Politik : Geschlossene Anstalt statt Haft für Lindh-Mörder

Helmut Steuer[Stockholm]

Der wegen des Mordes an Schwedens früherer Außenministerin Anna Lindh verurteilte Mijailo Mijailovic (25) muss nicht ins Gefängnis. Das Oberlandesgericht Stockholm hob am Donnerstag die in erster Instanz verhängte lebenslange Haftstrafe gegen den schwedischen Staatsbürger auf und entschied, dass der Sohn serbischer Einwanderer in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden soll.

Das Gericht begründete sein Urteil mit „ernsthaften psychischen Problemen“ von Mijailovic. Die Richter bestätigten zwar seine Mordabsichten, sahen aber die Schuldfähigkeit deutlich eingeschränkt. „Die Untersuchungen haben gezeigt, dass Mijailo Mijailovic entweder unter einer psychischen Erkrankung oder einer Persönlichkeitsstörung leidet“, urteilte das Gericht einstimmig.

Mijailovic hatte die schwedische Außenministerin (46) am 10. September vergangenen Jahres in einem Stockholmer Kaufhaus niedergestochen. Am Tag darauf erlag die beliebte Politikerin ihren schweren Verletzungen. Mijailovic hat die Tat gestanden, aber behauptet, dass „fremde Stimmen im Kopf“ ihn zu dem brutalen Überfall gebracht hätten. Während die Staatsanwaltschaft in beiden Instanzen Mijailovic eine rationale Planung des Attentats vorgeworfen und auf eine lebenslange Haftstrafe plädiert hatte, versuchte Verteidiger Peter Althin unter Hinweis auf die bereits vor der Tat aktenkundigen psychischen Probleme seines Mandanten die Schuldfähigkeit in Frage zu stellen. Das Amtsgericht Stockholm schloss sich im März der Argumentation der Staatsanwaltschaft an und verurteilte Mijailovic zu einer lebenslangen Haftstrafe. Es bezog sich bei dem Urteil auf ein psychiatrisches Gutachten, das ihm die Schuldfähigkeit bescheinigte.

Ein in der zweiten Instanz eingeholtes zweites Gutachten kam dagegen zu einem gegensätzlichen Ergebnis. Mijailovic leide seit langem unter psychischen Problemen. Da dieses Gutachten von den erfahrensten Experten des Landes angefertigt wurde, war der gestrige Ausgang des Prozesses von vielen Juristen erwartet worden. Der Verteidiger des Verurteilten, Peter Althin, begrüßte die Gerichtsentscheidung. „Es wäre merkwürdig gewesen, wenn das Oberlandesgericht zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre und sich über das Urteil der besten Fachleute hinweggesetzt hätte“, sagte er. Oberstaatsanwältin Agneta Blidberg bezeichnete den Ausgang des nur dreitägigen Prozesses als „erwartet“. Ob sie eine Revision vor dem obersten Gerichtshof des Landes beantragen werde, habe sie noch nicht entschieden, sagte Blidberg.

Für viele Schweden hatte das Attentat auf die populäre Sozialdemokratin schmerzhafte Erinnerungen an den Mord an Ministerpräsident Olof Palme 1986 geweckt. Ein Täter ist nach zahlreichen Fahndungspannen bis heute nicht gefunden worden. Deshalb waren viele Schweden erleichtert, dass Mijailovic nur zwei Wochen nach der Tat gefasst und überführt werden konnte. Mijailovic hatte vor der Tat wegen seiner Probleme um professionelle Hilfe gebeten, war aber mehrfach abgewiesen oder nur mit Medikamenten behandelt worden.

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