Gesundheitspolitik : Heilmittel oft falsch verordnet

Ob Krankengymnastik oder Sprachtherapie, Inhaliergerät oder Rollator: Für sogenannte Heil- und Hilfsmittel geben die Krankenkassen immer mehr Geld aus. Viele Verordnungen sind fragwürdig.

Rainer Woratschka

Berlin - Nach einer aktuellen Studie der Gmünder Ersatzkasse (GEK) lag der Kostenanstieg im vergangenen Jahr bei 5,6 Prozent. Viele dieser Verordnungen seien aber fragwürdig, sagte der Autor und Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske. Als Beispiel nannte er teure Hörgeräte, die von alten Menschen in Schubladen versenkt werden, weil sie damit nicht zurechtkommen. Die Entwicklung von Qualitätsstandards befinde sich „noch in den Kinderschuhen“, sagte Glaeske. In Sachen Transparenz liege der Sektor „15 Jahre hinter dem Arzneimittelbereich zurück“.

„Behandlungswildwuchs und Strukturverkrustung“ im viertgrößten Ausgabenblock der gesetzlichen Krankenversicherung beklagte auch GEK-Vorstandschef Rolf-Ulrich Schlenker. Für viele Therapien und Hilfsmittel fehle immer noch jeder Wirksamkeitsnachweis. Außerdem gebe es unter den Heilmittelanbietern zu wenig Wettbewerb. Die Niederlassung von Physiotherapeuten oder Logopäden sei nicht gesteuert. Jeder habe nach einer bestimmten Ausbildung Anspruch auf Kassenzulassung. Offensichtlich, so Glaeske, beeinflusse das Angebot dann auch die Menge der Verordnungen.

Die starken regionalen Unterschiede jedenfalls seien „medizinisch kaum zu rechtfertigen“. Laut Studie verzeichneten etwa die neuen Bundesländer 2008 bei der Ergotherapie Zuwächse von 20 bis 31 Prozent. Auch müsse es bedenklich stimmen, dass unter den GEK-Versicherten inzwischen jedes elfte Kind logopädisch oder ergotherapeutisch behandelt werde, sagte Schlenker. „Es scheint, als kämen Ärzte und Leistungserbringer immer schneller ins Spiel, wenn Eltern, Kindergärten und Schulen überfordert sind.“

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