Gesundheit : Fast jedes dritte Baby kommt per Kaiserschnitt

In Deutschland gibt es weit mehr Geburtsoperationen als nötig. Die Kliniken verdienen gut daran.

Rainer Woratschka

Berlin - Vor drei Jahrzehnten war es noch eine Notmaßnahme. Zum Skalpell griffen Ärzte bei Geburten nur, wenn das Leben von Mutter und Kind hochgefährdet war. Inzwischen kommt in Deutschland fast jedes dritte Baby per Kaiserschnitt zur Welt – weit häufiger als aus Expertensicht medizinisch nötig. Der Grund für die hohe Quote liegt nicht nur im Wunsch oder der Angst vieler Gebärender. Mit einer hohen Kaiserschnittquote können die Kliniken auch ordentlich Kasse machen.

Knappe 3000 Euro bezahlen die Krankenkassen für den Unterleibsschnitt, doppelt so viel wie für eine natürliche Geburt. Bei Privatpatientinnen ist die Spanne noch deutlich höher. Der Verdacht, dass bestimmte Kliniken und Mediziner aus wirtschaftlichen Gründen verstärkt zu Kaiserschnitten raten, sei deshalb „nicht von der Hand zu weisen“, sagt der Chefarzt der Berliner DRK-Kliniken Westend, Heribert Kentenich. Es gebe Krankenhäuser, die „hart an den Grenzen der Werbung“ Wunschkaiserschnitte offerierten. Die Versorgung sei nicht viel aufwendiger als bei normalen Geburten, insofern lasse sich damit „gut Geld verdienen“.

Medizinisch erforderlich sind Kaiserschnitte laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur in 10 bis 15 Prozent der Geburten. Diese Zahl sei realistisch, sagt Kentenich. Sie berücksichtige allerdings nicht die kontinuierlich steigende Zahl von Mehrlingsschwangerschaften. Hier sei in gut der Hälfte der Fälle ein Kaiserschnitt nötig. Die medizinisch notwendige Quote liege deshalb bei rund 20 bis 22 Prozent aller Geburten.

So gesehen wird in Berlin nichts Unnötiges getan. Bei 23 Prozent aller Geburten wird in den Hauptstadtkliniken geschnitten. Im Bundesländervergleich ist das nach Angaben der Deutschen BKK allerdings die zweitniedrigste Quote (siehe Grafik). Nur Sachsen kommt mit 20 Prozent auf weniger Kaiserschnitte. In den westlichen Flächenländern liegt die Zahl weit höher, Spitzenreiter ist Rheinland- Pfalz mit 39 Prozent. Beim unreflektierten und bedingungslosen Eingehen auf Patientenwünsche sei ein gewisses Gefälle festzustellen, sagt Kentenich. Allerdings müsse man auch berücksichtigen, dass in den Städten eine schnellere Versorgung Neugeborener gewährleistet sei.

Ein Teil der Mütter hat aus medizinischen Gründen keine Wahl: Wenn sich bei der Geburt die Herztöne des Kindes ändern oder es zu Blutungen durch eine vorzeitige Ablösung der Plazenta kommt, ist ein Kaiserschnitt unumgänglich. Dasselbe gilt bei einem querliegenden Kind, starken Beckenverformungen oder vorangegangenen Myom-Operationen der Gebärmutter. Es gibt allerdings auch medizinische „Kann-Situationen“ – und in diesen entscheiden sich die Mediziner deutlich öfter als früher für die Operation. Eine verstärkte Rolle spielt dabei auch die Sorge vor Schadenersatzklagen.

Ärzte, die unnötigerweise einen Kaiserschnitt durchführten, seien noch nie verklagt worden, ärgert sich die Präsidentin des Bundes Deutscher Hebammen, Helga Albrecht. Dabei sei es nachweisbar, dass die Folgen oft erheblich seien. Die Frauen hätten länger Schmerzen, bekämen öfter Blutungen, seien mitunter noch nach Jahrzehnten traumatisiert. Kaiserschnittkinder wiederum litten häufiger unter Anpassungsstörungen und Atemproblemen.

In der Gesellschaft herrsche ein übertriebenes Sicherheitsdenken, sagt Albrecht. Manchmal spiele Personalknappheit oder der Klinikdienstplan eine Rolle. Schwangere drängen selber auf einen Kaiserschnitt, um den Termin planen und die Anwesenheit des Partners sichern zu können. Ein wichtiger Faktor ist laut Kentenich aber auch Geburtsangst. Mit Psychologenhilfe und indem man ihnen die Option auf den Kaiserschnitt eröffne, könne man zwar jede zweite Angstpatientin von einer natürlichen Geburt überzeugen. Finanziell sei solcher Aufwand für die Kliniken allerdings ein Draufzahlgeschäft.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar