etliche schwer, manche sogar sehr schwer belastet gewesen. Zur „Spitze des Eisbergs“ gehören Leute wie der spätere Konsul in Spanien, Franz Nüßlein, dessen Nachruf in der Hauszeitschrift „internAA“ 2003 die Diskussion um die verschwiegene Vergangenheit des Auswärtigen Amtes lostrat. Nüßlein war in der Nazi-Zeit zum Vertreter des Reichsprotektors für Böhmen und Mähren und Oberstaatsanwalt am Landgericht Prag aufgestiegen und soll an mehr als 900 Hinrichtungen beteiligt gewesen sein. Trotz einer Verurteilung zu 20 Jahren Haft in der Tschechoslowakei wurde er 1955 nach Deutschland abgeschoben und dort ins Auswärtige Amt übernommen. Ähnlich gelegen ist der Fall des später mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichneten Irak-Botschafters Werner von Bargen, der als Gesandter und Vertreter des Amtes beim Militärbefehlshaber 1940 bis 1943 in Brüssel dem Abtransport Tausender Juden nach Auschwitz zustimmte.

Conze betont die gute Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt. Zwar habe die Kommission erst Anfang 2007 die Arbeit aufnehmen können. Aber Außenminister Frank Walter Steinmeier habe großes Interesse an der Aufklärung der Vergangenheit seiner Behörde gezeigt. Befürchtungen, die „alten Seilschaften“ könnten die Arbeit der Wissenschaftler behindern, hätten sich nicht bestätigt. „Alle unsere Mitarbeiter konnten das sehen, was sie wollten“, so Conze.

Nach der ersten Phase, in der die fünf Historiker mehr als 20 Archive in Deutschland, aber auch Paris, London und Israel nach relevanten Dokumenten durchforsteten, bemühe man sich momentan um eine „Darstellung der Gesamtzusammenhänge.“ Bei einem Treffen Mitte Juli in Berlin werden alle beteiligten Wissenschaftler ihre Ergebnisse abgleichen, Ende des Jahres soll der Abschlussbericht fertig sein. Neben der Quellenarbeit erhofft Conze sich zusätzliche Erkenntnisse über Atmosphäre und Seilschaften in den Gründungsjahren des Auswärtigen Amtes von einer systematischen Befragung früherer Außenamtsmitarbeiter im Juni. Die Interview-Partner, so Conze, sind allerdings allesamt Neueinsteiger aus den 50er Jahren.

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