Gesellschaft : Lasst uns alle Feinde sein

Von der Bereitschaft, sich aufhetzen zu lassen - oder: Warum die Zahl der Wütenden und Empörten wächst. Ein Essay zum emotionalen Klimawandel in der Gesellschaft

Georg Franck
Der Hass ist zurück in Amerika, und Donald Trump verstand es, den auf die Eliten zu richten - obwohl er selbst Teil davon ist.
Der Hass ist zurück in Amerika, und Donald Trump verstand es, den auf die Eliten zu richten - obwohl er selbst Teil davon ist.Foto: Neil Hall/REUTERS

In einer Welt globaler Interdependenz bedroht neben dem bekannten Klimawandel noch eine andere Art Umweltverschmutzung die Koexistenz auf dem Planeten: eine zunehmende Erhitzung des emotionalen Klimas und damit einhergehend ein Verfall kooperativer Umgangsformen. Wellen der Feindseligkeit, Aufhetzung und Desinformation gehen um die Welt, Shitstorms, massenhafte Bedrohungen und haltlose Behauptungen verbreiten sich viral. Sie bedrohen die Koexistenz auf dem Planeten nicht weniger als der sorglose Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Wir riskieren eine gefährliche Erosion des sozialen Zusammenhangs. Neben der Ökologie der materiellen natürlichen Ressourcen brauchen wir dringend auch eine Ökologie der Emotion. Die Parallelen und Zusammenhänge der materiellen Klimaerwärmung und der mentalen Klimaerhitzung sind erstaunlich, und erstaunlich ist, dass sie so lange ignoriert wurden.

Global vernetzte Kommunikation bringt alle und alles in die Reichweite aller. Zugleich sorgen Wohlstandsgefälle und globale Verschiebungen der Arbeitsmärkte für weltweite Migrationsbewegungen. Die Komplexität, Unübersichtlichkeit und Geschwindigkeit der Globalisierung überfordert mehr noch als unsere rationale Kompetenz unsere emotionale (vgl. Dorothea Franck, Emotionale Klimaerhitzung). In welchem Ausmaß Ängste und diffuse Empörung zu undurchsichtigen Zwecken instrumentalisiert werden können, zeigen die politischen Verschiebungen der letzten Monate.

Entscheidend für das Verständnis dieser Verschiebungen ist die Frage, ob sie einen gemeinsamen Nenner haben. Die Antwort ist ein klares Ja. Im Vordergrund steht überall der Kampf um die Opferrolle. Die diffusen Ängste und wirren Abwehrhaltungen finden zusammen in einem geteilten Gefühl des Übergangen- und Abgehängt-Seins. Nicht nur im Verteilungskampf um die materiellen Nutzen und Kosten der Globalisierung, sondern auch im Verteilungskampf um die mediale Aufmerksamkeit. Der Mangel an sozialer Anerkennung ist deshalb so verletzend, weil er nicht äußerlich bleibt, sondern aufs Innerste der Person durchschlägt: auf das, was sie von sich selbst halten darf, auf ihr Selbstwertgefühl.

Der Selbstwert ist im Stress, das ist schlecht

Wenn es nun aber Entzugserscheinungen sozialer Anerkennung sind, die hinter der grassierenden Bereitschaft, sich aufhetzen zu lassen, stecken, dann sollte man sich zurückhalten mit jenen Diagnosen der Irrationalität und schieren Regression der agitierten Massen. Statt dessen sollten wir die Möglichkeit einer sinn- und verständnisvollen Interpretation ergreifen, die vielleicht auch neue Perspektiven der Gegenwehr erschließt.

Das Selbstwertgefühl ist die affektive Seite des Selbstbewusstseins. Und die hat eine eigene Logik. Im Gegensatz zur kognitiven Seite, der Selbst-Erkenntnis, stellt das affektive Selbstbewusstsein nicht den Anspruch auf Autonomie. Vielmehr weiß es um seine Abhängigkeit von äußerer Wertschätzung. Es hat zu spüren bekommen, dass das Ego, das man sich leisten kann, vom Einkommen an wertschätzender Aufmerksamkeit abhängt. Die eigene Logik des affektiven Selbstbewusstseins ist die der seelischen Ökonomie, die das Einkommen an zugeneigter Beachtung in Selbstwert umrechnet. Sinkende Einkommen setzen, wie steigende Ansprüche, diese Ökonomie unter Druck. Nur in dem Fall, dass diese Ökonomie unter Stress zusammenbricht und unberechenbar wird, wird jene Diagnose zutreffen, die den Entzugserscheinungen schiere Irrationalität und Regression bescheinigt. Wie also hält die Ökonomie des Selbstwerts den Stress aus?

Die Umrechnung des Einkommens an äußerer Beachtung in Selbstwert erweist sich nicht zuletzt dadurch als veritable Ökonomie, dass sie unter Stress Zuflucht zu Formen des „creative accounting“ nimmt. Da der Stress im Fall des affektiven Selbstbewusstseins sowohl von der Einnahmeseite als auch vom eigenen Anspruch der Selbstwertschätzung ausgehen kann, sollten auch unterschiedliche Formen der „kreativen Buchhaltung“ zu beobachten sein. Tatsächlich kennt die Bilanzfälschung des Selbstwerts zwei gängige Tricks. Der eine heißt Eitelkeit, der andere Ressentiment. Die Eitelkeit kommt zum Zug, wenn der innere Anspruch die äußeren Mittel überzieht. Der Trick besteht dann darin, die Einkünfte mit zweierlei Maß je nachdem zu messen, ob sie von schmeichelnder oder von ablehnender Seite kommen. Wenn man die Wertschätzung opportunistisch anpasst, schlägt die Aufmerksamkeit der Schmeichler extra hoch zu Buch. Man kann die Bilanz also dadurch frisieren, dass man seine Bekanntschaften danach aussucht, ob sie einem schöntun.

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