Politik : „Geschmacklos und unreif“

FDP-Jugend-Chef beschimpft Senioren – und tritt ab

Rainer Woratschka

Berlin - Dem Chef der Jungen Union muss der Ärger bekannt vorkommen. Vor zwei Jahren hatte Philipp Mißfelder via Tagesspiegel bekannt gemacht, dass er nichts davon halte, wenn 85-Jährige noch Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekämen. Der Ärger, den er sich damit einhandelte, hat seinen Kollegen von den Jungen Liberalen (Julis) offenbar nicht abgeschreckt. „Die Alten leben auf Kosten der Jungen“, befand Jan Dittrich in einem Statement zum Armutsbericht der Regierung. Und: „Es wird Zeit, dass die Alten von ihrem Tafelsilber etwas abgeben – einen Löffel oder besser gleich ein paar davon.“

Das Bild vom Löffelabgeben – gewöhnlich ein Synonym fürs Sterben – hatte der Jungliberale offenbar bewusst gewählt. Über seiner Presseerklärung nämlich stand, kurz und knackig: „Julis: Alte, gebt den Löffel ab!“ Da half auch die Begründung nichts mehr, dass ihn Sorge um seine Altersgenossen umtreibe: Die Jungen könnten nicht gleichzeitig ihren Lebensunterhalt verdienen, für die Rente der Alten aufkommen und privat vorsorgen. Nach heftiger Empörung, auch aus seiner eigenen Partei, trat der 28-Jährige am Freitag als Bundesvorsitzender der Julis zurück.

Sogar die Sozialministerin hatte sich zu wütender Reaktion veranlasst gesehen. Ulla Schmidt schimpfte über die „Verhöhnung alter Menschen, die unser Land aufgebaut haben“ und drängte: „Solche Jungpolitiker dürfen weder Macht noch Einfluss bei uns bekommen.“ Vorvorgänger Norbert Blüm meinte : „Der soll sich um seine fehlenden Tassen im Schrank kümmern, bevor er die Löffel der Alten fordert.“ Juso-Chef Björn Böhning tönte: „Die Marktradikalen gehen jetzt über Leichen“. Die Hospiz-Stiftung nannte Dittrich einen „skrupellosen Agitator“, der alte Menschen auffordere, sich selbst zu entsorgen. Und der Sozialverband VdK sah hinter der Äußerung „die Masche der jungen Wohlstandsbürger“, von den Alten „noch mehr Opfer“ einzufordern.

Entscheidend dürfte aber der Ärger mit der eigenen Partei gewesen sein. „Eine ebenso geschmacklose wie unreife Entgleisung“, urteilte FDP-Chef Guido Westerwelle – und sah sich zur Klarstellung genötigt, dass die Liberalen ganz anders dächten. Mit gutem Grund: Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) werden jährlich durch Erbschaften und Schenkungen 50 Milliarden Euro zwischen den Generationen transferiert. Die Jungen profitieren also auch kräftig von den Alten.

Dittrich versuchte es erst mit einer Entschuldigung: „Durch meine Aussage habe ich die Gefühle vieler Menschen verletzt.“ Wenig später kam die Rücktrittserklärung. Selbstbewusst tat Dittrich kund, dass er „Grundprinzipien“ habe: „Zu meinem Politikverständnis gehört, die Verantwortung für eigene Fehler zu übernehmen“ Damit hat er seinem JU-Kollegen eines voraus. Mißfelder ist noch im Amt.

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