Politik : Geschmack der Freiheit

Ulrike Scheffer

Shirin-Gol traut ihren Augen nicht, als sie zum ersten Mal eine "Nacktfrau" sieht. Das Wesen - eine Afghanin wie sie selbst - sitzt ihr in einer Kabuler Amtsstube gegenüber, ohne Schleier, "mit toupiertem Haar und so viel Farbe im Gesicht, als sei sie eine Braut". Sie schreckt nicht einmal davor zurück, Shirin-Gols Vater die Hand entgegenzustrecken. Für das Mädchen vom Land ein unerhörtes Benehmen. Aus Angst, ebenfalls zur "Nacktfrau" zu werden, weigert sich Shirin-Gol, zur Schule zu gehen. Doch unter den russischen Besatzern herrscht Schulpflicht, auch für Mädchen. Nach und nach verändern die neuen Erfahrungen Shirin-Gols Weltbild tatsächlich. Irgendwann unternimmt sie sogar einen Ausflug mit Freunden. Zum ersten Mal fährt sie in einem Taxi, läuft barfuß und mit aufgekrempelten Ärmeln an einem See herum, erlebt einen für sie unvorstellbaren Moment der Freiheit. Es wird der einzige in ihrem Leben bleiben, das die iranische Dokumentarfilmerin Siba Shakib aufgeschrieben hat. Der Krieg macht alle Anfänge bald wieder zunichte.

In dem Buch "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" hat Shakib die Berichte der Frauen, die sie während ihrer zahlreichen Afghanistan-Reisen getroffen hat, zu einer fiktiven Familienchronik verwoben. "Irgendwann hatte ich so viele Geschichten, dass ich sie nicht mehr alle in meinen Filmen unterbringen konnte", sagt Shakib über ihr Buch.

Shakibs Buch ist zugleich die Chronik eines nicht enden wollenden Krieges, von Flucht, Vergewaltigungen, permanenten Demütigungen. Das Elend afghanischer Frauen wird durch die Schilderungen beinah unerträglich real. Ihre Sprache sucht dabei das Elementare: So beschränkt wie das Vokabular ist auch die Wahrnehmungsfähigkeit der Frauen in ihrem täglichen Überlebenskampf. Der Spagat zwischen Dokumentation und Erzählung verführt Shakib aber auch zu sprachlichen Ausflügen ins romantische Fach, die gründlich misslingen.

Die Autorin legt Wert darauf, ein politisches Buch verfasst zu haben. Die Politik der Männer und die Einflussnahme ausländischer Mächte haben Afghanistan an den Rand des Abgrunds geführt, lautet Shakibs Botschaft. Mit Blick auf die US-Militäraktionen geht sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel sogar noch weiter: "Die Frauen müssen wieder einmal herhalten als Symbolfiguren für eine Politik, die sie nicht wollen." Denn neue Bomben, egal von wem und für welche Sache, davon ist die Dokumentarfilmerin überzeugt, wollten die afghanischen Frauen mit Sicherheit nicht.

"Die Burka werden sie so lange tragen, wie sie sich von Männern bedroht fühlen", sagt Shakib. Erst wenn Frauen ohne Angst vor Belästigungen das Haus verlassen könnten, wenn sich die in den Kriegsjahren verloren gegangene Alltagskultur wieder durchgesetzt habe, beginne für sie ein Leben in Freiheit. Shakib liegt nach eigenen Aussagen aber nichts ferner als eine afghanische "Sozialromantik". Deshalb fordert sie selbstverständlich auch gleiche Rechte und vor allem Bildungschancen für Frauen. "Die Frauen in Afghanistan wollen wissen. Nur wissen viele noch gar nicht, was sie wissen wollen könnten", sagte Shakib bei der Vorstellung ihres Buches in Berlin. Auch Shirin-Gol musste schließlich erst die Freiheit kosten, um auf den Geschmack zu kommen.

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