• Gestresste Polizei und verängstigte Bürger - den Ordnungshütern machen oft Panik-Anrufe der Menschen zu schaffen

Politik : Gestresste Polizei und verängstigte Bürger - den Ordnungshütern machen oft Panik-Anrufe der Menschen zu schaffen

Elke Windisch

Bei Anaid klingelt es kurz nach ein Uhr nachts: "Aufmachen, Polizei." Drei Polizisten und ein Hund nehmen den engen Korridor im Sturmschritt, drängen ins Wohnzimmer. Zwei Kinder mit dunkeln Haarschöpfen und eine Katze schnaufeln auf der ausgezogenen Couch leise im Schlaf vor sich hin. Auch der Säugling im Schlafzimmer der Eltern wacht trotz erheblichen Lärmpegels nicht auf. "Ausweise, Aufenthaltsberechtigung!", schnarrt einer der Beamten. "Aus welchen Gründen halten Sie sich in Moskau auf?", will ein anderer wissen. Anaid, eine zierliche brünette Armenierin Anfang Dreißig, kneift die Augen zusammen, die sich erst langsam an den Halogenscheinwerfer des Fernsehteams gewöhnen müssen, das zusammen mit den Polizisten anrückte. "Mein Mann arbeitet hier in einer Computerfirma", sagt sie dann. "Warum ist er nicht zu Hause?", wollen die Beamten wissen. "Hat er eine Geliebte?", fragen sie provozierend. "Er arbeitet", sagt Anaid. "Was denn, um diese Zeit?" Anaid bewahrt die Ruhe: "Ja, um diese Zeit."

Und die Frau bleibt ruhig, auch wenn die Ordnungshüter die Küche inspizieren. "Zuckerfabrik Tscherkessien", steht auf einem an die Wand gelehnten Sack. Das Gleiche soll auf jenen Säcken gestanden haben, in denen der Sprengstoff für die Anschläge nach Moskau kam. "Auskippen! Bring Eimer und Schüsseln!", befiehlt Hauptmann Walerij Tarassow, der Führer des Trupps. Zum Glück sei das Fernsehen mit dabei, meint Anaid. "Sonst hättet ihr mir den Zucker wohl auf den Boden gekippt." Tarassow tut, als hätte er nichts gehört. "Sag deinem Mann, er soll sich auf dem Revier melden, gleich wenn er von der Arbeit kommt. Und macht keine Dummheiten. Allah sieht alles!", sagt der Polizist spöttisch. "Gott sieht alles", verbessert Anaid spitz. "Wir Armenier sind zwar Kaukasier, aber Christen wurden wir schon sechshundert Jahre vor euch Russen", revanchiert sich die Frau. "Das wird nicht gesendet!", befiehlt Tarassow, dem die Bildungslücke sichtlich peinlich ist, kaum, dass sich die Wohnungstür hinter ihnen wieder geschlossen hat. "Natürlich nicht", beeilt sich Reporter Wolodja den hochroten Polizisten zu besänftigen. "So etwas kann bei dem Stress jedem passieren."

Auch in der dritten Nacht nach dem - vorläufig - letzten Sprengstoffanschlag ist ein Ende des Stresses für Moskaus Polizei und die über 10 000 Helfer aus Elitedivisionen der Armee nicht abzusehen. Bei der Hotline, die eingerichtet wurde, damit die Hauptstädter der Polizei alles Verdächtige mitteilen können, stehen die Telefone keine Sekunde still. Die meisten Anrufe kommen aus der Straße Krasny Majak (Roter Leuchtturm) im Süden Moskaus. Kurz, nachdem am Montag Terroristen das Haus Nr. 6 auf der Kaschirsker Chaussee in die Luft gejagt hatten, das 120 Menschen unter sich begrub, ging in der Leitstelle der Polizei ein anonymer Anruf ein, dass auch in der Krasny-Majak-Straße Nr. 6 ein Sprengsatz deponiert sei. Die Meldung erwies sich als Ente. Doch die Einwohner reagieren seither panisch auf alles, was auch nur im Geringsten verdächtig wirkt. So haben die Mieter des Hauses Nr. 19 die Polizei alarmiert. Der Grund: Ein Rentnerehepaar will dort "zwei windige Gestalten kaukasischer Nationalität" in flagranti ertappt haben. Konkreter Verdachtsmoment laut Tonbandprotokoll: "Die haben so ein flaches kleines Dingsda aus der Hosentasche geholt und eine runde silberne Scheibe reingelegt." Es sei "wahrscheinlich ein CD-Player" gewesen, "in dieser lausigen Gegend weiß Gott kein alltäglicher Anblick", kombiniert Tarassow messerscharf. Der Polizeihauptmann brummelt noch etwas nicht Druckreifes, dann startet der Streifenwagen mit aufheulendem Motor zum vermeintlichen Tatort. Befehl ist Befehl, und Jurij Luschkow, Moskaus Stadtoberhaupt, den ausgerechnet sein Intimfeind, Präsident Boris Jelzin, wegen mangelnden Eifers bei der Terroristenjagd vor laufender Kamera gerügt hat, versteht seither keinen Spaß mehr.

Eine Evakuierung erübrigt sich. Als wir vorfahren, haben sich die Bewohner bereits auf der Straße eingefunden. Im Hof herrscht Chaos. Alle haben ihr Bettzeug zu Bündeln geschnürt, eine alte Frau schleppt sogar ihre guten Kristallgläser mit sich. Kinder drängeln sich fröstelnd aneinander. Belka, die auf Sprengstoff abgerichtete und inzwischen routinierte Schäferhündin, braucht knapp fünf Minuten, um Eingangsbereich, Keller und Boden zu beschnüffeln. Befund: negativ. Tarassow gibt per Megafon Entwarnung. "Alles klar, geht wieder zu Bett, Leute." Doch das hat niemand vor. Trotz des eisigen Regens rühren sich die vor Angst halb wahnsinnigen Mieter nicht vom Fleck. "Vielleicht hat das Hündchen sich geirrt", gibt eine Dame zu bedenken. Tarassows Team braucht gut eine Stunde, um die Versammlung aufzulösen. Unentwegte gehen dennoch nicht in ihre Wohnungen, sondern zur nahe gelegenen U-Bahnstation, wo noch ein Kiosk auf hat, in dem es Wodka gibt.

Tarassow hat unterdessen über Sprechfunk eine herbe Rüge wegen Langsamkeit und einen neuen Marschbefehl bekommen. Auf der Profsojusnaja-Straße sei vor Wochen ein Kleinwagen abgestellt worden, der keinem der wachsamen Mieter des Hauses Nr. 154 gehöre. Verdächtig sei auch, dass der Besitzer sich bisher nicht einmal am Sonntagmorgen habe blicken lassen, wenn anständige russische Männer ihre betagten "Rostlauben" mit wahrem Eifer zu reinigen pflegen. Schäferhund Belka lässt sich vor dem Vehikel schon nach wenigen Sekunden auf den Hinterbeinen nieder. Unter den zuschauenden Mietern, durch das Fernsehen bestens informiert, was dies zu bedeuten hat, entbrennt heftiger Streit, wer zuerst gewusst haben will, das mit dem "Saporoschez" etwas nicht stimmt. Tarassow fordert per Funk einen Sprengstoffexperten an, der wegen Überlastung erst nach einer Stunde kommt. Eine weitere Stunde vergeht, bis er mit Hilfe eines Roboters das Schloss aufgebrochen hat. Doch von Sprengstoff keine Spur. "Hat sich geirrt, unsere Belka", sagt Tarassow. Nach zwölf Stunden Schnüffeldienst sind selbst Polizeihunde müde.

Hundemüde sind auch die Polizisten, die bereits den dritten Tag zwölf Stunden am Stück schuften und ebenso alte Bärte tragen. "In diesen amerikanischen Polizeifilmen gehen unsere New Yorker Kollegen nach der Schicht immer in eine Bar und trinken Whisky", sinniert Tarassow. "Bei unserem Gehalt kriegen wir um diese Zeit in Moskau nicht einmal einen heißen Kaffee", klagt der übermüdete Polizist genervt.

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