Politik : Gesucht: ein neues Etikett

Die „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ schimpft auf ihren Gründer – und das Outing geht weiter

Günter Beling[Hamburg]

Schill wird immer weniger Schill. Beinahe stündlich kündigen die Parteifreunde dem geschassten Hamburger Innensenator die Gefolgschaft: Bausenator Mario Mettbach berichtet, die Partei suche nach einem neuen, „griffigen Kürzel ohne den Namen Schill“. Nachfolger und Ex-Büroleiter Dirk Nockemann äußert sich „entsetzt“ über das Auftreten seines früheren Chefs. Die Partei bittet Bürgermeister Ole von Beust um Verzeihung. Wenn Schill am 3. September im Saal der Bürgerschaft erscheint, ist für ihn die Hinterbank reserviert.

Das Beben, das Ronald Schill oberhalb und unterhalb der Gürtellinie ausgelöst hat, bewegte auch am Donnerstag die Hansestadt. Weil Schill dem Senatskollegen Roger Kusch eine karrierefördernde Liebesbeziehung zum Bürgermeister nachgesagt hatte, leitete der Justizsenator jetzt ein offensives Outing ein: Er lud ausgewählte Journalisten in seine von Beust gehörende Wohnung im Szeneviertel St. Georg ein, um seine Homosexualität bekannt zu geben. Mit dem Bürgermeister verbinde ihn „eine sehr enge und die dauerhafteste Freundschaft, die ich pflege“, sagte Kusch, ein sexuelles Verhältnis habe es aber nie gegeben. Von Beust berichtete, dass er mit Kusch „hin und wieder zusammen mit anderen Freunden“ in den Urlaub fahre. Und: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Homosexualität etwas Normales ist.“ Was jemand privat mache, was jemand im Bett mache, sei seine Privatangelegenheit.

Wie wird die Populisten-Partei diesen größten aller anzunehmenden Unfälle verkraften? Frank-Michael Bauer vom Fraktionsvorstand meldete sich früher froh am Telefon mit „Schill-Bürgerschaftsfraktion“, neuerdings sagt er „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“. Man werde nun beobachten, wie sich der Ex-Senator in die Fraktion einfüge, sagt Bauer: „Dann muss man weitersehen.“ Bis zum Ende der Legislaturperiode, also 2005, werde der frühere Alleinunterhalter aber keine öffentliche Rolle mehr spielen. Die Partei sei ihm dennoch zu Dank verpflichtet: „Es ehrt Herrn Schill, dass er jetzt kein neues Fass aufgemacht hat.“ Jetzt sei nicht die Zeit, nachzutreten: „Er liegt am Boden und blutet gewaltig.“

Doch schon hat die Suche nach einem neuen Führungsmann begonnen. Eine Mettbach-Partei werde es nicht geben, meinte Bausenator Mario Mettbach. Dass Schill sich des Parteivorsitzes jedoch nicht sicher sein kann, beweist eine einstimmige Erklärung seines Landesvorstandes: Die Aussagen des Parteichefs seien „beschämend und unwürdig“, heißt es darin. Mitglieder sollen bereits einen Antrag auf Parteiausschluss Schills vorbereiten. Klaus Veuskens, Vize-Bundesvorsitzender, dankte Schill für seine Arbeit: „Die bundesweite Ausdehnung der Partei wird konsequent fortgesetzt. Ohne Ronald Schill und seine Parteigründung hätte es in Hamburg kaum einen Regierungswechsel und einen Bürgermeister Ole von Beust gegeben.“ Ehrenvorsitzender der Bundespartei ist Schill übrigens auch – noch. In den Internet-Gästebüchern sammeln sich derweil alte und junge Gefolgschaft: „Eine Schande, wie die Partei jetzt von ihm abrückt und Beust mehr Glauben schenkt als ihrem Gründer und erfolgreichen Innensenator. Meine Unterstützung gilt weiterhin Ronald Schill. Kopf hoch“, schreibt ein „Freund“. „Wir sind alle nur Menschen, auch ein Ronald Barnabas Schill. Es ist auf keinen Fall förderlich, aber was uns nicht tötet macht uns stärker“, heißt es an anderer Stelle.

Einige Schill-Politiker denken intensiv an die Zukunft. Schon rechnen sich die ersten aus, wie viele Sitze und welche Jobs wohl bei nur noch zehn oder fünf Prozent Wählerzuspruch zu vergeben sind – 2001 waren es satte 19. Ronald Schill sucht derweil Abstand zum Geschehen. Dienstwagen, Handy und die 17-schüssige Dienstpistole vom Typ Glock musste er bereits abgeben. Demnächst will er sich auf Kuba erholen.

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