Gesundheitspolitik : Arm an Spenden

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil es zu wenig Organspender gibt. 2008 sank die Zahl der Spender erneut. Warum ist es in Deutschland so schwierig, Organspenden zu etablieren?

Volker Ruess

Obwohl es an Spendenaufrufen 2008 nicht mangelte, ging die Zahl der Organspender im vergangenen Jahr zurück. Auf eine Million Einwohner kamen nur noch 15 Spender. Im Jahr zuvor waren es noch 16. Auf eine mangelnde Spendenbereitschaft ist der Rückgang laut dem Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Günter Kirste aber nicht zurückzuführen. „Wir haben ein Potenzial von 40 Organspendern pro Million Einwohner, das nicht genutzt wird“, sagt Kirste. In anderen Staaten ist die Situation deutlich besser. In Belgien, den USA, Österreich, Frankreich, Italien und Finnland gibt es mehr als 20 Organspender pro Million Einwohner. Spitzenreiter weltweit ist Spanien mit mehr als 30.

SPD-Gesundheitsexpertin Carola Reimann sieht einen Grund für den Rückgang vor allem in der Situation der Krankenhäuser. „Im intensiven Arbeitsalltag ist es oft nicht möglich, sich ausreichend um das Thema zu kümmern“, sagt Reimann. Bei Verstorbenen im Krankenhaus handele es sich oft um Unfallopfer. Für die Angehörigen dieser Personen sei das eine hochemotionale Situation, in der es schwierig sei, die Spender-Frage zu stellen.

Deshalb bräuchte es nach dem spanischen Vorbild in jedem Krankenhaus zentrale Transplantationsbeauftragte, die speziell zuständig und entsprechend ausgebildet sind. Aufgabengebiete seien neben der Qualitätssicherung und Prüfung der Krankenhäuser auch organisatorische Aufgaben der Organtransplantation. Diese könnten dann auch „wie in Spanien stundenweise abbestellt werden, um sich um die Angehörigen zu kümmern“. Reimann sieht dafür die Länder in der Pflicht, „das fällt in ihre Zuständigkeit“. Außerdem sollte jeder Bürger „mindestens einmal im Leben gefragt werden, ob er seine Organe im Todesfall spenden möchte“, um die Hemmschwelle für das Thema zu senken. Diese Information könnte dann auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden und würde auch die Angehörigen stark entlasten.

Günter Kirste weist zudem darauf hin, dass sich laut einer Forsa-Umfrage 40 Prozent der Bevölkerung unzureichend über das Thema Organspenden informiert fühlten. „Das muss sich ändern“, fordert der DSO-Chef. Für die Kampagne „Fürs Leben“, mit der seine Stiftung 2008 versuchte, das Thema publik zu machen, gab sie eine Summe im sechsstelligen Eurobereich aus. Große Plakate auf Bahnhöfen und in ICE-Zügen sowie eine eigene Internetseite sorgten für „sehr gute Rückmeldungen. Ohne diese Kampagne wäre der Rückgang der Organspender sogar noch höher gewesen.“ Um mehr zu erreichen, bräuchte es aber intensive Medienkampagnen, „wie man es zum Beispiel beim Thema Aids kennt“, sagt Kirste.

Auch der Nationale Ethikrat sieht nicht in der generellen Spendenbereitschaft der Deutschen einen Grund für den Rückgang der Spenderzahl. Vielmehr sieht der Ethikrat gesetzlichen Regelungsbedarf. Deshalb spricht sich der Rat seit Längerem für die Aufnahme einer Widerspruchsregelung ins Transplantationsgesetz aus. Damit wäre es möglich, Verstorbenen immer dann Organe zu entnehmen, wenn diese oder ihre Angehörigen sich nicht ausdrücklich dagegen entschieden hätten. Bisher besagt das Gesetz ausdrücklich, dass die Betroffenen sich bereit erklären müssen, als Spender infrage zu kommen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) spricht sich gegen eine solche Regelung aus. Auch Kirste hält nicht viel von diesem Vorschlag. „Eine hochgepuschte Debatte, die endlich beendet werden muss“, sagt er. „Die Widerspruchsregelung ist in Deutschland nicht umsetzbar, das muss endlich akzeptiert werden.“ Dies sieht auch Carola Reimann so. Die Erfahrungen aus Spanien zeigten, dass es auch ohne ginge.

Zu den wichtigsten Spenderorganen zählen die Niere, Leber, Herz und Lunge. Seltener sind Verpflanzungen der Bauchspeicheldrüse und des Dünndarms. In Deutschland wurden seit 1963 insgesamt rund 79 000 Organe transplantiert. Derzeit warten hierzulande rund 12 000 Menschen auf ein neues Organ. Jeden Tag sterben drei Menschen, die auf einer solchen Warteliste stehen und kein neues, lebensnotwendiges Organ bekommen können. Man stehe im europäischen Vergleich zu schlecht da, befindet Carola Reimann.

Zahlreiche Artikel und Interviews zum Thema Organspende und Transplantationen enthält auch der jetzt erschienene Klinikführer Berlin 2009 vom Tagesspiegel. Außerdem werden rund 50 Krankheitsbilder und ihre Behandlung detailliert vorgestellt. 2400 niedergelassene Ärzte wurden nach ihren Klinikempfehlungen befragt. Der Klinikführer kostet 9,80 Euro (Abonnenten 7,80 Euro) und ist im Tagesspiegel-Shop (www.tagesspiegel.de/shop), unter Telefon 26009 582, an Kiosken sowie in ausgewählten Buchläden und im Online-Buchhandel erhältlich.

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