Geschichtsforum : "Das ist die Revolution"

Das Geschichtsforum 1989/2009 wollte Geschichte zum Erlebnis machen - doch auch die Besucher müssen mitspielen.

Johannes Schneider

BerlinViel Interesse an Geschichte haben die beiden Studenten offenbar nicht. Zur Mittagszeit haben sie sich im Innenhof der Humboldt-Universität in die Sonne gesetzt und trinken Bier. Um sie herum stehen zwei Dutzend Pavillons: der "Projektmarkt" des Geschichtsforums 1989/2009. "Einmal rumgehen müssen wir wohl, oder", fragt die junge Frau ihren Kommilitonen. "Na gut", sagt der, "vielleicht gibt es ja was umsonst."

Neu sollte es sein, das Geschichtsforum zum Epochenjahr 1989, revolutionär. "So etwas hat es noch nicht gegeben", hatte Hans Ottomeyer, der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums (DHM), zur Eröffnung am Donnerstagabend vergangener Woche gesagt. Mit der Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Kultur solle Geschichte auf neue Art und Weise vermittelt werden. Erlebt werden. Auch von Menschen, die sich sonst kaum mit Geschichte beschäftigen. Hat es funktioniert? Eine Stichprobe.

Der Senatssaal der Humboldt-Universität ist gut besetzt; etwa 200 Leute sind gekommen, um einer Diskussion über Nationalismus in Europa zuzuhören. Es ist warm, die Luft ist stickig. Auf dem Podium sitzt Bascha Mika, die Chefredakteurin der "taz", sie wird flankiert von einem Historiker, einer Journalistin, einem Schriftsteller und einem Politiker. Anderthalb Stunden diskutieren die Experten, dann ist das Publikum dran. Doch Fragen werden nicht gestellt - diejenigen, die das Mikrofon ergreifen, formulieren eher eigene Diskussionsbeiträge. Schnell wird klar: wer hier sitzt, ist kein Geschichts-Novize. Wer hier sitzt, würde auch ein Buch über das Thema lesen.

So wie Monica Senghaus etwa. Die 29-Jährige promoviert über europäische Sozialpolitik. Für die Diskussion ist sie extra aus Leipzig angereist. Schaut sie sich noch mehr auf dem Geschichtsforum an? "Nein, keine Zeit", sagt sie. "Aber ich finde es gut, dass es so ein buntes Programm gibt. Denn so was hier spricht ja mit Sicherheit nicht jeden an."

Keine Frage, Ronaldo Castro hätte sich wohl kaum in den stickigen Senatssaal verirrt. Aber bei den Plakaten, die zwischen der Humboldt Universität, dem Maxim Gorki Theater und dem DHM im Freien stehen, ist er vom Rad gestiegen und hat den Fotoapparat heraus geholt.

Die 89 Plakate sind von Künstlern aus aller Welt gestaltet worden. Sie versuchen, bildlich zu beantworten, was das Jahr 1989 bedeutet. "Mir gefällt das", sagt Castro. "Denn '89 ist auch für mich ein ganz besonderes Jahr." Es ist das Jahr, in dem der Brasilianer Castro nach England kam, um sein Glück zu machen. Später folgte er seiner ersten Frau in deren Heimatstadt Halle. Heute lebt er wieder in Brasilien. "Wenn ich diese Plakate sehe, erinnere ich mich an meine Zeit in Deutschland", sagt Castro. "An die schlechten Straßen im Osten." Er deutet auf ein Plakat, auf dem ein Mensch abgebildet ist, dem die Augen verbunden sind. "Ich kann das verstehen: In der DDR waren die Menschen blind, sie waren gefangen."

Das System DDR - in der Schule fing es an. "Wir wollen den Kindern ein Gefühl dafür geben, wie es in den Schulen der DDR war", sagt Constanze Schröder vom Stadtmuseum Berlin. Für das Geschichtsforum hat sie hat sie aus dem Museumsfundus DDR-Schulmaterialien zusammengestellt. Zeugnisse etwa, in denen Schüler für ihre "sozialistischen" Leistungen gelobt werden. "Den Kindern fallen vor allem die Unterschiede in der Sprache auf", sagt Schröder. Der neunjährige Janek Wilhelm hat sich sogar schon ein umfassendes Urteil gebildet. "In der DDR", sagt er, "da war es glaub ich nicht so toll."

Und auch bei den beiden Studenten im Innenhof scheint nach dem Rundgang etwas hängen geblieben zu sein. "Hey guck mal, der hat 'nen Teller rausgeschmuggelt", sagt sie, als ein Student mit einer Portion Spaghetti Arrabiata auf den Rasen tritt und damit gegen die Regel verstößt, kein Geschirr aus der Mensa mit ins Freie zu nehmen. "Wow", sagt ihr Kommilitone, "das ist die Revolution: 1989, 2009."

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