Gesellschaftskonflikt : Der Hass der "Weißen Türken"

Eine erfolgreiche Ärztin in Istanbul möchte in einem Club Tennis spielen, doch sie darf nicht - weil sie das islamische Kopftuch trägt. Eine neue Studie offenbart gesellschaftliche Gräben in der Türkei.

Susanne Güsten

IstanbulNurgül Yilmaz ist eine erfolgreiche Ärztin in der türkischen Metropole Istanbul, sie verdient gut, und sie will Tennis spielen. Deshalb meldete sie sich bei ENKA, einem Reiche-Leute-Club im europäischen Teil der Zwölf-Millionenstadt. Doch Tennis spielen darf sie dort nicht: Dr Yilmaz trägt das islamische Kopftuch, weshalb die Clubleitung ihren Mitgliedsantrag ablehnte. Auf dem Tennisplatz müsse "moderne Kleidung" getragen werden; "politische Propaganda" komme nicht in Frage, teilte der Vereinsvorsitzende Ekrem Ay der geschockten Antragstellerin mit.

Noch vor wenigen Jahren wäre Vereinschef Ay kaum in die Verlegenheit geraten, eine solche Auskunft erteilen zu müssen: In Clubs wie ENKA hätte sich damals wohl kaum eine Frau mit Kopftuch beworben. Solche Institutionen waren lange den Eliten der urban-säkulären "Weißen Türken" vorbehalten. Erst seit relativ kurzer Zeit finden sich auch fromme "Schwarzen Türken" aus Anatolien, die zu Geld gekommen sind und die nach Presige streben. Eine Horrorvorstellung für viele "Weißen Türken".

Hass gegenüber anatolischen Emporkömmlingen

Eine jetzt veröffentlichte Studie hält die Vorurteile, die Verachtung und auch den Hass der "Weißen Türken" gegenüber den anatolischen Emporkömmlingen erstmals wissenschaftlich fundiert fest. Vielen Türken graut es angesichts des Bildes, das die Studie von ihrer Gesellschaft entwirft.

Füsun Üstel und Birol Caymaz, Politologen an der Istanbuler Galatasaray-Universität, befragten 40 sorgfältig ausgewählte Vertreter der "Weißen Türken" nach ihren Ansichten über die nicht-muslimischen Minderheiten, die Kurden und die Anhänger der fromm-konservativen Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Eliten wollen elitär bleiben

Besonders das Ergebnis des AKP-Teils der Studie sorgte für Schlagzeilen, denn noch nie sind die Meinungen der "Weißen Türken" so ungeschminkt dargelegt worden. "Die traditionellen Eliten, die sich selbst als Träger der Werte und des Fortschritts der Republik sehen, betrachten die 'Neuankömmlinge' als Besatzer, die 'da' (in Positionen von Presige und Macht) nichts verloren haben", analysieren die Autoren.

Sie sei zwar tolerant und weltoffen, doch niemals könne sie sich vorstellen, mit einer Kopftuch-Frau befreundet zu sein, sagte etwa die 23-jährige Ebru, die wie die anderen Teilnehmer der Studie nur mit ihrem Vornamen genannt wurden. Eine andere Frau gab offen zu, dass es in der Türkei schon immer Ämterpatronage gegeben hat - "aber jetzt machen das andere Leute". Andere Teilnehmer schämen sich dafür, dass die Gattin ihres Staatspräsidenten Abdullah Gül das Kopftuch trägt, so wie zwei von drei Türkinnen das tun.

Angst vor Islamisierung

Die Studie zeigt die Angst vor dem Verlust sozialer Führungspositionen, Angst vor Islamisierung - und teilweise auch die Entschlossenheit, auch mit Gewalt gegen die AKP vorzugehen. Er befürworte einen Militärputsch gegen die AKP, sagte der 31-jährige Kemal. "Auch wenn es undemokratisch ist, es gibt das Recht der Armee, Gewalt anzuwenden."

In der Presse fanden die "Weißen Türken" nur wenig Sympathie für ihre Befürchtungen und Ansichten. "Sie haben die besten Schulen des Landes besucht. Sie sind reich. Sie halten sich für die Creme der Gesellschaft", schrieb ein Kommentator in "Zaman", einer regierungsnahen Zeitung. "Dabei sind sie intolerant, fanatisch, dumm und anti-demokratisch." In jedem anatolischen Teehaus seien tolerantere Ansichten anzutreffen als in den Eliten. Der Klassenkampf zwischen "Weißen Türken" und "Schwarzen Türken" ist noch lange nicht vorbei.

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