Politik : Geschichtsfälscher vor Gericht

Tillmann Bendikowski

Wenn es so etwas wie einen hippokratischen Eid für Historiker gäbe, so würden sie sich darin wohl verpflichten, ihr ganzes Streben zum Wohle der Wahrheit einzusetzen. Denn nichts irritiert die Geschichtswissenschaft mehr als die gezielt vorgebrachte Unwahrheit, genauer: die Lüge. Sie trifft die Disziplin im Mark und bringt deren Vertreter vor allem dann auf die Palme, wenn Geschichtsleugner mit ihrem Tun auch noch öffentlichen Erfolg haben. Dies ist etwa beim britischen Publizisten David Irving der Fall, der das historisch interessierte Publikum mit seinen abstrusen Thesen über das Dritte Reich und die Ermordung der europäischen Juden beliefert.

Mit dem nachlassenden Interesse an Irvings Büchern hatte sich in den vergangenen Jahren auch die etablierte Geschichtswissenschaft ein wenig von der aufreibenden Diskussion mit dem Briten zurückziehen können. Als aber im Jahr 2000 Irvings Arbeiten den High Court in London beschäftigten, wurden nun renomierte Historiker zurate gezogen. Zu ihnen zählte Richard J. Evans, Professor in Cambridge und ausgewiesener Fachmann für methodische und theoretische Fragen der historischen Wahrheitssuche. Er trat bei dem Verfahren als Gutachter der Verteidigung auf.

Verteidigen musste sich seine US-amerikanische Kollegin Deborah Lipstadt, die Irving einen Holocaust-Leugner und einen Geschichtsfälscher genannt hatte und sich deshalb einer Verleumdungsklage ausgesetzt sah. Aufgabe des Gutachters war es nun, diese Beurteilung zu bestätigen; das vorliegende Buch basiert im Wesentlichen auf diesem Gutachten.

Die ungewöhnliche Aufgabe verlangte von Evans zunächst, dass er alle Veröffentlichungen Irvings einer eingehenden Analyse unterziehen musste. "Das war eine außerordentlich zeitraubende Übung - die meisten Historiker hatten sicherlich Besseres zu tun." Doch die akribische Tätigkeit war erfolgreich: Sorgfältig rekonstruierte Evans etwa hinsichtlich der vorliegenden Arbeiten zu Hitlers Rolle beim Holocaust oder der Bombardierung Dresdens das Prinzip Irvings: Er zog aus zuverlässigen Quellen unzulässige Schlussfolgerungen oder entstellte sie so, dass sie zu seinen Thesen passten. So manipuliere David Irving konsequent historische Quellen, "um den Eindruck zu erwecken, Adolf Hitler habe von der Judenvernichtung nichts gewusst oder falls doch, sich ihr widersetzt".

Insgesamt könne Irving deshalb zweifellos als Geschichtsfälscher und überdies als Holocaust-Leugner bezeichnet werden, der zudem enge Kontakte zu allen übrigen nahmhaften Holocaust-Leugnern unterhalte. Davon konnte der Autor ebenso wie andere Gutachter schließlich auch das Gericht in London überzeugen, die angeklagte Deborah Lipstadt wurde freigesprochen.

Die sorgfältige Beweisführung im Gutachten ergänzt Evans in seinem Buch, das für lange Zeit ein einzigartiges Werk über die diskursive Strategie eines prominenten Geschichtsleugners sein wird, durch seine persönlichen Erfahrungen im so genannten "Irving-Prozess". So entstand ein Paradebeispiel für gelungene Geschichtserzählung.

Evans beschreibt die Teilnehmer des langwierigen Prozesses, die Reaktionen der Medien - und vor allem das Kreuzverhör, in dem er und Irving aufeinandertrafen. Er gibt einen Eindruck von der gereizten Atmosphäre, in der sich der "Geschichtsfälscher" und der Professor ihre Rededuelle lieferten, und zeigt zugleich, wie sich Irving vor Gericht blamierte. Dazu zählt vor allem die Szene, in der Irving im Eifer des Gefechts den ehrenwerten Richter unversehens mit "Mein Führer" anredete.

Der Ausgang des Prozesses erfüllt Evans mit tiefer Genugtuung. Damit sei nämlich die Fähigkeit historischer Wissenschaft unter Beweis gestellt worden, auf der Grundlage einer sorgfältigen Untersuchung der Quellen zu vernünftigen Schlussfolgerungen über den Holocaust zu gelangen. Diese aufklärerische Kraft der Geschichtsforschung mag ja in diesem Falle den Sieg davongetragen haben (und man mag Evans zu seiner professionellen Hilfe dabei gratulieren). Doch die vielen kleinen und großen Geschichtslügen werden wohl auch weiterhin in der Welt bleiben. Da bleibt nicht nur den Historikern viel zu tun.

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