Gesundheitsfonds : „Depression“ ist lukrativer als „psychische Verstimmung“

Immer mehr Ärzte fühlen sich von den Krankenkassen zu bestimmten Diagnosen gedrängt. Die Kassen wiederum schieben die Schuld auf die Politik. Der Gesundheitsfonds habe mit seiner Logik "mehr Geld für mehr Kranke" Manipulationsanreize gesetzt.

Rainer Woratschka

BerlinUnter Gesundheitsexperten ist es inzwischen das Reizwort des Jahres. „Upcoding“ nennen sie es in der Branche, wenn Patientendiagnosen so aufgemöbelt werden, dass sie den Krankenkassen mehr Geld bringen. Schon vor Einführung des Gesundheitsfonds gab es viele Warnungen vor einer diesbezüglichen Anfälligkeit des neuen Systems.

Nun scheinen sie sich zu bestätigen. Mediziner würden von einigen Kassen zu bestimmten Diagnosen gedrängt, klagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe. Dabei wer de „sogar mit Geld gewinkt“, sagte er. „Wir haben Angst, dass Ärzte korrumpierbar werden.“ Kassenvertreter versuchten, „Ärzte zu ködern, um Diagnosen zu korrigieren“, legte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, nach. Und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) warnte die Kassen, Krankheiten ihrer Versicherten auf dem Papier zu übertreiben, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu erhalten. „Das ist Betrug, und dagegen wird auch die Aufsicht vorgehen.“

Schuld an alledem ist den Kassen zufolge aber allein die Politik. Die Logik des neuen Gesundheitsfonds habe „Manipulationsanreize gesetzt“, sagte der Chef der Techniker Krankenkasse, Norbert Klusen, der „Financial Times Deutschland“. Richtig daran ist, dass sich der Geldfluss an die Kassen nun auch danach richtet, wie viele Kranke sie in ihren Reihen haben. Für Versicherte, denen eine von 80 vorgegebenen Krankheiten diagnostiziert worden ist, gibt es höhere Zuweisungen aus dem Fonds. Mit ihren Diagnosen nehmen die Ärzte folglich nun direkten Einfluss auf das Budget der Kassen – und die haben ein handfestes Interesse daran, dass etwa aus einer bloßen psychischen Verstimmung eine – für sie weit lukrativere – Depression wird.

Sie tun offenbar auch einiges dafür. So registriert die KBV „eine steigende Zahl von Anrufen, in denen Ärzte von indirekten Aufforderungen der Kassen berichten, bestimmte Kodierungen vorzunehmen“. Umgekehrt sind sich auch die Mediziner ihrer neuen Macht bewusst. So forderte Bayerns Hausärztepräsident Wolfgang Hoppenthaller seine „lieben Kolleginnen und Kollegen“ dick unterstrichen dazu auf, die Diagnosen ihrer AOK-Patienten zu überprüfen. Schließlich habe ihnen die AOK per Hausärztevertrag höhere Einkünfte beschert. „Als Gegenleistung für das Entgegenkommen der AOK bitten wir Sie nochmals, eine entsprechende Codierung bei den AOK-Patienten vorzunehmen“, schrieb der Ärztechef. Begründung: „Nur eine AOK, die entsprechende Zuweisungen über den Risikostrukturausgleich erhält“, könne den so segensreichen Hausärztevertrag „auf Dauer bedienen“.

Im AOK-Bundesverband sind sie über den Brief nicht sonderlich glücklich. Hoppenthaller sei offenbar stolz darauf, den Vertrag zustande gebracht zu haben, und wolle „nun Druck machen auf andere Kassen“, mutmaßt Sprecher Udo Barske. Im Prinzip aber habe der Ärztechef recht: „Die Diagnosen müssen stimmen, und das Geld muss bei den Richtigen ankommen“ – nämlich bei denen, die die Kranken zu versorgen haben.

„Rightcoding“ nennen die AOK-Vorstände Herbert Reichelt und Jürgen Graalmann diese Nachbesserung, und sie beharren darauf, dass sie oft nötig sei. So habe eine AOK-Studie ergeben, dass Ärzte für mehr als 25 Prozent ihrer Dialysepatienten keinen richtigen Code verwendet hätten – mit der Folge, dass die AOK zwar für die Behandlung zahlen musste, aber das ihr dafür zustehende Geld aus dem Fonds nicht erhielt. Manipulationen der Diagnosedokumentation hingegen lehne man strikt ab.

Um dem richtigen Codieren nachzuhelfen, hat sich die AOK Niedersachsen etwas einfallen lassen: Jeder Arzt, der sich die Krankheitsangaben für AOK-Patienten noch mal genauer ansah, erhielt pro Fall zehn Euro. 500.000 Euro habe man sich diese „Sensibilisierung der Ärzte“ im letzten Quartal 2008 kosten lassen, sagte Sprecher Klaus Altmann dem Tagesspiegel. Er sieht darin kein Problem. Schließlich seien die Diagnosen „sakrosankt“, es gehe allein um die jeweilige Codierung.

Von der harschen Kritik des Bundesversicherungsamts fühlt sich die Kasse daher nicht betroffen. Dessen Präsident Josef Hecken hat te es rundheraus als „rechtswidrig“ bezeichnet, „wenn Krankenkassen die Ärzte zum Teil sogar mit Geldprämien veranlassen, ihre Diagnosen nachträglich zu verändern“. AOK-Sprecher Bars ke dreht den Spieß um. Es sei ärgerlich, sagt er, wenn Ärzte „für eigentlich selbstverständliche Dinge die Hand aufhalten“. Natürlich sähe man es lieber, wenn man sie ohne Vergütung zum richtigen Codieren veranlassen könnte.

In Niedersachsen ist das „Projekt“ inzwischen abgeschlossen. Das Problem ist bloß, dass es Schule machen könnte. Wenn sich die AOK damit durchsetze, so drohte TK-Chef Klusen bereits, „müssen wir das auch machen“. Gleichzeitig forderte er klare Regelungen. Die Regierung müsse eingreifen und alle „Anreize für Codierungsdeals verbieten“.

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