Gesundheit : Aktionsplan gegen Übergewicht

Mit einem Fünf-Punkte-Aktionsplan will die Bundesregierung die fast 40 Millionen Übergewichtigen in Deutschland auf Trab bringen und zu gesünderem Essen bewegen.

Berlin - "Rund 30 Prozent der Erwachsenen sind körperlich kaum aktiv", so Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). "Auch Kinder bewegen sich heute viel weniger als früher." Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) betonte, es gehe nicht um neue Vorschriften oder ein Verbot von Fett und Zucker, sondern um den vernünftigen Umgang mit Lebensmitteln. Bis zu zwei Drittel der Männer und rund die Hälfte der Frauen gelten in Deutschland als zu dick.

Das Kabinett gab grünes Licht für die Entwicklung des Aktionsplans gemeinsam mit den Ländern, der im Frühjahr 2008 vorliegen soll. Bis 2020 will die Regierung die Zunahme von Übergewicht bei Kindern stoppen. Kinder und Jugendliche sowie sozial benachteiligte Menschen sollen möglichst früh über gesündere Ernährung und Bewegung aufgeklärt werden, auch um die Folgekosten von Volkskrankheiten in Höhe von rund 70 Milliarden Euro im Jahr einzudämmen. Damit sich die Bundesbürger mehr bewegen, sind Initiativen mit Länder, Kommunen und Sportvereinen geplant. Das Essen in Schulen, Kantinen und Seniorenheimen soll ausgewogener und die Kennzeichnung von Lebensmitteln verständlicher werden. "Wir wollen ein Stück bessere Lebensqualität durch das eigenverantwortliche Verhalten der Menschen erreichen." Es gehe nicht um Aktionismus.

Ernährung in Schulen ernster nehmen

Die Ernährung in Schulen soll nach dem Willen von Ulla Schmidt wichtiger werden. "Es wäre sehr gut, wenn in der Schule die Fragen Ernährung, gesundes Verhalten und Bewegung einen Stellenwert bekommen." Es gehe nicht um neue Schulfächer. Sie warb für Anreize statt Verbote. Schmidt warnte auch vor Gefahren der Magersucht und einem "Nachrennen von falschen Schönheitsidealen". Rund 30 Prozent der unter 18-jährigen Mädchen hätten Essstörungen. Seehofer warnte, die Zuckerkrankheit sei "zu einer Epidemie für Kinder und Jugendliche" geworden. Dies hänge auch mit Ernährung zusammen. Es gehe aber nicht darum, etwa Fett zu verbieten, sondern um die "Vermeidung von Missbrauch" und ausgewogene Ernährung. Die Deutschen sind laut einer internationalen Studie wegen Bier, Fett und zu wenig Bewegung die dicksten Bürger in der EU. Die Koalitionsfraktionen prüfen, ob Schulessen günstiger werden kann, zum Beispiel durch einen Wegfall der Mehrwertsteuer.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hält das Aktionsprogramm nicht für ausreichend. "Es fehlen alle konkreten Aussagen", sagte Verbandschefin Edda Müller. Eine Ausnahme sei nur das Vorhaben, sich auf EU-Ebene für eine verständliche Nährwertkennzeichnung einzusetzen. Auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte den Aktionsplan als nicht weitgehend genug. Die Ex-Verbraucherministerin forderte ein Werbeverbot für bestimmte Produkte und eine Kennzeichnung von Lebensmitteln in den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün je nach Fett-, Zucker- und Salzgehalt.

Ernährungsindustrie unterstützt Bundesregierung

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie unterstützte den Plan, warnte aber vor einer gesetzlichen Kennzeichnung. Die Hersteller sollten freiwillig auf allen Produkten deutlich sichtbar Angaben über Kalorien sowie Mengen an Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß zu machen - pro Portion und je 100 Gramm. Seehofer und die Ernährungsindustrie lehnten eine Ampel-Kennzeichnung als zu einfach ab. Der weltgrößte Getränkehersteller Coca-Cola kündigte an, europaweit Angaben über den Nährwert zu machen. (tso/dpa)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben