Politik : Gesundheit: Auf die Kranken kommt es an

Carsten Germis

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sah sehr zufrieden aus, als der Kölner Gesundheitsökonom Karl W. Lauterbach am Montag in ihrem Dienstgebäude in Berlin seine Thesen vortrug. "Die Kosten im Gesundheitswesen können nur beeinflusst werden über die Kranken, nicht bei den Gesunden, an die sich Angebote von Grund- und Wahlleistungen richten", sagte er. Nach Ansicht des Wissenschaftlers gibt es zwei Wege, Kosten zu sparen. Entweder "kassiere ich bei den Kranken ab", indem Zuzahlungen erhöht werden, die Behandlung dadurch aber besser wird. Oder die Betreuung vor allem der chronisch Kranken wird besser. Immerhin verursachen 20 Prozent der Versicherten 80 Prozent der Kosten. Lauterbachs These: "Kostensenkung geht nur durch bessere Versorgung der chronisch Kranken, und für die gibt es keine privaten Zusatzversicherungen."

Daher begrüßt Lauterbach auch die Einführung so genannter "Disease-Management-Programme", mit der die Ministerin Qualität und Wirtschaftlichkeit verbessern will (siehe Kasten). "Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen brauchen eine gute und abgestimmte Behandlung", sagte sie. Die Kassen sollen solche Programme entwickeln und dafür künftig aus dem Finanzausgleich mehr Geld erhalten - je nach der Zahl eingeschriebener Patienten. Schmidt erhofft sich, dass die Kassen sich dann nicht mehr in erster Linie an gesunde, junge Gutverdiener richten. Der Wettbewerb soll sich stattdessen stärker an der guten Behandlung chronisch Kranker ausrichten. Ursprünglich sollte es "Disease-Management" erst ab 2003 geben. Jetzt erwägt Schmidt, den Termin für zunächst vier Krankheiten auf den 1. Juli 2002 vorzuziehen. Das würde auch die teuren Versorgerkassen entlasten, die viele chronisch Kranke haben und sich im Wettbewerb mit den günstigeren Betriebskrankenkassen benachteiligt sehen.

"Disease-Management" soll nicht nur eine bessere Versorgung der Kranken bringen. Schmidt erhofft sich auch, aufwendige Doppelbehandlungen und Fehlversorgungen zu vermeiden "und damit Wirtschaftlichkeitspotenziale zu erschließen, die die gesetzliche Krankenversicherung finanziell entlasten". Auch hier hat sie Unterstützung von Lauterbach. "Wir haben in Deutschland keinen Grund, eine Debatte über die Rationierung von Leistungen zu führen", sagte er. Übersetzt heißt das: Es gibt genügend Geld im System. Es wird wegen der Über- und Fehlversorgungen nur nicht gut eingesetzt.

"Für die vergleichsweise hohen Kosten in Deutschland ist in erster Linie nicht so sehr der Umfang des Leistungskatalogs ausschlaggebend, sondern das erbrachte Leistungsvolumen", meint Lauterbach. So seien zum Beispiel in allen europäischen Ländern Herzkatheter-Untersuchungen im Leistungskatalog, erklärte er: "Allerdings werden in Deutschland doppelt soviele Herzkatheter-Untersuchungen erbracht wie im europäischen Durchschnitt." Mehr Qualität habe das aber nicht zur Folge. Weniger als 30 Prozent aller Patienten mit Herzinfarkt würden optimal therapiert.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen, Friedrich W. Schwartz von der Medizinischen Hochschule Hannover, schlug am Montag dennoch vor, die Leistungen zu überprüfen und die finanzielle Absicherung bei privaten Unfällen zu überdenken. Als Beispiele nannte er Unfallpolicen für Skifahrer, Kraftfahrer oder Fußballspieler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben