Gesundheitspolitik : Hausarzthonorare: Weniger vom Mehr

Spitzenhonorare und erbitterter Protest – die Hausärzte kämpfen um mehr Geld. Dabei haben die niedergelassenen Mediziner insgesamt in der Wirtschaftskrise ein sattes Honorarplus eingefahren.

Berlin/Essen - Die Sparpläne von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) empfinden tausende Hausärzte in ganz Deutschland als bedrohlich. „Es ist Krieg gegen die Hausärzte“, wetterte auf einer Kundgebung in Essen der rheinische Chef des Hausärzteverbands, Dirk Mecking. Patienten standen am Mittwoch vor tausenden verschlossenen Praxistüren. Jede vierte Hausarztpraxis sei geschlossen, sagte der Sprecher des Hausärzteverbandes, Stefan Lummer. Mit einem Autokorso wollten viele den „Exodus deutscher Hausärzte“ in die Niederlande demonstrieren, wo die Bedingungen besser seien. Der hessische Verbandschef Dieter Conrad warnte, in fünf Jahren werde Unterversorgung zur Regel: „Die Politiker werden erst wach, wenn der Hausarzt vor Ort weg ist.“

Dass zugleich bekannt wurde, dass das Honorar der rund 150 000 niedergelassenen Ärzte 2009 auf 30,8 Milliarden Euro stieg – ein Plus von satten elf Prozent gegenüber 2007 – tat ihrem Protest keinen Abbruch. Die Einnahmensteigerung der Praxisärzte insgesamt geht aus einer Erhebung des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung hervor. Den größten Zuwachs gegenüber 2007 erzielten die Ärzte demnach in Hamburg mit 24,1 Prozent, in Bayern waren es nur 2,6 Prozent. Auch das Honorar der Hausärzte war zuletzt gestiegen, sie bewerten mehr Geld jedoch nur als Ausgleich für lange Benachteiligung.

Die Allgemeinmediziner wenden sich dagegen, dass die Koalition ihnen künftig für neue Hausarztverträge kein höheres Honorarplus als den anderen Ärzten mehr zugestehen will. Versicherte können sich durch solche Verträge freiwillig besser versorgen lassen, wenn sie immer zuerst zum Allgemeinmediziner gehen. Zuletzt nahmen 3,9 Millionen Versicherte bei etwa 20 000 der rund 45 000 Hausärzte mit Kassenpatienten an diesen Modellen teil, die die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) mit der großen Koalition einführte. Damit verdienen Hausärzte, das war ein Ziel der Regelung, recht gut. Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung legten die Honorare aus dem allgemeinen Ärztetopf im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,5 Prozent zu. Das Geld aus Hausarztverträgen eingerechnet, ergaben sich mehr als zehn Prozent.

Die Krankenkassen mahnten, die Ärzte verspielten ihren noch guten Ruf. „Die Hausärzte verdienten im Jahr 2009 im Durchschnitt 8300 Euro brutto im Monat zuzüglich Privateinnahmen, das ist ein Einkommen, mit dem man sehr gut leben kann“, sagte der Chef des Verbands der Ersatzkassen, Thomas Ballast. Der Vizechef des Kassenspitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, sagte, die Honorare stiegen seit Jahren „von Rekordniveau zu Rekordniveau“, 2011 solle es „schon wieder mehr geben“. Die Frauenärzte warnten für 2011 vor Einschnitten in ihrem Bereich zugunsten der Hausärzte.

Rösler plant zudem, den Hausärzten Einsparungen bei Arzneiverordnungen mit Mehrverdiensten in den Hausarztverträgen zu versüßen. dpa/cwe

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