Gesundheit : Privatkassen klagen über Abzocke

Die privaten Versicherer werfen Ärzten, Therapeuten und Kliniken vermehrt falsche Abrechnungen vor. Die Überversorgung könnte die Gesundheit auch gefährden, sagt ein Experte.

Berlin - Die privaten Krankenversicherungen fühlen sich mit ihren Mitgliedern durch Ärzte und Kliniken zunehmend ausgenommen. Inzwischen fänden sich bei bis zu zehn Prozent der Rechnungen unplausible Positionen, berichtete der „Spiegel“ unter Hinweis auf Schätzungen der großen Versicherer Allianz, Gothaer und DKV. Außerdem gebe es einen kaum nachvollziehbaren Anstieg angeblich erschwerter Behandlungen mit Honorarzuschlägen. Der Vize-Vorsitzende der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, verteidigte die Ärzte, schloss im Gespräch mit dem Tagesspiegel aber nicht aus, dass bei Privatpatienten „das ein oder andere Mal auch zu viel getan wird“.

Nach Angaben des Magazins kassierten niedergelassene Ärzte 2007 von den 8,5 Millionen Privatpatienten 4,5 Milliarden Euro Honorar – sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bei den 72 Millionen Kassenpatienten betrug der Zuwachs nur drei Prozent. Zum Teil beruhten die Steigerungen auf unnötigen sowie auf überhöht oder falsch abgerechneten Leistungen, so der Vorwurf. Er habe „schon lange keine Rechnung mehr gesehen, die komplett in Ordnung war“, sagte Joachim Patt, Geschäftsführer beim Verband der Privaten Krankenversicherer (PKV). Mit Computerprogrammen würden Rechnungen so „optimiert“, dass sich bei jedem Krankheitsbild möglichst viel abrechnen lasse.

Montgomery wandte sich gegen „Kollektivvorwürfe“. Die Steigerungen seien zuvorderst die „natürliche Antwort auf die von der Regierung geförderte Zwei-Klassen-Medizin“, sagte er. Tatsache sei, dass den Ärzten erbrachte Leistungen für Privatpatienten voll und ohne Zeitverzug erstattet würden – „ganz anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung“.

Auch der FDP-Gesundheitsexperte Daniel Bahr beklagte „Auswüchse“. Während gesetzlich Versicherte die Folgen von Rationierung und Budgetierung erlebten, würden privat Versicherte oft überversorgt. Vor allem im Westen nutzten immer mehr Mediziner die Privatpatienten, „um in den Praxen noch auf ihren Schnitt zu kommen“, sagte Bahr dem Tagesspiegel. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) flossen im Jahr 2006 für die Versorgung von Privatpatienten 22,7 Milliarden Euro. Wären sie gesetzlich versichert gewesen, hätten die Kosten bei 13 Milliarden gelegen.

Überversorgung könne die Gesundheit auch gefährden, warnt Gerd Glaeske, Mitglied im Gesundheits-Sachverständigenrat. Nach einer WIP-Studie erhalten ältere Privatpatienten weit öfter teure Cholesterin- und Blutdrucksenker als Kassenpatienten. Andererseits würden sie später in Kliniken eingewiesen – möglicherweise, weil die niedergelassenen Mediziner länger an ihnen verdienen wollten.

Offen bestätigt wird von Montgomery, dass Mediziner bei Privatrechnungen bis an die Grenzen gehen. Der 2,3- und 3,5-fache Grundpreis sei „quasi zum Regelsatz geworden“. Dies hänge aber mit einer „völlig veralteten“ privatärztlichen Gebührenordnung zusammen, in der moderne Behandlungen nicht abgebildet seien. Um angemessen entlohnt zu werden, seien Mediziner gezwungen, vergleichbare Leistungen zu höheren Sätzen abzurechnen. Um Fehler auszuschließen, sei eine neue Gebührenordnung des Bundes nötig, „auf die wir schon lange drängen“.

Kritisiert wird vom PKV-Verband auch die zunehmende Auslagerung von Privatkliniken, etwa beim Berliner Helios-Konzern. Obwohl sich die Behandlung nicht groß unterscheide, würden pro Fall im Schnitt statt der 1400 Euro 4000 Euro verlangt. Montgomery hingegen betonte die Notwendigkeit, Kliniktrakte mit mehr Komfort und „besonderer Arztkompetenz“ bereitzuhalten. Schließlich befinde man sich im Wettbewerb. Und eine Zielgruppe seien ausländische Patienten, „die mit dem baulichen Standard unserer Kliniken nicht gerade zu beeindrucken sind“.

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