Geständig ohne Einsicht : Sauerland-Gruppe lässt nicht ab vom Heiligen Krieg

Sie berufen sich auf Allah und zeigen keine Spur von Reue. Ihren Heiligen Krieg wollen sie fortsetzen - „gegen deutsche, amerikanische, türkische Soldaten". Im Düsseldorfer Prozess gegen die Sauerland-Terrorgruppe wurde heute der zweite Angeklagte zu seinem Geständnis befragt.

Frank Jansen

Von Einsicht oder gar Reue ist bei Adem Yilmaz weiterhin wenig zu spüren. „Allah hat uns das Recht gegeben, mit den Waffen zu kämpfen“, sagt der türkische Angeklagte mit dem dichten Vollbart und dem nahezu kahl rasierten Schädel. Bundesanwalt Volker Brinkmann fragt, „auch gegen deutsche Soldaten in Afghanistan?“ Yilmaz wippt mit dem rechten Bein, die Antwort kommt prompt: „Gegen deutsche, amerikanische, türkische Soldaten, ist egal, das sind Ungläubige, da mache ich keinen Unterschied.“ Seien die Amerikaner das wichtigste Ziel, will der Bundesanwalt wissen. „Ja klar, die sind der Kopf der Mannschaft, wenn man den zerstört, wird die Mannschaft geschwächt.“

So geht am Mittwoch am Düsseldorfer Oberlandesgericht die in der vergangenen Woche begonnene Vernehmung von Yilmaz weiter. Er ist nach dem mutmaßlichen Anführer der Sauerland-Gruppe, Fritz Gelowicz, der zweite Angeklagte, der zu seinem Geständnis befragt wird. Die vier Angeklagten hatten im Juni angekündigt, sich umfassend zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft äußern zu wollen, was abseits des Gerichts in langen Sitzungen mit Beamten des Bundeskriminalamts geschah. Die Protokolle umfassen mehr als 1500 Seiten.

Vergangene Woche bekannte sich dann der Konvertit Gelowicz, den die Bundesanwaltschaft als Rädelsführer der Sauerland-Gruppe bezeichnet, vor den Richtern des 6. Strafsenat zu den geplanten Anschlägen. Die Islamisten, nach einem Kämpfertraining im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet bei der Terrorgruppe „Islamische Dschihad-Union“, wollten in deren Auftrag amerikanische Einrichtungen in Deutschland mit Autobomben attackieren – aus Hass auf die USA und als Warnung an die deutsche Politik, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nicht fortzusetzen.

Die Sicherheitsbehörden hatten die jungen Fanatiker früh im Visier. Anfang September 2007 wurden Gelowicz, Yilmaz und der zweite Konvertit der Gruppe, Daniel Schneider, im sauerländischen Medebach-Oberschledorn festgenommen. Die drei Männer hatten dort in einer Ferienwohnung versucht, Sprengsätze auf der Basis von Wasserstoffperoxyd herzustellen. Den vierten Angeklagten, Attila Selek, der sich abgesetzt hatte, lieferte die Türkei im November 2008 aus. Gegen einen weiteren Türken, den mysteriösen und möglicherweise für den türkischen Geheimdienst tätigen Mevlüt K., hat die Bundesanwaltschaft jetzt einen Haftbefehl erwirkt. Mevlüt K. soll Zünder für die Sprengsätze besorgt haben. Wo er sich aufhält, ist unklar.

Gelowicz hatte in der vergangenen Woche dem Gericht erklärt, die Gruppe habe Anschläge auf Diskotheken, Pubs, Parkhäuser und „ein oder zwei deutsche Flughäfen“ geplant. Yilmaz gab sich auch vergangene Woche schon kämpferisch: „Der Märtyrertod ist mein Ziel, daran hat sich nichts geändert.“ Am Mittwoch fragt dann Bundesanwalt Brinkmann, ob sich Yilmaz gleich nach der Haftstrafe wieder in den Heiligen Krieg begeben wolle. Da zögert der Angeklagte kurz, als wittere er plötzlich eine Falle. „Ich weiß ja nicht, wie viel Strafe ich bekommen werde“, sagt Yilmaz, dann überlegt er, „keine Ahnung, was ich nach zehn Jahren denke“.

Vielleicht sind aber nicht alle Angeklagten derart verstockt. Nach Yilmaz ist am Mittwoch Daniel Schneider an der Reihe, ein junger Saarländer. Er sagt zu seinem Geständnis: „Ich bin froh, es ist für mich ein wesentlich leichteres Leben, auch wenn es mit einigen Belastungen verbunden ist.“ Er gibt zu, es gebe keine Rechtfertigung dafür, dass bei Anschlägen Zivilisten ums Leben kommen. Dennoch könnten Schneiders Belastungen noch härter werden als bei den anderen Angeklagten. Schneider ist der Einzige, dem die Bundesanwaltschaft auch versuchten Mord vorwirft. Er soll versucht haben, bei einem Fluchtversuch während der Festnahmeaktion einen Beamten zu erschießen. Da könnte das Urteil lauten: lebenslänglich.

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