Gesundheit : Umstrittene Gesundheitskarte wird an Patienten verschickt

An diesem Donnerstag werden in Nordrhein-Westfalen die ersten elektronischen Gesundheitskarten verschickt. Sie ermöglichen die arztübergreifende Behandlung, Kritiker warnen aber vor dem gläsernen Patienten.

Rainer Woratschka

BerlinDie einen preisen die neuen Möglichkeiten für arztübergreifende Behandlung und Kostenersparnis, die anderen warnen vor Datenmissbrauch und gläsernen Patienten. An diesem Donnerstag werden in Nordrhein-Westfalen die ersten elektronischen Gesundheitskarten unters Versichertenvolk gebracht. Gut 100 000 Kassenpatienten sollen die multifunktionalen Plastikkärtchen bis Ende 2009 erhalten haben, bis Ende des kommenden Jahres sollen sie an alle 70 Millionen gesetzlich Versicherten verteilt sein. Doch auch ausgiebige Testphasen und ein um vier Jahre verzögerter Start haben den Gegnern des Milliardenprojekts bislang das Misstrauen nicht nehmen können.

Der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, etwa hat sein Glückwunschschreiben an FDP-Chef Guido Westerwelle mit der Bitte versehen, „dieses unsägliche Projekt“ noch auf den letzten Drücker zu stoppen. Das „gigantische Datenmonstrum“ müsse endgültig eingestampft werden, fordert er. Und allein ist er mit seinem Widerstand keineswegs. Vor allem Ärzte und Datenschützer wehren sich gegen die Neuerung, sie warnen vor unverhältnismäßig hohen Kosten, technischen Problemen und dem Zugriff Außenstehender auf die ebenso gebündelte wie intime Patienteninformation.

Tatsächlich können über den winzigen Chip des Patientenausweises ganze Krankengeschichten dokumentiert werden. Sie finden sich allerdings dann nicht auf der Karte selber, sondern auf zentralen Servern, für die der Patientenausweis als eine Art Schlüssel fungiert. Ärzte und Apotheker benötigen dafür das Plazet des Patienten. Und bislang handelt es sich bei dieser Online-Funktion nur um eine Option. Den Kassen geht es zunächst darum, ein Mittel gegen Betrügereien mit abgelaufenen oder fremden Versichertenkarten zu haben. Allein durch das Bild auf dem neuen Ausweis erhoffen sie sich Einsparungen von einer Milliarde Euro im Jahr.

Wirklich lohnend macht die Rieseninvestition – derzeit ist von bis zu 5,4 Milliarden Euro die Rede – aber aus Betreibersicht erst der aktivierbare Mikrochip. Damit lassen sich nicht nur Laborbefunde, Röntgenbilder und Therapieberichte speichern, auch ein Überblick über verordnete Medikamente wäre möglich. Davon könnten viele Patienten profitieren: Experten zufolge verursachen Arzneiunverträglichkeiten hierzulande pro Jahr 16 000 Todes- und 120 000 schwere Nebenwirkungsfälle.

Auch unnötige Doppeltherapien könnten vermieden werden. Und die Versicherten hätten die Wahl: Ob Ärzten und Apothekern solche Informationen zugänglich sein sollen, könnten sie selber entscheiden. Allerdings sind die Karten nur sinnvoll, wenn die Leistungserbringer mitziehen. In der Startregion Niederrhein hatten Ende September noch nicht einmal 40 Prozent der Ärzte das passende Lesegerät – obwohl sie dafür einen stattlichen Zuschuss erhalten. Und Privatversicherer haben sich bereits ausgeklinkt. Die Investition von mehr als 360 Millionen Euro für die immer noch heftig umstrittene Karte ist ihnen zu riskant.

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